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- Von: < allgemeines syndikat-wien
>
- Betreff: Wichtiger Text für die
debatte!
- Datum: Donnerstag, 15. Januar 2009
20:38
-
-
- Karl
Heinz Roth:
-
- Globale
Krise
- Globale
Proletarisierung
- Gegenperspektiven
- Zusammenfassung
der ersten Ergebnisse
- Stand:
21.12.08
-
- Einleitung
-
- Wir bewegen uns in eine
weltgeschichtliche Situation hinein, in der alle
- Weichen des gesellschaftlichen,
wirtschaftlichen und politischen Lebens
- neu gestellt werden. Für meine
Generation wird es nach den Jahren 1967 bis
- 1973 der zweite Epochenumbruch sein.
Alle wichtigen Fakten und Indikatoren
- der letzten Wochen weisen darauf hin,
dass eine Weltwirtschaftskrise
- begonnen hat, die schon jetzt das
Ausmaß der Krise von 1973 und der
- Zwischenkrisen von 1982 und 1987
überschreitet und sich an die Dimensionen
- der Weltwirtschaftskrise und der
anschließenden Depression von 1929 bis
- 1940 annähert.
-
- Wie sollen wir auf diese gigantische
Herausforderung antworten? Das ist
- inzwischen zur entscheidenden Frage
geworden, und deshalb habe auch ich
- ein gerade in der Werkstatt
befindliches Traktat, in dem ich auf die
- Kritik an meinen 2005
veröffentlichten Hypothesen über den »Zustand der
- Welt" antworten wollte, völlig
neu konzipiert. Ich präsentiere meine bis
- jetzt erarbeiteten
Untersuchungsergebnisse und Überlegungen schon im
- unfertigen Zustand eines Exposés,
denn sie müssen im laufenden Dialog noch
- vor der Veröffentlichung des Buchs
überprüft, korrigiert und sicher auch
- erweitert werden. In sie sind auch
schon die ersten Diskussionsbeiträge
- einer Veranstaltung eingegangen, die
am 27. November in der Schorndorfer
- Manufaktur stattfand, aber auch die
Ergebnisse einer Internetdebatte von
- Wildcat, eines Seminars der
Interventionistischen Linken vom 13. Dezember
- und der Dialoge mit Einzelpersonen aus
meinem Freundeskreis. Dadurch
- konnten viele Schwachstellen,
Unklarheiten und Defizite überwunden werden;
- auf einige gewichtige Einwände kann
ich aber aus Gründen der Arbeits- und
- Zeitökonomik erst im Rahmen des
Buchmanuskripts eingehen, und dafür bitte
- ich um Nachsicht. Ich hoffe, dass
meine Thesen trotzdem ausreichen, um die
- Grundlinien des analytischen Ansatzes
und meiner konzeptionellen
- Vorschläge klar zu machen. Ich danke
allen, die sich auf die Debatte
- einließen: Sie haben mir nicht nur
mit ihrer Kritik weitergeholfen,
- sondern mir auch Mut gemacht, denn
einen derart breiten, solidarischen und
- konstruktiven Dialog habe ich seit
Jahren nicht mehr erlebt.
-
- 1. Die neue Weltwirtschaftskrise
- 1.1 Der bisherige Ablauf
-
- Die erste Weltwirtschaftskrise des 21.
Jahrhunderts begann im Verlauf des
- Jahrs 2006 als Überkapazitäts- und
Strukturkrise in der Automobilindustrie
- und als Immobilienkrise in den USA,
Großbritannien, Irland und Spanien.
- Sie beendete einen beispiellosen
sechsjährigen globalen Boom, der zu einer
- kaum mehr für möglich gehaltenen
weiteren Expansion des
- Kapitalverhältnisses mit allen ihren
klassischen, aber auch einigen
- neuartigen spekulativen
Begleiterscheinungen geführt hatte. Die überhöhten
- Preise für Häuser,
Eigentumswohnungen und gewerbliche Immobilien begannen
- rapide zu fallen, und dieser
Wertverfall machte die durch die Immobilien
- besicherten Hypotheken und
Hypothekenderivate zunehmend notleidend. Hinzu
- kamen markante Absatzeinbrüche bei
den drei US-amerikanischen und einigen
- europäischen und japanischen
Autokonzernen: Sie signalisierten den Beginn
- einer weltweiten Branchenkrise im
kapitalintensivsten Sektor der
- industriellen Produktion.
-
- Seit der Jahreswende 2006/20(07 griff
die Krise auf den Finanzsektor über.
- Der Absturz der Häuser- und
gewerblichen Immobilienpreise weitete sich zu
- einer weltweiten Hypothekenkrise aus.
Regionale Hypothekenbanken gerieten
- durch massive Abschreibungen in die
Verlustzone, und im Juni 2007 musste
- die amerikanische Investmentbank Bear
Stearns erstmalig zwei ihrer Hedge
- Funds liquidieren. Da die notleidend
gewordenen amerikanischen
- Hypothekenkredite zu erheblichen
Teilen in undurchsichtige Kreditderivate
- (Collateralized Debt Obligations =
CDO) verpackt und über die USA hinaus
- weltweit weiterverkauft worden waren,
lösten ihr Preisverfall und der
- damit verbundene massive Anstieg der
Risikoprämien eine globale
- Kettenreaktion aus, die sich mit den
Hypothekenkrisen in Großbritannien,
- Irland und Spanien überschnitt. Die
Subprime Krise erreichte im Sommer
- 2007 ihren ersten Höhepunkt. Ihr
globaler Charakter kam schlagartig
- dadurch zum Ausdruck, dass die ersten
Stützungsaktionen für
- kollapsbedrohte Banken an der
Peripherie des Geschehens stattfanden, deren
- Schieflagen aber alle ihren Ursprung
in den angelsächsischen Krisenzentren
- hatten, so etwa die Illiquidität der
Düsseldorfer Internationalen
- Kreditbank (IKB) oder der Sächsischen
Landesbank (SachsenLB), aber auch
- die massiven Abschreibungen und
Geschäftsverluste der schweizerischen
- Universalbank UBS.
-
- Seit dem Sommer 2007 weitete sich die
Hypothekenkrise in fünf bis sechs
- Schockwellen zur weltweiten
Kreditkrise aus und griff bis September 2008
- auf das gesamte Bankwesen über. Im
März 2008 kollabierten die
- US-amerikanische Investmentbank Bear
Stearns und die britische
- Hypothekenbank Northern Rock. Dabei
kam es im Anschluss an die ersten
- deutschen Rettungsaktionen vom Sommer
des Vorjahrs erstmalig auch in
- England und den USA zu massiven
Staatseingriffen: Northern Rock erhielt
- eine umfassende staatliche
Stützungsgarantie, und Bear Stearns wurde von
- der Universalbank JP Morgan Chase
übernommen, während die Federal Reserve
- Bank (Fed), die Zentralnotenbank der
USA, die Ausgliederung und
- Refinanzierung der notleidend
gewordenen Wertschriften organisierte. Eine
- weitere Schockwelle folgte dann im
September: Zu Beginn des Monats standen
- die beiden größten
Hypothekenförderbanken der USA, Fannie Mae und Freddie
- Mac, vor dem Kollaps und konnten nur
durch eine umfassende staatliche
- Rettungsaktion aufgefangen und
rekapitalisiert werden. Darauf folgte zur
- Monatsmitte der Zusammenbruch der
Investmentbank Lehman Brothers, während
- die Investmentbank Merrill Lynch durch
einen Notverkauf an die
- Universalbank Bank of America gerettet
wurde. Aber nicht nur die
- Investmentbanken waren tödlich
getroffen und verschwanden in den folgenden
- Monaten von der Bildfläche, indem sie
sich in Geschäftsbanken umwandelten
- oder mit Geschäftsbanken
fusionierten. Auch führende Unternehmen der
- Versicherungsbranche waren in ihrer
Weiterexistenz bedroht, wie der
- faktische Ruin des größten
US-amerikanischen Versicherungskonzerns
- American International Group (AIG)
eine Woche später zeigte. Bei der AIG
- waren vor allem spezifische
Kreditderivate (Credit Default Swaps = CDS)
- notleidend geworden. Mit CDS
versichern sich weltweit Käufer von Anleihen
- gegen die Ausfallsrisiken der
Emittenten in außerbörslichen bilateralen
- Verträgen. Da es keine zentrale
Gegenpartei gibt und die CDS-Verträge
- außerhalb der traditionell üblichen
Rückversicherungsbestimmungen
- abgeschlossen werden, sind sie mit
hohen Risiken behaftet, und die sich
- inzwischen auf mindestens 60 Billionen
US-$ belaufenden und weltweit
- verteilten CDS könnten beim Ausfall
einer ihrer führenden Säulen, zu denen
- die AIG gehört, eine fatale
Kettenreaktion auslösen. Tatsächlich wurde die
- AIG bis jetzt durch mehrere staatliche
Rettungspakete, die sich inzwischen
- auf 153 Mrd. US- $ summieren,
gestützt. Dessen ungeachtet zeigte aber das
- im September 2008 erfolgte Ausgreifen
der weltweiten Hypothekenkrise auf
- ein Schlüsselelement der globalen
Derivatemärkte, deren Gesamtvolumen
- inzwischen auf mindestens 600
Billionen und maximal 1.000 Billionen $
- geschätzt wird. dass sich die
Finanzbranche als entscheidende Triebkraft
- des vergangenen Expansionszyklus auf
den Abgrund zubewegt. Im September
- 2008 wankte das gesamte internationale
Finanzwesen, und zwar die
- Geschäftsbanken und die seit den
1970er Jahren entstandenen
- Investmentfonds (Hedge Funds, Private
Equity Funds und Pensionsfonds)
- gleichermaßen.
-
- Die Schockwellen gingen aber bis heute
unaufhörlich weiter, wie die
- massiven Abschreibungen und operativen
Verluste praktisch aller global
- operierenden Banken zeigen, und die
praktisch in allen Metropolenländern
- in Gang gekommenen Rettungsoperationen
in Form staatlicher Bürgschaften
- für die zunehmend ausgelagerten toxic
assets, die öffentlichen
- Kapitalspritzen zur Auffüllung des
Eigenkapitals sowie die zunehmenden
- staatlichen Kapitalbeteiligungen
dürften noch lange auf der Agenda der
- Regierungen bleiben. Sie versuchen
seit dem Sommer 2007, die Geld- und
- Kapitalmärkte durch koordinierte
Leitzinssenkungen ihrer Zentralbanken,
- durch die Liquiditätsversorgung der
zusammengebrochenen Interbankenmärkte
- und die Übernahme notleidend
gewordener Wertschriften und Schuldenpapiere
- in die öffentliche Regulationssphäre
in Gang zu halten. Wie die neuesten
- Daten zeigen, ist es bis jetzt nicht
gelungen, die weltweite Verknappung
- der Kredite und die Flucht der
Kapitalvermögensbesitzer aus den
- Finanzfonds in die »sicheren
Häfen«" der »harten" Währungen und
- Staatsanleihen aufzuhalten. Der Grund
dafür ist einfach: Auf den Absturz
- der Hypothekenpapiere und
Kreditderivate folgen inzwischen die zunehmend
- »faul" werdenden Kreditkarten-,
Leasing- und Kaufhauskreditschulden, deren
- Umfang noch weitgehend unbekannt ist
und inzwischen den De
- facto-Zusammenbruch der Citigroup, der
einstmals größten US-Geschäftsbank,
- ausgelöst hat. Ein Ende der globalen
Finanz- und Kreditkrise ist nicht
- abzusehen, und das in einer Situation,
in der sie längst die parallel zu
- ihr in Gang gekommenen Struktur- und
Branchenkrisen verstärkt hat und sich
- wie ein Schwelbrand auf alle
Komponenten des Weltwirtschaftssystems
- ausweitet.
-
- Die Ereignisse des »schwarzen«
Vierteljahrs vom September bis November
- 2008 erfassten im Gefolge der um sich
greifenden Kreditrestriktion und
- Kapitalfluchtbewegungen auch die
weltweiten Aktienmärkte, also jene
- Sektoren der Kapitalreproduktion, auf
denen langfristige Kapitalkredite an
- den Börsen als Unternehmensaktien und
Aktienderivate (Optionen, Anleihen
- und Terminpapiere) gehandelt werden.
