Bernhard Redl: Liste Pilz / Politiker / Glosse – Es ist halt auch ein Job (aboinfo)

Es ist halt auch ein Job

Zur Tragikomödie um die Liste Pilz wäre viel zu sagen. Die Partei ist nachhaltig beschädigt und die Regierungsparteien werden sicher auch weiterhin versuchen, jede politische Oppositionsarbeit aus dieser Ecke mit spöttischen Bemerkungen über die Startschwierigkeiten der Pilzianer abzutun.
Bei all dem Moralgetue — innerhalb der Liste Pilz, aber vor allem von Seiten der Kommentatoren — kommt zwar auch vor, daß es den Beteiligten so nebenbei auch um gut bezahlte Jobs geht. Zuletzt war das Thema die Einkünfte des jetzigen Klubobmanns. Aber kaum jemand stellt die Frage, ob es nicht auch verständlich und legitim ist, darum zu kämpfen, diesen Beruf weiter ausüben zu können.

An der Liste Pilz zeigt sich das Dilemma neuer und kleiner Mitbewerber im
Nationalrat: Politik ist für diese noch viel mehr ein persönliches Risiko als für die anderen. Martha Bissmann hat nach eigenen Angaben einen guten Job aufgegeben, um Pilz-Wahlkampf zu machen — ein großes Risiko, weil ein zweites steirisches Mandat war genauso unwahrscheinlich, wie daß Pilz nicht sein steirisches, sondern sein Mandat vom Bundeswahlvorschlag annehmen würde. Für Bissmann war also das Engagement ein „stranded investment“ — unerwarteterweise konnte sie dann aber doch noch ein NR-Mandat lukrieren, daß sie dann natürlich nicht mehr hergeben wollte. Daß sie dann in völliger Selbstüberschätzung versucht hat, die Liste Pilz ganz zu übernehmen und ihre persönlichen Interessen feministisch verbrämte, steht auf einem anderen Blatt.

Ähnlich bei Pilz: Dieser empfand nach seiner Schilderung, daß seine Existenz völlig von seinem Politjob abhänge. In Pension wollte er nicht gehen — obwohl er wohl noch nach der alten Regelung vor Erreichen des gesetzlichen Alters eine Politikerpension bekommen hätte. Am AMS wäre er wohl fehl am Platz gewesen, wollte er doch zurück in den Nationalrat. Also ließ er sich von der Partei anstellen.

Exitstrategien wie bei Großparteien gab es für Bissmann wie für Pilz hingegen nicht — also ein Job bei einer Kammer oder bei Raiffeisen oder irgendwas als Manager oder Berater — erstens, weil weder sie noch er diese Jobs gekriegt hätten, und zweitens, weil es mahnende Beispiele wie Gusenbauer oder Glawischnig gibt. Mit sowas hätten sie ihre Glaubwürdigkeit und damit die ihrer Partei noch mehr beschädigt.

Mir tun natürlich diese Spitzenpolitiker nicht wirklich leid — schließlich habe ich in meinem Leben noch nie mehr als einen kleinen Bruchteil von deren Gehältern verdient. Und sicherer waren meine Einkünfte auch nie. Aber Politiker einer kleinen und damit äußerst prekären Partei, die nicht im Hintergrund das Kapital oder große Institutionen haben, muß man nunmal anders beurteilen, wenn sie ihren Job behalten wollen — eben anders als solche von SPÖ, ÖVP, FPÖ oder auch den NEOS.

Weil: Wenn die mal zurücktreten müssen oder abgewählt werden, „gehen sie in die Wirtschaft“.
*Bernhard Redl*