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- Israelis, die
nicht mit
- den Wölfen heulen
- Michael
Warschawski
-
- »Und der Herr sprach: Es ist ein großes Geschrei
über Sodom und Gomorra, dass ihre Sünden sehr schwer
sind. Darum will ich hinabfahren und sehen, ob sie alles
getan haben nach dem Geschrei, das vor mich gekommen ist,
oder ob's nicht so sei, damit ich's wisse. (...)
- Aber Abraham blieb stehen vor dem Herrn und trat zu
ihm und sprach: Willst du denn den Gerechten mit dem
Gottlosen umbringen? Es könnten vielleicht fünfzig
Gerechte in der Stadt sein; wolltest du die umbringen und
dem Ort nicht vergeben um fünfzig Gerechter willen, die
darin wären? Das sei ferne von dir, dass du das tust und
tötest den Gerechten mit dem Gottlosen, so dass der
Gerechte wäre gleich wie der Gottlose! Das sei ferne von
dir! Sollte der Richter aller Welt nicht gerecht richten?
Der Herr sprach: Finde ich fünfzig Gerechte zu Sodom in
der Stadt, so will ich um ihretwillen dem ganzen Ort
vergeben. Abraham antwortete und sprach: Ach siehe, ich habe
mich unterwunden, zu reden mit dem Herrn, wiewohl ich
Erde und Asche bin. Es könnten vielleicht fünf weniger
als fünfzig Gerechte darin sein; wolltest du denn die
ganze Stadt verderben um der fünf willen? Er sprach:
Finde ich darin fünfundvierzig, so will ich sie nicht
verderben. Und er fuhr fort mit ihm zu reden und sprach:
Man könnte vielleicht vierzig darin finden. Er aber
sprach: Ich will ihnen nichts tun um der vierzig willen. Abraham
sprach: Zürne nicht, Herr, dass ich noch mehr rede. Man
könnte vielleicht dreißig darin finden. Er aber sprach:
Finde ich dreißig darin, so will ich ihnen nichts tun.
Und er sprach: Ach siehe, ich habe mich unterwunden, mit
dem Herrn zu reden. Man könnte vielleicht zwanzig darin
finden. Er antwortete: ich will sie nicht verderben um
der zwanzig willen. Und er sprach: Ach, zürne nicht,
Herr, dass ich nur noch einmal rede. Man könnte
vielleicht zehn darin finden. Er aber sprach: ich will
sie nicht verderben um der zehn willen. Und der Herr ging
weg, nachdem er aufgehört hatte, mit Abraham zu reden;
und Abraham kehrte wieder um an seinen Ort.«
- Genesis, Kapitel 18, 2033.
-
- Seit Juli 2000 vereinigen sich die aus Israel kommenden
Stimmen zu einer Harmonie, die nach zwei Jahrzehnten
schriller Vielstimmigkeit, von manchen sogar als
Kakophonie bezeichnet, nur überraschen kann. Eigentlich
handelt es sich um mehr als um Harmonie, nämlich um
einen disziplinierten und lauten, aber sterbenslangweiligen
Militärchoral. Dieser Choral wird vom Knattern schwerer
Maschinengewehre, vom Krach über den Häusern von Nablus
explodierender Granaten, vom Knirschen der Panzerketten,
die alles ihnen im Weg Stehende niederwalzen, vom Weinen
der palästinensischen, aber auch israelischer Mütter im
Angesicht ihrer toten Kinder begleitet. Aus der Ferne
betrachtet scheint Israel mit einer einzigen Zunge zu
sprechen. Die Medien lassen wenig Zweifel, dass es sich
anders verhalte. Von einigen seltenen Ausnahmen abgesehen
drucken sie die Partitur jenes jüngst aufgebauten
harmonischen Konsenses. Der Diskurs der Regierung ist der
Diskurs der Nation, die Rede der ganzen Nation.
Die Argumentation des Generalstabs gilt als Wahrheit, die
Berichte der verschiedenen Geheimdienste sind die
Wirklichkeit. Der Horizont wird in den Sitzungen des
Kabinetts abgesteckt. Die Kaste der Intellektuellen steht
bereit, jeden zu zensieren, der nach einer weniger
mörderischen Zukunft sucht. Sie ist nicht mit großen
Scheren, sondern jener Selbstgewissheit bewaffnet, die
zweifelsfreie Evidenzen wie folgt hervorbringt: »Auch
wir, lieber Freund, haben an den Frieden geglaubt. Wir
müssen dich aufwecken.« Man muss. Man muss aufhören zu
träumen. Man darf nicht mehr naiv sein. Man muss den Mut
aufbringen, sich loszusagen. Man muss sein Gewissen und
seinen Sinn für Moral zum Schweigen bringen. Man muss
den Mut aufbringen, darauf zu verzichten, eine »schöne
Seele«1) zu sein, wie man hier sagt.
- Eine Gesellschaft, die sich in die Einheitsrede flüchtet
und zu diskutieren aufhört, in der man nicht einmal mehr
zugesteht, dass es auch andere Ansichten geben kann, ist
eine Gesellschaft, die aufhört zu denken. Und so kommen
wir zur Armee, jener Institution, zu deren Wesen es
gehört, das Denken durch den Gehorsam zu ersetzen und wo
die Rede auf das »Jawohl, Herr Leutnant« reduziert ist.
Einheitsrede, Ende des Denkens, Ende der Moral, blinder
Gehorsam. Die große Mehrheit der israelischen
Intellektuellen hat zu denken aufgehört und somit die
Fähigkeit verloren, zwischen Gut und Böse zu
unterscheiden. Als ich von ihm verlangte, seine
moralische Autorität einzusetzen, damit nicht mehr auf
palästinensische Krankenwagen geschossen würde, hat mir
vor ein paar Monaten ein großer Schriftsteller der
israelischen Linken in einer Diskussion auf France
Culture geantwortet: »Hören Sie auf, in Moral zu
machen.. Die Lage verlangt nach politischen Positionen,
nicht nach Morallehren.« Vielleicht stimmt genau das
Gegenteil: Weil sie sich nicht mehr von ethischen
Prinzipien leiten lassen wollen, versagen sich unsere
Intellektuellen ganz einfach des Denkens. Dumm und böse.
Böse, weil dumm, dumm, weil böse.
-
- Einheitsrede, Ende der Moral. Israel soll also nichts
Anderes mehr sein als eine bewaffnete Bande, ohne Seele
oder Gewissen? Wahrscheinlich wenn man sich
bestimmte jüdisch-französische Radios anhört. Wenn man
aber genauer hinsieht, wenn man die Ohren spitzt und
hinter den Lärm der Pauken und Fanfaren des Konsenses
lauscht, kann man einige unterschiedliche, dissonante, abweichende
Töne vernehmen. Denn es gibt in Israel Männer und
Frauen, die sich weigern, mit den Wölfen zu heulen.
Israelis, die weder ihr Gewissen zum Schweigen bringen
noch ihre kritischen Fähigkeiten an die Leine nehmen
möchten. Israelis, die Widerstand leisten und sich gegen
Rassismus und Hass, gegen Resignation und Verzweiflung
wehren. Israelische Männer und Frauen, die nicht
aufgehört haben, an den Frieden zu glauben und die auch
weiterhin für die Koexistenz der Völker kämpfen.
- Diese Menschen, die Widerstand leisten denn da
sich ein Bleimantel über die Gesellschaft ergossen hat,
setzen sie friedliche, aber entschlossene Formen des
Widerstands ein gebrauchen alle zur Verfügung
stehenden Mittel, um ihren Wut und Schmerzensschrei zu
Gehör zu bringen, um konkret eine politische
Solidarität mit denjenigen auszudrücken, die die Opfer
des Krieges sind, der von ihrer eigenen Regierung
geführt wird. Die Medien sind ihnen nicht gewogen,
selbst wenn es dort noch kritische Räume gibt, auf die
in dieser Artikelsammlung ein Schlaglicht fallen soll. Im
Ausland jedoch gibt es kaum Gelegenheit, sie zu
vernehmen.
- Wer sind nun diese Dissidenten und Dissidentinnen? Worin
liegt ihre Bedeutung? Auf diese Fragen versuchen wir eine
Antwort zu geben, wobei wir die inneren Entwicklungen der
israelischen Gesellschaft im Verlauf der letzten beiden
Jahrzehnte und insbesondere die wechselnden Wahrnehmungen
des israelisch-arabischen Konfliktes und die Aussichten
für Frieden und Koexistenz in der Region als Hintergrund
heranziehen.
-
- Am Anfang stand der Konsens
- Von Anbeginn an hat sich die israelische Gesellschaft wie
eine totalitäre Gesellschaft organisiert: Die
Zivilgesellschaft wurde zuerst von den zionistischen vorstaatlichen
Institutionen, sodann vom Staat absorbiert. Es handelte
sich um eine Art Wohlfahrtsstaat, wie ihn nur noch die
osteuropäischen Gesellschaften gekannt haben; ein Staat,
der sich um alle Aspekte des wirtschaftlichen, sozialen
und kulturellen Lebens der Bevölkerung kümmerte und die
Grenzen dessen, was legitim ist und was nicht, festlegte.
- Im Zentrum des Staates stand die Partei, jene von Ben
Gurion und den Gründungsvätern gegründete Mapai, sowie
die Blockparteien, denen sie einen Teil der Macht und
somit der Kontrollmechanismen über die Bevölkerung
abgab.2)
- Außerhalb der Partei und ihrer Blockflöten gab es kein
Heil! »Nur nicht Herut und KP!« war eines der Motti von
Ben Gurion, wodurch er der kommunistischen Linken und der
Rechten um Begin die Legitimität bestritt. Sicherlich
hatten sie das Recht, sich am demokratischen und
parlamentarischen Spiel zu beteiligen, aber in der
Gesellschaft wurden sie für illegitim erklärt und ihre
Meinungen wurden als subversiv angesehen. Dasselbe gilt
für die nicht-zionistischen religiösen Parteien, die
sich zunächst selbst aus der zionistischen Gesellschaft
ausgeschlossen hatten. Nur ein Beispiel: Um in einem
staatlichen Betrieb oder in den Industriebetrieben des
Gewerkschaftsdachverbandes Histadruth (die in den
fünfziger und sechziger Jahren bis zu 80 Prozent der
Arbeitenden beschäftigten) Arbeit zu finden, musste man
das »kleine Arbeitsheft«3) vorzeigen und durfte keine
Sympathien für die Kommunisten oder Beziehungen zur
Gruppierung von Menachim Begin haben.