Der Absturz der Finanztitel riss
- zuerst die Notierungen der
strukturschwachen Branchenunternehmen,
- insbesondere der Autoindustrie, mit
sich und weitete sich dann strukturell
- und geographisch auf das gesamte
börsennotierte Kapital aus. Seit
- Jahresbeginn fielen die Aktienindizes
der US-amerikanischen, europäischen
- und japanischen Börsen um
durchschnittlich 35 bis 40 Prozent, wobei die
- Turbulenzen in den Monaten September
und Oktober immer stärker die
- Erinnerung an die Ereignisse der
Weltwirtschaftskrise des vergangenen
- Jahrhunderts wachriefen. In den
Herbstmonaten wurden aber auch die
- Aktienbörsen der Schwellenländer
voll erfasst, und hier sind die
- Kapitalverluste inzwischen derart
angestiegen, dass sie nicht nur die
- spekulativen Überbewertungen
beseitigten, sondern auch eine Phase der
- massiven Kapitalvernichtung
einleiteten. Aus den Börsen der so genannten
- BRIC-Staaten (Brasilien, Russland,
Indien und China) werden inzwischen
- Jahresverluste zwischen 60 und über
70 Prozent gemeldet.
-
- Eine entscheidende dritte Komponente
des Wegs in die Weltwirtschaftskrise
- stellte der weltweite Zerfall der
Rohwarenpreise dar, der im Verlauf des
- Juli 2008 nach einer nochmaligen
massiven Steigerung der Lebensmittel- und
- Energiepreise einsetzte und auf fast
klassische Manier den Umschlag von
- der spekulativen Überexpansion zum
krisenhaften Absturz markierte. Der
- Erdölpreis ist inzwischen von seinem
Spitzenpreis von 147 $ pro Fass
- (barrel = 159 Liter) auf unter 40 $
gefallen, die Preise für
- Industriemetalle und
landwirtschaftliche Industrierohwaren (Baumwolle
- usw.) haben sich mehr als halbiert,
und auch die Preise für die
- Grundnahrungsmittel (Reis, Mais,
Getreide) sind um durchschnittlich ein
- Drittel zurückgegangen. An ehesten
können sich noch die Edelmetalle auf
- den Rohwarenterminbörsen behaupten,
aber selbst der Goldpreis zeigte bis
- jetzt eine rückläufige Tendenz.
-
- Angesichts dieser Entwicklungen nimmt
es nicht wunder, dass auch die
- Transportkosten, die in vielen Fällen
eine wesentliche Komponente der
- Rohwarenpreise darstellen, drastisch
eingebrochen sind. Vor allem bei den
- maritimen Transporten, dem
Hauptträger der globalen Transportkette,
- setzten sich dabei deflationäre
Tendenzen durch, die die Selbstkosten in
- einigen Sektoren weit unterschritten
und in ihrem Ausmaß und Verfallstempo
- sogar die Vergleichsdaten der
Weltwirtschaftskrise des vergangenen
- Jahrhunderts übertreffen. Die
Container-Frachtraten der
- Rotterdam-Taiwan-Linien stürzten
beispielsweise von 2.500 $ pro Container
- zu Jahresbeginn bis Ende Oktober auf
400 $, und die Charterraten für die
- größten Schiffstypen der
Massengutfracht sind bis Ende November auf ein
- Elftel ihres Höchstwerts in der
Boomphase des Jahrs 2007 zurückgegangen.
- Dadurch verstärkt sich aber nicht nur
der Verfall der Rohwarenpreise
- weiter, sondern es werden auch weit
reichende Folgeprozesse ausgelöst. Die
- bis zum Sommer dieses Jahrs auf einen
massiven Kapazitäts- und
- Infrastrukturausbau getrimmte maritime
Hafen- und Logistikkette ist in
- ihren Grundfesten erschüttert, und in
den letzten Wochen sind weltweit
- mindestens 80 Prozent der
Schiffsneubaukontrakte mit den führenden Werften
- in China, Südkorea, Japan und Vietnam
storniert worden.
-
- Parallel dazu hat sich die
Überkapazitäts- und Strukturkrise des
- Automobilsektors, des Baugewerbes und
des Immobiliensektors weiter
- vertieft. Zwei der »big three« der
US-Autoindustrie General Motors und
- Chrysler stehen inzwischen vor
dem Bankrott. Die Bush-Administration gab
- ihnen jedoch in der Vorweihnachtswoche
durch die Bewilligung von
- Notkrediten eine Galgenfrist bis März
2009, wobei zugleich die letzten
- Errungenschaften der amerikanischen
Automobilarbeiterinnen und arbeiter
- geschleift werden. Aber die
Branchenkrise hat mittlerweile alle
- Unternehmen der Kraftfahrzeugbranche
erfasst. Auch die Umsätze der
- besonders arbeitsintensiven,
technologisch innovativen und auf
- schadstoffarme Erzeugnisse setzenden
Vorzeigeunternehmen sind inzwischen
- weltweit zwischen 20 und 30 Prozent
eingebrochen. In den meisten Fällen
- sind mittlerweile die so genannten
Randbelegschaften befristet
- Beschäftigte, LeiharbeiterInnen usw.
aus den Betrieben verschwunden,
- während die Belegschaftskerne mit der
Aussicht auf eine längere Periode
- der Kurzarbeit in verlängerte
Weihnachtsferien geschickt wurden. Derartige
- Übergangslösungen sucht man
inzwischen auf den unteren Ebenen der
- Wertschöpfungskette der
Kraftfahrzeugindustrie vergebens, und die
- Nachrichten über abrupte
Betriebsschließungen bei den kleinen und
- mittleren Zulieferern beginnen sich zu
häufen.
-
- Alle diese Entwicklungstendenzen
werden durch die weltweite Verteuerung
- der Kredite wechselseitig verstärkt
und verallgemeinert. Spätestens seit
- dem dritten Quartal des Jahrs 2008
befinden sich die Triade-Regionen
- Nordamerika, Europa und Japan in der
Rezession. Die Massenerwerbslosigkeit
- ist seit Oktober in den USA, England
und Spanien dramatisch angestiegen
- und hat inzwischen ausgehend von der
transatlantischen Region auf alle
- entwickelten Nationalökonomien
übergegriffen. Ihr ökonomisches Gegenüber
- sind drastisch sinkende Zins- und
Profitraten, die im Verein mit den
- zunehmend verteuerten Krediten und der
sich rasant verschlechternden
- Auftragslage zu einem drastischen
Rückgang der Investitionsvorhaben
- geführt haben. Das wiederum hat eine
immer raschere Kontraktion des
- Außenhandels zur Folge, wobei vor
allem die besonders exportintensiven
- Länder der Triade Japan,
Deutschland und die Schweiz auf den Verfall
- ihrer Ausfuhren mit einer
überproportionale Drosselung der Importe
- reagieren und dadurch eine sich selbst
verstärkende Spirale des
- weltwirtschaftlichen Niedergangs in
Gang bringen.
-
- Aufgrund dieser massiven
Importrestriktionen griff die inzwischen voll
- ausgebildete Krise der Triade seit
Oktober 2008 mit voller Wucht auf die
- Schwellen- und Entwicklungsländer
über. Sie wurden und werden von dieser
- Entwicklung in einer Situation
getroffen, in der ihre Exporte in die
- Triade-Regionen den tragenden Pfeiler
ihres nachholenden
- Wirtschaftswachstums bilden und sie
die damit einhergehenden
- volkswirtschaftlichen Ungleichgewichte
in der Zahlungsbilanz durch die
- Anhäufung hoher Bestände an
Devisenreserven ausgeglichen hatten. Dieser
- labile Zustand wurde nun abrupt
beendet. Die weltwirtschaftliche
- Kreditrestriktion, der Verfall der
Aktienkurse und der Niedergang der
- Rohwarenpreise addierten sich mit den
Einbrüchen im Exportsektor zu einer
- brisanten Mixtur, die vorübergehend
durch den Rückgriff auf die
- Währungsreserven und den
Wiederanstieg der Staatsverschuldung ausgeglichen
- wurde.
-
- Aber die BRIC-Staaten und noch weniger
die Schwellenländer der zweiten
- Garnitur wie Mexiko, Südkorea,
Indonesien, Ungarn oder die Ukraine sind
- nicht die USA, die sich mit ihrer auch
heute noch unangefochtenen
- Weltleitwährung gigantische
Zahlungsbilanzdefizite und Schuldenberge
- leisten kann, ohne von ihren
Gläubigern dafür zur Rechenschaft gezogen zu
- werden. Die internationalen Investoren
zogen ihr Kapital ab, sobald sich
- die Währungsreserven der
Schwellenländer verminderten, sich ihre
- Zahlungsbilanzen verschlechterten und
die Verschuldung ihrer öffentlichen
- Budgets wieder zunahm. Massive
Währungsabwertungen sind seither die Folge
- und provozieren brisante Turbulenzen
auf den internationalen
- Devisenmärkten. Zusätzlich werden
nun die strukturellen Defizite und die
- vielfältigen
Überschuldungskonstellationen sichtbar, in denen vor
allem
- die südostasiatischen,
südamerikanischen und ostmitteleuropäischen
- Schwellenländer befangen sind. Sie
führten seit dem Spätherbst zu ersten
- faktischen Staatsbankrotten, wobei
neben Ungarn, Pakistan, Lettland und
- der Ukraine auch die nordatlantische
Inselrepublik Island notleidend
- wurde. Die sozialen Folgen spitzen
sich in diesen Ländern dramatisch zu.
- Aber auch in den USA werden inzwischen
ganze Stadtviertel durch die
- Vertreibung der Familien aus ihren
Eigentumshäusern und Mietwohnungen
- »stillgelegt«, und im Bundesstaat
Kalifornien ist gerade ein
- Sanierungsprogramm zur Abwendung der
drohenden Zahlungsunfähigkeit
- gescheitert.
-
- In der globalen Perspektive wurde bis
heute ein dramatischer Absturz des
- Bruttosozialprodukts durch die
massiven finanzpolitischen
- Stützungsmaßnahmen der Länder und
Machtblöcke des kapitalistischen
- Zentrums ihr Volumen wird
derzeit auf mindestens 7 Billionen $ geschätzt
- - und die inzwischen breit anlaufenden
antizyklischen Konjunkturprogramme
- (China, EU, USA und Japan) verhindert.
Auch die Währungsturbulenzen wurden
- einigermaßen unter Kontrolle
gehalten, die Dollarwährung ist bis jetzt
- überraschend stabil geblieben (aber
dies könnte sich rasch ändern). Dies
- ist die Voraussetzung für das weitere
Funktionieren der in den 1990er
- Jahren entstandenen strategischen
Schuldner-Gläubiger-Achse des
- Weltsystems, Chinas und der USA.
Trotzdem hat die Krise schon jetzt das
- Ausmaß der Krise von 1973
überschritten und wird, selbst wenn sie in den
- nächsten Monaten erfolgreich
eingedämmt werden sollte, einen neuen Zyklus
- der Ausbeutung und eine neue Ära des
kapitalistischen Weltsystems
- einleiten. Eine kurzfristige
Stabilisierung ist jedoch wenig
- wahrscheinlich. Die dem
monetaristischen Denken verhaftete erste Phase der
- finanzpolitischen Rettungsoperationen
ist gescheitert, denn sie war viel
- zu stark dem Verdikt des Vordenkers
der ökonomischen Konterrevolution
- Milton Friedman verhaftet, der die
Ausbreitung der Weltwirtschaftskrise
- von 1929 so gut wie ausschließlich
einer falschen Geldpolitik der
- amerikanischen Notenbank angelastet
hatte. Der um sich greifende Kredit-.
- und Investitionsstreik der
Kapitalvermögensbesitzer und der von ihnen
- kontrollierten Unternehmens-, Bank-
und Fondsmanager kann durch eine
- Politik des billigen Gelds und des
Überflutens der Kredit- und
- Kapitalmärkte mit zinsloser
Liquidität nicht gestoppt werden. Genau so
- unsicher ist, ob die teilweise
keynesianisch orientierten
- Konjunkturprogramme greifen werden,
denn sie sind nicht weltweit
- abgestimmt und müssten vor allem von
den stärksten Gläubiger- und
- Exportländern (Japan, China, Länder
der Euro-Zone) mit größter
- Beschleunigung und in gigantischem
Ausmaß vorangetrieben werden. Sogar das
- mehr oder weniger komplette
Überschaufeln der faulen Kredite und
- Privatschulden in die öffentlichen
Kassen und Haushalte beeindruckt die
- Investoren so lange nicht, als dadurch
die offen zutage getretenen
- strukturellen Defizite und die
strategischen Fehler der Fonds- und
- Bankenmanager folgenlos bleiben und
vertuscht werden. Darüber hinaus wird
- der Krisenmechanismus dadurch nur
verschoben, nicht aber eingedämmt. Denn
- die Kapitalvermögensbesitzer nehmen
die Federal Reserve Bank der USA
- längst als einen riesigen Hedge Fund
wahr, für den das Schatzamt (Treasury
- Department) als gigantischer
Investmentbroker die Mittel beschafft. Es ist
- also nur eine Frage der Zeit, bis sie
auch »Uncle Sam" als nicht mehr
- kreditwürdig einstufen aber wo
sollen sie dann überhaupt noch
- investieren? Derzeit ist kein neuer
strategischer Wirtschaftssektor
- sichtbar, und auch die Hoffnung, die
Schwellenländer könnten im Schlepptau
- ihres Vorreiters und strategischen
USA-Gläubigers China die Karre aus dem
- Dreck ziehen, ist längst verflogen.
