Fortsetzung von Homepage- oder Videotexten
Steht
Griechenland vor einer revolutionären Situation? Das Land ist tief sozial
gespalten in Kapitalisten, Reiche mit Unterstützung der oberen kleinbürgerlichen
und konservativen bäuerlichen Schichten. Auf der anderen Klassenseite stehen die
ArbeiterInnen, arbeitslosen Jugendlichen, kleinen Angestellten und Beamtinnen.
„Die Parteien links von der PASOK
(Synaspismos, KKE und die Demokratische Linke) haben laut Umfragen zusammen über
40%. Das zeigt, dass die ArbeiterInnen von den Linksparteien am ehesten eine
Antwort auf ihre Probleme erwarten.“(Alan Woods) Nicht nur in
Athen, sondern auch auf Thessaloniki,
Patras, Rhodos, Heraklion und sogar Kreta hatten sich die Proteste ausgedehnt,
wo TV-Stationen, Rathäuser und andere öffentliche Gebäude gestürmt wurden.
Massive Polizeirepression war die Folge. Wenn es im April bei den Wahlen nicht
gelingt, eine Linksregierung zu errichten, die Banken und alle wichtigen
öffentlichen Einrichtungen verstaatlich/vergesellschaftet, ständen Griechenlands
arbeitende und verarmte Klassen wohl vor der Wahl, totaler Absturz in die Armut,
wohin auch die Mittelschichten mitgerissen würden. Oder der Aufbau von
basisdemokratischen Gegenmachtorganen, regionaler und zentraler Versammlungen /
Räte, die, wie schon historisch geschehen, eine internationale Roten Hilfe
erforderten… Solidarität mit den
griechischen Abwehrkämpfen gegen Verarmung und Entwürdigung!
Wien, 17.2.2012
Karl
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Kronstadt 1921
.. eine kritische historische Debatte
tut Not, wenn wir heute darüber diskutieren, wie der Weg in den Sozialismus des
21. Jahrhunderts >gepflastert<" sein sollte.
Karl Fischbacher
Wien, März 2005
Weitere Texte zu
Kronstädter Aufstand 1921
Leo Trotzki: Das Zetergeschrei um Kronstadt:
http://www.marxists.org/deutsch/archiv/trotzki/1938/01/kronstadt.htm
Victor Serge:
http://www.anarchismus.at/txt4/kronstadt3.htm
Isaak Deutscher über Trotzkis Kritik an
Victor Serges Position zu Kronstadt:
http://www.labournetaustria.at/archiv22.htm
aus Stalins >Kurzer Lehrgang der Geschichte
der KpdSU/B< , 1938:
http://www.stalinwerke.de/geschichte/geschichte-052.html
E.P., ergebnisse & perspektiven: Kronstadt &
Machnobewegung:
http://www.labournetaustria.at/archiv27.htm
Internationale Kommunistische Strömung:
http://de.internationalism.org/1921
der Funke:
http://www.derfunke.at/html/index.php?name=News&file=article&sid=315
Josef Falkinger, der Funke; Versuch einer
Entmystifizierung:
http://www.derfunke.at/html/index.php?name=News&file=article&sid=1049
Dieter Reinprecht- Hinsch, Der Neue Kurs:
http://www.linkezeitung.de/cms/index2.php?option=com_content&do_pdf=1&id=3803
spartacists:
http://www.spartacist.org/deutsch/dsp/25/kronstadt.html
Anarchopedia:
http://deu.anarchopedia.org/Kronstadt_1921
Cajo Brendel (Partisan):
http://www.infopartisan.net/archive/brendel/crnstadt.html
K. Gietinger: trend – Partisan:
http://www.trend.infopartisan.net/trd0202/t090202.html
Andreas Graf, Freie Uni Berlin:
http://www.rosalux.de/cms/fileadmin/rls_uploads/pdfs/Utopie_kreativ/65/65Graf.pdf
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Interview mit Seyfi, türkischer Autor, Verleger und
revolutionärer Sozialist mit LabourNet-Austria, 31.12.2011, Istanbul
Über Erdogan, das palästinensische und kurdische Selbstbestimmungsrecht,
den AKP-Militär-Konflikt und über die türkische, kurdische Linke und die
türkische ArbeiterInnenbewegung
1.Frage: Als der palästinensische Fatah-Führer Abbas die Anerkennung
des palästinensischen Volkes und einen Sitz in der UNO-Vollversammlung forderte,
unterstützte ihn der türkische Ministerpräsident Erdogan. Er forderte sogar das
volle Selbstbestimmungsrecht für das palästinensische Volk. Westeuropäische
JournalistInnen stellten dann die Frage: „Erdogan, was ist mit dem kurdischen Volk in der Türkei?“ Was war in
den türkischen Medien und in der Linken die Reaktion auf diese doppelzüngige
Rede Erdogans?
Seyfi:
Wir sind daran gewöhnt, dass unsere Politiker im Ausland
solche Aussagen machen. Sie fangen damit schon im Flugzeug an, ohne die Wirkung
im Inland zu beachten. Und das ist nicht nur typisch für Erdogan. Als er auf der
UNO-Vollversammlung über die Palästinenserfrage sprach, achtete er nicht darauf,
welche Parallelitäten dies für die Kurdenfrage hat. Er hat auch über Syrien
geredet und dabei Ratschläge an Assad erteilt und Assad hat ihm mitgeteilt, dass
es in Syrien nur 80 Gefangene gebe, die freigelassen würden. Das hat er
natürlich nicht getan. Erdogan sollte besser über die politischen Gefangenen in
der Türkei reden. Es gibt viel mehr
politische Gefangene in der Türkei als in Syrien. „Unsere“ Politiker sind eben
inkonsequent. Die türkischen Medien sind daran gewöhnt, sich mit dem Thema der
politischen Gefangenen nicht auseinanderzusetzen. Die Medien wissen, dass
„unsere“ Politiker im Ausland anders reden als im Inland. Besonders in der
Türkei vertreten die Mainstream-Medien die Interessen des Staates. So haben sie
zum Beispiel über die Ermordung von 35 kurdischen Zivilisten
vor ein paar Tagen ganze 12 Stunden lang
nicht berichtet. Die Menschen haben davon nur in den sozialen Netzwerken
erfahren. Erst nachdem der türkische Generalstab dies publik gemacht hat, haben
die Medien auch nur als Vermutung darüber berichtet. Deswegen kann Erdogan auch
im Ausland sorglos solche Aussagen machen, weil sich die Medien in der Türkei
ohnehin nicht kritisch damit auseinandersetzen.
2.Frage: Die AKP ist
seit zehn Jahren an der Staatsmacht. In den westlichen Medien bekamen wir in den
letzten Monaten, im vergangenen Jahr, viele Informationen über den Konflikt zwischen der
AKP-Regierung und dem Militärsystem. Hunderte Oberoffiziere und Offiziere wurden
eingesperrt. Was ist der Hintergrund dieses Konfliktes, und vielleicht noch
wichtiger die Frage, findet in der Türkei ein fundamentaler Umsturz innerhalb
der Staatsmacht statt?