- Trotzdem (und dies müssen wir betonen) teilte die Rechte
alle wesentlichen Werte und politischen Positionen der
Arbeitspartei und ihrer Verbündeten; nur in den
Bereichen Wirtschaft und Soziales hatten sie
Meinungsverschiedenheiten. Allein die Kommunisten lehnten
diesen politischen Konsens ab, aber ihre Partei bestand
vor allem aus Arabern. In anderen Worten, abgesehen von
einem kleinen Teil der religiösen Gemeinschaften und
einer randständigen Minderheit einer nicht-zionistischen
Linken teilte die jüdische Bevölkerung Israels von 1948
bis Ende der sechziger Jahre die gleiche Ideologie und
die gleichen politischen Grundüberzeugungen. Diesen
politischen Konsens kann man in einem Credo von zwölf
Punkten zusammenfassen:
-
- · das
historische Palästina ist die Heimat des jüdischen
Volkes;
- · der
Zionismus ist die nationale Befreiungsbewegung des
jüdischen Volkes, die es in ihre Heimat zurückführt;
- · nach 2000
Jahren kehrt das jüdische Volk mit dem Ziel in seine
Heimat zurück, sie zu kolonisieren (Jishuw) und
einen jüdischen Staat zu errichten;
- · die
jüdische Einwanderung (Alija) ist die absolute
Priorität des Zionismus und des Staates Israel;
- · der Krieg
von 1948 war ein nationaler Befreiungskrieg, in dem sich
die jüdische Gemeinschaft gegen eine umfassende
arabische Aggression verteidigt hat;
- das Ziel der Araber besteht
in der Zerstörung des Staates Israel, wohingegen sich
der Staat Israel unablässig für den Frieden mit seinen
Nachbarn einsetzt;
- · alle Kriege
zwischen Israel und den arabischen Staaten waren Israel
von Seiten der arabischen Welt aufgezwungen, die Israel
vernichten wollte;
Israel ist ein
jüdischer Staat, der Staat aller Juden der Welt und nur
das;
- · Israel ist
die einzige Demokratie im Nahen Osten;
- · Israel ist
und sieht sich als der Vorposten des Westens und der
freien Welt im arabischen Osten;
- · die
nationale Einheit gegenüber dem Feind und gegenüber der
Welt im Allgemeinen ist eine Pflicht, und die politische
und ideologische Diskussion bleibt dem Gebot der Einheit
untergeordnet;
- · die
Regierung ist Ausdruck des Staates, der selbst ein
Ausdruck des jüdischen Volkes ist ihm schuldet
man unbedingten Gehorsam.
-
- Von 1948 bis 1978 hat sich die übergroße Mehrheit der
jüdischen Bevölkerung Israels um dieses Credo geschart
und die politischen und ideologischen Diskussionen, die
im Verlauf der vergangenen drei Jahrzehnte die
israelische Gesellschaft durchzogen haben, gingen von
einer Übereinstimmung über diese zwölf Punkte aus.
Sogar die rechte Opposition blieb im Grunde loyal und
schloss jede Subversion des politischen Regimes und der
vorherrschenden Ideologie aus, wiewohl sie beide heftig
kritisierte. Nur die anti-zionistische äußerste Linke
und die nicht-zionistische Linke stellten alle (im Fall
der Matzpen-Bewegung) oder einen Teil (im Fall der
Kommunistischen Partei) dieser grundlegenden Prinzipien
in Frage. Auf die jüdische Bevölkerung in Israel haben
sie nur marginalen Einfluss, sie sind aus der
Gemeinschaft verbannt und werden polizeilicher und
gesellschaftlicher Repression unterzogen. Doch die Ideen,
die diese Strömungen vertreten, sind keineswegs ohne
Interesse, weit gefehlt.
- Wenn die israelische Kommunistische Partei im Krieg von 1948
auch einen nationalen Befreiungskrieg sieht und die
Legitimität des jüdischen Staates anerkennt, so
widersetzt sie sich doch der Politik der verschiedenen
israelischen Regierungen, und zwar sowohl im Innern
(institutionalisierte Diskriminierung der
nicht-jüdischen Bevölkerung), wie bei den
israelisch-arabischen Beziehungen. Daher teilt sie die
Ideen des Konsenses nicht und stellt sich außerhalb der
Burgfriedenspolitik. Die äußerste Linke ist radikal
antizionistisch, sie besteht auf dem kolonialistischen
Charakter der zionistischen Unternehmung und predigt den
revolutionären Regimewechsel und das Bündnis mit der
palästinensischen Nationalbewegung. Nach 1967
konzentriert sich diese Linke auf die systematische
Anprangerung der Besatzung und die Siedlungspolitik. Sie
wird völlig an den Rand gedrängt, denn die Jahre 1967 bis
1973 markieren den Höhepunkt der Burgfriedenspolitik und
des Konsenses; sogar langjährige Oppositionelle wie der
Journalist Uri Avnery und die Schriftsteller Amos Keinan
und Dan Ben Amotz lassen sich einige Zeit lang von der
giftigen Atmosphäre der Burgfriedenspolitik anstecken.
-
- Die hohe Zeit der
Friedensbewegung
- Der Krieg vom Oktober 1973 sollte alles ändern. Er
bezeichnet den Beginn vom Ende des Konsenses. Die
ägyptisch-syrische Offensive überraschte die Regierung.
Die Armee und die öffentliche Meinung insgesamt sonnten
sich im Gefühl der Macht des Sieges vom Juni 1967. Doch
dann hatte die Armee die schlimmste ihrer militärischen
Niederlagen einstecken müssen, auch wenn sie dank einer
außergewöhnlichen Hilfe seitens der USA schließlich
die Lage wieder in den Griff bekommen konnte. Da die
Führung der Arbeitspartei seit fast fünfzig Jahren an
der Spitze der Bewegung und dann des zionistischen
Staates gestanden hatte, verlor sie einen Teil ihrer
Glaubwürdigkeit, und vermittelt über sie sah auch der
Staat seine Unfehlbarkeit in Frage gestellt.
- Eine spontane und massive Bewegung verlangte damals den
Rücktritt der Regierung, die jedoch die Wahlen gerade
noch gewinnen konnte. Aber drei Jahre später war das
Ende der Regierung der Arbeitspartei gekommen und die
Rechte übernahm die Macht. Die Nomenklatura der
Arbeitspartei und ihre breite Klientel waren bereit, in
die Opposition zu gehen: Sie sprachen von Faschismus und
der Liquidierung des Staates, den sie nach ihrem Bilde
geformt hatten. Doch es war die extreme Rechte und nicht
die zionistische Linke, die abtrünnig wurde: Denn die
von Menachim Begin geführte traditionelle Rechte
unterzeichnete 1978 einen Friedensvertrag mit Ägypten,
zog sich aus dem Sinai zurück und löste alle dortigen
Siedlungen auf. Es war also die Initiative von Anwar
Sadat, die am Anfang der israelischen massenhaften
Friedensbewegung stand, am Anfang von Peace Now (Frieden
jetzt!). Bis dahin hatten sich einige Tausend Israelis,
mehrheitlich Araberinnen oder nicht-zionistische Juden
und Jüdinnen, in der Protestbewegung gegen die Besatzung
und die Repression in den besetzten Gebieten organisiert.
Frieden jetzt! war eine Bewegung aus dem der Arbeitspartei
zuneigenden Teil der israelischen Bevölkerung. Diese
Bewegung war von Reserveoffizieren gegründet worden, die
sich als Patrioten, Zionisten und Juden verstanden. Im
Verlauf von Dutzenden von Demonstrationen, die sich über
zwei Jahre hinzogen, forderten über 150 000 Menschen von
Begin erfolgreich den Verzicht auf den Sinai und einen
Friedensschluss mit Ägypten. Zu Beginn der achtziger
Jahre war die israelische Gesellschaft zwischen der Rechten
und der Linken polarisiert; erstere wurde von immer
größeren Straßendemonstrationen, von wilden
Initiativen des Siedlungsbaus, von den Siedlern in Gusch
Emunim repräsentiert; letztere von Frieden jetzt, der
Bewegung, die Schritt für Schritt auch das Problem der
Besatzung der Westbank und des Gaza-Streifens auf die
Tagesordnung brachte.
- Ich möchte eine semantische Anmerkung machen: Häufig
spricht man von der israelischen Friedensbewegung als
»pazifistischer Bewegung«. Diese Benennung könnte zu
Verwirrung führen. Denn in Wirklichkeit sind die
AktivistInnen der israelischen Friedensbewegung keine
Pazifisten oder Antimilitaristen: Die Unterzeichnerinnen
der Gründungserklärung von Frieden jetzt! waren alle
Reserveoffiziere (so dass Janet Aviad, die zur
Gründungsgruppe gehörte und später Pressesprecherin
war, dieses Dokument nicht unterzeichnen konnte), die auf
der unbedingten Loyalität gegenüber der Armee
beharrten. Noch heute steht Frieden jetzt! in
Gegnerschaft zu den Leuten von Yesch Gvul. In Israel
bedeutet »Pazifist« nicht, eine ideologische Haltung
zum Krieg zu haben, sondern nur, gegen bestimmte Formen
des extremistischen Expansionismus zu sein.
- Der Libanon-Krieg von 1982 ließ schließlich die
israelische Gesellschaft entzweibrechen und gab der
israelischen Friedensbewegung ihren Charakter als
wirklicher Opposition. Zum ersten Mal wurde ein Krieg vom
Ministerpräsidenten selbst als »Krieg der Wahl«
bezeichnet, also nicht als eine Antwort auf eine
wirkliche oder vermeintliche arabische Aggression,
sondern als ein bewusst gewähltes Vorgehen. Es war auch
das erste Mal, dass die wirklichen Ziele jenes Krieges
vor der Bevölkerung versteckt wurden: Man sprach von 40
km ins Land reichenden Sicherheitszonen zum Schutz von
Galiläa. Hingegen zeigte sich schnell, dass das
wirkliche Ziel darin lag, Beirut zu erreichen, um dort einen
Staat der mit der israelischen Armee verbündeten
Phalangisten zu errichten, die PLO zu vernichten und die
Palästinenserinnen zu vertreiben. Die israelische
öffentliche Meinung entdeckte alsbald, dass man sie
getäuscht hatte, und die Ränge der
Friedensdemonstrationen schwollen an.