- 1.2 Wesentliche Eigenschaften der
Krise
-
- Wir haben uns einige Mühe gegeben, um
die sich allmählich entwickelnde
- Synchronisierung der verschiedenen
Krisenfaktoren des neuesten
- Krisenzyklus nachzuzeichnen. Was aber
waren die wesentlichen Ursachen für
- den Schwelbrand, der vor zwei Jahren
von einigen Dachstühlen des
- weltwirtschaftlichen Gebäudekomplexes
ausging und inzwischen alle Sektoren
- und Territorien des globalen
Wirtschaftskreislaufs erfasst hat? Schon ein
- oberflächlicher Blick auf die
wesentlichen Schnittstellen dieses Prozesses
- macht klar, dass sie sich auf drei
wesentliche Charakteristika
- zurückführen lassen. Es handelt sich
erstens um eine Krise der weltweiten
- Überakkumulation des Kapitals in
allen seinen Erscheinungsformen und
- Metamorphosen: Der Industriesektor ist
durchschnittlich zu 25 Prozent (in
- der Autoindustrie noch wesentlich
stärker), die globale Transportkette ist
- zu 30 bis 35 Prozent und der Banken-
und Finanzsektor zu mindestens 50
- Prozent überakkumuliert. Diese
Überakkumulation geht zweitens mit einer
- massiven globalen Unterkonsumtion
einher, weil das Kapital im vergangenen
- Zyklus die Masseneinkommen in den
Zentren massiv senkte, in den
- Schwellenländern die
überproportionalen Wachstumsraten auf der Basis von
- Niedrigstlöhnen erwirtschaftete und
die Massenarmut des Südens (Slum
- Cities, Schattenwirtschaft) im Zustand
des drohenden Hunger-Genozids
- belassen wurde. Zwar gelang es den
Unterklassen genau jener entwickelten
- Weltregionen, von denen die Krise
ausging, ihre Einkommensverluste
- teilweise durch diverse Techniken der
Schuldenaufnahme zu kompensieren,
- aber ihre untersten Segmente blieben
davon konstant ausgeschlossen, und im
- Vergleich mit den gewaltigen
Steigerungen der Produktivkraft der
- gesellschaftlichen Arbeit verbreiterte
sich die Schere zwischen
- Produktivkraftentwicklung und
Arbeitseinkommen trotzdem auch in den USA,
- Großbritannien und Spanien massiv zum
Nachteil der Klasse der
- Arbeiterinnen und Arbeiter. Dennoch
wurde dadurch drittens in den
- entwickelten Zentren des Weltsystems
das Wechselspiel von Überkapazitäten
- und Unterkonsumtion zeitweilig durch
die Finanzpolitik des billigen Gelds
- und der billigen Kredite kompensiert,
aber dies vermochte den Ausbruch der
- Krise nur um ein paar Jahre
hinauszuzögern. Während sich die
- Niedriglohnsektoren ausdehnten und die
Prekarisierung der
- Beschäftigungsverhältnisse zunehmend
bis in die Mittelschichten vordrang,
- verschuldeten sich zig Millionen
Menschen weltweit in einem Gesamtvolumen
- von mindestens 12 Billionen $
(Hauskredite ohne Eigenmittel,
- Kreditkartenschulden, Kauf- und
Leasingschulden, Studentendarlehen usw.)
- Dieser Mechanismus funktionierte so
lange, weil die in die Unterklassen
- gepumpten Kreditschulden weltweit
diversifiziert wurden. Aber er stieß im
- Verlauf des Jahrs 2006 an seine
äußere Grenze und riss das gesamte
- Finanzsystem umso abrupter in die
Tiefe. Er verstärkte dadurch die seit
- längerem bestehenden strukturellen
Verwerfungen und Überkapazitäten in
- wirtschaftlichen Schlüsselbranchen
(Baugewerbe, Automobilindustrie und
- deren Zuliefersektoren, aber auch
IT-Branche und Stahlindustrie) und löste
- zusammen mit den Preisstürzen der
Rohwaren, im Zirkulationssektor und auf
- den Aktienmärkten sowie der um sich
greifenden Kreditrestriktion die neue
- Weltwirtschaftskrise aus. Die Folge
war ein weltweiter Investitionsstreik
- der Kapitalvermögensbesitzer, der
inzwischen auf alle wesentlichen
- Kapitalsphären übergreift, weil in
ihnen innerhalb weniger Monate
- nacheinander die Zins- und Profitraten
abgestürzt sind.
-
- 2. Der voraufgegangene Zyklus
(1973-2006)
-
- Um die innere Dynamik, die
Entwicklungsperspektive und die
- wahrscheinlichen Folgen der aktuellen
Weltwirtschaftskrise abschätzen zu
- können, ist ein kurzer Rückblick auf
die wesentlichen Merkmale des
- voraufgegangenen globalen Zyklus der
Jahre 1973 bis 2006 erforderlich.
- Dabei müssen wir uns zunächst darauf
beschränken, die wesentlichen
- Charakteristika des Wirtschaftszyklus
1973 bis 2006 herauszuarbeiten.
- 2.1 Eigenschaften einer typischen
langen Welle (Kondratieff)
-
- Der Zyklus begann mit der
Weltwirtschaftskrise 1973, die in eine
- mehrjährige Depression überleitete.
Diese Krise war durch die weltweiten
- Arbeiter- und Sozialrevolten von 1967
bis 1973, eine Weltwährungskrise
- (Abkopplung der Goldbindung des
Dollar, Übergang zu flexiblen
- Währungskursen) und den Erdölschock
des Jahrs 1973 (Yom Kippur-Krieg)
- ausgelöst worden und hatte in den
folgenden Jahren wegen des
- vorherrschenden Gebrauchs der
Inflationspolitik gegen die Lohnrigidität
- der arbeitenden Klassen den Charakter
einer so genannten Stagflation
- angenommen. In den folgenden 35 Jahren
lösten mehrere fünfjährige
- Konjunkturzyklen einander ab, die
durch teilweise schwere Teilkrisen
- unterbrochen wurden: 1982 (zweite
Ölkrise), 1987 (USA), 1992/93
- (Japankrise), 1997/98 Ostasien- und
Russlandkrise) und 2000/2001 (Kollaps
- der New Economy). Eine entscheidende
Zäsur bildeten die Jahre 1989 bis
- 1991, als das Sowjetimperium
implodierte und der Aufstieg Chinas begann.
- Ohne den sich daraus ergebenden
schlagartigen und gewaltigen
- Expansionsschub wäre die letzte
»lange Welle« sehr viel früher zu Ende
- gegangen. Hinzu kam die
Kreditexpansion vor allem der letzten
- Konjunkturperiode von 2001 bis 2006,
die die Wechselwirkungen von
- Überakkumulation und geschrumpften
Masseneinkommen nochmals überlagerte
- und den Kriseneinbruch um mehrere
Jahre hinauszögerte.
- 2.2 Vom Krisenangriff zur
Überausbeutung der globalen Klasse der
- Arbeiterinnen und Arbeiter
-
- Der Krisenangriff des Kapitals zwang
die Arbeiterklasse bis Ende der
- 1970er Jahre weltweit zum Rückzug und
unterwarf sie in der Peripherie, in
- den Schwellenländern und den
entwickelten Zentren trotz heftiger
- Klassenauseinandersetzungen auch in
den 1980er Jahren ausgeprägten
- Prozessen der (Re-)Proletarisierung.
Darauf werde ich weiter unten noch
- genauer eingehen. Hier interessieren
zunächst nur die ökonomischen Folgen:
- Die Masseneinkommen sanken relativ und
absolut zur Kapital- und
- Kapitalvermögensbildung, und dieser
Prozess wurde durch eine systematische
- Strategie der Unterbeschäftigung bis
zum Ende des Zyklus in Gang gehalten.
- Es gelang den Aktionszentren des
Kapitals trotz aller temporären und
- regionalen Einbrüche und trotz
teilweise heftiger Konstitutionskämpfe der
- neuen industriellen Arbeiterklasse in
einigen Schwellenländern (vor allem
- Südkorea und einige südamerikanische
Länder), in den konjunkturellen
- Aufschwungperioden hohe Zinsen und
Profite einzuheimsen. Die Niederhaltung
- und überproportional starke
Ausbeutung der Klasse der Arbeiterinnen und
- Arbeiter und die Pauperisierung
wesentlicher ihrer Segmente in Richtung
- »Arbeitsarmut« waren somit trotz
aller entgegenwirkenden Tendenzen ein
- wesentliches Merkmal der vergangenen
langen Welle aber auch die Ursache
- ihres durch den Kreditboom des
»verrückten" ersten Jahrzehnts des
- Millenniums nur hinausgeschobenen
Zusammenbruchs.
- 2.3 Neue Technologien
-
- Ein weiterer entscheidender endogener
Faktor war die Potenzierung der
- technologischen Herrschaft des
Kapitals. Der »Kondratieff« des Zyklus
- 1973-2006 verhalf dem Kapital durch
massive technische Innovationen zur
- Steigerung der Profitraten, indem er
bei fortschreitend sinkenden
- relativen Lohnraten die
organische Zusammensetzung des Kapitals in
- strategischen Bereichen verringerte:
Umwälzung und Standardisierung der
- Transportketten durch den Container,
Umwandlung der
- Kommunikationsstrukturen durch
Informatik und Informationstechnologie,
- Mikrominiaturisierung und
Roboterisierung der Produktionsanlagen und
- Umstellung der Maschinenparks auf
numerisch gesteuerte Aggregate. Bis
- jetzt liegen keine gesicherten Daten
über die im vergangenen Zyklus
- erreichte Steigerung der
Ausbeutungsraten durch die weitere Verdichtung
- der Arbeitsprozesse, die Einführung
der neuen technologischen Instrumente
- der reellen Subsumtion, die
Indienstnahme und Verwertung der subjektiven
- Kreativität der Ausgebeuteten sowie
die arbeitsorganisatorische
- Totalisierung betrieblicher Herrschaft
(»total productive management«
- usw,) vor. Wir können aber mit
Sicherheit davon ausgehen, dass sich die
- dem Umverteilungsprozess entzogene
Produktivkraft des gesellschaftlichen
- Gesamtarbeiters im vergangenen Zyklus
mit jährlichen Steigerungsraten
- zwischen 2,5 und 3,0 Prozent
mindestens verdoppelt hat.
- 2.4 Nochmalige Expansion des
Weltmarkts und der weltweiten Arbeitsteilung
-
- Als entscheidender exogener Faktor
schlug die oben schon angedeutete
- Expansion der Kapitalanlagesphären
und Märkte zu Buch, die zu Beginn der
- 1990er Jahre ihren Höhepunkt
erreichte. In diesen Jahren konnte sich der
- Sohn eines Schrotthändlers von
Kalkutta aus den Investitionsruinen
- Osteuropas und in den
Sonderwirtschaftszonen der Peripherie ein
- Stahl-Imperium aufbauen das ist
nur ein Beispiel von vielen.
- Entscheidend war die Verknüpfung
dieses geographischen Expansionsprozesses
- mit neuartigen Formen der
internationalen Arbeitsteilung, die durch die
- Miniaturisierung der fixen Kapitalien,
die neuen Informationstechnologien
- und die massive Senkung der
Transportkosten ermöglicht wurde: Der Aufbau
- globaler Netzwerkunternehmen, deren
Wertschöpfungsketten von zumeist in
- den Metropolen gelegenen
Entwicklungs-, Design- und Marketingzentren
- gesteuert werden, war möglich
geworden: Die segmentierten Arbeitsprozesse
- konnten über die Weltregionen mit den
niedrigsten Ausbeutungsraten
- verteilt und miteinander verknüpft
werden.