Seyfi:
Zuerst muss man feststellen, dass die AKP keine
traditionelle rechte Partei ist. Sie vertritt zwar die Interessen einer
Kapitalgruppe, ist aber vor allem Ausdruck der Globalisierung. In den
1990er-Jahren hat die Globalisierung die Machtverhältnisse in der Türkei neu
gestaltet. Die traditionellen rechten Parteien haben dies nicht geschafft. Bei
den Wahlen 2002 sind die alten Parteien aus dem Parlament rausgefallen.
Mittlerweile ist die AKP bereits in der dritten Legislaturperiode. Sie war nicht
Vertreterin des Istanbuler Großkapitals, sondern der anatolischen Bourgeoisie,
die in Konflikt mit dem Großkapital stand. Das Großkapital bediente sich bisher
des Staates und dessen Finanzquellen. Die AKP erhielt hingegen nicht nur die
Unterstützung der anatolischen Bourgeoisie, sondern wurde auch von breiten
religiösen Massen gewählt. Als die AKP an die Macht kam, musste sie sich gegen
das Großkapital und das Militär durchsetzen. Das Militär sah sich ja stets als
die eigentliche Macht im Staat und lehnte die AKP ab und versuchte sie zu
kontrollieren. Die AKP ging langsam und klug gegen Militär vor. Wichtig ist,
dass die Macht des Militärs durch die AKP nicht geschmälert wurde, ihr gelang es
aber, hohe einflussreiche Posten im Militär zu besetzen. Dieser Konflikt
zwischen AKP, Militär, Großkapital und anatolischer Bourgeoisie hätte neue
Möglichkeiten für Linke geschaffen, Einfluss in den Massen zu bekommen.
Sie haben diese Chance aber nicht
genützt. Die Liberalen, viele ehemalige Linke und Intellektuelle, haben nämlich
fälschlicherweise die Politik der AKP als eine Demokratiereform gesehen. Wenn es
eine echte Opposition und breite Massenbewegung gegeben hätte, wäre es möglich
gewesen, diesen Konflikt auszunützen und eine Demokratiereform auch
durchzusetzen. Die AKP hätte auch ihre Kurdenpolitik nicht derart unterdrückend,
militaristisch und nationalistisch durchgeführt. Die Kurdenfrage ist eine
demokratische Frage, trotzdem ist von der AKP ist in dieser Frage nichts zu
erwarten. Die AKP hat jene Generäle, die einige Putschversuche unternommen
hatten, abgesetzt, vor Gericht gestellt und zu Haftstrafen verurteilen lassen.
Aber es ist auch klar, dass die AKP eine Versöhnung mit dem Militär sucht. Die
Generäle könnten auch wieder freigelassen werden. Die große Macht der AKP führt
inzwischen zu Willkür in der Politik und droht in einem Einparteiensystem zu
enden, Die Macht des Militärs wurde nicht eingeschränkt, aber Militär, Polizei
und Verwaltung sind AKP-durchsetzt.
3.Frage: Nun zur letzten Frage. Wie reagiert die Opposition auf die
politische Situation in der Türkei? Ist die Kemalistische CHP eine wirkliche
Opposition? Die BDP, die kurdische Partei, wurde immer wieder vom Staat
unterdrückt. Was ist heute ihre Politik gesellschaftlich und im Parlament ? Und
schließlich, wie steht es um die türkische Linke und … die ArbeiterInnenbewegung?
Seyfi
Für die AKP im Parlament sind CHP und MHP keine
Herausforderung. Die MHP ist eine
faschistoide Partei, nähert sich aber in letzter Zeit an die CHP an. Die CHP stellt sich noch immer als linke
Partei dar und ist Mitglied der sozialdemokratischen Zweiten Internationale. Im Konflikt AKP und Militär
stellt sie sich allerdings auf die Seite des Militärs und beharrt auf den
republikanischen Werten. Es gibt zwar republikanische Werte, dass z.B. die Türkei kein Sultanat mehr ist, aber
trotzdem steht die AKP den Massen näher als die CHP. Die anderen
republikanischen Werte beziehen sich auf den autoritären Kemalistischen Staat
mit einem Einparteiensystem: „Für das Volk entscheiden wir“. Die CHP ist noch
immer diesem Denken verhaftet. Im
Vergleich damit erscheint die AKP vielen Menschen fortschrittlicher. Die CHP ist
also keine wirkliche Opposition. Die wirkliche Opposition ist die kurdische BDP
(Partei für Frieden und Demokratie) , die einen Block mit einigen Linken
gebildet hat. Neben der BDP gibt es im Parlament keine linke
Arbeiterinnenopposition. Die Linke wurde im 1980er-Putsch von den Panzern
überrollt. Von dem hat sie sich nicht mehr richtig erholt. Nachdem sich die
Linke wieder etwas erholt hatte, wurde sie 1989 unter den Trümmern der Berliner
Mauer begraben. 1994 gründete sich die Linke neu. Die Mehrheit der Linken
vereinigte sich in der ÖDP, aber auf
Grund einiger Probleme brach sie in schlimmster Form auseinander. Nachher hat
sich die Linke wieder zersplittert und wurde weiter geschwächt. Daher haben sie
keine Verbindungen zur ArbeiterInnenklasse und werden das auch in nächster Zeit
nicht haben. Zugleich ist die ArbeiterInnenklasse geschwächt auf Grund der
Gewerkschaftspolitik. Früher gab es die DISK – eine sozialistische
Gewerkschaftsföderation, die heute ebenso geschwächt ist. Die größte Föderation,
Türkis, ist eine gelbe Gewerkschaft, die sich immer mit der Regierung
verständigt hat. Die Plattform „Arbeit“ ist die Zusammenkunft aller
Gewerkschaften, um Aktionen gegen die neuen neoliberalen, prekären
Arbeitsverhältnisse zu unternehmen: Demonstrationen nach Ankara, Kundgebungen
usw., ohne politische Ziele und Wirkung.
Für die
letzten Wahlen am 12. Juni 2011 bildete die Massenpartei BDP mit Linken einen
Block „Für Arbeit, Freiheit und Demokratie“. Dieser Block wurde als echte
Opposition gesehen. Sie machten eine gute Kampagne und erhielten mehr Stimmen
als erwartet. Die BDP ist nun mit 36 Abgeordneten im Parlament vertreten. Ich
habe die BDP ebenfalls als echte Opposition verstanden, aber inzwischen muss
gesagt werden, dass die BDP sich nicht bewährt hat. Sowohl in der Kurdenfrage
als auch in der türkischen Linken, ArbeiterInnen- und Friedensbewegung könnte
sie sich breiter und wirksamer einsetzen. Inzwischen hat sich der BDP-Block als
„Demokratiekongress der Völker“ konstituiert. Dessen Chance ist nicht völlig
vertan. Wenn er sich nicht allein auf die kurdische Frage konzentriert, sondern
auch die Fragen der ArbeiterInnenbewegung und die Schwäche der Regierung in
seine Politik einbezieht, könnte der Block ein politischer Faktor werden.