- Während des Libanon-Krieges entwickelte die
Friedensbewegung einen Modus operandi, der bis zum
Oslo-Prozess funktionierte. Die radikaleren
Organisationen, die von einer grundsätzlichen
Gegnerschaft zum Krieg und zur Besatzung ausgingen,
stürzten sich in die Schlacht und begannen, auf einen
Teil der Basis von Frieden jetzt!, das ebenfalls zu
Mobilisierungen aufrief, Wirkung zu entfalten. Am
Vorabend der Invasion in den Libanon, am 4. Juni 1982,
gelang es dem Solidaritätskomitee mit der Universität
Bir Zeit, 3000 Demonstrantinnen gegen den Krieg nach Tel
Aviv zu mobilisieren, wo es sich in ein Komitee gegen den
Libanon-Krieg verwandelte. Drei Wochen später, als die
israelische Armee bereits vor den Toren Beiruts stand,
waren es schon über 15000, darunter viele
Reserveoffiziere. Frieden jetzt!, das bis dahin keine Gegnerschaft
zu jenem blutigen und kriminellen Abenteuer demonstrieren
wollte (»solange unsere Soldaten im Feld sind, müssen
wir sie unterstützen«), beschloß, in der folgenden
Woche zu einer Protestversammlung aufzurufen. Daraus
sollte eine Demonstration von über 100 000 Menschen
gegen die »Ausweitung des Krieges« über die
ursprünglichen Ziele hinaus und gegen den »Bruchdes
Konsenses« (sic) werden.
- Während die radikaleren Organisationen, wie das
Komitee gegen den Krieg im Libanon oder die junge
Bewegung der kritischen Reservisten Yesch Gvul eine
Arbeit der Sensibilisierung und der Konfrontation mit der
Kriegs und Besatzungspolitik machten, suchte Frieden
jetzt! vor allem Kapital aus der Kriegsgegnerschaft in
der einfachen Bevölkerung zu schlagen und hütete sich
immer, die Brücken zu denen abzubrechen, die es als
Basis eines wünschenswerten nationalen Konsenses ansah.
Aus diesem Grund steht es in unversöhnlicher Gegnerschaft
zur Bewegung Yesch Gvul, das die Unterstützung
derjenigen organisiert, die den Dienst in den besetzten
Gebieten verweigern.
- Die Grenzen zwischen Frieden jetzt! und den radikaleren
Organisationen waren jedoch durchlässig. Dies
ermöglichte letzteren, einen realen Einfluss auf die
Entscheidungen von Frieden jetzt! und auf die
Radikalisierung seiner Forderungen ausüben zu können.
Dieser günstige Einfluss wird in der Haltung von Frieden
jetzt! zur palästinensischen Frage deutlich.
- Zu Anfang hütete sich Frieden jetzt! sehr, zu einem
Thema Position zu beziehen, dessen Lösung nicht auf der
Tagesordnung der kommenden Jahre zu stehen schien, als
aus israelischer Sicht die Besatzung in einer relativen
Ruhe ablief, als man noch von der »aufgeklärten
Besatzung« sprach. Sicherlich wurden die Siedler immer
aktiver und die Rechtsregierung gab ihnen grünes Licht,
doch blieben sie in der israelischen Gesellschaft ein
Randphänomen, zumindest nach den Einschätzungen der
Linken.
- Die radikaleren Organisationen, vor allem das
Solidaritätskomitee mit der Universität Bir Zeit,
organisierten Kampagnen gegen die Siedlungspolitik und die
Repression in der Westbank und im Gaza-Streifen, für die
Anerkennung der PLO und für den völligen Rückzug aus
den 1967 besetzten Gebieten, über die relativ viel
berichtet wurde.
- Ihre Positionen stützten sich nicht (wie bei Frieden
jetzt!) auf einen pragmatischen Nationalismus (gemäß
der Melodie: »Die Besatzung korrumpiert unsere Kinder«,
oder die Besatzung stellt den »jüdischen und
demokratischen Charakter« Israels in Frage), sondern auf
die Anerkennung eines Rechtes (dem der Palästinenser auf
Unabhängigkeit) und der Rechtswidrigkeit einer
Besatzung, die immer mehr einer kolonialen Annexion
glich. Eine Solidarität mit den Opfern der
Besatzung und ihrem Kampf zeigte sich immer deutlicher,
doch Frieden jetzt! sollte sie nie wirklich in sein
Programm übernehmen.
- Die erste Intifada gab den Bewegungen, die die Besatzung
in den Mittelpunkt ihrer Arbeit und ihrer Aktivitäten
gestellt hatten, enormen Auftrieb und neue Initiativen
tauchten auf. Neben dem alten Solidaritätskomitee mit
Bir Zeit, das in Dai La Kibusch (»Schluss mit der
Besatzung!«) umbenannt wurde und neben Yesch Gvul, das
mit einer zweiten Welle den Dienst verweigernder
Reservisten beschäftigt war, tauchten nun die Frauen in
Schwarz und sodann weitere Vereinigungen auf, die
bestimmte Aspekte der Besatzung und der Unterdrückung
der Intifada bekämpften: das Komitee gegen die Folter,
die Menschenrechtsorganisation B'tselem, die israelischen
und palästinensischen Ärzte für die Menschenrechte,
die Rabbiner für die Menschenrechte. Zusammen vermochten
sie bisweilen 10 000 Menschen zu mobilisieren.
- Der wachsende Einfluss der Mobilisierungen der gegen die
Siedlungspolitik kämpfenden Linken verpflichtete Frieden
jetzt!, seine Positionen zu radikalisieren und das Ende
der Besatzung sowie die Anerkennung der PLO ins Zentrum
seiner Forderungen zu stellen. Zwischen 1988 und 1990
traten an die Stelle der Mobilisierungen von einigen
tausend Personen, die von den radikalen Bewegungen
organisiert wurden, Kundgebungen mit über 50 000
Menschen, in deren Verlauf Frieden jetzt! ein Programm
vertrat, das sich dem der radikalen Bewegungen immer mehr
annäherte: völliger Rückzug, Auflösung der Siedlungen,
Verhandlungen mit der PLO. In diesem Augenblick schien
es, die wichtigsten Forderungen der palästinensischen
Nationalbewegung würden endlich von einem erheblichen
Teil der israelischen Gesellschaft übernommen. Sie 1992
wählte sie eine Linksregierung (Arbeitspartei und
Meretz) ins Amt, die sich in groben Zügen auf das
Programm der Friedensbewegung berief.
-
- Das Paradox von Oslo
- Die Unterzeichnung der Prinzipienerklärung von Oslo
(DOP) im August 1993 rief, wie man leicht verstehen kann,
in der Friedensbewegung bei allen Strömungen eine wahre
Begeisterung hervor. Ihr Programm, ihre Hoffnungen
schienen absehbare Wirklichkeit zu werden. Aber auch in
dieser gemeinsamen Begeisterung waren die von den beiden
Bestandteilen der Friedensbewegung gezogenen
Schlussfolgerungen keineswegs identisch. Für Frieden
jetzt! war der Kampf gegen die Besatzung und für einen
israelisch-palästinensischen Frieden an dem Tag zu Ende,
als Yitzhak Rabin mit verzogener Mine Jassir Arafats Hand
schüttelte. Nun sollte sich die Regierung mit völliger
und bedingungsloser Unterstützung der Friedensbewegung
der Sache annehmen. Diese konnte sich auf ihren Lorbeeren
ausruhen und sich der Ruhe des Kriegers erfreuen, auf dessen
Druck hin ein Abkommen geboren wurde, in dem er sich
zurecht auf der Gewinnerseite fühlte. Aber nicht nur
verpflichtete kein Paragraf der DOP zu einer Bilanz der
zahlreichen Verbrechen seit den ersten Tagen der Siedlungspolitik
bis zur Zeremonie im Weißen Haus, sondern es gelang
Yitzhak Rabin im letzten Moment, Jassir Arafat eine
»Verurteilung des Terrorismus« abzuringen, die eine
kaum verhüllte Anerkennung der Doktrin durch die
Palästinenser darstellte, für den hundert Jahre
währenden Konflikt sei der palästinensische Terrorismus
und nicht die zionistische Siedlungspolitik und der Raub
an der Heimat und dem Boden der Palästinenser
verantwortlich zu machen.
- Natürlich verstanden die Aktivisten und Aktivistinnen
der Linken ihre Rolle angesichts der neuen Lage nicht in
dieser Weise. Für die Mehrheit von ihnen waren die
Osloer Abkommen ein Versprechen, dessen Einhaltung durch
die Regierungskoalition nur durch entschlossene
Mobilisierung und Druck gewährleistet werden konnte und
keineswegs durch irgendeinen Automatismus oder eine
»Unumkehrbarkeit«, wie die Regierungskoalition vorgab.
- Die Besatzung ging weiter, und bald schon wurde deutlich,
dass sie sich unter bestimmten Gesichtspunkten sogar
verschärfte: es kam zu Grenzsperren (einer
einschneidenden Einschränkung der Bewegungsfreiheit der
PalästinenserInnen) und der Ausdehnung der
Siedlungspolitik in Gebieten, die Israel nach den Vereinbarungen
von Oslo an die Palästinenserinnen zurückgeben sollte.