- 2.5 Die neue Weltwirtschaftsachse
Washington Peking
-
- Dass die neuen Formen der
internationalen Arbeitsteilung in der Tat die
- entscheidende strategische Achse des
vergangenen Zyklus darstellten, wird
- uns schlagartig klar, wenn wir unseren
Blick auf die beiden wichtigsten
- Volkswirtschaften richten, die seit
Beginn der 1990er Jahre eine
- folgenreiche stille Symbiose
eingingen: Die USA und China. Diese
- symbiotische Beziehung bestand und
besteht darin, dass der eine Partner
- spart und hart arbeitet, während der
andere die ihm übereigneten Produkte
- und Revenuen mit beiden Händen
ausgibt. Sicher ist dieses Bild sehr
- unscharf, aber es reflektiert die
entscheidenden Tatbestände. Im Prozess
- der nachholenden kapitalistischen
Entwicklung kettete der chinesische
- Staatsdespotismus die ihm
unterworfenen Bauern-Arbeiter und
- WanderarbeiterInnen an die
verlängerte Werkbank der Welt, exportierte ihre
- Produkte zu Dumpingpreisen in die
entwickelten Zentren insbesondere die
- USA und ließ sie sich
überwiegend mit Zahlungsversprechen
- Staatsanleihen begleichen, was
es den USA wiederum ermöglichte, die aus
- der eigenen Niedriglohnstrategie
resultierende Pauperisierungsprozesse
- durch eine ihrerseits wieder in
die Welt umgeleitete Kreditexpansion
- zu kaschieren. Die verlängerte
Werkbank avancierte auf diese Weise
- zusätzlich zur Hausbank der USA und
ist auf Gedeih und Verderb an sie
- gekettet, weil ein markanter Sturz des
Dollar beide Partner gleichzeitig
- ruinieren würde. Denn die chinesische
Zentralbank hält seit längerem den
- größten Teil ihrer Devisenreserven
in US-$ (2 Billionen) und hat
- US-Schatzanleihen in Höhe von fast 1
Billion $ aufgenommen: Ein
- unkontrollierter Kursverfall des
US-Dollar würde also ihre
- Gläubigerposition dramatisch
entwerten, während er die USA aufgrund der
- dann einsetzenden internationalen
Kapitalflucht umgekehrt in den
- Staatsbankrott treiben würde. Aber
auch ohne den Eintritt eines solchen
- Horrorszenarios erscheint die auf
jeden Fall unausweichlich gewordene
- Überwindung der grotesk überspitzten
Schuldner-Gläubiger-Position fast
- unmöglich. Eine einfache
Rechenüberlegung zeigt, wie schwer es sein wird,
- den jetzt begonnen Rückgang der
relativen Überkonsumtion der USA und die
- damit einher gehende Rückkehr ihrer
Bevölkerung zur früher üblichen
- Sparquote von 5 Prozent des
Bruttoinlandsprodukts (BIP) durch eine
- komplementäre Steigerung des
chinesischen Massenkonsums auszugleichen und
- dadurch die wechselseitigen
Verwerfungen der Zahlungsbilanz zu überwinden:
- Der derzeit extrem niedrige
chinesische Massenkonsum müsste schlagartig um
- 40 Prozent erhöht werden. Dies
erscheint fast unmöglich, aber es wirft ein
- Schlaglicht auf die Tatsache, dass der
Hebel zu einer weltweiten
- antizyklischen und wohlgemerkt
systemkonformen Krisenüberwindung an
- erster Stelle in China liegt, und dass
der weitere Verlauf der Krise und
- der sich mit großer
Wahrscheinlichkeit daran anschließenden
- Überschuldungsdepression im Fall des
Ausbleibens einer revolutionären
- Transformationsalternative in erster
Linie durch die weitere Entwicklung
- des »Chimerica«-Projekts bestimmt
werden wird.
- 2.6 Weltweite Expansion der Finanz-
und Kreditmärkte
-
- Die Umstrukturierung und
Internationalisierung der Ausbeutungs- und
- Wertschöpfungsketten wäre ohne die
internationale Ausweitung des
- Finanzsystems nicht möglich gewesen.
Die Flexibilisierung der Wechselkurse
- führte bei weiter
fortbestehender Vormachtstellung des Dollars zum
- Aufbau transnationaler Devisenmärkte
(Eurodollarmarkt, Petrodollarmarkt,
- Asiendollarmarkt), von denen ausgehend
neuartige Geld- und
- Kreditinstrumente zur Absicherung der
Wechselkursrisiken, der Risiken der
- ständig schwankenden Rohstoffpreise
und der Kursrisiken der Aktienbörsen
- entwickelt wurden. Die bisherige
»moderate" Kreditbeziehung zwischen
- Banken und Industrieunternehmen, die
auf mittelfristige Rentabilität
- gesetzt hatte, wurde zunehmend durch
die Autokratie einer wachsenden
- Schicht von Kapitalvermögensbesitzern
ersetzt, die kurzfristige
- Maximalprofite ansteuerten, indem sie
eine neue Sphäre von Investmentfonds
- gründeten und mit ihrer Hilfe die
Managementstäbe aller Wirtschafts- und
- Handelssektoren an die kurze Leine
einer maximalen Eigen- und
- Fremdkapitalrendite legten. Dadurch
kam es zur »Finanzialisierung« des
- gesamten Wirtschaftssystems und aller
Metamorphosestadien des Kapitals,
- die die durchschnittlichen
Kapitalrenditen auf Sätze zwischen 20 und 25
- Prozent steigerte mit ihnen
aber auch die Risiken und Instabilitäten.
- Parallel dazu wurden durch den
expandierenden Finanzsektor Kredite in die
- Unter- und Mittelklassen gedrückt,
die diese akzeptieren mussten, weil sie
- es ihnen ermöglichten, ihren
Lebensstandard trotz der zunehmenden
- Prekarisierung der Arbeits- und
Einkommensverhältnisse einigermaßen zu
- halten. Und drittens bildete sich,
inspiriert durch den neuen
- Finanzsektor, eine neuartige Dimension
der Kapitalexpansion in das Innere
- der Gesellschaften heraus, die ich als
»Gebühren-Kapitalismus" bezeichnen
- möchte: Die öffentlichen
zumeist kommunalen Güter wurden enteignet, um
- die alltäglichen
Reproduktionsbedingungen der Menschen vom
Trinkwasser
- über die Energieversorgung bis hin
zum Gesundheitswesen und zur
- Absicherung vor den übrigen
Existenzrisiken - in Waren zu verwandeln und
- die auf sie gelegten Kapitalrevenuen
zu steigern.
- 2.7 Zunehmende Zerstörungen der
materiellen Grundlagen der Produktion und
- Reproduktion der kapitalistischen
Gesellschaft
-
- Ein letzter bedeutender exogener
Faktor des vergangenen Zyklus war die
- zunehmende Zerstörung der
natürlichen Grundlagen des Wirtschaftssystems.
- Dies war nicht nur Folge der
gewaltigen qualitativen und quantitativen
- Expansion der unmittelbaren
Produktionsprozesse und der sie vernetzenden
- Transportketten, sondern auch der
gleichzeitigen Marginalisierung der
- Massenarmut des Südens, die zunehmend
in die Nischen der noch intakten
- Ökosysteme hineingedrückt wurde,
während umgekehrt die neuen Regime und
- Mittelklassen der Schwellenländer
damit begannen, die Umweltsünden der
- Metropolen zu kopieren. So wie der
vergangene Zyklus erbarmungslos mit den
- weltweiten Ressourcen des
Arbeitsvermögens umsprang, so gnadenlos hat er
- auch die Vernutzung der Ökosysteme
auf die Spitze getrieben. Zweifellos
- wurden inzwischen erhebliche
Anstrengungen zur »Ökologisierung" der
- Kapitalreproduktion in die Wege
geleitet, aber sie waren bislang nur ein
- Tropfen auf den heißen Stein.
Trotzdem haben aber schon diese
- geringgradigen, durch ein zunehmendes
Umweltbewusstsein erzwungenen
- Anstrengungen genügt, um
Industriesektoren, die wie die Autoindustrie
- diesem Trend nicht oder nur verspätet
folgten, in eine schwere
- Strukturkrise hineinzutreiben.
-
- 3. Unterschiede und Gemeinsamkeiten im
Vergleich mit den früheren
- Weltwirtschaftskrisen
-
- Das Nachdenken über die wesentlichen
endogenen und exogenen Faktoren des
- vergangenen Zyklus ist für ein
vertieftes Verständnis des aktuellen
- Krisenprozesses unverzichtbar. Sie
gibt uns aber keine Hilfsmittel in die
- Hand, um uns so weit dies
überhaupt möglich ist Gedanken über ihre
- weitere Entwicklung und ihren
möglichen Ausgang zu machen. Hier hilft uns
- ein kurzer ergänzender Blick auf die
bisherigen großen
- Weltwirtschaftskrisen weiter, die die
kapitalistische
- Gesellschaftsformation in ihrem
industriellen Stadium, also in den letzten
- 150 Jahren, durchmachte. Die
vergleichende Herausarbeitung der
- Unterschiede und Gemeinsamkeiten
zwischen den jetzigen und den früheren
- Weltwirtschaftskrisen ist ein
entscheidendes Hilfsmittel, um bei der
- Auseinandersetzung mit den komplexen
Strukturen und Manifestationen der
- Gegenwart den roten Faden nicht aus
den Augen zu verlieren.
- 3.1 Die Weltwirtschaftskrise 1857/58.
-
- Die Weltwirtschaftskrise von 1857/58
war die erste, die den damaligen
- entwickelten Kapitalismus synchron
erfasste. Sie hatte ihren Ursprung in
- den USA, wo gewaltige Spekulationen im
Eisenbahnwesen, dem damals
- führenden Sektor der kapitalistischen
Entwicklung, eine schwere Krise
- auslösten. Sie sprang rasch nach
England, in die norddeutschen
- Handelsstädte sowie nach
Skandinavien, Frankreich und Südosteuropa über,
- wobei sie, verstärkt durch
anfänglich massive prozyklische Aktivitäten der
- Bank of England, den Welthandel
weitgehend ruinierte und schließlich auch
- auf die damaligen Industrie- und
Infrastrukturzentren (Sheffield,
- Birmingham und Manchester, Ruhrgebiet,
Nordfrankreich, weltweite
- Eisenbahnbauprojekte usw.)
durchschlug. Da der Kapitalismus in den Jahren
- zuvor eine durch den Krim-Krieg
(1853-1856) ausgelöste enorme
- Handelsexpansion und einen gewaltigen
geographischen Ausweitungsschub
- absolviert hatte Kolonisierung
Kaliforniens, Mexikos und Australiens,
- Vertiefung der britischen Herrschaft
über Indien und gewaltsame Öffnung
- Chinas -, erwartete Karl Marx 1857/58
eine transatlantische
- Arbeiterrevolution. Er sah sich recht
bald getäuscht. Die Krisenfolgen
- wurden im Verlauf des Jahrs 1858
weitgehend überwunden, und es begann eine
- neuerliche Expansions- und
Prosperitätsperiode, die bis 1870/71 andauerte.
- Von den damaligen Zeitgenossen wurde
die simultane Wucht dieses
- Krisenprozesses hervorgehoben, aber im
Vergleich mit den späteren
- Weltwirtschaftskrisen hatte sie eher
einen embryonalen Charakter.
- 3.2 Die Große Depression der Jahre
1873 bis 1895
-
- Die Große Depression begann mit
»Gründerkrächen«, die simultan in mehreren
- Zentren der nachholenden
Kapitalakkumulation, insbesondere im neu
- begründeten kaiserlichen Deutschland
und in der Habsburg-Monarchie, in
- Gang kamen und dann auf England und
insbesondere die USA übergriffen. Sie
- dauerte bis 1879 und ging danach in
eine langjährige Depression über, die
- erst 1895 zu Ende ging. Ihre
Auswirkungen wurden von den einzelnen
- Nationalökonomien des Weltsystems
sehr unterschiedlich überwunden. In den
- USA führte sie zum brutalen Abschluss
der West-Kolonisation und zum Aufbau
- von Mammutunternehmen (Trusts), die am
damaligen Vorstoß in die neuen
- Hochtechnologiesektoren
Chemieindustrie und Elektroindustrie führend
- beteiligt waren. Eine analoge
wissenschaftsintensive zweite
- Industrialisierungswelle absolvierte
auch das kaiserliche Deutschland,
- nachdem es die Folgen des
»Gründerkrachs" überstanden hatte. Dadurch
- wurden vor allem in den USA und
Deutschland die Grundlagen zu einer
- umfassenden Rekonstruktion des
industriellen Ausbeutungs- und
- Akkumulationsprozesses geschaffen, die
die arbeitenden Klassen ihres
- handwerklichen Geschicks enteignete
und sie als Massenarbeiter der
- Despotie der Maschinenrhythmen und
verfahrenstechnischen Anlagen
- unterwarf. Insofern handelte es sich
hier um die erste
- Weltwirtschaftskrise, die die
technologisch-arbeitsorganisatorische
- Neuzusammensetzung des industriellen
Verwertungsprozesses außerordentlich
- beschleunigte. Das Verhältnis
zwischen Arbeit und Kapital wurde auf eine
- völlig neue Grundlage gestellt, auf
die die Weltarbeiterklasse dann 1905
- mit ihrer ersten weltweiten Revolte
und der Herausbildung des
- revolutionären Syndikalismus
(Industrial Workers of the World) antworten
- sollte. England und Frankreich
arrondierten dagegen vor allem ihre
- Kolonialimperien. Insbesondere das
viktorianische England zerstörte dabei
- die Subsistenzökonomie der damaligen
Peripherie derart umfassend, dass
- eine Hungerkatastrophe die Folge war,
die Millionen von Menschen das Leben
- kostete und die »Dritte Welt"
hervorbrachte.