Einerseits haben wir diese Kritik, wollen ihm aber unsere Unterstützung nicht
entziehen.
Es gibt mehrere Gründe, warum der Block innerhalb der
letzten sechs Monate nicht erfolgreich war: Der erste Grund war meiner Meinung
nach, dass sie keine Visionen zukünftiger Politik besaßen. Zweitens gibt es ein
Missverhältnis, dass die kurdische Bewegung viel stärker vertreten ist als die
türkische Linke und ArbeiterInnenbewegung. Daher gibt es im Block keine
kritische Unterstützung von türkischer Seite, sondern mehr eine anpasslerische
Zusammenarbeit. Eine (nicht-kurdische) kritische
Unterstützung für die KurdInnen ist notwendig, damit sich der Block anderen
gesellschaftspolitischen Fragen öffnet. Wenn es das nicht gibt, dann beschränken
sich die Kurdinnen im Block weiterhin auf die Probleme der kurdischen
Bevölkerung. Daher sind sie auch nicht fähig, eine richtige Friedenspolitik mit
entsprechenden Argumenten zu entwickeln. Zum Beispiel, kurz nach der Wahl gab es
einige militante PKK-Aktionen, die heftige Aktionen ausgelöst haben. Viele
türkische Militärs sind bei diesen Angriffen umgekommen. Das war ein Wendepunkt.
Der kurdisch-linke Block hat sich dazu kaum geäußert. Es wäre seine Chance
gewesen, für eine neue(!) Friedenspolitik diese PKK-Aktionen als unzweckmäßig zu
kritisieren. Außerdem hat der Block auch zu den sozialen Problemen der
ArbeiterInnenklasse kaum Stellung bezogen. Auf diese Kritik werden
VertreterInnen des Blocks darauf hinweisen, dass sie ohnehin im Parlament und
auf Pressekonferenzen sich zu diesen Vorfällen geäußert und Gesetze eingebracht
hätten. Dies genügt aber nicht, denn wichtiger wäre gewesen, dass der Block die
einfachen BürgerInnen mit Argumenten für eine neue Friedenspolitik erreicht
hätte. Viele Menschen hatten den Block in der Hoffnung für eine Wende in der
Friedenspolitik gewählt.
Ein Vorbereitungskomitee mit
spanischen AktivistInnen der „Empörten“, die in Wien leben bzw. vor kurzem nach
Wien gekommen haben in Kooperation mit österreichischen Linken und Autonomen
versucht, für diesen internationalen Aktionstag in gewisser Weise „spanische“
basisdemokratische Strukturen an diesem Protesttag umzusetzen. Schon um 12 Uhr
versammelte sich ein Diskussionskreis am Heldenplatz, wo nicht wie gewohnt
„professionelle“ RednerInnen dem „Publikum“ ihre Meinungen kundtun, sondern jede
Frau und jeder Mann in Diskussionskreis kam zu Wort, um ihre/seine Gedanken und
auch Gefühle den anderen mitzuteilen.
Attac, in Zusammenarbeit mit vier
Gewerkschaften (Vida, PRO-GE, GdG und GPA) war mit einem Informations und
Diskussionstand „Wege aus der Krise“ von 12 – 16 Uhr auf der Mariahilferstraße
präsent. Offenbar marschierten etliche von den Attac-AktivistInnen dann bei der
Großdemo mit.
Um 15 Uhr hatten sich am Christan Broda-Platz beim
Westbahnhof die Leute zur großen Demonstration der „Empörten“ versammelt –
wieder ohne RednerInnenaufmarsch auf einer Lkw-Bühne bei der Auftaktkundgebung.
In der Folge marschierten rund 2.200 Menschen zum Heldenplatz als eigentlich
ganz normale Wiener Demonstration mit Demonstrationsblöcken und ihren Fahnen,
Samba- und TrommlerInnen-Gruppen die Mariahilferstraße hinunter, kurz über den
Ring zum Heldenplatz.
Die große basisdemokratische „Versammlung“ war für
19 Uhr geplant, die aufgrund von zu langer Wartezeit und Kälte auf 18 Uhr
vorverlegt wurde. Bis in die Dunkelheit der Nacht wurde in Anknüpfung an die
Mittagsveranstaltung in der Abend-„Versammlung“ die basisdemokratische
Diskussion fortgesetzt. Nachdem eine Moderatorin das Manifest der spanischen
Bewegung "Democracia Real YA"("Echte Demokratie jetzt!") in der Mitte des
Kreises vorgetragen hatte, startete erneut eine Reihen von Redemeldungen,
vorwiegend von Männern, wo jeder und jede das kundtat, was ihm oder ihr
vorbereitet oder ganz spontan gerade eingefallen war. In dieser unmoderierten
Diskussion kamen so auch esoterisch bis religiös denkende Menschen zu Wort, wo
beim ersten Gesamteindruck eigentlich keine Stoßrichtung für direkte Demokratie
und gegen die kapitalistische Krisenabwälzung abzulesen war. Empörung eben kam
zum Ausdruck, größtenteils spontaner individualistischer Art, die hin und wieder
durch linke und antikapitalistische Redemeldungen abgewechselt wurde.
Für
Sonntag 12 Uhr rief die InitiatorInnengruppe zur Nachbesprechung und Beratung
für die weitere Vorgangsweise wieder auf dem Heldenplatz auf. Vielleicht gelingt
es der Initiatorinnengruppe aus der großen Anzahl von Reden auf den
„Versammlungen“ die Quintessenz herauszufiltern und sich personell zu
verstärken. LabourNet-Austria wird jedenfalls versuchen, weiter darüber zu
berichten und unsere pages diesen Diskussionen Platz zu geben.![]()
Wien, 16. Oktober 2011, die Labournet-Austria-Redaktion
________________________________________________________________
Kritik von >Gegenstandpunkt<
Von: "akin" <
akin.redaktion@gmx.at >
Betreff:
> Eine Empoerung, die von Illusionen lebt
Datum: Dienstag, 11. Oktober 2011 22:03
**********************************************************
akin-Pressedienst.
Aussendungszeitpunkt: Dienstag, 11. Oktober 2011; 21:43
**********************************************************
Globaler
Fruehling / Debatte
> Eine Empoerung, die von Illusionen lebt
In
Spanien, Griechenland, Frankreich und sonst wo versammeln sich
grosse
Menschenmassen, zum grossen Teil Jugendliche, auf zentralen
Plaetzen und
protestieren. Sie zeigen sich zutiefst enttaeuscht,
bezeichnen sich ueber
alle Grenzen hinweg als die "Empoerten" und
finden in der einen
Gemeinsamkeit zusammen, dass sie nicht verstehen
und akzeptieren koennen,
wie ihre Staaten mit ihnen umspringen. Auf
Plakaten steht:
"Wir sind
keine Systemfeinde – das System ist uns gegenueber
feindlich."