Wachsamkeit, Mobilisierung und Solidarität waren die
drei Schwerpunkte der Aktionen der radikalen
Friedensorganisationen, deren Motto nun wie folgt
lautete: »Mit der Regierung, wenn sie entschlossen in
Richtung Frieden voranschreitet! Gegen die Regierung,
wenn sie die Besatzung verwaltet!«
- Zwei Jahre nach der Unterzeichnung der DOP waren die
Palästinenserinnen über die wahren Intentionen der
(linken!) israelischen Regierung zunehmend enttäuscht
und beunruhigt. Es gab nun aufgrund von Provokationen
durch Siedler neue Attentate. Diese waren eine Zeit lang
verwirrt gewesen, wussten aber genau, dass ihr Spiel noch
lange nicht verloren war, und dass in dem Vorgang, den
die zionistische Linke den »Friedensprozess« nannte,
nichts irreversibel war. Jene Linke versank in einem
wahren Determinismus, der sie mehr und mehr gegenüber
der Wirklichkeit der Besatzung und dem Erstarken der
Rechten erblinden ließ. Sie war blind und taub
angesichts der unaufhörlichen Appelle palästinensischer
Aktivistinnen und politischer Führungspersönlichkeiten,
mit denen sie eine Zeit lang zusammengearbeitet hatte,
und die nicht mehr verstanden, warum die israelische
Friedensbewegung die Kampfarena ausgerechnet in dieser
entscheidenenden Phase verließ, ja sogar eine Regierung
unterstützte, die immer systematischer die von ihr
selbst unterzeichneten Vereinbarungen verletzte.
- Die Linke hat, sobald sie an der Regierung war, auf den
gemäßigten Flügel derFriedensbewegung immer
zerstörerische Auswirkungen gehabt. Das galt
insbesondere, als die Linksregierung sich verpflichtete,
Frieden zu schließen. Man musste aber schon blind sein,
um nicht zu erkennen, dass der Frieden, also die für
eine ehrliche und loyale Umsetzung der DOP notwendigen
Kompromisse, Gegenstand eines politischen Kampfes in der
Gesellschaft, in der herrschenden Klasse, in der
Regierung, in der Arbeitspartei und sogar (seine
Biographen bestätigen es) im Kopf von Yitzhak Rabin
selbst sein würden. Daher war es angezeigt, sein ganzes
Gewicht zur Änderung des Kräfteverhältnisses in die
Waagschale zu werfen.
- Das hat der frühere Abgeordnete und Journalist Uri
Avnery verstanden, der mit einigen Dutzend
nicht-zionistischen Aktivistinnen sowie von Frieden
jetzt! Enttäuschten den Friedensblock gründete, um den
Kampf gegen die Besatzung zu einem Zeitpunkt
weiterzuführen, als die Linke wieder an die Macht kam
und als Frieden jetzt ins Koma verfiel, aus dem es bis
heute nicht wieder erwacht ist. Während der Jahre des
»Friedensprozesses« hat der Friedensblock, zusammen mit
der Frauenorganisation von Bat Schalom und den Frauen in
Schwarz einen resoluten Kampf gegen die Besatzung und das
Verspielen der in die Abkommen von Oslo investierten
Hoffnungen geführt.
- Wir möchten hier auch die besondere Rolle der
Menschenrechtsorganisationen betonen. Auch wenn es ihnen
nicht um direkte Mobilisierungen geht, so haben sie doch
in den Jahren des »Friedensprozesses« dazu beigetragen,
die Wirklichkeit der Besatzung und die systematischen
Menschenrechts und Völkerrechtsverletzungen, die durch
die Verhandlungen verschleiert waren, zu entlarven. Das
ist besonders wichtig, wenn man weiß, dass die Mehrheit
dieser Organisationen eher Frieden jetzt! als den
radikaleren Organisationen nahe stehen. Aber die
Authentizität ihres Kampfes für die Menschenrechte hat
sie dazu geführt, gemeinsam mit den radikalsten Teilen
der Friedensbewegung eine immer systematischere
Verurteilung der Besatzung vorzunehmen, zu einem
Zeitpunkt, als der Begriff Besatzung bereits aus dem
Wortschatz der Mehrheit der Menschen der Friedensbewegung
zu verschwinden begann.
- In der Zeitspanne des »Friedensprozesses«
gab es offensichtlich ein großes Paradox: Als die
Versöhnung zwischen den beiden Völkern offiziell auf
der Tagesordnung stand, entfernten sich
Palästinenserinnen und israelische Friedensbewegung
voneinander, sowohl in ihrer Wahrnehmung der Realität
wie in ihren jeweiligen Vorstellungen von der Zukunft.
Das gegenseitige Vertrauen und die teilweise
Zusammenarbeit, die sich im Verlauf der achtziger Jahre
herausgebildet hatten, machten zunächst einer wachsenden
Gleichgültigkeit (auf Seiten der Israelis) und sodann,
auf Seiten der Palästinenserinnen, einer Enttäuschung Platz,
die sich nach und nach in ein Gefühl von Verrat
verwandelte. Den Israelis zufolge sollte der Friede von
der politischen Führung in Verhandlungen geregelt
werden, in denen der Gewitzteste gewinnt. Für die
Palästinenserinnen hingegen ging die Besatzung weiter,
ja verschärfte sich noch. Die Vereinbarungen wurden
ihres Inhalts entkleidet und in Geist und Buchstaben
verletzt. Als die Palästinenserinnen, mehr als je zuvor,
der Hilfe der israelischen Friedensbewegung bedurft
hätten, damit diese Druck auf die Regierung ausübe, so
dass ehrliche Verhandlungen und ein Abkommen durchgesetzt
würden, das auf den zu Beginn eingegangenen
Verpflichtungen beruht hätte, mussten sie feststellen, dass
ihre vormaligen Verbündeten vor allem mit der nationalen
Wiederversöhnung und dem Aufbau eines israelischen
Konsenses beschäftigt sind, der es ihnen ermöglichen
sollte, jeder Konfrontation mit der Rechten auszuweichen.
- Als die Widerstandsaktivitäten der Palästinenserinnen,
auch die Attentate, 1995 wieder aufgenommen wurden, war
die Friedensbewegung völlig überrascht: Warum brechen
die Palästinenserinnen den Waffenstillstand, wir haben »ihnen
doch den Frieden gegeben«? Alles schien doch immer
besser zu werden! Was haben sie gegen die immer
konsequenteren Abriegelungen, die seit Beginn des
Friedensprozesses entlang der künftigen Grenze des
Palästinenserstaates vorgenommen werden? Worüber
beklagen sie sich, während die Trennung Gestalt annimmt?
- Die Trennung! Darin liegt für die Friedensbewegung, ja
vor allem die Friedensbewegung, das Wesen des Friedens,
seine wichtigste Qualität, sein Daseinsgrund. Sie
bleiben unter sich, im Schlamm des Gazastreifens, wo
dreißig Jahre lang das ablief, was die Ökonomin Sara
Roy die »EntEntwicklung« genannt hat; und wir bleiben
unter uns, in unserem »jüdischen und demokratischen«
Staat. Sie sollen sich nicht in unsere Angelegenheiten
einmischen und wir mischen uns nicht in die ihren ein,
ausgenommen natürlich in Sicherheitsfragen,
also der Freiheit der Bewegung, der Kontrolle des Raumes
und der natürlichen Ressourcen, sowie der Grenzen. Diese
müssen übrigens noch definiert werden, doch dies stellt
nur eine Detailfrage dar, die sich im Rahmen ... des
Dialoges mit den Siedlern regeln lässt.
- Es sind nur wenige auf der Linken, die sich gegen diese
Friedensvorstellungen und die darin liegenden Gefahren
einer mörderischen Ausweglosigkeit verwahren. Von den
Aktivistinnen waren es die Frauen in Schwarz, die von
Bat-Schalom und der Friedensblock; in der intellektuellen
und akademischen Welt müssen wir die
Hochschullehrerinnen Tanya Reinhart, Baruch Kimmerling,
Oren Yiftachel und Ran Ha Cohen, sowie Meron Benvenisti,
Azmi Bischara und den Schriftsteller Yitzhak Laor
erwähnen; bei den Medien Gideon Levy, B. Michael und vor
allem Amira Hass. Aber sie sind isoliert und werden als
Nestbeschmutzer angesehen. Die Mehrheit erlebte weiterhin
den Frieden als wäre er Realität. Wenn auch die
palästinensischen Attentate die Euphorie der Mitglieder
der Friedensbewegung gedämpft haben, so sind sie nach
wie vor überzeugt,dass der »Friedensprozess«
zwangsläufig seinen Gang gehen und die Palästinenserinnen
den Staat haben werden, den ihnen die israelische
Regierung aufoktroyiert. Das Fiasko des Gipfels von Camp
David II wurde von den Mitgliedern der israelischen
Friedensbewegung damals als ein Keulenschlag wahrgenommen.
-
- Die große Mystifikation
- Die öffentliche Meinung hatte sich völlig
zurückgezogen und war der Friedensillusion erlegen, als
sie im Juli 2000 mit dem Scheitern des Gipfels von Camp
David konfrontiert wurde. Heute weiß man, was auf dem
Gipfel wirklich passiert ist, wenn man sich nur die Mühe
macht, die ihm gewidmeten seriösen Studien zu lesen. Die
einzige Frage, die bis heute offen geblieben ist, betrifft
die Intentionen des israelischen Ministerpräsidenten:
Welche der beiden widersprüchlichen Erklärungen, die er
im Verlauf der beiden vergangenen Jahre abgegeben hat,
ist die richtige? Hat Ehud Barak wirklich ein Abkommen gewollt
und hat er, wie er seit Juli 2000 behauptete, wirklich
geglaubt, er könnte gegen Arafat ein Abkommen
durchdrücken, das weit hinter den tausendfach bekundeten
Positionen der nationalen Führung der
Palästinenserinnen und den Erwartungen des
palästinensischen Volkes zurückblieb? Oder wollte er,
wie er seit April 2001 behauptete, die Verantwortung für
das Scheitern der Abkommen von Oslo, gegen die er sich
immer gewandt hatte, den Palästinenserinnen aufladen,
indem er sie in die Falle unannehmbarer Angebote
einerseits und einer außerordentlichen internationalen
Desinformationskampagne andererseits trieb? Im ersten
Fall hätte er eine megalomane Arroganz an den Tag
gelegt, im zweiten einen ungeheuerlichen Zynismus. Ich
tendiere dazu, zu glauben, dass beide Behauptungen die
Schizophrenie eines führenden Politikers zeigen, dessen
jüngste Entwicklung ein Bild bieten, das uns frösteln
lässt.
