Peter Strutynski: Friedensnobelpreis 2014 – mut- und ideenlos

 Die Preisträger 2014 haben ihre Verdienste — ein Friedenspreis sei aber etwas anderes, meint der *Bundesausschuß des deutschen Friedensratschlags*

*

Noch nie waren so viele Kandidatinnen und Kandidaten für den Friedensnobelpreis nominiert wie in diesem Jahr: 278 (den bisherigen Rekord hielt 2013 mit 259 Kandidaten). Erstaunlich, dass das Nobelpreiskomitee mit schlafwandlerischer Sicherheit aus der großen Auswahl wieder einmal eine zwar sympathische, aber falsche Entscheidung traf – indem es zwei Personen auswählte, die jede für sich große Verdienste vorweisen können: für die Beendigung der Kinder- und Sklavenarbeit oder für das Recht von Mädchen auf Bildung und für Geschlechtergerechtigkeit. Zu Recht haben Kailash Satyarthi und Malala Yousafzay schon zahlreiche andere Ehrungen aus Preise erhalten:

etwa den Robert F. Kennedy Menschenrechtspreis, den Raoul Wallenberg Menschenrechtspreis, den Sacharow-Preis des Europa-Parlaments, die Auszeichnung „Botschafter des Gewissens“ oder den US Glamour Award for Woman of the Year, um nur einige zu nennen.

Die Entscheidung des Nobelpreiskomitees – das sich aus fünf Mitgliedern des norwegischen Parlaments zusammensetzt – kommt nicht unerwartet. Geehrt werden Menschen, die wegen ihrer großen Verdienste um die Menschenrechte bereits zahlreiche Auszeichnungen in aller Welt erhalten haben und eine große Popularität in den Medien genießen.

Wir fragen indessen: Was ist das Spezifische an ihnen, das sie zum „Friedensnobelpreis“ qualifiziert. Das Nobelpreiskomitee begründet die Ehrung mit dem Hinweis darauf, dass deren Kampf gegen Unterdrückung und für die Rechte von Kindern einen Beitrag zur „Brüderlichkeit zwischen den Nationen“ leistet. Das Testament von Alfred Nobel sagt zum Friedenspreis aber noch sehr viel mehr aus: Der Friedensnobelpreis soll an den vergeben werden, der „am meisten oder am besten für die Verbrüderung der Völker und die Abschaffung oder Verkleinerung stehender Armeen sowie für die Abhaltung und Verbreitung von Friedenskongressen gewirkt hat“.

Gemessen daran ist die diesjährige Vergabe des Friedensnobelpreises eine Fehlentscheidung. Davon gab es in den letzten Jahren schon genug (etwa Barack Obama oder die Europäische Union). Das Nobelpreiskomitee hätte sich damit herausreden können, dass im abgelaufenen Jahr eben kaum etwas für den Frieden getan wurde, dass im Gegenteil kriegerische Entwicklungen, Aufrüstung und Waffenhandel weltweit besorgniserregend zugenommen haben, sodass man Kandidatinnen und Kandidaten aus dem Fach „Menschenrechte“ und „Kinderrechte“ kürte. Wir meinen: Es gibt Menschen, die sich für den Frieden einsetzen. Dazu gehören beispielsweise Edward Snowden (der in diesem Jahr den „alternativen Nobelpreis“ erhält) oder der Gründer von Wikileaks, Julian Assange, oder die kolumbianische Regierung und die Rebellenorganisation FARC, die sich auf einen schwierigen Friedensverhandlungsweg gemacht haben.

Die Entscheidung in Oslo ist mut- und ideenlos.

 *Peter Strutynski, Sprecher des Bundesausschusses des deutschen Friedensratschlags*