Keine
Frage, da haben sie Recht: Das System ist ihnen gegenueber
feindlich. Ein
Generalangriff auf ihre Lebensbedingungen hat
stattgefunden und findet
statt. Das Leben, in dem sie sich bislang
schlecht und recht durchgeschlagen
haben, wird ihnen nicht nur immer
schwieriger, sondern in immer groesserem
Umfang unmoeglich gemacht.
Immer mehr, auch und gerade die zitierten "gut
ausgebildeten
Jugendlichen", werden auf Dauer arbeitslos gemacht, die
Staaten
streichen gnadenlos die Sozialleistungen zusammen usw. Das ‘System’
nimmt ihnen die Perspektive, die sie gewohnt waren. Dagegen halten
sie,
dass sie doch nichts Unbilliges verlangen, wenn sie dieses Leben
weiterfuehren koennen wollen, dass sie doch ganz normale Menschen sind
und
ueberhaupt nicht nachvollziehen koennen, warum man ihnen so uebel
mitspielt:
"Wir sind normale Menschen. Wir sind wie du: Menschen, die jeden
Morgen
aufstehen, um studieren zu gehen oder einen Job zu finden,
Menschen mit
Familien und Freunden. Menschen, die jeden Tag hart
arbeiten." (Manifest der
spanischen Demonstranten)
Da muss man die "Empoerten" fragen: Wie kommen
sie darauf, dass sie
mit der Berufung auf ihre Normalitaet so etwas wie
einen
Berechtigungsausweis erworben haetten, ein Recht, von ihrer Obrigkeit
beruecksichtigt zu werden? Und umgekehrt: Liegt denn ein Vergehen der
Obrigkeit vor, wenn diese die Normalitaet gerade neu definiert? Denn
das ist
es, was geschieht und was die "Empoerten" nicht begreifen
wollen.
Sie
sagen, sie seien es gewohnt, hart zu arbeiten. Sie sagen auch, sie
seien es
gewohnt, mit bescheidenen Anspruechen durchs Leben zu gehen –
das tragen sie
ja wie ein Guetesiegel vor sich her, wenn sie sagen:
Wir fordern doch nichts
Besonderes, eben nur unsere Normalitaet. Sie
beteuern also ihre
Bereitschaft, in diesem System als kleine
Raedchen – weiter! -
mitzuarbeiten. Dabei haben sie sich die Umgebung,
in der sie wie gewohnt
ihre Dienste tun wollen, nicht ausgesucht,
geschweige denn selber
hergestellt. Vielmehr wurde ihnen diese
Normalitaet hingestellt, naemlich
von ihrer Obrigkeit. Die hat mit
ihren Gesetzen bis ins Kleinste hinunter
geregelt, wie diese
Normalitaet auszusehen hat bzw. wie man sich in ihr zu
bewegen und
bewaehren hat. Sie hat festgelegt, wie man sich seinen
Lebensunterhalt
ueberhaupt nur verdienen kann oder ohne einen Verdienst
auskommen
muss, wie man eine Familie gruendet und organisiert, wie man sich
einen Altersunterhalt erwirbt oder auch nicht, usw. usf. In einem
Wort:
In der Normalitaet, die die "Empoerten" zurueckhaben wollen,
waren sie
nichts anderes als abhaengige Variable, eine Manoevriermasse
des Staates.
Wenn sie jetzt sagen: "Wir hatten eine Chance, die man
uns jetzt nimmt",
dann war das eine "Chance", die der Staat
eingerichtet hatte – und zwar
nicht, um den Leuten ihre Normalitaet zu
ermoeglichen, sondern nach seinen
Berechnungen und zu seinem Nutzen.
Daran hat sich gar nichts geaendert, was
das jetzige Handeln der
Staaten nur beweist und was die "Empoerten" selbst
erfahren und
beklagen: Auf Basis der von ihnen erlassenen Gesetzeslage
machen die,
die fuer die Belange des Staates zustaendig sind, also die
Staatsmaenner, die Gesetze, mit denen sie die neue Normalitaet
herstellen,
die fuer den Staat notwendig ist – und wenn das die
Lebensnotwendigkeiten
der Leute ueber den Haufen wirft, dann setzt der
Staat damit seine
Notwendigkeiten durch. Es ist keine dem ‘System’
immanente Eigenschaft, sich
nach den Lebensnotwendigkeiten der ihm
unterworfenen Leute zu richten, deren
Lebensumstaende werden vielmehr
danach eingerichtet und die Leute haben sich
danach zu richten, was
dieses ‘System’ fuer sich fuer notwendig haelt. Es
stellt klar, wie
klaeglich sich die Berechnung der so genannten "kleinen
Leute" zu dem
verhalten, was die in diesem ‘System’ zaehlenden Berechnungen
sind.
Was das ‘System’ aktuell fuer notwendig haelt, ist kein Geheimnis,
wird sogar offen gesagt: Diese Gesellschaft beruht auf und lebt vom
Funktionieren des Kreditsystems – und wenn dessen "Rettung" an erster
Stelle
steht, dann gibt es nicht nur Wichtigeres als die Normalitaet,
nach der die
"Empoerten" sich sehnen, diese Normalitaet ist mit der
durchzuziehenden
Rettung des Kreditsystems ganz offensichtlich
unvereinbar. Wie es der
griechische Finanzminister ausdrueckt: "Unsere
Massnahmen sind hart und
ungerecht, aber es fuehrt kein Weg daran
vorbei."
Die "Empoerten"
sagen: "Das System ist uns gegenueber feindlich." Sie
konstatieren also,
dass von Seiten des ‘Systems’ eine Kuendigung
ausgesprochen wurde, die auf
ihre Lebensumstaende keinerlei Ruecksicht
nimmt. Sehr deutlich sagen sie
aber auch, dass sie – wie die erste
Haelfte des Plakatspruches versichert –
eine Gegenkuendigung
gegenueber dem, was sie von Seiten des Staates
erfahren, nicht
aussprechen wollen: "Wir sind keine Systemfeinde". Das
‘System’ sagt
ihnen nach ihrer eigenen Auskunft den Kampf an, sie wollen
diesen
Kampf aber nicht erwidern. Mit diesem Widerspruch gehen sie so um,
dass sie ihn immerzu nur beschwoeren: Seht ihr denn nicht, was ihr uns
antut, das kann doch niemand wollen, das haben wir doch nicht
verdient! Der
ganze Protest ist durchdrungen von einer hartnaeckigen
Verstaendnislosigkeit, ist ein in Beschwerdeform vorgetragenes
einziges
Jammern, und er fasst sich in dem Ausruf zusammen: Das kann
doch nicht wahr
sein!