- In beiden Fällen waren die Palästinenserinnen Opfer
einer israelischen Politik, die die notwendigen
Kompromisse für einen Frieden nicht eingehen will. Doch
in der internationalen und vor allem in der israelischen
öffentlichen Meinung waren die Palästinenserinnen die
Sündenböcke für das Fiasko von Camp David. Ihre
Weigerung, die »großzügigen Angebote« des
israelischen Ministerpräsidenten anzunehmen, wurde in
der israelischen öffentlichen Meinung nicht nur als
fehlende Beweglichkeit, sondern als Ausdruck einer
bewussten Entscheidung, den Konflikt weiterzuführen,
ausgegeben. »Indem die Palästinense) die
großzügigsten Angebote ausgeschlagen haben, haben sie
gezeigt, dass sie niemals auf ihr ursprüngliches Ziel
verzichtet haben, nämlich die Zerstörung des Staates
Israel«, behauptete schon im September ein
Pressesprecher der Regierung Barak.
- Die Reaktionen junger Palästinenserinnen auf die
Provokation von Barak und Scharon auf dem Vorplatz der
Moschee in Jerusalem verstärkten in der israelischen
öffentlichen Meinung das Gefühl, die
Palästinenserinnen hätten sich für die Konfrontation
und gegen Verhandlungen entschieden, womit sie einfach
Ursache und Wirkung vertauschte. Gleichermaßen sah jene
öffentliche Meinung im Vorgehen der palästinensischen
Polizisten angesichts des Massakers an jungen
Demonstranten durch israelische, mit Zielfernrohren
ausgerüstete Soldaten nicht das Ergebnis einer lange
vorher gewollten und geplanten blutigen
Repressionspolitik, sondern den Beweis für die
Gültigkeit der Argumente von Ehud Barak und Schlomo Ben
Ami. Die Selbstmordattentate, die einige Zeit später
wieder aufgenommen wurden, nachdem bereits einige Hundert
palästinensische Zivilisten durch israelische
Besatzungssoldaten getötete worden waren, verstärkten
natürlich den Eindruck, die Palästinenserinnen wollten
das jüdische Leben in Palästina vernichten.
- Nachdem die israelische öffentliche Meinung durch eine
ebenso wirkungsvolle wie ungeheuerliche Lüge in die Irre
geführt worden war, ging sie zu den alten Reflexen des
ewigen Opfers über, das allein gegen alle um sein
Überleben kämpft. Die Leichtigkeit, mit der die
Israelis den Lügendiskurs von Barak und Ben Ami
angenommen haben, sollte Gegenstand einer eigenen
Untersuchung werden. Bei der großen Mehrheit der
Israelis wurde der gesunde Menschenverstand von
atavistischen Ängsten und den durch ein halbes
Jahrhundert Konflikt, ja zweitausend Jahre jüdischer
Geschichte in der Diaspora, eingeübten Reflexen
ausgelöscht. Die Friedensbewegung sollte jener Bereich
der Gesellschaft sein, der am meisten betroffen wurde.
Seit Sommer 2000 begaben sich Linksintellektuelle und
liberale Journalistlnnen an die Schießscharten und
verschossen eifrig Pfeile. Laut den Schriftstellern Amos
Oz und Abraham B. Yehoscha sei es das Beharren der
Palästinenser, das Rückkehrrecht der Flüchtlinge
verhandeln zu wollen, das ihre Unredlichkeit und ihren
Willen beweise, Israel zerstören zu wollen. Für den
Journalisten An' Schavit haben sich nicht die
Palästinenser geändert, sondern die Israelis seien
endlich aus ihrer Illusion der Normalität erwacht: Wir
haben vergessen, dass wir die Kinder eines Volkes sind,
das immer von den Nationen abgelehnt wurde und abgelehnt
werden wird, und das daher fortwährend um sein
Lebensrecht und sein Überleben kämpfen muss. Der »neue
Historiker« Benni Morris fand in der »orientalischen
Mentalität« die Quellen für die Weigerung der
Palästinenserinnen, zu einem Kompromiss mit Israel zu
kommen. Binnen zwei Monaten fiel die Friedensbewegung
nicht nur als politische Kraft, die Hunderttausende von
Menschen mobilisieren konnte, sondern auch als
Ideenströmung auseinander. Die große Mehrheit ihrer
SprecherInnen schloss sich dem neuen Konsens des Kampfes
ums Überleben an und wurde zu dem am lautesten
plärrenden Solisten der militärisch-nationalistischen
Fanfaren, die seit über zwei Jahren in der öffentlichen
Meinung, in den Medien und an den Universitäten den Ton
angeben. Sie sind um so lauter, als sie die Ehrlichkeit
ihrer Reùe beweisen müssen: Zwischen August und
November 2000 wurde der öffentliche Diskurs von
einem pathetischen und allgemeinen mea culpa beherrscht.
Wochenlang konnte man in den Medien von der
»orientierungslosen Linken« lesen.
- Diese Linke, die man in Deutschland als »Toskana-Linke«
bezeichnen würde, ist jedoch nicht lange
orientierungslos geblieben: Als die Kämpfe, und vor
allem als einige Monate später die Selbstmordattentate
wieder losgingen, hat sie sich unumwunden der
verallgemeinerten Repressionspolitik von Ariel Scharon
angeschlossen. Sie tat dies um so williger, als die
Arbeitspartei und Schimon Peres, der Pate der
Vereinbarungen von Oslo und Friedensnobelpreisträger, in
die Regierung eintraten.
-
- Widerstand
- Doch bereits im Juli 2000 gab es Israelis, die
nicht bereit waren, in Ehud Baraks Falle zu gehen und die
Aussicht auf einen Frieden mit den Palästinenserinnen zu
Grabe zu tragen: »Wir sind keineswegs
orientierungslos«, ließen sie laut und deutlich
vernehmen und fügten hinzu, das Fiasko von Camp David
sei sowohl in Ehud Baraks Plan impliziert gewesen, als
auch in der Art, wie die israelischen Regierungen vom
ersten Tag an die Osloverträge in ihrer Substanz
entstellt hätten. Nach der Wiederaufnahme des
Widerstands gegen die israelische Besatzung Ende
September 2000 unternahmen es die radikalen
Organisationen der israelische Friedensbewegung, allen
voran der Friedensblock (Gusch Schalom), die Frauen in
Schwarz und Yesch Gvul (Es gibt eine Grenze), ebenso wie
die arabische Bevölkerung Israels, die grausame
Repression in den besetzten Gebieten und die Besatzung
überhaupt als das anzuprangern, was sie bereits seit den
ersten dramatischen Tagen ist: die primäre Ursache für
die gegenwärtige Situation.
- Auch in den Medien sind die kritischen Stimmen nicht
selten, sogar die von Mitgliedern des Establishments wie
der ehemaligen Erziehungsministerin Schulamit Aloni. Sie
alle werfen Barak und dann auch Scharon vor, Israel in einen
totalen Krieg gegen die gesamte arabisch-muslimische Welt
zu treiben. Der Journalist Akiva Eldar, erster
politischer Kommentator der Tageszeitung Ha'aretz, griff
bereits im Herbst 2000 die Mystifikation an, die Barak um
Camp David II betrieben hat. Gideon Levy und Amira Hass,
beide ebenfalls von Ha'aretz,
bemühen sich, die öffentliche Meinung darauf
aufmerksam zu machen, von welch mörderischer Brutalität
die Repressionen in den besetzten Gebieten ist.
- Im Verlauf der vergangenen zwei Jahre hat die »Regierung
der nationalen Einheit« eine Politik betrieben und
dadurch einen neuen Konsens untermauert, der aus den
Palästinenserinnen ein Volk von Terroristen macht, gegen
die jedes Mittel recht ist. Gegen diese Politik wendet
sich ein sowohl intellektueller als auch aktivistischer
Widerstand. Selbst wenn dieser Widerstand quantitativ
gemessen schwächer ist als der Widerstand, der sich in
den achtziger Jahren regte, so ist er doch auch sehr viel
radikaler. Man kann sich nur dann der Sicherheitsargumentation
entgegenstellen, die die in den besetzten Gebieten
begangenen Kriegsverbrechen mit dem erforderlichen Schutz
der Existenz Israels angesichts einer Bedrohung durch den
»palästinensischen Terrorismus« rechtfertigt, wenn man
Baraks Mystifikation vom Jahr 2000 in Frage stellt und
auch ganz allgemein die Politik der verschiedenen
israelischen Regierungen in den besetzten Gebieten
während der sieben Jahre des »Friedensprozesses«. Wenn
man die Augen nicht ganz verschließt vor den Schrecken
der Besatzung und die Ohren nicht vollkommen taub sind
für die Appelle des Gewissens, kommt man nicht umhin, zu
sehr ernsten Schlussfolgerungen bezüglich der Zukunft
des jüdischen Staates und der israelischen Gesellschaft
zu gelangen. Zweifellos liegt hier der Hauptgrund für
die Weigerung eines wichtigen Teils der
linkszionistischen Intellektuellen, sich mit der
Realität auseinanderzusetzen, und für ihr bisweilen
jämmerliches Bestreben, jede Verantwortung von sich zu
weisen.
- Wenn man die Armee beispielhaft heranzieht, ist
festzustellen, dass die Reservisten, die »erst
schießen, dann weinen« immer seltener werden, während diejenigen,
die sich weigern, in den besetzten Gebieten zu dienen und
auf diese Weise mit der traditionellen Haltung der
zionistischen Linken brechen, sehr viel zahlreicher sind
als während der ersten Intifada. Sie sind zahlreicher,
doch weniger wirksam; denn im Laufe der letzten zwanzig
Monate hat sich eine scharfe Polarisierung zwischen der
Unterstützung der Repressionspolitik und der Opposition
dagegen herausgebildet. Die klassische vermittelnde
Position der zionistischen Linken hingegen ist
geschmolzen wie Schnee in der Sonne.
