Cemalettin Efe: Was ist los in der Türkei? oder Eine Gewissensrevolte -Sag niemals nie!

Alles begann mit einem ökologischen Widerstand. Nun ist eine riesige soziale und Klassen-Bewegung daraus geworden, die sich gegen Diktatur richtet.

In der türkischen Geschichte waren es stets Minderheiten, die sich gegen die Regierung auflehnten. Das weiß jeder, außer vielleicht ein paar romantische Revolutionäre. Ohne Zweifel war das Begräbnis von Hrant Dink im Jänner 2007 der größte Widerstand des Volkes gegen die Regierung seit den Istanbuler Ereignissen vom 15. und 16. Juni 1970. Sechs Jahre nach Hrants Begräbnis sind hundertausende auf den Strassen, und das sogar wegen ein paar Bäumen trotz Tränengas und TOMA-Einsatz (TOMA=speziell gegen Demonstranten gerichtetes Einsatzfahrzeug).

Was seit dem 27. Mai geschieht, ist in mehrfacher Hinsicht einmalig in der Geschichte der Türkei. Zum ersten Mal erheben sich Menschen unterschiedlichster Weltanschauungen, ohne irgendwie vernetzt zu sein, gemeinsam gegen die Staatsgewalt, äußern sich in vielfältiger Weise. Der Großteil der im Gezi-Park Widerstand leistenden Personen gehört der Altersgruppe der 16-30jährigen an.

Der Anfang vom Ende der AKP

Die AKP-Regierung beseitigte die Vorherrschaft des Militärs, die als das größte Hindernis betrachtet wurde, um das Ergebnis der Demokratie-Partei in Jahren von 1950-1960 zu erreichen. Sie verfiel dem Irrtum, damit sämtliche Konkurrenten ausgeschaltet zu haben. Die wirtschaftlichen Erfolge und die von Wahl zu Wahl größeren Gewinne ließen sie glauben, endlich die Türkei wie eine Teigmasse nach ihren Vorstellungen formen zu können. Mit der Übernahme der Gesellschaftsstruktur der als militarisiertes Land gegründeten kemalistischen Republik wollte die AKP eine islamisch konservative Gesellschaft schaffen. Als aber diese Struktur unerwartet auf die kapitalistischen Klassen stieß, ging der Schlag nach hinten los.

Erdoğan, der die neoliberale Unterstützung des internationalen Kapitals auf seine Seite brachte, erließ eine Reihe von Gesetzen um eine islamisch konservative Gesellschaft aufzubauen. Mithilfe dieser Gesetze begann er einen Kampf gegen den freien Lebensstil. In patriarchalischem Stil maß er sich an, den Frauen vorzuschreiben, wieviele Kinder sie bekommen sollten. Ganz im diktatorischen Gehabe begann er alles zu bestimmen: Wie die Hirten auf den Bergen ihre Schafe zu weiden hätten, wie die Metropole Istanbul an die Profit Haie aufgeteilt werden soll, was die Autoren zu schreiben hätten bis hin dazu,  welche Journalisten von den Medienbossen  gekündigt werden sollten.

Viele Jahre versuchte er das türkische Volk mit dem Zuckerbrot des „ökonomischen Aufschwungs zu täuschen und wir können sagen, dass ihm das zu einem großen Teil auch gelungen ist. Im Gegenzug für diesen Zucker brachte er die Gesellschaft unter den Druck, sich seinen Vorstellungen entsprechend umzuwandeln. Mit dem Gezi Park-Widerstand, der als Ergebnis dieser vielfältigen Unterdrückung in Form eines ökologischen Aufstands begann und zum großen sozialen Ausbruch wurde, hat er sich selbst am 27. Mai ins Out geschossen.