Nun ist es aber wahr, und die "Empoerten" suchen nach Erklaerungen
fuer das eigentlich Unfassbare. Auf die Erklaerung, dass das ‘System’
jetzt wie frueher nach seinen Notwendigkeiten handelt und dass die
"Empoerten" jetzt wie frueher nur das Material dafuer abgeben, kommen
sie
nicht oder – "Wir sind keine Systemfeinde" – wollen sie nicht
kommen. Das
eigentlich Unfassbare koennen sie sich nur damit
erklaeren, dass eine grosse
Abweichung, ein Verstoss vorliegt,
naemlich des ‘Systems’ gegen sich selbst.
Wenn das ‘System’, das doch
ein normales Leben ermoeglicht hat, dies nun
ploetzlich
verunmoeglicht, dann kann das ihrer Meinung nach nur daran
liegen,
dass sich da irgendein boeser Wille breitgemacht und durchgesetzt
hat – statt nach einem Grund fuer das Handeln des ‘Systems’ suchen sie
also nach lauter Schuldigen im ‘System’, die etwas verkehrt machen.
Das
koennen natuerlich nicht die normalen Leute gewesen sein, sondern
nur "die
Maechtigen": Die sind verantwortungslos und versagen an ihrer
eigentlichen
Aufgabe der Bewahrung der "Normalitaet", und das tun sie,
weil sie nur auf
ihren eigenen Vorteil schauen und das Gute, Wahre,
Schoene gegen Silberlinge
verkaufen. Kurz: Das ‘System’ handelt nicht
auf der Grundlage seiner eigenen
Gesetzgebung, sondern ist zu einem
einzigen Rechtsverstoss verkommen – es
ist, wohin man schaut, von
"Korruption" durchdrungen. In den Worten eines
Manifests:
"Wir sind besorgt und wuetend angesichts der politischen,
wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Perspektive, die sich um uns
herum
praesentiert: Die Korruption unter Politikern, Geschaeftsleuten
und Bankern
macht uns hilf- wie auch sprachlos. Und diese Situation
ist mittlerweile zur
Normalitaet geworden - taegliches Leid ohne
jegliche Hoffnung." (Manifest
DRY)
Es ist erstens ein Raetsel, warum dieselben Politiker,
Geschaeftsleute
und Banker, die fuer die alte und angeblich aushaltbare
Normalitaet
zustaendig waren und sie verbuergten, so ploetzlich eine
verbrecherische Laufbahn eingeschlagen haben sollen. Es ist zweitens
ein
Fehler, diesen Figuren, den Zapateros und Papandreous eine Absage
entgegenzuschleudern, auch wenn sie noch so frech – "Haut alle ab!" –
daherkommt: Diese Absage richtet sich gerade nicht gegen die legitimen
Machtbefugnisse, die das Amt diesen Personen verleiht, sondern eben
nur
gegen die Personen. Was soll dabei mehr herauskommen, als neue
Personen, die
dieselben Aemter besetzen? Weswegen drittens die
Aufregung ueber Korruption
laecherlich ist, denn was ist eine
persoenliche Bereicherung schon im
Vergleich zu der Gewalt, die diese
Personen nach allen Regeln der Demokratie
befugt gegen andere
ausueben? Aber all das interessiert die "Empoerten"
nicht weiter –
Hauptsache, sie haben ihre Schuldigen gefunden und koennen an
das
eigentlich gute ‘System’ weiterhin glauben. Die Schuldigen nun mit
aller Macht zu bekaempfen, kommt ihnen nicht in den Sinn, vielmehr
wollen
sie bei "den Maechtigen" damit Eindruck machen, dass sie ihnen
anklagend
ihre eigene "Hilf- und Sprachlosigkeit" vorhalten. Warum
meinen sie, damit
bei "den Maechtigen" einen Stich machen zu koennen?
Koennen sie sich gar
nichts Anderes vorstellen, als dass ihre
Lebensumstaende weiterhin von
Politikern, Geschaeftsleuten und Bankern
festgelegt werden, dass sie sich
weiterhin nach deren Vorgaben richten
muessen? "Taegliches Leid ohne
jegliche Hoffnung" sagen sie
pathetisch – sie wollen also wieder hoffen
koennen? Sie selber sind
"hilf- und sprachlos" und koennen nur darauf
setzen, dass "die
Maechtigen" sich wieder besinnen, denn nur die koennen
ihnen wieder
eine bessere Normalitaet verschaffen. Das soll der Protest
gewesen
sein? (Gegenstandpunkt)
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:
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LaborFest 2011 in San Francisco
...
um dort auf einer Veranstaltung zum einen über die Streikkämpfe in Griechenland,
Frankreich usw. und basisdemokratischen Bewegungen wie in Spanien oder Portugal
zu referieren (und Kurzfilme zu zeigen); und zum anderen referierten wir über
die österreichische Studentinnenbewegung 2009/10, den Rassismus und
Antirassismus in Österreich und schließlich über die Frauenbewegung hierzulande.
Ansonsten nahmen wir an etlichen LaborFest-Veranstaltungen und Demonstrationen
in San Francisco und Oakland teil. Wir präsentieren als Erstes die gewerkschaftliche Demo
der Hyatt-Bediensteten gegen Entlassungen in der City von San Francisco und eine
Großkundgebung eines gewerkschaftlichen Bündnisses in Oakland „Justice For All“.
Wir bekamen auch in den USA mit, wie reformistisch und staatshörig die
Gewerkschaftsführungen sind! Gerechtigkeit von profithungrigen Managements und
Konzernetagen zu verlangen, ist schon mehr als naiv und die
Hotelangestelltengewerkschaft UNITE HERE Local 2 hatte am 21. 7. 2011 gleich ein
Schmierentherater inszeniert, indem sie die Kundgebung vor dem Hyatt-Hotel samt
den (Pseudo-)Verhaftungen von sitzstreikenden Hotelangestellten und
GewerkschafterInnen mit der Polizei absprachen! Unser erster Videobericht zeigt
zudem einige Veranstaltungen des LaborFestes, wo in den gewerkschaftlichen
Debatten der Konflikt in der größten US-Gewerkschaft SEIU mit ihrer
Teilgewerkschaft im Gesundheitsbereich im Vordergrund stand. Als Letztes
besuchten wir die Woody-Guthrie-Veranstaltung Will Kaufmanns, die einerseits ein
kultureller Höhepunkt des Laborfestes war und wo zum anderen aber auch nicht
verschwiegen wurde, dass Woody Guthrie mit der KP sympathisierte und z.B. den Stalin-Hitler
Pakt 1939 unterstützte. Will Kaufmann rundete seine Präsentation Woody Guthries
damit ab, dass wohl dessen berühmtestes Lied, „This Land Is Your Land, This Land
Is My Land“ keinesfalls ein patriotischer Song sei.
