Die geheimen Gräber in Mexiko

Die geheimen Gräber in Mexiko

Ein Sonderbericht zu Verschwundenen mit vielen Unstimmigkeiten

Die staatlich finanzierte Nationale Menschenrechtsrechtskommission (CNDH) hat einen Sonderbericht über das Verschwinden von Personen und geheime Gräber in Mexiko veröffentlicht. Der Bericht bietet keine grundsätzlich neuen Erkenntnisse, sondern einen Überblick der entsprechenden offiziellen Zahlen nach Bundesstaaten aufgeschlüsselt für die vergangenen zehn Jahre.

Bei der Präsentation prangerte der 1. Berichterstatter der Kommission, Ismael Eslava, die teilweise Auskunftsverweigerung der staatlichen Behörden sowie die Ungenauigkeit gelieferter Informationen an.

So erwähnte er, dass in dem genannten Zeitraum offiziell 855 geheime Gräber mit den Überresten von 1.548 Körpern gefunden wurden. Dagegen kam die CNDH bei einer systematischen Auswertung von Presseberichten auf mindestens 1.143 solcher Gräber und mit den Überresten von mindestens 3.230 Personen. Die Zahl der Verschwundenen wird mit etwa 30.000 angegeben. Trotz der alarmierenden Ziffer habe Mexiko den Ernst dieser Situation nicht richtig erfasst, so Eslava. Der Bericht nennt wenig überraschend Gewalt und Unsicherheit im Land als Hauptgrund für die Fälle von Verschwundenen und erwähnt in diesem Zusammenhang Korruption, Straffreiheit und die das Zusammenwirken von staatlichen Funktionären und dem organisierten Verbrechen.

Die mexikanische Regierung gab in einer ersten Reaktion an, sie werde den Sonderbericht „gründlich analysieren“.

Massenhaftes Vorkommen

Der Fund von geheimen Gräbern ist in Mexiko nicht unüblich. Es wurden in 16 Bundesstaaten solche Gräber gefunden. Im Januar wurden 56 Leichen in einem Massengrab in Nuevo León, im Norden des Landes, entdeckt.

Gemäß den offiziellen Zahlen wurden zwischen Februar 2007 und Januar 2016 insgesamt 681 Körper in 224 Massengräbern aufgefunden. Laut Generalstaatsanwaltschaft der Republik (Procuraduría General de la República – PGR) konnten weniger als 20 Prozent der Opfer identifiziert werden.

In Iguala, im Bundesstaat Guerrero, wo vermutet wird, dass 43 Studenten von Ayotzinapa 2014 gewaltsam verschwinden gelassen wurden, fand man 63 Gräber mit insgesamt 133 Körpern.

Zwischen 2011 und 2012 wurden in mindestens fünf Gemeinden des Bundesstaates Durango 351 Leichen in 15 „Narco-Massengräbern“ gefunden. Im Jahr 2011 wurden außerdem fast 50 Gräber mit 193 Opfern in der Gemeinde San Fernando, Tamaulipas, gefunden.

Menschenrechtsorganisationen schätzen, dass die tatsächliche Anzahl an Verschwundenen weitaus höher also die offiziellen 30.000 ist. Die „Bewegung für Unsere Verschwundenen in Mexiko“ (Movimiento por Nuestros Desaparecidos en México) sagt, dass gerade einmal zwei von zehn Fällen angezeigt werden.

Zum Beispiel Veracruz

Der Generalstaatsanwalt von Veracruz gibt zu, dass im Bundesstaat 2.400 Menschen als verschwunden registriert sind. Die Nationale Bürgerbeobachtungsstelle (Observatorio Nacional Ciudadano), eine zivilgesellschaftliche Organisation, die den Behörden kritisch auf die Finger schaut, kritisierte letzten Monat, dass es elf unterschiedliche Datenbanken zur Registrierung von Verschwundenen in Mexiko gäbe, was die Einschätzung der Situation im Land erheblich erschweren würde.

Erst kürzlich nahm Generalstaatsanwalt Jorge Winckler in einem Interview mit dem Fernsehsender Televisa Bezug auf den Fall. Dabei bestätigte er:

„Veracruz ist für mich ein riesiges Massengrab, und wie ich bereits gesagt

habe: Wenn alle Gräber, die es im Bundesstaat gibt, gefunden werden, wird dieses das größte Mexikos und vielleicht der Welt sein“.

„Während vieler Jahre“, fügte er hinzu, „ließ die organisierte Gewalt mit dem Einvernehmen der Regierung Menschen verschwinden und entsorgte sie in den Gräbern, die genau für diese Zwecke gemacht wurden“.

„Alles ist absolut richtig, alles was die Familien sagen, ist die Wahrheit.

Während der Regierungszeit von Javier Duarte wurden die Familienkollektive der Verschwundenen betrogen, indem sie DNA-Proben entnehmen ließen, um sie angeblich mit denen der Leichen zu vergleichen, das war alles Lüge“, erklärte er.

Warum diese Gewaltsituation in Veracruz?

Veracruz ist einer der gewaltsamsten Bundesstaaten Mexikos, da es sich hierbei um ein umstrittenes Gebiet zwischen den Drogenkartellen Zetas und Jalisco Nueva Generación handelt.

Die Situation spitzte sich in der Regierungszeit von Gouverneur Javier Duarte (2010-2016) weiter zu. Seit Oktober letzten Jahres befindet sich Duarte, ein Politiker der Partei der Institutionalisierten Revolution (PRI, Partido Revolucionario Institucional) auf der Flucht. Der Generalstaatsanwalt des Gesamtstaates beauftragte Interpol damit, eine Fahndung nach ihm herauszugeben.

Duarte wird gesucht wegen widerrechtlicher Bereicherung sowie Unterschlagung und der Nichterfüllung seiner rechtlichen Pflicht – Anschuldigungen, die der Ex-Gouverneur als „grundlose Anklagen“ zurückgewiesen hatte.

Der Bundesstaat ist eines der gefährlichsten Pflaster, um dort journalistisch tätig zu sein. Während der Regierungszeit von Duarte wurden dort 19 Reporter*innen umgebracht.

(BBC Mundo/poonal/bearb.)

Quellen und weitere Links:

https://www.npla.de/poonal/sonderbericht-zu-verschwundenen-und-geheimen-graebern/

https://www.npla.de/poonal/mexiko-was-man-ueber-den-groessten-fund-der-massengraeber-in-veracruz-weiss/