- In diesem Zusammenhang muss man auch die ausgesprochen
heftige Reaktion der öffentlichen Mehrheitsmeinung gegen
jegliche Nicht-Übereinstimmung sehen, besonders wenn
solche dissidenten Stimmen aus dem Herzen des
zionistischen Establishment kommen. So musste Jossi
Beilin, ehemaliger Minister der Arbeitspartei und
Architekt von Oslo, erleben, dass er an der Universität
Beer Scheva nicht sprechen durfte; und die Sängerin
Yaffa Yarkoni, die »israelische Edith Piaf«, die auch
als die »Sängerin aller Kriege« bezeichnet wird,
belegte man mit einem Sendeverbot, weil sie es gewagt
hatte, die Unterdrückung in den besetzten Gebieten zu
kritisieren. Diese Reaktionen unterstreichen nur, wie
viel Mut diejenigen zeigen, die in der israelischen
Gesellschaft keine Angst davor haben, gegen den Strom zu
schwimmen.
-
- Dilemmata
- Von der israelischen Linken zu sprechen, heute, da sie
extrem minoritär ist, könnte ein Problem aufwerfen.
Riskiert man nicht, indem man die Existenz und das
Handeln dieser kleinen Minorität in den Vordergrund
stellt, gerade denen in die Hände zu arbeiten, die der
Welt gegenüber immer noch davor zurückschrecken, Israel
auf die Anklagebank zu setzen? Erleben wir nicht oft bei
Zusammenkünften in Europa oder Nordamerika, dass uns
Menschen sagen: »Wie könnt ihr nur den Staat Israel
angreifen und ihn als kolonialistisch bezeichnen bis hin
zur Beschuldigen des Soziozids an der palästinensischen
Gesellschaft? Warum gebt ihr euch nicht damit zufrieden,
die israelische Rechte oder die Regierung Scharon
anzugreifen (die, nebenbei bemerkt, auch schon die von
Schimon Peres und der Arbeitspartei gewesen ist)? Es gibt
doch schließlich Leute, die sich dieser Politik
entgegenstellen.«
- Sicher, aber wie viele sind es gegenüber der breiten
Masse des Konsenses? Dass Lot und seine Familie
existierten, konnte nicht verhindern, dass Gott Sodom und
Gomorra als sündhafte Städte erachtete, die ihr Recht
zu existieren verwirkt hatten. Hätte es nur zehn
Gerechte gegeben, wären die Städte verschont geblieben.
- Während des Libanonkrieges oder der ersten Intifada war
es legitim und sogar notwendig, von zweierlei Israels zu
sprechen: das eine, kriegerisch, erobernd, kolonial und
besetzend; das andere, das sein ganzes Gewicht in die Waagschale
warf, um eine Kursänderung herbeizuführen, um den
Rückzug aus dem Libanon und die Entkolonialisierung des
Westjordanlandes und des Gazastreifens zu erzwingen. Das
»andere Israel« zählte damals Hunderttausende von
Demonstrantinnen. Heute jedoch ist der Staat Israel mehr
als je zuvor seit 1948 brutal, indifferent gegenüber dem
Recht und ohne Mitgefühl. Heute, da der Mord an
Zivilisten, die massive Zerstörung der Infrastruktur,
der Vandalismus und die Demütigung staatliche Politik
sind, kollaborieren die israelische Bevölkerung, ihre
(linken) Intellektuellen und die Mehrheit der
Ex-Pazifisten, oder hüllen sich bestenfalls in ein
komplizenhaftes Schweigen. Wer die kleine Minorität
widerständiger Geister in diesem Zusammenhang
überbewertet, läuft Gefahr, die israelische
Gesellschaft zu entlasten und aus der Verantwortung zu
entlassen. Jene, die Widerstand leisten, weigern sich,
eine solche Rolle zu spielen und betrachten ihr Verhalten
keineswegs als einen Beleg dafür, »dass es ein anderes
Israel gibt«. Wie die Propheten Jeremias und Amos wollen
sie lediglich dazu beitragen, dass ein solches anderes
Israel entsteht, durch ihren Protest, ihre Kritik, ihre
Warnungen, manchmal auch ihre Verwünschungen. Aber sie
betrachten sich nicht als Verkörperung von Israel,
allenfalls als Israelis im Kampf für ein anderes Israel.
- Wenn wir uns trotzdem entschieden haben, jene, die in
Israel dem mainstream Paroli bieten, trotz ihrer
relativen Marginalität zu Wort kommen zu lassen, so
geschieht das, weil im Zusammenhang mit dem
israelisch-palästinensischen Konflikt eine tödliche
Gefahr besteht: die der »Bosnisierung«, anders gesagt,
die des Übergangs eines politischen Konflikts in einen
ethnischen.
- Indem Ehud Barak beim Gipfeltreffen von Camp David gewagt
hat, eine israelische Souveränität über den Vorplatz
der Moscheen anzuregen, ein Wahnsinn, zu dem sich vor ihm
kein führender israelischer Politiker, nicht einmal
Benjamin Netanjahu, hat hinreißen lassen, hat er
wissentlich oder, schlimmer noch, aus purer Dummheit die
Glut, die seit über einem Jahrzehnt unter dem Kessel des
israelisch-palästinensischen Konflikts glimmt, entfacht.
Sowohl die palästinensischen islamistischen Bewegungen,
als auch die messianischen Siedler vom »Glaubensblock«,
die politischen Strömungen also, die nach einer
Transformation des israelisch-palästinensischen
Konflikts in einen heiligen Krieg streben, waren bis
dahin in der Minderheit geblieben und außerstande gewesen,
die Auseinandersetzung um Territorium und politische
Forderungen in eine interkonfessionelle Konfrontation zu
überführen.
- Es ist vor allem der Wachsamkeit von Jassir Arafat und
seiner Angst vor Glaubenskämpfen, die aus seiner
Libanonerfahrung herrühren, zu verdanken, dass während
dreier Jahrzehnte die Konfessionalisierung der nationalen
Ambitionen eingedämmt wurde. Die Provokation seitens des
israelischen Ministerpräsidenten, die Machtübernahme
durch die kolonialmessianische Rechte und die heilige
Allianz, die sich hinter der Politik eines totalen
Krieges gegen die palästinensische Bevölkerung
zusammenrottete, sind allesamt Faktoren, die eine
Ethnisierung des Diskurses und des Verhaltens der
Palästinenserinnen provozieren. Würde der Konflikt zu
einem Krieg aller Israelis gegen alle Pälästinenser, so
würde dies auch bedeuten, dass es ein Krieg aller
Palästinenser gegen alle Israelis bzw. aller Muslime
gegen alle Juden würde. Ein ethnisch begründeter Krieg
um ein Territorium ist ein totaler Krieg, in dem es
keinen Raum mehr für einen Kompromiss gibt: »Entweder
ihr oder wir« heißt es dann; oder aber, in seiner
neuerlichen israelischen Version: »Wir hier, sie da
unten Transfer jetzt!«, wobei der Ausdruck
»Transfer« nichts anderes ist als ein hebräischer
Euphemismus für ethnische Säuberung. Angesichts dieser
realen und unmittelbaren Gefahr eines Krieges, bei dem es
grundsätzlich nicht mehr nur um die Kontrolle über
Territorien oder die Erlangung von Souveränität geht,
sondern um die Auslöschung des Anderen, ist es
unerlässlich, Informationsbausteine zu liefern, die
geeignet sind, die Argumentation gegen eine
»Bosnisierung« des Konflikts zu untermauern und es jenen,
die sich einer solchen Entwicklung verweigern,
ermöglichen, weiterhin Differenzierungen im Konzept vom
»Anderen« zu suchen oder hervorzurufen.
- Unsere palästinensischen Freunde und Freundinnen waren
die ersten, die uns um entsprechende Informationen baten,
die ihrer eigenen Öffentlichkeit zeigen sollten, dass
Israeli und kolonialistischer Besatzer nicht immer und
notwendigerweise Synonyme sind, und dass es wie in der
Vergangenheit trotz des Abgleitens der israelischen
Gesellschaft nach rechts politische und geistige Kräfte
gibt, die es nicht aufgeben, ihre Gesellschaft im Sinne
der Anerkennung von Rechten und einer Politik zu
beeinflussen, die von der Bereitschaft zu unvermeidlichen
Kompromissen und zu einem stabilen, d.h. gerechten
Frieden getragen ist.
-
- Auch in Europa
- Ein wichtiger Teil der Aktivitäten des Alternativen
Informationszentrums (AIC) hat zum Ziel, den
fortschrittlichen und demokratischen arabischen Kräften
derartige Informationen in arabischer Sprache zur
Verfügung zu stellen und auf diese Weise ihren Kampf
gegen die realen Risiken einer Ethnisierung des israelisch-palästinensischen
Konflikts zu unterstützen. Die Veröffentlichung dieses
Buches auf Französisch und in erweiterter Fassung auch
auf Deutsch geschieht in einer ähnlichen Absicht.
- In verschiedenen Ländern Europas und besonders in
Frankreich besteht die Tendenz, dass die Wahrnehmung des
israelisch-palästinensischen Konflikts unter ethnischen
bzw. Glaubenskategorien an Boden gewinnt. Vieles weist
darauf hin, dass diese Tendenz bereits Fuß gefasst hat:
Angriffe auf religiöse Stätten der Muslime wie der
Juden, rassistische Graffitis und Äußerungen,
systematische Vorstöße der jüdischen Organisationen,
Israel gegenüber kritische Stimmen einer Zensur zu
unterwerfen, das Auftauchen (wenn zum Glück auch nur
sehr selten) von antijüdischen Parolen auf
propalästinensischen Demonstrationen. All das deutet
darauf hin, dass sich in Europa die Zeichen einer
Konfessionalisierung der Solidarität mit den
verschiedenen Protagonisten des Konflikts mehren.
Während manche von denen, die eine Kommunitarisierung
der europäischen Akteure betreiben, dies auf Grund einer
nationalistischen oder religiösen Ideologie tun, gibt es
auch zahlreiche, die sich ökonomische Vorteile davon versprechen
und darin ein bequemes Mittel entdecken, um aus der
Anonymität herauszutreten oder ihren Abstieg aus den
Tempeln der Medien abzuwenden. Das geheime
Einverständnis zwischen den (muslimischen oder
jüdischen) Ayatollahs Europas und einer gewissen Schicht
von Intellektuellen, die nach öffentlicher
Aufmerksamkeit lechzen, hat heute eine reale Auswirkung
auf den Rückzug der Europäer jüdischer und
muslimischer Herkunft in ihre jeweiligen Communities, und
dieses Einverständnis trägt in dramatischer Weise dazu
bei, den antijüdischen Rassismus ebenso zu nähren wie
den antiarabischen.