Wir werden in den
nächsten Wochen diesen Videobericht vom LaborFest 2011 (dann im Videoarchiv
„Weitere Videos“ zu sehen) ergänzen, weil in dieser ersten Version unser Europa- bzw.
Österreichbericht noch nicht enthalten sind. Unseren Auftritt haben die
LaborNet-USA-GenossInnen gefilmt und wir warten darauf, dass sie uns das
Filmmaterial schicken.
Weitere Videoberichte von unserem USA-Aufenthalt
werden ebenfalls in den nächsten Wochen erscheinen:
1) Ein Film von der
Veranstaltung des Mumia-Komitees „The Labor Action Committee To Free Mumia
Abu-Jamal“ in San Francisco am 19. Juli 2011.
2) Auf dieser
Mumia-Veranstaltung sprach auch ein Ex-Black-Panther-Gen. und Bekannter von
Arnold Beverly. Dieser Gen. Curley war und ist fest davon überzeugt, dass Arnold
Beverly der Mörder des Polizisten Daniel Faukners sei (dieser Mord wurde
bekanntlich Mumia Abu-Jamal angehängt). Wir werden die Rede Curleys als eigenen
Beitrag veröffentlichen.
3) Wir interviewten in San Francisco Steve Zeltzer
von LaborNet-USA über die Schuldensituation der USA, die Streikkämpfe in
Wisconsin und über die Situation der US-amerikanischen Gewerkschafts- und
ArbeiterInnenbewegung.
4) Ähnliche Fragen stellten wir Eric Josephson,
Unterstützer der LRP, einer trotzkistischen Gruppierung mit Hauptsitz in New
York.
Bis dann und solidarische Grüße,
die Wiener
Labournet-Austria-Redaktion
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Von: "Hermann Dworczak" <>
Datum: Mittwoch, 06. Juli 2011
15:17
Date: Wed, 6 Jul 2011 14:13:12 +0100
Die Protestkundgebung am 6.7. 2011 vor der
griechischen Botschaft in Wien verlief erfolgreich.
Die griechische Regierung, die sich so stark für
das "Sparprogramm" macht, blockiert das Auslaufen der Schiffe ( GAZA-FLOTILLE
II), die Hilfsgüter in den GAZA bringen sollen.
Wie in anderen Städten
auch ( z.B. Madrid ) gab es auch in Wien eine Kundgebung:
- um Protest
gegen das skandalöse Verhalten der "sozialistischen " Regierung unter Papandreou
einzulegen
- um Solidarität mit den mutigen AktivistInnen auf den
Schiffen zu bekunden ( aus Österreich sind u.a Leo Gabriel vom Austrian Social
Forum und Gerald Oberansmayr dabei )
25 Personen kamen zur Kundgebung in
Wien- mit Fahnen und Transparenten.
Die zentralen Losungen waren:
- LASST DIE SCHIFFE ZIEHEN- LET THEM GO!
-FREIHEIT FÜR GAZA- FREIHEIT FÜR
PALÄSTINA!
- HOCH DIE INTERNATIONALE SOLIDARITÄT!
Wir verfolgen
die Ereignisse weiter und sind jederzeit zu weiteren Prosteschritten bereit.
Hermann Dworczak ( a Austrian Social Forum/ ASF; 0676 / 972 31 10 )
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Fortsetzung Theodor
Bergmann
Ich bin auf beiden Wegen gegangen, habe viel gelesen
nach Feierabend und große Teile des Gelesenen erst allmählich wirklich
begriffen. Etwa 15 Jahre habe ich dann im Stall und auf dem Acker, im Bergwerk,
auf dem Bau, in Metall- und Holzbetrieben in vier Ländern gearbeitet, »die
Länder öfter wechselnd als die Schuhe«, habe fleißige Bauern und harte
Unternehmer über mir gehabt. In meiner Jugend — vor Hitler — habe ich auf einem
dritten Weg Marxismus, undogmatischen, kritischen Marxismus gelernt bei
erfahrenen, kritischen Kommunisten, teils Theoretikern und Akademikern, teils
Autodidakten aus dem Arbeitsleben. Ich nenne stellvertretend August Thalheimer
und Arthur Rosenberg, Heinrich Brandler, Waldemar Bolze, Hans Beck, Robert
Siewert, Jacob Walcher und Paul Böttcher.
Mit dieser dreifachen Erkenntnis habe ich den deutschen
Faschismus erlebt, seinen Aufstieg und temporären Sieg noch in Deutschland. Dann
habe ich die Entwicklung, die vielen Scheinsiege und den unaufhaltsamen
Niedergang und die Katastrophe des Dritten Reichs von außen beobachtet. In der
Zeit der Emigration habe ich auch sehr viel Solidarität erfahren von Genossen
und von Unbekannten. Ohne diese Solidarität hätte ich vielleicht keinen 90.
Geburtstag feiern können.
In den 1920er Jahren wirkte der Widerschein der
siegreichen russischen Revolution in alle Kontinente hinein; das Vertrauen und
die Hoffnung von damals sind heute kaum vorzustellen und zu vermitteln.
Aber ich habe auch den Niedergang der offiziellen
kommunistischen Bewegung bewusst miterlebt mit der Sozialfaschismus-»Theorie«
und dem ultralinken Kurs Stalins und Sinowjews, mit den Moskauer Schauprozessen
1936-38. Schon 1925 hatte August Thalheimer jede Schönfärberei der
Riesenprobleme des sozialistischen Aufbaus abgelehnt, von der Möglichkeit
gesprochen, dass dieser erste Großversuch, die Grenzen des kapitalistischen
Gesellschaft zu überschreiten, scheitern könnte: Damals hat er vor einem
Scherbenhaufen der kommunistischen Weltbewegung als Folge der beschlossenen
»Bolschewisierung« der kommunistischen Parteien gewarnt. 1937 wünschte er die
Absetzung Stalins durch die sowjetischen Kommunisten, um die Sowjetunion gegen
den drohenden deutschen Faschismus verteidigen zu können. Er war also kein
Determinist, sondern sah immer verschiedene Wege in die Zukunft und appellierte
daher an die Eigeninitiative der Werktätigen.
Seit dem VII. Weltkongress der Kommunistischen
Internationale 1935 – ihrem letzten – und immer deutlicher im Krieg und nach der
Niederlage des deutschen Faschismus habe ich miterlebt, wie die kommunistischen
Parteien trotz objektiv revolutionärer Möglichkeiten auf jede revolutionäre
Zielsetzung verzichteten – im Auftrage und im Interesse der schwankenden
Stalinschen Diplomatie. Und schließlich haben wir alle 1989/90 die
Selbstzerstörung des »Realsöziälismus« von Ostberlin bis Wladiwostok
miterfahren. Geblieben sind die vier nichtkapitalistischen Inseln im
kapitalistischen Ozean, Entwicklungsländer auf dem langen, mühseligen Weg aus
der Unterentwicklung in eine sozialistische Gesellschaft: Cuba, Vietnam, China
und Nordkorea.