- 3.3 Die Weltwirtschaftskrise von
1929-1932 und die Depression von 1933-1940
-
- Die Weltwirtschaftskrise des
vergangenen Jahrhunderts gibt heute noch
- immer viele Rätsel auf, obwohl über
sie seit Jahrzehnten intensiv
- geforscht wird. Als gesichert kann
heute gelten, dass sie ihre Massivität
- vor allem dem merkwürdig verlaufenen
Wachstumszyklus seit 1896 verdankte:
- Kurz vor einem sich abzeichnenden
globalen Abschwung wurde der erste
- Weltkrieg entfesselt. Der Zyklus wurde
deshalb durch eine globale
- Kriegskonjunktur verlängert und
mündete nach der Niederschlagung der
- internationalen Arbeiterrevolution von
1916-1921 und der Überwindung einer
- massiven Hyperinflationsperiode in die
»goldenen" zwanziger Jahre, die dem
- »verrückten" ersten Jahrzehnt
des 21. Jahrhunderts frappierend ähneln: Sie
- waren durch exzessive Aktien- und
Kreditspekulationen, niedrig gehaltene
- Masseneinkommen und die
Überakkumulation der industrialisierten Segmente
- der Landwirtschaft und der
durchrationalisierten industriellen
- Kapitalsektoren geprägt. Die Krise
begann als internationale Agrarkrise
- mit dem Verfall der wichtigsten
landwirtschaftlichen Rohwarenpreise, griff
- im Oktober 1929 auf die
US-amerikanischen Aktienmärkte über und führte ab
- 1930 zum Zusammenbruch des
Welthandels, nachdem die USA durch ein
- praktisch alle Wirtschaftssektoren
umfassendes Schutzzollgesetz eine
- weltweite Welle des Protektionismus
ausgelöst hatten. Danach griff die
- Krise auf die meisten
Industriesektoren über und endete, seit 1931/32
- verstärkt durch eine von Europa
ausgehende Bankenkrise und einen sich
- daran anschließenden
Abwertungswettlauf der großen Währungen, in der
- Halbierung des Bruttosozialprodukts
und in einer alle Industrieländer
- erfassenden Massenerwerbslosigkeit
zwischen 25 und 35 Prozent. Alle
- Versuche zur Überwindung der
anschließenden Depression scheiterten, auch
- der amerikanische New Deal. Es kam zu
einem internationalen
- Wirtschaftskrieg, der durch die
Hochrüstungs- und Expansionspolitik der
- Zentren der faschistischen Achse
Deutschland, Italien und Japan
- radikalisiert wurde. Die große Krise
wurde erst durch das seit 1938 in
- Europa beginnende und ab 1940 auch die
USA erfassende internationale
- Wettrüsten und die
Rüstungswirtschaften des zweiten Weltkriegs überwunden.
- Dieser katastrophale Ausgang der Krise
war keineswegs »gesetzmäßig"
- vorgezeichnet. Deshalb sollte er uns
in der Auseinandersetzung mit der
- sich jetzt ausbreitenden Weltkrise
klar machen, dass unsere Aufgabe darin
- besteht, Wege zur Krisenüberwindung
vorzuschlagen und mit durchzusetzen,
- die den Weg in einen neuen
Weltwirtschaftskrieg verbauen und zugleich als
- Hebel zur sozialistischen
Transformation des Weltsystems genutzt werden
- können.
-
- 4. Globale Proletarisierung
-
- Bevor wir uns dieser Frage zuwenden,
sollten wir uns darüber verständigen,
- wer in der Lage sein könnte, einen
Weg der Krisenüberwindung
- durchzusetzen, der nicht erneut in die
kapitalistische Barbarei führt,
- sondern eine sozialistische
Transformationsperspektive freimacht. Dies
- können nur diejenigen Klassern und
Schichten sein, die der
- kapitalistischen Akkumulations- und
Regulationsmaschinerie ihr
- Arbeitsvermögen feilhalten oder
entäußern müssen, um leben zu können: Die
- Eigentumslosen der Welt, aus denen das
sich ständig wandelnde Multiversum
- der Weltarbeiterklasse hervorgeht.
- 4.1 Historische und methodische
Voraussetzungen
-
- Dieser Ansatz ist alles andere als
selbstverständlich, und deshalb möchte
- ich ihn etwas näher erläutern. Seine
Grundlage ist das Konzept der
- Weltarbeiterklasse, das aus der Kritik
an den bisherigen »nationalen« und
- eurozentristischen Sichtweisen der
Arbeitergeschichtsschreibung und der
- Weiterentwicklung des marxistischen
Arbeits- und Klassenbegriffs
- entstanden ist.
- 4.1.1 Prozesse der globalen
Proletarisierung und De-Proletarisierung
-
- Die globale Arbeitsgeschichte ist ein
sehr junger Zweig der labour
- history, aber sie hat einige wichtige
Ergebnisse aufzuweisen:
-
- Der Konstitutionsprozess der
Arbeiterklasse ist von Anfang an in globalen
- Zusammenhängen verlaufen. Er begann
in der zweiten Hälfte des 18.
- Jahrhunderts im Verlauf
transozeanischer und transkontinentaler
- Sozialrevolten, bei denen die
zwangsrekrutierten Seeleute der Handels- und
- Kriegsflotten gemeinsam mit den
Sklavenarbeitern (der Karibik), den in die
- Kolonien emigrierten selbständigen
Arbeitern (Kleinbauern, Handwerker) und
- den Manufaktur- bzw.
Industrieproletariern agierten. Diese Aufstände der
- commoners initiierten 1775/76 nicht
nur den nordamerikanischen
- Revolutionskrieg gegen die koloniale
Abhängigkeit vom britischen
- Mutterland, sondern hatten auch enorme
Rückwirkungen auf die
- Konstituierung der dortigen
Arbeiterklasse. Durch diese Erkenntnis wurde
- die bisherige eurozentristische und
transatlantikfixierte Beschränktheit,
- die selbst die besten
Arbeiterhistoriker gefangen gehalten hatte (E.P.
- Thompson), endgültig überwunden.
-
- Seit dieser ersten
Konstituierungsphase im späten 18. Jahrhundert gab es
- spezifische Phasen der
Proletarisierung und relativen De-Proletarisierung
- der subalternen Klassen der
Weltbevölkerung, die die globalen
- Expansionsschübe des Kapitals
teilweise vorwegnahmen (politische und
- soziale Massenmigration über die
Kontinente hinweg) oder in ihrem Gefolge
- in Gang kamen. Die letzte Phase einer
relativen De-Proletarisierung haben
- wir im sozialstaatlich dominierten
Akkumulations- und Regulationszyklus
- der 1950er und 1960er Jahre erlebt,
der mit der zeitweiligen
- Dekolonisierung der Peripherie einher
ging. Sie wurde seit 1973 durch eine
- neue Welle der globalen
Re-Proletarisierung abgelöst, über die noch
- einiges zu sagen sein wird, weil die
innere Zusammensetzung der
- Weltarbeiterklasse zu Krisenbeginn
Einblicke in ihre aktuellen
- Handlungsmöglichkeiten eröffnet.
- 4.1.2 Das Multiversum der
Weltarbeiterklasse
-
- Die Weltarbeiterklasse wird nicht
durch die doppelt freie Lohnarbeit
- dominiert, sondern stellt seit der
zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts ein
- vielschichtiges Multiversum dar,
innerhalb dessen die großindustrielle
- Lohnarbeit eine wichtige und
zeitweilig auch politisch hegemoniale Rolle
- spielte, aber nie die Aussicht hatte,
die übrigen Segmente des
- Proletariats zu absorbieren und / oder
in eine reine industrielle
- Reservearmee verwandelt zu sehen. Die
globale Klasse der Arbeiterinnen und
- Arbeiter konstituiert sich bis heute
in einem Fünfeck von Massenarmut und
- Massenerwerbslosigkeit,
kleinbäuerlicher Subsistenzwirtschaft, von
- selbständiger Arbeit (Kleinbauern,
Kleinhandwerker und Kleinhändler,
- scheinselbständige Wissensarbeiter),
industrieller Lohnarbeit und unfreien
- Arbeitsverhältnissen aller
Schattierungen (Sklaverei, Schuldknechtschaft,
- Kuli- bzw. Kontraktarbeit,
militarisierte und internierte Zwangsarbeit bis
- hin zu den ihrer Freizügigkeit
beraubten Arbeitsarmen der Metropolen, etwa
- den Hartz IV-Empfängern). Zwischen
diesen Segmenten der
- Weltarbeiterklasse, die in den
verschiedenen Regionen in sehr
- unterschiedlichen Relationen
zueinander vorhanden sind, gibt es laufende
- Übergänge und Vernetzungen, deren
Fäden vor allem in der Massenmigration
- zusammenlaufen zwischen den
proletarisch-kleinbäuerlichen
- Familienverbänden einerseits und den
transkontinentalen Subkulturen
- andererseits. Wir gehen mit dem jungen
Marx davon aus, dass die Klasse der
- Eigentumslosen der wichtigste Akteur
bei der Durchsetzung von sozialer,
- wirtschaftlicher,
geschlechtsspezifischer und ethnischer Gleichheit ist,
- weil nur sie durch die generelle
Aufhebung des Eigentums die doppelte
- Entfremdung der Menschen gegenüber
ihren tätigen Lebensprozessen und der
- ihnen als fremde Macht als
Kapital gegenübertretenden
- vergegenständlichten Arbeit
aufzuheben vermag. Deshalb sind diese
- Homogenisierungs- und
Konvergenzprozesse innerhalb des proletarischen
- Multiversums unser entscheidender
Bezugspunkt. Es geht also nicht nur um
- die Aufhebung der Lohnarbeit, sondern
um die Aufhebung aller Arten von
- Ausbeutung und Herrschaft, die vor
allem dadurch bedingt sind, dass die
- meisten Menschen ihr Arbeitsvermögen
entäußern müssen, um überleben zu
- können.
- 4.2 Der aktuelle Zustand der globalen
Klasse der Arbeiterinnen und Arbeiter
-
- Soweit die konzeptionellen
Voraussetzungen. Wie gestalteten sich nun aber
- im Verlauf des vergangenen Zyklus der
strategischen Unterbeschäftigung und
- der forcierten Ausbeutung ihre inneren
Prozesse der Klassenformierung und
- Klassenfragmentierung? Welches sind
ihre elementaren Lebensbedürfnisse,
- und wie werden sie versuchen, sie
gegen die neu heraufziehende Phase der
- Massenerwerbslosigkeit und
Massenverarmung zu verteidigen? Werden sie
- oder wenigstens wichtige Teile von
ihnen - die Kraft haben, über diese
- Defensivpositionen hinauszugehen und
die soziale und egalitäre
- Wiederaneignung des gesellschaftlichen
Reichtums auf die Tagesordnung zu
- setzen?
- 4.2.1 Die subsistenzbäuerlichen
Familien des Südens
-
- Die subsistenzbäuerlichen Familien
des Südens und einiger wichtiger
- Schwellenländer stellen auch heute
noch mit 2,8 Milliarden Menschen, davon
- etwa 700 Millionen in China, das Gros
der globalen Klasse der
- Arbeiterinnen und Arbeiter. Sie
reproduzieren sich in familiären
- Subsistenzwirtschaften vom
Caianov-Typ, Diese komplexen, in Dorfgemeinden
- und Klientelsysteme eingewobenen
Strukturen sind aber immer stärker
- gefährdet und können nur noch durch
periodische oder dauerhafte
- Arbeitseinkommen aus
nichtlandwirtschaftlichen Sektoren überleben
- (kontinentale und transkontinentale
Migrationsarbeit). Im vergangenen
- Zyklus wurden ihnen durch die
Umwandlung der ertragreichsten Flächen und
- Anbaugebiete in mechanisierte
Großfarmen, durch die Folgen des
- Klimawandels und durch
Landenteignungen zunehmend die Existenzgrundlagen
- entzogen.
