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- Frankreich:
- Volkssport
- Bossnapping
- Geschrieben von Elena Martinez (RSO
Zürich)
- Samstag, 16 Mai 2009
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- Die durch die wirtschaftlich heikle
Situation ausgelöste Wut bei französischen
ArbeiterInnen gipfelt derzeit in einem neuen Volksport,
dem "Bossnapping". In der Bevölkerung gibt es
viel Sympathie und auch die Führung der Sozialdemokratie
muss auf den Druck der Klassenkämpfe reagieren. Immer
häufiger müssen ManagerInnen von grossen Firmen damit
rechnen, von ihren Beschäftigten eingesperrt zu werden,
wenn Stellenabbau oder gar Werkschliessungen angekündigt
werden. Die Geiselnahme von zwei Managern des
US-Autozulieferers Molex, um gegen die für Juni
angekündigte Schliessung und dem damit einhergehenden
Verlust von 283 Stellen zu protestieren, beschreibt nur
ein Beispiel unter vielen, die zeigen, wie sich das
Unbehagen innerhalb der französischen
ArbeiterInnenklasse zugespitzt hat. Statt Investitionen
in den Standort vorzunehmen, wurde beschlossen Jobs in
die USA und nach China auszulagern. Die ArbeiterInnen von
Molex fühlen sich hintergangen und forderten deshalb
eine Entschädigung von rund 100 Millionen Euro.
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- Auf Molex folgten weitere Geiselnahmen
beim US- Mischkonzern 3M, beim ebenfalls amerikanischen
Baumaschinenhersteller Caterpillar, dem britischen
Klebebandhersteller Scapa sowie beim französischen
Autozulieferer Faurecia.
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- Auch die bürgerlichen Reihen bleiben
von derartigen Aktionen und den Klassenkämpfen insgesamt
nicht unberührt und sind in Anbetracht der Unruhen
gezwungen Stellung zu nehmen. Unter Druck der
ArbeiterInnenklasse meldete sich unlängst auch Segolene
Royal zu Wort und machte einmal mehr deutlich, welche
Lösungen die Sozialdemokratie für den
krisengeschüttelten Kapitalismus bereit hält.
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- In einem Interview mit der
französischen Wochenzeitschrift Journal du Dimanche,
betonte sie, dass es die ArbeiterInnen seien, welche von
ihren Chefs betrogen und belogen werden, bevor dann
schliesslich der Rausschmiss aus ihren Betrieben folgt.
Da fallen Begriffe wie " tiefgreifende
Anarchie", da ist die Rede von kriminellen
Arbeitgebern und Empörung über den Zwang sich einem
"ungerechten Chaos" unterwerfen zu müssen.
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- Ja, Madame Royal fühlt sich in die
Zeiten des Ancien Régime zurückversetzt und da darf man
auch als ehemalige Spitzenkandidatin der
SozialdemokratInnen die Frage aufwerfen, ob die
derzeitige Krise des Kapitalismus und die Situation in
französischen Betrieben vielleicht eine Rückkehr zum
Klassenkampf mit sich bringt. Wer weiss? Leisten kann sie
sich diese Aussage allemal im Hinblick auf die grosse
Zustimmung der französischen Bevölkerung zum Thema
Bossnapping. Das Meinungsforschungsinstitut CSA fand
heraus, dass 45 Prozent der Befragten die Methode "
Bossnapping" akzeptabel finden und 63 Prozent
verstehen, warum die ArbeiterInnen zu derartigen
Massnahmen greifen.
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- Auch die Bourgeoisie ist sich des
Risikos von Gewalt und Revolte bewusst, Royals Aussagen
über mögliche soziale Aufstände unterscheiden sich
keinen Deut von denen des Grand Etablissements der
Bürgerlichen, zu denen sie zweifellos gehört. Sie
machte deutlich, dass sie soziale Unruhen weder
"prophezeie"noch sich einen Aufstand
herbeiwünsche.
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- Bei den gelegentlichen und immer auch
gleich sorgfältig wieder relativierten Einsprengseln von
Verbalradikalismus darf daher nicht vergessen gehen,
welche objektive Funktion die Sozialistische Partei
Frankreichs gespielt hat, spielt und spielen wird: die
Lohnabhängigen an den Verhandlungstisch zu zerren, wo im
"vernünftigen Dialog" gut
sozialpartnerschaftlich dafür gesorgt werden kann, dass
es bestenfalls bei der bestehenden sozialen Misere bleibt
(wo aus diesen Geheimverhandlungen nicht gleich handfeste
Verschlechterungen der Situation der ArbeiterInnen
erwachsen). Wer hier also, weil es gerade opportun
erscheint, auf die Bosse schimpft, hat sich gleichzeitig
immer schon als deren Vollzugsgehilfe betätigt und wird
bei dieser Rolle bleiben.
- Auch wenn die Geiselnahmen grosse
Zustimmung gefunden haben und ihre Effizienz für den
Moment beweisen, müssen langfristige,
systemüberwindende Lösungen her. Die ArbeiterInnen
müssen sich organisieren und längere
Betriebsbesetzungen durchführen. Streiks müssen
international sein und dürfen nicht, wie das momentan
oft der Fall ist, einer Standortlogik folgen.
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