Nach diesem historischen Auf und Ab, welthistorischen
Leistungen und schweren Verbrechen und Niederlagen insbesondere der deutschen
Arbeiterbewegung, nach den Verbrechen der Stalin- und der Mao-Ära, wie kann man
da noch Kommunist sein? Bin ich mit 90 Jahren und vier Tagen vielleicht ein
»versteinerter Bolschewik«?
Marx und Engels sagen 1848 im Manifest der
kommunistischen Partei: »Von Zeit zu Zeit siegen die Arbeiter, aber nur
vorübergehend. Das eigentliche Resultat ihrer Kämpfe ist nicht der unmittelbare
Erfolg, sondern die immer weiter um sich greifende Vereinigung der Arbeiter...
Diese Organisation der Arbeiter zur Klasse und damit zur politischen Partei wird
jeden Augenblick wieder gesprengt durch die Konkurrenz unter den Arbeitern
selbst. Aber sie ersteht immer wieder, stärker, fester, mächtiger.«
Ich möchte die vier wichtigsten Gründe nennen, warum ich
nach allem an meiner kommunistischen Überzeugung festhalte. Der Kapitalismus ist
Kapitalismus geblieben. Der Reformismus der SPD hat ihn weder politisch gezähmt,
noch von ökonomischen Krisen befreit. Im Gegenteil: Der Reformismus hat zum
Ersten Weltkrieg beigetragen, zur Niederschlagung des Revolutionsversuchs 1918
und zur widerstandslosen Kapitulation 1933. Wir sind nicht, wie 1918
versprochen, »friedlich in den Sozialismus hineingewachsen«, sondern haben uns,
Sozialdemokraten und Kommunisten, gemeinsam in KZs, Zuchthäusern und Exilländern
getroffen.
Der deutsche Kapitalismus ist brutaler und arroganter
geworden, die Ausbeutung und die Profitgier schamloser. Die bürgerliche
Demokratie wird ausgehöhlt, das Parlament zum Spielplatz der über 2000
Lobbyisten, die Gesellschaft sinnentleert. Nie war die Kollusion zwischen den
Herren der großen Unternehmen und dem oberen Staatsapparat einschließlich
Bundeskanzlern beiderlei Geschlechts so eng und so offen. In der angeblich
klassenlosen Gesellschaft wachsen Massenarmut und -erwerbslosigkeit, die
Ausgrenzung von Millionen.
Das erträgliche Lebensniveau, das sich die arbeitende
Mehrheit in Jahrzehnten erkämpft und nicht geschenkt bekommen hat, bleibt auf
die 11% der Weltbevölkerung in den G7-Staaten beschränkt — und hier auf die
angeblich zwei Drittel. Aber in den kapitalistischen Entwicklungsländern, etwa
65%, zwei Dritteln der Weltbevölkerung sehe ich Massenarmut, Hunger,
Krankheiten, Analphabetismus — trotz »Entwicklungshilfe« bleibende
menschenunwürdige Unterentwicklung.
Der moderne Kapitalismus hat die globalen Probleme nicht
gelöst. Im Gegenteil: Die kapitalistische Führungsmacht verschärft sie mit ihrem
Weltherrschaftsanspruch für das kapitalistische System und der Verhinderung von
Reformversuchen und gefährdet unseren instabilen Frieden.
Aber ich bin mir
auch bewusst, dass die traditionelle Arbeiterbewegung in ihren beiden
Hauptströmungen ihre Aufgaben nicht gelöst hat. Nur wenn der Marxismus
weiterentwickelt wird, können wir Antworten auf viele neue Fragen finden.
Marxismus ist für mich kein Steinbruch, in dem ich die mir passenden Antworten
oder Zitate bei den Klassikern suchen kann, sondern eine Anleitung zum
kritischen kollektiven Nachdenken, zur undogmatischen Analyse, zur Kritik an
unseren Irrtümern, zum Verständnis der neuen Entwicklungen und der großen
Aufgaben.
Vor und nach einer Revolution brauchen Kommunisten
Selbstkritik, immer neue Überprüfung ihres Weges, ihrer Strategie und Taktik.
Der Aufbau einer sozialistischen Gesellschaft kann nicht irgendeinem Modell,
auch nicht dem erfolgreichsten folgen. Kein Erfolg lässt sich kopieren.
Kommunismus ist nicht monolithisch und einfältig, sondern plural und vielfältig
in Theorie und Praxis, hundertmal reicher als die Weisheit des großen Stalin
oder des großen Mao. Sozialismus-Aufbau in Cuba, China, in Bolivien oder in
Deutschland muss je eigene Modelle erdenken und immer wieder zu Selbstkritik und
Reform fähig sein. Reformfähigkeit gehört zu den wichtigsten Grundeigenschaften
von Kommunisten an der Macht.
Meine Genossin und lebenslange Partnerin Gretel hat mich
in unseren streitbaren Debatten z.B. über die Chancen der Entstalinisierung
unter Chruschtschow oft einen »blauäugigen Optimisten« genannt. Sie hat es
selbst bedauert, dass Chruschtschow keinen Erfolg hatte. Ich bleibe ein
vorsichtiger historischer Optimist und kritischer Kommunist im Sinne von August
Thalheimer.
Antonio Gramsci sagt: »Man kann seinem sehr begründeten
theoretischen Pessimismus mit einer persönlichen optimistischen Praxis
widersprechen.«
Und Rosa Luxemburg wird oft zitiert mit dem Satz: »Die
Freiheit ist immer die Freiheit des Andersdenkenden.« Sie schließt ihre Kritik
an Lenin und Trotzki mit folgenden, sehr selten zitierten Sätzen: »In Russland
konnte das Problem nur gestellt werden. Es konnte nicht in Russland gelöst
werden; es kann nur international gelöst werden. Und in diesem Sinne gehört die
Zukunft dem >Bolschewismus.«<
(aus >>Dann fangen wir von vorne an<<, VSA 2007)
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Nikolai Bucharins Wende vom eher Ultralinken zum bolschewistischen Rechten vollzog sich 1924/25 vor dem Hintergrund der Tragödie, dass die Revolutionen in Westeuropa ausgeblieben waren und die Sowjetunion isoliert bleiben würde. Damit setzte er strategisch auf das Bündnis mit der Bauernschaft, womit er aber mit seinem Ruf an sie >Bereichert euch!< vor allem die oberen Schichten der russischen Bauernschaft stärkte.
Darüber geriet er zuerst mit Evgenij Preobrashenski, ein Verbündeter von Leo Trotzki, in Streit, die eine gemäßigte Kollektivierung der Landwirtschaft anstrebten, was aber nur mit einer raschen Industrialisierung möglich schien.