- 4.2.2 Massenmigration und
Migrationsarbeit
-
- Hunderte von Millionen Menschen waren
in den vergangenen Jahrzehnten
- kontinental und transkontinental auf
Wanderschaft, um der Massenarmut des
- Subsistenzsektors und der Barbarei der
Bürgerkriegszonen zu entrinnen oder
- ihre zurückgebliebenen
subsistenzbäuerlichen Familien über Wasser zu
- halten. Massenmigration in China,
Massenwanderungen aus Südost- und
- Südasien in die Golfregion, aus
Afrika über die Mittelmeerregion nach
- Südeuropa, aus Ost- nach Westeuropa
und aus Süd- und Zentralamerika nach
- Nordamerika. Die Unterklassen der
Metropolen und vieler Schwellenländer
- bestehen heute zu 10 bis 20 Prozent
aus Migrantinnen und Migranten. Es
- haben sich dabei mehrere
Migrationswellen überlagert, und es ist eine
- grenzüberschreitende Alltagskultur im
Entstehen, die mehrsprachig und
- hochintelligent ist, und in der sich
Tendenzen der multikulturellen
- Identitäten mit Bestrebungen zur
ethnischen Identitätsvergewisserung
- überlagern. Diese Entwicklungen
prägten den Proletarisierungsprozess der
- vergangenen Jahrzehnte entscheidend
und stellen heute einen der
- wichtigsten Referenzpunkte der
aktuellen globalen Klassenzusammensetzung
- dar.
- 4.2.3 Die Massenarmut und
Schatten-Ökonomie der Slum-Cities
-
- Nicht allen, die aus den ländlichen
Subsistenz- und den
- Bürgerkriegsregionen auswandern,
gelingt es, sich vorübergehend oder
- dauerhaft in den Schwellen- und
Metropolenländern niederzulassen. Diese
- globale Surplusbevölkerung lebt heute
in den Slum-Cities der Peripherie
- und vieler Schwellenländer. Sie
treibt Urbanisierungsprozesse voran, die
- fast ohne Industrialisierung und ohne
wirtschaftliches Wachstum
- stattfinden. Die Massenarmut der Slum
Cities überlebt in den
- Schattenwirtschaften am Rand des
Hunger-Genozids und der Massenepidemien
- und ist mit extremen Formen der
Überausbeutung konfrontiert, bei denen
- unfreie oder scheinselbständige
Arbeitsverhältnisse überwiegen. Es handelt
- sich inzwischen um über eine
Milliarde Menschen, die riesige
- Agglomerationen bevölkern, entlang
der Transportrouten und Flussläufe der
- Metropolen des Südens vegetieren und
zunehmend in die von
- Naturkatastrophen bedrohten Küsten-
und Wüstenzonen abgeschoben werden.
- Die Übergänge zu den ländlichen
Subsistenzökonomien und den
- Kommunikationskanälen der
Massenmigrationen werden immer prekärer. Es
- steht zu befürchten, dass die
aktuelle Weltwirtschaftskrise diesen
- gigantischen Gettoisierungsprozess
noch weiter beschleunigen wird, und
- schon jetzt mehren sich die Anzeichen
dafür, dass die städtische
- Massenarmut mit ihren versteckten wie
offenen Obdachlosenunterkünften und
- Erwerbslosenspeisungen auch die Global
Cities des Nordens mitzugestalten
- beginnt.
- 4.2.4 Die neue industrielle
Arbeiterklasse der Schwellenländer
-
- Die Entwicklung der neuen
industriellen Arbeiterklasse der Schwellenländer
- hat in den vergangenen zwei
Jahrzehnten die globale Klassenzusammensetzung
- entscheidend verändert. Im Verlauf
der beiden letzten Konjunkturzyklen
- absolvierte sie rasant steigende
Qualifikationsprozesse und erkämpfte sich
- erhebliche Einkommenssteigerungen. Die
low tech- Sektoren der 1980er und
- 1990er Jahre wurden zunehmend an die
benachbarten Peripherieländer
- weitergegeben, und mit ihnen
verlagerte sich auch die Arbeiterklasse der
- »verlängerten Werkbank«,
insbesondere der Textil- und
- Konsumgüterindustrien. Aufgrund des
sich abflachenden Technologiegefälles
- und der inzwischen weitgehend
abgeschlossenen Verlagerung wichtiger
- Schlüsselsektoren (Werften,
Automobilindustrie, Elektro- und
- Elektronikindustrie, Chemieindustrie.
Textilproduktion) hat sich die
- Klassenzusammensetzung zwischen den
Schwellenländern und den entwickelten
- Regionen des Weltsystems zunehmend
aufeinander zu bewegt. Das gilt auch
- für die prekären Segmente des
arbeitenden Multiversums: Während sie sich
- in den emerging economies zunehmend
verringerten, breiteten sie sich in
- den Metropolen erheblich aus.
- 4.2.5 Relative De-Industrialisierung
und Prekarisierung der Arbeiterklasse
- in den bisherigen Zentren
-
- Der industrielle Lohnarbeitssektor der
Triade-Regionen (USA, Europa und
- Japan) ist in den vergangenen
Jahrzehnten erheblich geschrumpft. Zugleich
- hat sich auch seine technische
Zusammensetzung dramatisch verändert, weil
- die technologischen Innovationen alle
Produktions- und
- Dienstleistungsbereiche erfassten und
umwälzten. Viele besonders
- kampferfahrene und resistente Segmente
der Arbeiterklasse sind auf diese
- Weise verschwunden (Drucker, die
klassische manuelle Hafenarbeit) oder
- selbst in den großen
Nationalökonomien auf wenige Hunderttausend reduziert
- worden. Parallel dazu sind prekäre
und scheinselbständige
- Arbeitstätigkeiten zu einer
wesentlichen Komponente der
- Klassenzusammensetzung in den
Metropolen geworden. Der Rückgang der
- Arbeitseinkommen hat in den letzten
Jahren alle Segmente erfasst, auch die
- so genannten Kernbelegschaften der
Großindustrie, und durchschnittlich ein
- Viertel aller zur abhängigen
Erwerbsarbeit Gezwungenen ist trotz
- überlanger Arbeitszeiten nicht mehr
in der Lage, seinen Lebensstandard
- über der Armutsgrenze zu halten.
- 4.2.6 Homogenisierungs- und
Fragmentierungstendenzen der Weltarbeiterklasse
-
- Insgesamt hielten sich die
Homogenisierungs- und Fragmentierungstendenzen
- der Weltarbeiterklasse im vergangenen
Zyklus in etwa die Waage. In allen
- Regionen des Weltsystems gerieten die
kleinbäuerlichen
- Subsistenzwirtschaften in eine
möglicherweise finale Krise und setzten
- Prozesse der Massenmigration und der
Herausbildung einer globalen
- Surplusbevölkerung frei, die der
globalen Klasse der Arbeiterinnen und
- Arbeiter ein völlig neues Gesicht
gaben, das vor allem durch
- transkontinentale und transkulturelle
Mentalitäten geprägt ist. Ein
- umgekehrt gerichteter
Homogenisierungsprozess ging auch von den
- lohnarbeitenden und industriellen
Segmenten der Arbeiterklasse aus, die
- vor allem der inzwischen
abgeschlossenen Periode der
- »Peripherisierung" der
industriellen Massenproduktion geschuldet war.
-
- Aber auch die Fragmentierungstendenzen
waren erheblich. Obwohl sich die
- Arbeits- und Lebensbedingungen
weltweit verschlechterten, haben sich die
- regionalen Unterschiede der
proletarischen Lebensstandards erheblich
- vertieft. Zwischen den
Überlebenschancen der Bewohnerinnen und Bewohner am
- Rand der Kloaken und Müllberge der
Slum-Cities und den multikulturellen
- Prekären der metropolitanen
»Kieze" bestehen gewaltige Unterschiede. Hinzu
- kommen Elemente einer
»negativen" Homogenisierung, die wie etwa die
- zunehmende Fixierung auf die
religiösen Heilsgüter oder die Unterwerfung
- unter mafiöse Klientelstrukturen
weltweit die Tendenzen zur
- patriarchalischen und ethnopolitischen
Regression verstärken. Gerade diese
- Tendenzen sollten wir nicht
unterschätzen, denn sie beeinträchtigen unsere
- künftigen Handlungsmöglichkeiten
erheblich. Es ist eine schwere Hypothek,
- dass 1979/80 im Iran der
sozialrevolutionäre Flügel des shiitischen Islam
- durch die archaisch-gottesstaatliche
Ayatollah-Fraktion vernichtet wurde;
- dass wenige Jahre später
islamistische Organisationen die Restkader der
- nah- und mittelöstlichen Linken
massakrierten und den Pauperismus der
- Region in patriarchat-reaktionären
Strukturen der Sozialpolitik
- einfriedeten; dass die Unterklassen
des US-amerikanischen rust belt heute
- von den Evangelikalen dominiert
werden; und dass in den Slum Cities die
- Rudimente sozialer Sicherheit und
eines minimalen Bildungswesens nur noch
- von den über hundert Millionen
Mitgliedern chiliastischer Kirchengemeinden
- aufrecht erhalten werden. Aber auch in
Europa hat die traditionelle
- Arbeiterbewegung die Arbeiterklasse
verlassen: Wohin dies auch führen
- kann, zeigt uns der Fall Marseille, wo
die zweite Generation der
- ArbeitsmigrantInnen nach dem Exodus
der Sozialistischen Partei sich seit
- Beginn der 1980er Jahre zunehmend an
die Sozialbüros des Front National
- anlehnte. Dadurch wird die durch die
Krise so dringlich gewordene Rückkehr
- der Linken in die alltäglichen
Realitäten der Arbeiterklasse zweifellos
- erschwert. Aber es gibt dazu keine
Alternative.
-
- Und diese Alternative scheint mir
nicht aussichtslos zu sein. Nicht erst
- seit dem Übergang zur Krise
beobachten wir eine deutliche Zunahme von
- Kämpfen und Revolten, in denen die
Akteurinnen und Akteure solidarisch für
- einander eintreten, egalitäre
Verhaltensweisen entwickeln und sich
- zunehmend weigern, die sozialen Kosten
der Krise auf sich zu nehmen.
- Inzwischen wird von Massenrevolten
ganzer Betriebsbelegschaften im
- chinesischen Perlflussdelta berichtet,
die sich gewaltsam gegen die
- abrupten Fabrikschließungen und die
Vorenthaltung der ihnen zustehenden
- Löhne zur Wehr setzen. Auch in den
ländlichen Westprovinzen Chinas gärt
- es, und die lokalen und regionalen
Aufstände gegen willkürliche
- Landenteignungen und die Zerstörung
der natürlichen Lebensgrundlagen
- häufen sich. Aber auch im Norden
mehren sich die Zeichen eines neuen
- Aufbruchs. In Chicago und
Schleswig-Holstein ließ die Betriebsbesetzung
- abrupt geschlossener Zulieferfirmen
der Autobranche aufhorchen, und die
- Jugendlichen Frankreichs, Italiens und
Griechenlands wehren sich gegen die
- Zerstörung ihrer Bildungschancen,
zumal sie mit einer dramatischen
- Verschlechterung einer ihren
erworbenen Qualifikationen entsprechenden
- Berufsperspektive einher gehen. In
allen diesen Eruptionen schärft sich
- ein wachsendes Krisenbewusstsein, das
sich mit der Parole »Wir bezahlen
- Eure Krise nicht" zu
homogenisieren beginnt. Wird es gelingen, diesen
- solidarischen Grundtenor auch auf die
Belegschaften der großen Fabriken zu
- übertragen und die von den meisten
Betriebsräten und Gewerkschaften mit
- getragene hierarchisierte Abfolge der
Entlassungen von den Prekären hin zu
- den »Kernbelegschaften" zu
durchbrechen? Es sollte unter der Parole
- »Drei-Tagewoche? Prima aber
mit vollem Lohnausgleich für alle unabhängig
- vom jeweiligen
Beschäftigungsverhältnis, denn wir brauchen zwei Tage
pro
- Woche für die Übernahme der Anlagen
in Selbstverwaltung", zumindest
- versucht werden.
-
- Alles in allem ist aufgrund der Krise
ein weiterer globaler
- Proletarisierungsschub zu erwarten,
der von der heraufziehenden neuen
- Welle der Massenerwerbslosigkeit in
den bisherigen Krisenzentren USA,
- Europa und Ostasien ausgeht. Erneut
werden Millionen von Menschen sozial
- abstürzen. Wie werden sie reagieren?