Wenn auch in den ersten Tagen des Aufstands die gemäßigten Kräfte innerhalb der AKP und Staatspräsident Gül, die befürchteten dieser Ausbruch würde böse ausgehen, zu beruhigen versuchten, blieb dies angesichts des größenwahnsinnigen Verhaltens des Ministerpräsidenten ergebnislos. Ministerpräsident Tayyip Erdoğan, der sich auf die Unterstützung durch seine Anhänger, auf die Presse und auf seine Wahlerfolge verließ, zog es vor, die Taksim-Widerständler direkt herauszufordern. Er ging sogar soweit, wie ein auserkorener König die zum Wortführer gewordene neue Bourgeoisie auszuhebeln.  Mit der Hypothese, die Mehrheit sei immer im Recht, und indem er die andere Hälfte der Gesellschaft als Randerscheinung darstellt, will er die Weltöffentlichkeit glauben machen, dies sei Demokratie.

Wer sind diese jungen Widerständler?

Zwar setzt sich der Taksim-Widerstand zu einem großen Teil aus jungen Menschen der Altersgruppe 16-30 zusammen, wird jedoch stark unterstützt von Menschen von allen Klassen und Bereichen der Gesellschaft. Von den Frauen, die mit der AKP Schwierigkeiten haben, über Aleviten, Kurden, Sozialisten, LGBT-Personen (lesbisch, schwul, bisexuell, transgender) sogar bis zu antikapitalistischen Muslimen wird dieser Widerstand unterstützt.

Indem sie ihre Angst besiegten und sich mutig gegen die am 27. Mai begonnenen Polizei-Angriffe stellten, stellten die jungen Leute binnen kurzer Zeit eine breite Widerstandsbewegung auf die Beine. Die junge Generation bewies, dass sie keineswegs so unpolitisch und nur konsumorientiert ist, wie man sie bisher wahrgenommen hatte. Weil die Gesellschaft als lebender Organismus ständigen Veränderungen unterworfen ist, fehlte bisher den Kräften, die konventionelle Politik betreiben, das Verständnis für die jungen Leute, die in einer Konsumgesellschaft und einem Milieu des niedergehenden politischen Bewusstseins aufgewachsen waren.

Zweifellos ist einer der wichtigsten Punkte des Gezi Park-Widerstands, dass er sehr stark von Frauen getragen wird. Mit eigenen Augen habe ich gesehen, dass sie höchstwahrscheinlich 40%  der TeilnehmerInnen ausmachen, und diese Frauen sind auch sehr jung.

Außerdem wird der Widerstand auch von verschiedensten feministischen Gruppierungen und Frauenorganisationen unterstützt. Einerseits sorgten diese Frauen  auf den Plätzen dafür, dass die Widerstandsbewegung nicht  männlich dominiert wurde. Andererseits bemühten sie sich, die Schimpfwörter gegen die Frau, Mutter und Tochter des Ministerpräsidenten zu übermalen. Damit wandten sie sich gegen die Absicht, mittels Angriff auf seine weiblichen Angehörigen den eigentlichen Gegner vernichten zu wollen. Sie zeigten auf, dass dieses Verhalten falsch ist und nur dazu führt, dass dadurch am meisten Frauen unterdrückt und geschädigt werden. Wenn auch nur teilweise waren diese Bemühungen der Frauen erfolgreich. Als eines der wichtigen Ereignisse des Widerstands zum Beispiel entschuldigte sich der Beşiktaş-Fanclub beim Carşi Derneği wo dieser Fanclub sehr Macho bekannt ist!

Am 31.Mai sah ich, wie sich die offen rassistische und kemalistische TGB (Türkiye Gençlik Birliği-Jugend Union Türkei) lange Zeit mit Schimpfwörtern und Slogans gegen Erdoğan und die Polizei richtete. Unter den Schimpfenden befanden sich sogar junge Frauen. Solcherlei Gruppierungen verschwanden von Tag zu Tag immer mehr aus der Widerstandsbewegung, denn die Straße ist die größte Lehrmeisterin.

 Am 16.Tag des Widerstands spielt Erdogan immer noch den wilden Mann, einerseits spricht er direkte Drohungen gegen die Widerstand Leistenden aus, andererseits versucht er sie herunterzumachen. Seine letzte Taktik ist treffen mit verschiedene Boulevard Schauspieler die widerstand zu verwässern.

 Nur noch ein Schlusswort: Wenn sich ein Führer direkt gegen das von ihm geführte Volk richtet, so sind seine Tage gezählt!

Cemalettin Efe

übersetzt von Andrea Jantschko

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