- Die Verantwortung für diese inakzeptablen rassistischen
Schmähungen trifft in erster Linie jene, die sie begehen
oder die sie anregen. Aber eine beträchtliche
Verantwortung liegt in gleichem Maße bei den führenden
Köpfen der Gemeinden und bei denen, die sich selber zu
deren Sprechern erheben, sei es auf jüdischer oder auf
muslimischer Seite. Sie sorgen bewusst oder unbewusst
dafür, dass die Zugehörigkeit zu einer Community und
die Unterstützung einer politischen Sache miteinander
assoziiert werden. Ein solches kriminelles Verhalten
provoziert bei der Gegenseite einen entsprechenden
Reflex. Es überführt die Debatte, d.h. die politische
Auseinandersetzung in einen Kampf zwischen den
(ethnischen/religiösen) Gemeinschaften und gegen den
Anderen als solchen.
- Wenn die führenden Persönlichkeiten der jüdischen
Organisationen und die Adepten der »neuen Judeophobie«
schreien »Alle Juden mit Israel!«, wenn sie sich selbst
als »bedingungslose Anhänger Israels« proklamieren und
so die Brandmarkung von antisemitischen Akten und
Äußerungen mit der Unterstützung von Scharon
verquicken, tragen sie durch ihre verwerfliche Gedankenlosigkeit
zur Verstärkung von antijüdischen Taten und Regungen in
Europa bei.
- Aus einer diametral entgegengesetzten Sicht, mit der
Absicht, jener Propaganda, die ebenso inkonsistent wie
schädlich ist, entgegen zu wirken, müssen wir
israelische Juden zu Wort kommen lassen, die in der
Theorie und ihrem Verhalten die koloniale Politik ihrer
Regierung zurückweisen, weil sie durch die Sorge um
Recht und Gerechtigkeit motiviert sind und weil sie sich
einem, wie sie befürchten, selbstmörderischen Kurs
entgegenstellen wollen, der für die Existenz einer
hebräischen Community im Herzen des arabischen
Nahen Ostens eine tödliche Bedrohung darstellt.
- Das gemeinsame Agieren des Marokkanischen Arbeitervereins
Frankreichs (ATMF) und der Jüdisch-französischen Union
für den Frieden (UJFP) in der Mitte der französischen Communities
arabisch-muslimischer bzw. jüdischer Herkunft stellt
in diesem Sinne ein Gegenbeispiel zum üblen Wirken der
zündelnden Feuerwehr dar, die unter dem Vorwand, den
Antisemitismus oder die »neue Judeophobie« zu
bekämpfen, den Hass anfacht. Indem die ATMF und die UJFP
die Aktionen und Positionen der demokratischen Kräfte in
Palästinaund der dissidenten Stimmen aus Israel
unterstützen, versuchen sie, die Auseinandersetzungen zu
entkonfessionalisieren und statt dessen deutlich zu
machen, dass es in Wahrheit um einen gemeinsamen
politischen Kampf für die Rechte aller geht.
- Die dissidenten israelischen Stimmen hörbar und bekannt
zu machen, ist unbedingt notwendig, um sie von den
Israelis (oder Juden) zu unterscheiden, diefür eine
koloniale Politik und für Kriegsverbrechen
verantwortlich sind. Notwendig ist es auch, um all jene
in Europa wieder zu ermutigen, die durch den erpresserischen
Antisemitismusvorwurf oder die Unterstellung, pauschal
gegen Israel zu sein, in Gewissensnöte geraten und in
ihrem klaren Urteil beeinträchtigt werden, um dann ihre
Einwände oder ihr Unbehagen hinter einem schamvollen
Schweigen zu verbergen. Indem sie jedoch schweigen,
schaden sie nicht nur den Werten von Recht und
Gerechtigkeit, auf die sie sich berufen, sondern sie
fallen auch den Israelis in den Rücken, die für eben
diese Werte einstehen und vor Ort unter häufig
schwierigen Bedingungen für sie kämpfen. Auch wenn es
nicht Thema dieses Buches ist, sind die
palästinensischen (und arabischen) Stimmen ebenso
bedeutsam und sollten ebenfalls Gehör finden, jene Stimmen,
die sich nicht nur gegen den mainstream erheben,
sondern durch die Realität scheinbar Lügen gestraft
werden, wenn sie eine Dämonisierung der Israelis
ablehnen und gewissen antisemitischen oder den
Völkermord an den Juden relativierenden Strömungen
unter arabischen Intellektuellen entgegentreten. Erinnern
wir uns in diesem Zusammenhang zum Beispiel an die
Distanzierung, die von zahllosen arabischen
Intellektuellen unterschrieben wurde (darunter Edward
Said, Mahmud Darwisch und Elias Sanbar) als in Beirut ein
Kolloquium von Holocaust-Leugnern stattfinden sollte, das
dann in Folge der Proteste abgesetzt wurde. Hätten die
bekannten israelischen (oder jüdischen) Intellektuellen
den selben Mut und die selbe moralische Haltung
aufgebracht wie Darwisch und Said, hätten wir es
vielleicht verhindern können, dass zunehmend offen
rassistische Parolen in den israelischen politischen
Diskurs eingedrungen sind.
-
- Schwierige Wahl
- Obwohl eindeutig in der Minderheit, sind die dissidenten
israelischen Stimmen zahlreich und vielfältig. Das macht
ihren Reichtum aus. Deshalb musste für dieses Werk eine
Auswahl entlang verschiedener Kriterien getroffen werden.
Zunächst war abzugrenzen, was wir unter »Dissenz«
verstehen wollten. Dabei schlossen wir diejenigen aus,
deren Position sich ihrerseits nicht eindeutig vom bestehenden
Konsens in Israel unterscheidet, darunter auch die linken
Intellektuellen, die sich zwar in den dominanten Diskurs
einreihen, dies aber mit exzessiven Mitleidsbekundungen
gegenüber den Opfern verbinden. Wir haben auch Stimmen
nicht berücksichtigt, aus denen eine gewisse Nostalgie
in Bezug auf den »Friedensprozess« mitschwingt, den die
Palästinenser angeblich wieder einmal haben scheitern
lassen; oder Äußerungen eines Hoffnungsschimmers, dass
sich die Israelis menschlicher benehmen könnten, wenn
ihnen die Araber nur die Möglichkeit dazu gäben.
- Dann ging es uns darum, ein möglichst breites Spektrum
von Meinungen und Stimmungen zu Wort kommen zu lassen,
das in den Medien, aber auch in den halböffentlichen
Diskursen von Diskussionsgruppen und auf Websites
präsent ist. Es war uns wichtig, im Rahmen dieser
Polyphonie auch die dissidenten Stimmen aus der Mitte des
Konsens zur Geltung zu bringen, so z.B. die des ehemaligen
Rechtsberaters und Generalstaatsanwalts Michael Ben Yair
oder dievon Avraham Burg, einem führenden Kopf der
Arbeitspartei.
- Es ist interessant darauf hinzuweisen, dass unter denen,
die in Israel »gegen den Strom schwimmen«, die
Journalistlnnen der großen Tageszeitungen häufig die
radikalsten Kritiker sind. Das hat uns mit einem weiteren
Problem konfrontiert: Kann man in einer nichtisraelischen
Öffentlichkeit Aussagen und Reaktionen publizieren, die
nicht davor zurückschrecken, sich in ihren Analysen und
Argumenten vergleichend auf den Genozid an den
europäischen Juden zu beziehen? Am Ende haben wir uns
entschlossen, diese Texte aufzunehmen insbesondere
die des Herausgebers der größten israelischen
Tageszeitung, B. Michael, und zwar im wesentlichen aus
zwei Gründen. Es war uns wichtig, die kritischen
israelischen Stimmen, so wie sie sich äußern, hörbar
zu machen, ohne Vorzensur, besonders wenn sie in den
großen israelischen Medien veröffentlicht wurden. Die
Stimme B. Michaels und anderer, die, manchmal von Scham
und Wut verzerrt, mitten in unserer Gesellschaft ertönt,
muss in diesem Chor der Gegenstimmen zu Gehör gebracht
werden. Es sind Stimmen, die uns daran erinnern, dass es
unsere Eltern und Großeltern waren, die man vor gar
nicht langer Zeit mit vorgehaltenem Gewehr nötigte,
nackt durch die Straßen zu laufen, die man mit Nummern
auf den Armen markierte, die man lebend unter ihren
Häusern begrub und dass es jetzt wir sind, die
ähnliche Verbrechen begehen.
- Der zweite Grund, weshalb wir gerade diese Stimmen nicht
auslassen, liegt darin, dass den Zensoren, die in Europa
'wüten, eines deutlich gemacht werden muss: Wenn sie
Prozesse anstrengen wie den (selbstverständlich
gescheiterten),gegen Daniel Mermet 4), wenn sie Jose Bove
5) als Antisemiten bezeichnen oder Theo Klein als
Verräter an seinem Volk, sollen sie wissen, dass die
israelische Gesellschaft, was paradox erscheinen mag,
bisher jedenfalls weit offener gegenüber kritischen
Stimmen ist, als das Modell von Liberalität, das jene
Zensorer zu vertreten vorgeben und das tatsächlich
nichts anderes ist als eine Orwell'sche Welt, in der ein
Einheitsdenken herrscht. B. Michael, Baruch Kimmerling. Tanya
Reinhart, Jamal Zahalka und viele andere können, in
Israel jedenfalls, ihre Analysen veröffentlichen und
ihre Wut und ihren Schmerz herausschreien ohne deshalb
des Antisemitismus oder des (jüdischen) Selbsthasses
bezichtige zu werden. Dabei drücken sie sich viel
kompromissloser aus als es Daniel Mermet, Charles
Enderlin, Rony Brauman, Pierre Vidal Naquet oder Daniel
Bensaid 6) tun.