Die proletarischen Familien, die sie
- umgebenden sozialen Gruppen und die
vielschichtigen Segmente des
- proletarischen Multiversums haben
unterschiedliche Optionen, sobald sie
- nichts mehr zu verlieren haben: Sie
können revoltieren, um sich ihr
- Existenzrecht zu sichern und eine
egalitäre Gesellschaft zu erkämpfen; sie
- können aber auch den Prozess der
individuellen, familiären und sozialen
- Selbstzerstörung beschreiten, indem
sie etwa die patriarchale
- Gewalttätigkeit restaurieren oder
ethnische Konflikte aufladen, um ihr
- Überleben auf Kosten anderer
proletarischer Gruppen zu sichern. Sie können
- drittens auch den Weg der politischen
Regression wählen, indem sie ihre
- Ängste und Frustrationen auf neue
Führer-Figuren und Exekutiv-Despotien
- projizieren, die ihr
gesellschaftliches Potenzial zugunsten der
- Interessensicherung der
nicht-proletarischen Klassen missbrauchen. Im
- Gegensatz zu diesen drei
Handlungsoptionen wäre es selbstverständlich auch
- möglich, dass sie sich mit
staatsinterventionistischen Reformprojekten der
- Krisenüberwindung zufrieden geben,
die sich auf das nach wie vor enorme
- Erneuerungspotential der
kapitalistischen Gesellschaftsformation stützen
- und dabei auch die proletarischen
Überlebensinteressen wie begrenzt auch
- immer berücksichtigen. Wie
könnten die egalitären Homogenisierungs- und
- Emanzipationstendenzen unter den
Bedingungen der Weltwirtschaftskrise
- gestärkt werden?
-
- 5. Umrisse eines Übergangsprogramms
- 5.1 Vorüberlegungen
-
- Wir sollten uns zunächst einmal nicht
denjenigen anschließen, die aus
- linksradikaler Perspektive auf die
Beschleunigung und Vertiefung der
- Krisendynamik setzen, weil sie sich
dadurch einen automatisch in Gang
- kommenden revolutionären
Kollektivierungsprozess aller derjenigen
- erwarten, die nichts mehr zu verlieren
haben. Die konzeptionelle Automatik
- von Krise und Revolution ist
spätestens seit dem Ausgang der Großen
- Depression des vergangenen
Jahrhunderts widerlegt. Darüber hinaus haben
- wir spätestens aus der Analyse der
Dekolonisierungsprozesse die Erkenntnis
- gewonnen, dass die Waffen der Kritik
nach ihrer Transformation in die
- Kritik der Waffen aus einer
selbstbestimmten Position der Avantgarde
- heraus nicht zwangsläufig die
ersehnte Befreiung, sondern häufig nur eine
- neue Klasse von government people
hervorbringen und in blutige
- Bürgerkriege einmünden, sodass das
emanzipatorische Anliegen nicht nur in
- sein Gegenteil verkehrt, sondern auch
für Jahrzehnte seiner materiellen
- Grundlagen beraubt ist. Wir wollen
verhindern, dass die
- Weltwirtschaftskrise in einen
Weltwirtschaftskrieg der multipolaren
- Großmächte mit seinen
Weiterungsfolgen zu neuen Großkriegen umschlägt. Wir
- sollten uns aber auch vor
emotionsgeladenen, eschatologischen und
- gewaltfixierten Revolutionserwartungen
in Acht nehmen, denn das
- proletarische Emanzipationsanliegen
kann auch in einem zum Bürgerkrieg
- eskalierten Klassenkonflikt
untergehen. Es gibt keinen Freibrief für
- diejenigen, die mit den Realitäten
oder Gefahren des sozialen Absturzes
- konfrontiert sind. Diese Auffassung
sollte jedoch nicht als Votum für
- einen »gandhistischen" Weg des
gewaltlosen »zivilen Ungehorsams"
- missverstanden werden. Die
selbstorganisierten Massenkämpfe zur Sicherung
- der materiellen Existenzgrundlagen und
zur Wiederaneignung der
- Produktionsanlagen, des Wohnraums und
der öffentlichen Güter sind ohne die
- Anwendung proletarischer Gewalt nicht
denkbar. Gerade dieser Aspekt sollte
- genau so reflektiert und kollektiv
gesteuert werden wie alle anderen
- Komponenten des neu heraufziehenden
Klassenkonflikts.
-
- Aus allen diesen Gründen benötigt
die emanzipatorische Perspektive eine
- analytisch ausgewiesene Vision der
Gesellschaftstransformation, die mit
- unmittelbar greifenden
Aktionsprogrammen verknüpft ist. Damit die Krise
- weder in eine Reformperspektive zur
»Erneuerung des Kapitalismus" noch in
- die drei möglichen Varianten der
Barbarei führt innere Selbstzerstörung,
- Bürgerkrieg und kapitalistischer
Weltwirtschaftskrieg als Vorstufe neuer
- Großkriege -, sollte die Perspektive
der proletarischen Selbstemanzipation
- auf zwei Handlungsebenen verteilt
werden, damit diese ineinander greifend
- wirksam werden: Erstens in einen
Handlungsrahmen zur radikalen Zuspitzung
- der anlaufenden antizyklischen
Reformprogramme, und zweitens davon
- ausgehend in eine Programmatik zur
Initiierung eines Projekts der
- revolutionären Transformation der
kapitalistischen Gesellschaftsformation.
- 5.2 Forcierung und Zuspitzung der
reformorientierten Programme zur
- Krisenüberwindung
- 5.2.1 Die Kapitalvermögensbesitzer
sollen für die Krise bezahlen
-
- Auf der ersten Handlungsebene sollten
wir die Regierungsgarantien für das
- Finanzsystem und die jetzt in Gang
kommenden großen Konjunkturprogramme in
- China, den EU-Ländern, USA und Japan
umkehren. Die Hauptmasse der bis
- jetzt mobilisierten 7 Billionen $ soll
zur Existenzsicherung der globalen
- Massenarmut, der kleinbäuerlichen
Subsistenzwirtschaften des Südens, der
- Erwerbslosen und Prekären der
Schwellen- und Metropolenländer sowie der
- industriellen Arbeiterklasse
umgeleitet werden. Dieses Vorgehen ist mit
- einer radikalern
Arbeitszeitverkürzung bei vollem Lohnausgleich sowie der
- Egalisierung der Arbeitsbedingungen zu
verbinden, und die sozialen
- Sicherungssysteme sind entweder neu zu
begründen (China und andere
- Schwellen- und Entwicklungsländer)
oder wieder auszubauen (Ausdehnung der
- unbefristet auf drei Viertel des
Durchschnittseinkommens anzuhebenden
- Arbeitslosengeldbezüge,
Rückerstattung der in den letzten Jahren
- gestrichenen Rentenanwartschaften und
Rentenbezüge, Ausbau des
- Bildungswesen und Rekonstruktion des
Gesundheitssektors entsprechend den
- Massenbedürfnissen). Dieser Transfer
soll nicht etwa durch den weiteren
- Ausbau der Staatsverschuldung, sondern
vielmehr durch die Konfiskation der
- großen Kapitalvermögen (ab 50
Millionen $) und die progressiv ansteigende
- Besteuerung aller Kapitalvermögen
über 1 Millionen $ sowie aller
- Jahreseinkommen ab 150.000 $
finanziert werden.
-
- Diese massive Umverteilung des
Reichtums von oben nach unten strebt
- keineswegs eine systemimmanente
Stabilisierung des Krisenzyklus an, aber
- sie macht sich das Bestreben der
keynesianischen Reformökonomen zunutze,
- die Schere zwischen Überakkumulation
und Unterkonsumtion durch die
- Steigerung der Masseneinkommen zu
schließen und dadurch den Krisenzyklus
- zu überwinden. Denn zwischen den
Lebens- und Konsumtionsbedürfnissen der
- Klasse der Arbeiterinnen und Arbeiter
und der volkswirtschaftlichen Größe
- der »Massenkaufkraft« besteht ein
unüberwindlicher qualitativer
- Unterschied, der den Eigentumslosen im
Prozess ihrer Homogenisierung die
- Chance eröffnet, die antizyklische
Krisenpolitik der jetzt an die
- wirtschaftspolitischen Schalthebel
gelangenden Machtgruppen über sich
- hinauszutreiben. Dafür sind weltweit
koordinierte Massenaktionen, aber
- auch eine weltweit vernetzte
Informationskampagne erforderlich, die
- jegliche institutionelle Anbindung an
die Projekte und Parteien einer
- systemimmanent bleibenden
antizyklischen Politik der Krisenüberwindung
- vermeidet.
- 5.2.2 Neue Weltwährung und
Wiedereinführung fester Wechselkurse
-
- Parallel dazu sollten wir uns für die
Einführung einer neuen Weltwährung
- einsetzen, die aus einem
repräsentativen Währungskorb der
- Nationalökonomien aller
Reichtumsgrade zusammengestellt und garantiert
- ist. Ausgehend davon können auch
wieder feste Wechselkurse durchgesetzt
- werden, die durch Transfers zum
Ausgleich von Unter- und Überbewertungen,
- zur Standardisierung der
Währungsreservenbestände und zur wechselseitigen
- Stabilisierung der Zahlungsbilanzen
genutzt werden. Dadurch kommt das
- überakkumulierte Weltfinanzsystem
weitgehend zum Verschwinden. Aber auch
- die tödliche, immer mehr dem Abgrund
zutreibende Dollarsymbiose zwischen
- Washington und Peking könnte dadurch
überwunden werden.
- 5.2.3 Demokratisierung der
wirtschaftlichen Restrukturierungsprogramme
-
- Drittens sollten wir im Rahmen der
sich weltweit entwickelnden
- Massenkämpfe dafür eintreten, dass
basisdemokratisch gewählte
- Repräsentationen der Arbeiterinnen
und Arbeiter in die anlaufenden
- Redimensionierungs- und
Restrukturierungsprozesse der großen
- Wirtschaftszweige eingeschaltet werden
und die Co-Manager der
- Arbeiterbürokratien (Gewerkschaften
und Betriebsräte) ablösen. In den
- nächsten Wochen und Monaten wird vor
allem die Restrukturierung der
- Kraftfahrzeugbranche im Vordergrund
stehen. Deshalb erscheint es dringend
- geboten, ausgehend von den zu
erwartenden Betriebsbesetzungen eine
- weltweit vernetzte Assoziation der
AutomobilarbeiterInnen zu gründen, die
- dem Kampf für radikale
Arbeitszeitverkürzungen und egalisierte
- Arbeitsbedingungen (vor allem
Aufhebung der Kluft zwischen »Rand-» und
- »Kernbelegschaften") mit der
Forderung nach der beschleunigten Entwicklung
- schadstoff-freier und
»re-sozialisierter" Transportmittel verbindet. Vom
- Gelingen dieser Initiative wird es
weitgehend abhängen, inwieweit der
- Klasse der Arbeiterinnen und Arbeiter
ein weltweiter Aufbruch zur
- selbstbestimmten Krisenüberwindung
gelingt und ein protektionistischer
- Prozess der De-Globalisierung im
kapitalintensivsten Segment des
- kapitalistischen Weltsystems
verhindert wird. Zugleich wäre damit eine
- Matrix geschaffen, um auch in den
benachbarten Sektoren (Energie,
- Transportmittelkette)
Masseninitiativen zu starten und diese dann
- hinsichtlich ihrer
handlungsorientierten Zielsetzungen untereinander
- abzustimmen. Darüber hinaus würden
auf diese Weise auf Massenebene
- Lernprozesse in Gang kommen, die von
Anfang an global vernetzt sind und
- als Vorbereitung auf die kollektive
Selbstverwaltung der
- gesellschaftlichen Lebens- und
Reproduktionsprozesse dienen können.
- 5.3 Lokal International
Global: Erste Eckpunkte eines revolutionären
- Transformationsprogramms
- 5.3.1 Drei elementare Voraussetzungen
-
- Durch die Forcierung und Zuspitzung
der antizyklischen Reformprogramme
- soll der Weg für einen
revolutionären Transformationsprozess freigemacht
- werden: Sie ermöglicht kollektive
Lernprozesse, die das Massenbedürfnis
- nach einem Umbruch in Richtung
Selbstemanzipation und gesellschaftlicher
- Autonomie hervorbringen. Denn der
Übergang zum Sozialismus hat nur dann
- eine Chance, wenn er weltweit zu einem
dominierenden Massenbedürfnis
- herangewachsen ist. Dieser Prozess
benötigt Zeit sicher mehrere Jahre.
- Aber auch der Transformationsprozess
selbst wird sich über Jahrzehnte
- hinziehen, bevor der point of no
return erreicht ist, an dem die
- Selbstverwaltung der unmittelbaren
Produzenten über die von ihnen
- angeeigneten Produktions- und
Reproduktionsgrundlagen egalitäre und
- basisdemokratische Strukturen erzeugt
hat, die eine Restauration von
- Klassenherrschaft unmöglich machen.