In dieser Zeit kam es zu den ersten Konflikten in der Führungstroika Sinowjew / Kamenjew Stalin Bucharin (gegen Trotzki). Trotzki war inzwischen bereits vom Posten des Kriegskommissars abgesetzt worden. Dennoch spitzten sich 1925 die Differenzen zwischen den >Leningradern< Sinowjew / Kamenjew und den >Moskauern< Stalin / Bucharin in den Fragen der Bauernpolitik und über einen >Sozialismus in einem Lande<, den Stalin /Bucharin zu forcieren begannen, zu. Vor der 14. Parteikonferenz wurde der Streit richtiggehend zu einem Krieg zwischen >Leningrad< und >Moskau< um die Delegiertensitze.
Auf der Parteikonferenz setzte sich der Konflikt nochmals verschärft fort. Doch Trotzki war während dieser ganzen Parteikrise passiv geblieben und der Streit in der bisherigen Führung blieb ihm, wie Isaak Deutscher schreibt, absolut unklar. Er war offenbar noch zu sehr von den früheren Gehässigkeiten Sinowjews & Kamenjews gegen ihn geprägt und blieb unfähig, die >Leningrader<, die viele seiner Positionen vertraten, gegen Stalin zu unterstützen. Die Stalin-Bucharin-Führung konnte auf der 14. Parteikonferenz triumphieren.
Auf der Polbürositzung nach der 14.Parteikonferenz unterstützte nun auch Bucharin scharfe Repressalien gegen Sinowjew, die Stalin vorgeschlagen hatte . Kamenjew protestierte und wunderte sich über den brutal gewordenen Bucharin. Trotzki merkte dazu an, dass Bucharin offenbar Geschmack an der Peitsche gefunden hätte. Was Bucharin zur beachtlichen Erwiderung veranlasste, dass ihn dieser Geschmack allerdings einen Schauer vom Kopf bis zur Zehe jage.
Es blieb leider eine Phrase. Stalin forcierte gerade nach der Niederlage der >Leningrader< seine Offensive gegen Trotzki. Und Sinowjew wurde Anfang 1926 von Kirow, ein Mann Stalins, als Vorsitzender der Leningrader KP abgelöst. Nikolai Bucharin trug Stalins Politik voll mit...
April 1926 trafen sich Sinowjew, Kamenjew nach vielen Jahren mit Trotzki. Ihren gemeinsamen Kampf als >Vereinte Opposition< gegen Stalin / Bucharin starteten sie allerdings erst im Juni, weil der fiebernde Trotzki für sechs Wochen nach Berlin zur Heilung gefahren war. Mitte Juli brachten sie ihre Plattform heraus, in der die Wiederherstellung der Parteidemokratie gefordert wurde, sie sich gegen die NEP-Bourgeoisie und gegen die Bürokratie wandten, gegen die Theorie vom >Sozialismus in einem Land<, für Lohnerhöhungen und Steuerfreiheit für die kleinen Bauern eintraten und eine langfristige Kollektivierung bei rascher Industriealisierung verlangten.
Sinowjew & Kamenjew, die inzwischen ihre ZK-Sitze verloren hatten, versuchten sich nun mit Trotzki & den anderen GenossInnen der >Vereinten Opposition< an die Parteibasis zu wenden und diese über den Konflikt aufzuklären. Stalins ZK hatte allerdings bereits vorgesorgt und auf allen Veranstaltungen der >Vereinten Opposition< Grölchöre organisiert, so dass die oppositionelle Kampagne in einem Fiasko endete.
Max Eastman hatte in den USA Lenins >Testament< in der New York Times veröffentlicht, in dem Lenin vor Stalin warnte und empfohlen hatte, Stalin als Generalsekretär abzusetzen. Auch vor diesem Hintergrund beschleunigte Stalin die Vernichtungskampagne gegen die >Vereinte Opposition<. Im Oktober 1926 bat diese nochmals um einen >Waffenstillstand<, an den sich Stalin erneut nicht hielt. Auf einer hitzigen Polbürositzung in Vorbereitung auf die 15. Parteikonferenz fasste Trotzki schließlich die Situation so zusammen, dass Stalin für den Posten des Totengräbers der Partei kandidiere. Er wurde daraufhin aus dem Polbüro ausgeschlossen. Sinowjew wurde als Präsident der >Kommunistischen Internationale< abgesetzt.
Und dann kam die 15. Parteikonferenz. Sie wurde zu einem Hexenkessel für die >Vereinte Opposition<. Trotzki hielt dort seine letzte große Rede auf einem Parteikongress, in der er die Abhängigkeiten der Sowjetunion von der Revolution der europäischen Arbeiterklasse aufzeigte ohne Defätismus im sozialistischen Wirtschaftsaufbau der Sowjetunion zuzulassen. Er wolle auch keine neue Partei aufbauen, aber Stalins Politik könne genau zu einer solchen Spaltung führen. Nikolai Bucharin war auf dieser Konferenz der >Schlächter< Stalins gegen die Opposition. Stalin rief von hinten nach vor: >>Bravo, Bucharin! Bravo, bravo! Er argumentiert nicht mit ihnen, er schlachtet sie ab.<<
Leo Trotzki und die Vereinte Opposition vermochten so auch 1926/27 keinen Zugang zu einem Bündnis mit Bucharin zu finden. Trotzki unterlag noch dazu dem schweren Fehler, dass er Bucharins Rechte als den Hauptfeind charakterisierte, während die Linksopposition mit Stalin zeitweilig Bündnisse schließen könne.
Das ganze Jahr 1927 beschäftigte sich die >Vereinte Opposition< mit der falschen und katastrophalen >demokratisch-diktatorischen< Politik der Stalin-Bucharin-Mehrheit zu China, die die junge KP Chinas an die bürgerliche Kuomintang band. Im Spätsommer 1928, Trotzki und viele >Trotzkisten< waren bereits in der Verbannung, gelangten erste Berichte über schwere Kontroversen zwischen Stalin und Bucharin nach Alma Ata. Die landwirtschaftliche Krise hatte sich stark verschärft, indem die Industriekrise dazu geführt hatte, dass die Bauern mehr und mehr die Städte boykottierten. Stalin setzte zu seiner brutalen Kollektivierungspolitik an, die zu Millionen Toten führen wird. Dazu musste er sich der Bucharin-Fraktion entledigen. Wenn Stalin gewinnen sollte, so Bucharin 1927, so würde von der Freiheit auch nicht ein Fetzen übrig bleiben. >>Er wird uns ermorden ...<<
Sieben Jahre waren es noch bis zum Beginn der machthysterischen, mörderischen Abrechnung Stalins mit jeder wirklichen und vermeintlichen Opposition in den Schauprozessen. Trotzki und Bucharin, beide hatten diese Entwicklung vorher gesehen und wahrscheinlich einige Chancen vertan, den Sieg Stalins zu verhindern!
Wien, 20.11.2007, Karl