-
- Die Akteure des Widerstands
- Wenn dieses Buch einerseits zahlreiche Texte von Zeugen
und Kommentatoren enthält, so sollen doch auch die
Stimmen des aktiven Widerstands darin zu. Wort kommen. In
einem Werk, das sich den alternativen Stimmen widmet,
kann man sich nicht auf theoretische Positionierungen und
Analysen beschränken, ohne auch die zu Wort kommen zu
lassen, die handeln und deren Beispiel eine Bresche für
eine mögliche zukünftige Koexistenz und Versöhnung
öffnet Seit dem Jahr 2000 kristallisiert sich der
Widerstand in Israel entlang zweier sich ergänzender
Achsen heraus: Die eine besteht in der Vielzahl der
Initiativen de Protests, der Anklage und der Weigerung,
an der Repressionspolitik in den besetzten Gebieten
teilzunehmen; die andere Achse ist die der
Aufrechterhaltung einer aktiven Kooperation mit den
Palästinenserinnen. Es dürfte nicht verwundern, dass es
oft die selben Personen sind, die in beiden Bereichen
aktiv sind.
- Zwar können wir nicht alle Initiativen, Bewegungen und
Gruppen auflisten die gegen die koloniale Politik Israels
kämpfen; dennoch ist es angebracht, einige Angaben zu
machen, die dazu beitragen können, die israelische
antikoloniale Bewegung zu verstehen.
-
- Zunächst einmal lässt sich etwas über die darin
vertretenen Generationen sagen. Wie in den meisten
anderen Ländern und insbesondere in Europa, so hat auch
die Linke in Israel zwei Jahrzehnte einer politischen
Leere durchlaufen. Zwischen dem Libanonkrieg (1982) und
der zweiten Intifada rund zwanzig Jahre später hat sich
eine ganze Generation vom politischen Aktivismus
abgewandt und sich mit ihrer individuellen Normalisierung
beschäftigt. Während der ersten Intifada und der
»Oslo-Jahre« haben die Aktivistinnen, die 1982 bereits
zwanzig oder älter waren, die Flamme des Widerstands und
des Kampfes hinüber gerettet. Der aktive Kern von Gusch
Schalom, dem Friedensblock, der wichtigsten Organisation
im Kampf gegen die Besatzung während des letzten
Jahrzehnts, ist durchschnittlich fünfzig Jahre alt.
- Mit der zweiten Intifada ist der Politik eine neue
Generation zugewachsen: Ihre Akteure waren um die
Jahrtausendwende höchstens 20 Jahre alt, und man findet
sie bei den Aktionen der Frauenbewegungen an der Seite
von Aktivistinnen, die ihre Mütter sein könnten; oder
in der jüdisch-arabischen Bewegung Taajusch; oder aber
bei der Verweigerer-Bewegung »Mut zur Verweigerung«.
Sie sind von den Älteren des Friedensblocks inspiriert,
doch sie ziehen es vor, sich in einer neuen Struktur zu
organisieren, die eher ihrer Motivation und ihren
spezifischen Bedürfnissen entspricht. Diese Generation
von Aktivistinnen ist häufig politisch völlig
unbeleckt, hat bisher noch keine Erfahrungen gemacht oder
eine politische Kultur kennengelernt, doch zweifellos ist
sie radikaler als ihre Vorgängerinnen, jedenfalls
während sie ihre ersten Schritte tut. Dabei handelt es
sich auch hier um ein Phänomen, das nicht nur für
Israel typisch ist.
- Was weiter die aktuelle antikoloniale Bewegung
kennzeichnet, ist ihre Ablehnung von Realpolitik. Man
sagt Nein zum Unannehmbaren das ist der Punkt und
Schluss. Die Versuchung, seine Opposition zu
modifizieren, um der öffentlichen Meinung
entgegenzukommen oder um die Gemäßigten von Frieden
Jetzt! zu überzeugen, besteht nicht, vermutlich weil
zwischen dem herrschenden Konsens und denen, die sich ihm
widersetzen, sich nichts als ein Abgrund auftut. Das ist
auch an den Texten und Appellen dieser Organisationen
abzulesen: Man findet darin, anders als in den
entsprechenden Verlautbarungen aus den neunziger Jahren,
relativ wenige Friedensappelle und statt dessen
kompromisslose und harte Kritik an der Besatzung.
- Drittens betrachtet die aktuelle Widerstandsbewegung in
ihrer Mehrheit ihr Vorgehen unbedingt als Teil einer
umfassend verstandenen Solidarität und Zusammenarbeit
mit dem palästinensischen Volk: Während die meisten
ihrer Vorstöße innerhalb Israels natürlicherweise in
erster Linie auf die israelische öffentliche Meinung
abzielen, ist doch das Bestreben, Verbindungen zu den palästinensischen
Organisationen herzustellen, allgegenwärtig, sei es, um
gemeinsame Aktionen zu koordinieren oder sei es, um
gemeinsame Appelle an beide Öffentlichkeiten zu richten.
In jedem Fall geht es darum zu zeigen, dass es eine
Alternative gibt und eine Partnerschaft für eine Politik
des Friedens und der Koexistenz möglich ist.
- Zu einer Zeit, da die israelische Politik sich ihren
emblematischen Ausdruck im Bau einer Mauer gibt, die dazu
dient, die Palästinenserinnen in veritablen Bantustans
einzuschließen, und zugleich nicht etwa Israel von
Palästina, sondern die Israelis von den Palästinensern
hermetisch abzutrennen, bedeutet der Wille zur
Zusammenarbeit heute viel mehr als zu Zeiten der ersten
Intifada. Er beinhaltet zum einen, dass man sich weigert,
die Einschließung der Palästinenserinnen in
Wohngebieten hinzunehmen. Des weiteren bedeutet er, sich
weiterhin für die Koexistenz einzusetzen, das heißt
eine Koexistenz und Partnerschaft, die auf Gleichheit und
gegenseitigem Respekt begründet sind. Das ist die genaue
Bedeutung des arabischen Wortes taajusch (Zusammenleben),
das von den jungen Aktivistinnen dieser neuen Bewegung
mit Bedacht gewählt wurde. Es beinhaltet auch und
vielleicht vor allem die Weigerung, sich in ein neues Ghetto
einschließen zu lassen, das militärisch mächtig, doch
demütigend ist, ein Ghetto, das seiner arabischen Umwelt
den Rücken zukehrt und nur einen permanenten Krieg als
Perspektive und eine rapide Degeneration in einen messianischen
Extremismus ahnen lässt, der die ganze israelische
Gesellschaft in den Untergang reißen wird.
- Die legitime Furcht davor, sich einer solchen, letztlich
in den Tod treibenden Logik auszuliefern, beseelt einige
Tausend israelische Juden und Jüdinnen, die sich
weigern, mit den Wölfen in Uniform und den Rabbinern zu
heulen, die den heiligen Krieg predigen.
- Gibt es also Gerechte in Sodom und Gomorra? Gewiss, es
gibt sie. Doch sind sie zahlreich genug, um ihre Stadt zu
retten? Oder wird es ihnen wie Lot und seiner Familie
ergehen, und sie zuschauen werden, wie ihre Stadt (wegen
ihrer Unmoral und Brutalität) in Schutt und Asche
versinkt? Oder aber werden sie dazu verdammt sein, dieses
Schicksal zu teilen, weil sie sich weigern, das eigene
Leben zu retten, und bis zum Schluss auf dem sinkenden
Boot ausharren?
- Denn der Gott der Bibel war wohl bereit, zu Gunsten von
zehn Gerechten die verdammten Städte zu verschonen, doch
er war nicht bereit, dies nur um Lots willen zu tun. So
wie die wenigen Tausend Deutsche im Widerstand nicht ausgereicht
haben, Deutschland vor Besatzung und vor Teilung zu
bewahren. Es müsste eine kritische Masse Oppositioneller
geben, damit man von zweierlei Israel sprechen könnte:
von Israel als der brutalen und kolonialistischen
Besatzungsmacht, und vom solidarischen, kämpferischen
und antikolonialistischer Israel. Das eine Kollaborateur,
das andere im Widerstand; das eine schuldig, das andere
unschuldig.
- Diejenigen, die sich in Israel gegen den Kolonialkrieg
stellen und die Kriegsverbrechen anklagen, tun es
sicherlich, um ihre Seele, vor allem aber um ihr Volk zu
retten. Hören wir nur den Zorn, mit dem sie Scharon und
Ben Eliezer, Peres und Ben Ami anklagen! Es ist der
gerechte Zorn jener, die sich bewusst sind, dass die
Politik Israels nicht nur verbrecherisch, sondern auch
selbstmörderisch ist, eine Politik, die in ihrem Namen
betrieben wird und sie geradewegs nach Massada führt.
-
- Einleitungstext von Michael
Warschawski zu:
- Stimmen
israelischer Dissidenten
- Sophia Deeg, Michéle Sibony,
Michael Warschawski (Hrsg.),
- ISP, Deutsche Erstausgabe April
2005
-
-
- Fußnoten
-
- 1 Im Allgemeinen wird in Israel der
Begriff »schöne Seele« mit Verachtung gebraucht, ja
schlimmer noch als eine Art Verächtlichmachung
derjenigen, die auf einem ethischen Standpunkt beharren.
- 2 Die Einwanderer wurden auf die
jeweiligen Dörfer aufgeteilt, die jeweils von einer
bestimmten politischen Partei geführt wurden; dasselbe
galt für die Schulen, die entweder religiös oder
laizistisch waren.
- 3 Der Mitgliedsausweis der Histadrut.
- 4 Daniel Mermet ist Journalist beim Sender
France Inter.
- 5 Jose Bove ist führendes
Mitglied des französischen Bauernverbandes
»confederation pay sanne«.
- 6 Theo Klein ist der ehemalige Vorsitzende
des Zentralrats der französischen Juden CRIF. Hier
handelt es sich um französisch-jüdische Intellektuelle,
Journalisten und Hochschulehrer, deren antizionistische
Haltung in vielen Erklärungen zum Ausdruck kam. Dani,
Bensaid, Studentenführer von 1968, ist Philosoph und
Führungsmitglied der LCR.
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