- 5.3.2 Lokal und Regional: Soziale
Wiederaneignung auf basisdemokratischer
- Grundlage
-
- Elementare Voraussetzung ist erstens
die Durchsetzung basisdemokratischer
- Strukturen (Umstellung der
Gewerkschaften auf das
- Vertrauenleutekörpermodell,
Entbürokratisierung und Abbau der
- Co-Manager-Gehälter ihrer
Leitungsgremien; basisdemokratische Umgestaltung
- der Kommunalparlamente und
verwaltungen als erste Schritte einer
- allgemeinen und von unten nach oben
fortschreitenden Entstaatlichung.
-
- Zweitens sind die Steuereinkommen
schwerpunktmäßig auf die kommunalen
- Strukturen umzuleiten (Modell Schweiz,
wo 60 Prozent der Gesamtsteuern in
- die Kommunen gehen). Wenn dies
erreicht ist, wird das Interesse der
- Bevölkerung an der Selbstverwaltung
ihrer Einkommensabzüge geweckt,
- wodurch sich die basisdemokratischen
Lernprozesse mit legitimen
- Eigeninteressen verbinden.
-
- Drittens sollten wir eine radikale
Senkung der Arbeitszeit bei
- gleichzeitiger Anhebung und
Homogenisierung der Arbeitseinkommen
- ansteuern, um die erforderliche
disponible Zeit und die nötigen Ressourcen
- für den Aufbau einer
basisdemokratischen Selbstverwaltung zu schaffen. Die
- Akteure der basisdemokratischen
Selbstverwaltung treiben nicht nur die
- Sozialisierungsprozesse voran, sondern
verabschieden auch die »Politische
- Klasse" im Prozess einer von
unten voran schreitenden Aufhebung der
- Machtstrukturen (Entstaatlichung).
-
- Ausgehend von diesen drei elementaren
Prämissen sollte es möglich sein,
- erste Initiativen für lokale bzw.
regionale Autonomie zu begründen, sie
- mit den lokalem bzw. regionalen
Segmenten der Arbeiterbelegschaften zu
- verknüpfen und gemeinsam mit ihnen
ein erstes Untersuchungsprojekt über
- die lokalen und regionalen
Besonderheiten der Klassenzusammensetzung in
- Gang zu bringen.
-
- Wenn dies gelingt, dann wird auch das
heute unmöglich Erscheinende zu
- einem Massenbedürfnis werden. Die
AkteurInnen der kommunalen
- Basisdemokratien werden darangehen,
sich die für die Lebensprozesse ihrer
- Region wichtigen Produktionsanlagen
anzueignen und gemäß ihren
- Bedürfnissen umzugestalten: Die
Trink- und Abwassersysteme der Slum
- Cities, die kommunale Sozialisierung
des Bodens zugunsten der Landlosen
- und Kleinbauern, aber auch die
Sozialisierung des Wohnungssektors und der
- kommunalen Wirtschaftsbetriebe.
Parallel dazu werden sie die kommunale und
- regionale Sozialisierung der
öffentlichen Güter (Sozialfonds, Transport,
- Bildungswesen, Gesundheitswesen,
Sparkassen usw.) in Gang bringen. Auf
- diesen elementaren Grundlagen der
aufeinander aufbauenden kommunalen und
- regionalen Selbstverwaltung der
gesellschaftlichen Lebensprozesse werden
- schließlich Strukturen der
gesellschaftlichen Autonomie entstehen, die
- nicht nur die politischen und
wirtschaftlichen Manager-Eliten
- verabschieden, sondern auch das
Aufkommen einer neuen Experten- und
- Bürokratenkaste verhindern. Parallel
dazu werden sich die kommunalen
- Sozialisierungsprozesse auf
regionaler, subkontinentaler und kontinentaler
- Ebene miteinander verbinden.
- 5.3.3 Gründung internationaler
Föderationen der Arbeiterinnen und Arbeiter
-
- Ohne den gleichzeitigen Aufbau
internationaler Schnittstellen sind die
- kommunalen und regionalen
Transformationsprozesse auf Dauer nicht
- lebensfähig. Diese könnten am
ehesten aus den oben vorgeschlagenen
- transnationalen Branchengewerkschaften
hervorgehen, indem sie die
- strategischen Segmente der
Weltwirtschaft in ihre Selbstverwaltung
- überführen. Sie hätten von Anfang
an auch die Aufgabe, die sich bildenden
- kommunalen und regionalen
Basisdemokratien global zu vernetzen und vor
- konterrevolutionären Angriffen durch
Generalstreiks zu schützen.
-
- Die transnationalen Gewerkschaften
sollten sich beim Übergang zu
- Selbstverwaltungsföderationen auf
alle diejenigen Wirtschaftsbranchen
- konzentrieren, die weltweit operieren
und über die regionalen Produktions-
- und Reproduktionssysteme
hinausreichen, die regionalen Rätedemokratien
- beliefern und die Gegenmacht der
Arbeiterinnen und Arbeiter in den
- Schlüsselsektoren des Weltsystems
etablieren, insbesondere in der
- internationalen Transportkette, aber
auch in den Medien, der
- Informationstechnologie usw.
-
- Als exemplarisches Modell könnte im
Anschluss an die Rekonstruktion und
- Sozialisierung der
Kraftfahrzeugindustrie die globale Transportkette
- dienen, weil in ihr besonders reiche
Organisations- und Kampferfahrungen
- vorliegen (ITF, Streiks in der
Luftfahrt, im Eisenbahnwesen und bei den
- LKW-Fahrern). Die ITF bräuchte nur
demokratisiert und auf alle Segmente
- der Transportkette ausgedehnt zu
werden.
- 5.3.4 Weltföderation der Autonomie
-
- Sobald sich die ersten
Rätedemokratien und Arbeiterföderationen
- konsolidiert haben, könnten sie an
die Gründung einer Weltförderation der
- gesellschaftlichen Autonomie
herangehen, die als Schnittstelle zwischen
- den Rätedemokratien und den
internationalen Förderationen der
- Arbeiterinnen und Arbeiter fungieren
wird. In dieser Weltföderation werden
- die rätedemokratischen und
föderativen Repräsentationen der Subkontinente
- bzw. Kontinente gleichberechtigt
vertreten sein. Sie gründet eine Reihe
- von Rekonstruktions- und
Transformationsfonds, um die geographischen
- Ungleichgewichte in der materiellen
Existenzsicherung, der Lebensmittel-
- und Energieversorgung, beim Einkommen
sowie im Bildungs- und
- Gesundheitswesen aufzuheben. Weitere
Fonds werden sich darauf
- konzentrieren, die weltweite
Abrüstung durchzuführen (Fonds für
- Rüstungskonversion), die Ökosysteme
wieder herzustellen und die
- materiellen Produktionsprozesse als
tätige Lebensprozesse der Menschheit
- mit den Naturprozessen in
Übereinstimmung zu bringen. Darüber hinaus
- könnte sich ein spezieller
Konfliktfonds um die Überwindung der auch
- außerhalb des kapitalistischen
Systems entstandenen Herrschaftsstrukturen
- (patriarchale Herrschaft, ethnische
Konflikte, Rassismus) bemühen.
- 5.3.5 Globale Assoziation für
Autonomie
-
- Nach langem Zögern habe ich mich dazu
durchgerungen, eine organisatorische
- Vorwegnahme dieses Konzepts durch eine
weltweit vernetzte Assoziation
- vorzuschlagen, die auf allen drei
Ebenen gleichzeitig aktiv wird. Es soll
- sich dabei nicht um eine
Kaderorganisation mit Avantgardeanspruch handeln,
- sondern um einen freien und
basisdemokratisch verfassten Zusammenschluss
- von Menschen, die das hier vorgelegte
Konzept kritisiert, korrigiert,
- überarbeitet, erweitert und sich
sodann zu eigen gemacht haben, um seine
- Nützlichkeit im Dialog mit dem
proletarischen Multiversum zu testen. Die
- sich dabei ergebenden Erfahrungs- und
Lernprozesse werden zu einer
- fortlaufenden Korrektur des Modells
führen. Sobald das proletarische
- Multiversum den Übergang zur globalen
Autonomie unumkehrbar zu machen
- beginnt, wird sich diese Assoziation
wieder auflösen.
-
- In diesem Sinn wären die ersten drei
simultanen Schritte zur Begründing
- eines solchen Zusammenschlusses
folgendermaßen zu bestimmen: Es sollten
- erste lokale bzw. regionale
Initiativegruppen auf allen Kontinenten
- gegründet und ein gemeinsames
Kommunikations- und Öffentlichkeitsnetz
- (Internet, regionale Medien)
installiert werden. Die Assoziation sollte
- sich zweitens an der Gründung
transnationaler Föderationen der
- Arbeiterinnen und Arbeiter in den
wichtigsten Schlüsselsektoren
- beteiligen. Drittens sollte sie eine
globale Krisenanalyse initiieren,
- wobei die sozialen Krisenauswirkungen
besonders zu berücksichtigen wären
- (Globale Sozialberichte). Parallel
dazu sollten der konzeptionelle Rahmen
- und die sich daraus ergebenden
Handlungsoptionen erarbeitet und laufend
- weiterentwickelt werden.
-
- Ausblick
-
- Diese Vorschläge erscheinen
überzogen und utopisch. Ich halte konkrete
- Utopien jedoch für angemessene
Antworten auf historische
- Umbruchsituationen, weil sie uns von
der »Tradition der toten
- Geschlechter« befreien, »die wie ein
Alb auf dem Gehirn der Lebenden«
- lastet (Marx) und uns den Blick auf
plötzlich auftauchende
- Handlungsmöglichkeiten verstellt. Wer
aber soll sie umsetzen? Wie können
- wir es wagen, eine neue Dialektik
zwischen der
- konzeptionell-organisatorischen
Vorwegnahme einer neuen »politischen«
- Klassenzusammensetzung und der
sozialen und kulturellen Zusammensetzung
- des Multiversums der Eigentumslosen
vorzuschlagen? Wer gibt uns das Recht
- dazu nach Jahrzehnten der Niederlagen
und der strategischen Fehler, durch
- die wir im vergangenen Zyklus
unglaubwürdig wurden?
-
- Bedenken wir aber im Gegenzug, dass
wir uns in eine welthistorische
- Situation hineinbewegen, in der sich
das strategische Fenster neu öffnet,
- so dass die Karten neu gemischt
werden. So wie unsere Kinder, Nichten und
- Neffen uns heute fragen, was wir
zwischen 1967 und 1973 gemacht haben, so
- werden die nachwachsenden Generationen
an die Jüngeren unter uns später
- die Frage richten, wo und wie sie in
den Krisen- und Depressionsjahren
- 2008 bis 2012 aktiv gewesen sind.
Nichts ist unmöglich. Wer weiß, ob die
- chinesischen Bauern-Arbeiter sich im
kommenden Frühjahr des
- Staatsdespotismus entledigen werden,
der sie seit den 1990er Jahren mit
- eiserner Faust an die zentrale
Schuldner- und Gläubigerachse des
- Weltwirtschaftsmotors kettet. Der
Dollar würde sofort ins Bodenlose
- stürzen, und wir wären mit zwei
Tatsachen konfrontiert: Erstens mit der
- abrupten Vertiefung der
Weltwirtschaftskrise über das Niveau der
- Weltwirtschaftskrise des 20.
Jahrhunderts hinaus, und zweitens mit dem
- Auftreten eines neuen Akteurs auf der
weltgeschichtlichen Bühne, der sich
- in der ersten Krisenphase eher
weggeduckt hat: Der Weltarbeiterklasse. Es
- kann aber genau so gut sein, dass die
sich in China und sonst wo
- abzeichnenden Massenrevolten scheitern
und durch die Konterrevolution
- brutal erstickt werden noch
gewalttätiger als die Aufbrüche zu neuen
- Ufern in der Türkei 1970/71, in Chile
1973, in Argentinien 1976 und in
- Italien 1979. Dann wäre der Weg zu
einem Szenario frei, in dessen Verlauf
- der sich verschärfende
Weltwirtschaftskrieg der multipolaren Mächte nicht
- mehr »ultraimperialistisch"
gekittet werden kann und eine neue Ära der
- Großkriege eröffnet. Vielleicht wird
es aber auch nicht zu derartigen
- Zuspitzungen kommen, vielleicht
gelingt es der Achse Washington-Peking,
- die Krise zu bändigen und eine neue
Etappe des staatsinterventionistischen
- Klassenkompromisses einzuleiten. Aber
auch in diesem Fall würden sich neue
- Handlungsmöglichkeiten ergeben, denn
dann wird ein neuer Zyklus des
- Antagonismus zwischen Arbeit und
Kapital beginnen. Auch für den Fall der
- Durchsetzung dieser »milden"
Variante des Krisenausgangs sollten wir
- schlüssige Antworten vorbereiten, die
dem Projekt der sozialen Gleichheit
- und des gesellschaftlichen
Fortschritts verpflichtet sind.
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