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Von: "Arbeitsgruppe Marxismus" < agm@agmarxismus.net >
 
Datum: Montag, 18. November 2002
 
Aufstand im
Warschauer Ghetto 1943
 
D u r c h   d e n   R a u c h   d e s   G h e t t o s
 
Der Aufstand des Warschauer Ghettos war ein ebenso außergewöhnlicher wie
heldenhafter Kampf des Proletariats. Der Widerstand von schlecht bewaffneten
Juden und Jüdinnen gegen die bewaffnete Macht der SS widerlegt die Legende,
dass sich die jüdischen Massen gegenüber dem Nazi-Terror fügsam verhalten
hätten. Tatsächlich gab es in fast jedem Ghetto im von den Nazis besetzten
Osteuropa Widerstandsorganisationen. In vielen Ghettos kam es auch zu
Aufständen. Zehntausende Juden und Jüdinnen haben bei den Partisanengekämpft
(siehe dazu das sehr informative - wenn auch bürgerliche - Buch von Arno
Lustiger "Zum Kampf auf Leben und Tod, Vom Widerstand der Juden1933-1945",
Köln 1994).
 
In diesem breiten Widerstand war der Aufstand im Warschauer Ghetto wegen
seines Ausmaßes, seiner Hartnäckigkeit und seines Heroismus hervorstechend.
Nächsten April werden 60 Jahre seit dem Beginn des Aufstandes vergangen
sein. Angesichts des erneuten Anstiegs des Antisemitismus in Europa und des
Vormarsches rechtsextremer Parteien soll hier nicht nur an die Schrecken des
Faschismus erinnert werden, sondern auch an den militanten Widerstand der
Arbeiter/innen/klasse.
 
Der vorliegende Beitrag stützt sich in wesentlichen Teilen auf das 1945 von
Marek Edelman in Warschau verfasste, ebenso erschütternde wie packende Buch
"Das Ghetto kämpft", das seit 1993 auch auf Deutsch erhältlich ist. Edelman
war als Mitgliedes des Bundes (einer jüdischen sozialistischen Organisation)
einer der Führer des Aufstandes, als einer der wenigen Überlebenden danach
im polnischen Widerstand tätig und am Warschauer Aufstand vom Herbst 1944
beteiligt. Nach dem Krieg wurde er Arzt in Lodz und bewahrte sich - auch
wenn er nach Jahrzehnten stalinistischer Diskreditierung des Sozialismus
insgesamt mittlerweile bürgerliche Positionen angenommen hat - eine
kritische Distanz zum Zionismus. In einem Interview in den 70er Jahren
brachte Edelman die Situation der Aufständischen so auf den Punkt: "Es ging
darum, sich nicht abschlachten zu lassen, wenn sie kamen, uns zu holen. Es
ging nur um die Art zu sterben."
 
Zu Beginn des Jahres 1941 lebten in Warschau über 300.000 Juden, das damit
nach New York die zweitgrößte jüdische Gemeinde der Welt war. Bis Ende
September 1943 war sie vernichtet. Die große Mehrheit wurde von den
Nazi-Schlächtern als Teil von Hitlers "Endlösung der Judenfrage" umgebracht.
Es war das Ende einer Gemeinschaft, die in Polen Jahrhunderte lang existiert
hatte. Um 1914 machte sie 38 Prozent der Warschauer Bevölkerung aus. Mit der
Wirtschaftkrise der1930er Jahre wurde aber der ökonomische und politische
Status der Juden immer tiefer gedrückt. Der Antisemitismus wurde in Teilen
der polnischen Bevölkerung - so wie in ganz Europa - immer stärker.
 
Das führte zu einer rapiden politischen Polarisierung in der jüdischen
Gemeinschaft: Poale Zion, der linke Zionismus und Vorläufer des moderneren
Labour-Zionismus, wuchs auf Kosten des rechten. Außerdem gab es den Bund,
eine nicht-religiöse Organisation jüdischer Sozialist/inn/en, die aus der
Tradition der russischen Sozialdemokratie kam. Die Popularität des Bundes
wuchs in einem solchen Ausmaß, dass seine Vertreter in die "Kehilla", die
Führung der jüdischen Gemeinde, gewählt wurden. Aus diesen zwei Strömungen -
dem Linkszionismus und dem Bund - entstanden die Jugendbewegungen, die die
Mehrheit des Widerstandes gegen die Nazis bilden sollten.
 
Als der deutsche Imperialismus am 1. September 1939 den Überfall auf Polen
begann, konnten diese Organisationen freilich nur hilflos zusehen.
Innerhalbweniger Tage marschierte die siegreiche Wehrmacht durch die Straßen
von Warschau. "Nach der Eroberung Warschaus im Jahre 1939 finden die
deutschen Besatzer die jüdische Gemeinschaft in einem Zustand des absoluten
Chaos und der Auflösung vor. Fast die gesamte führende Schicht der
Gesellschaft hatte Warschau schon am 7. September verlassen. Politische
Führer, Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens, Intelligenzija überließen
die Hauptstadt ihrem eigenen Schicksal." (Marek Edelman, "Das Ghetto
kämpft", Berlin 1993, S. 27)
 
Zurück blieben ein kleiner Teil der Oberschicht, Teile des
Kleinbürgertumsund die Arbeiter/innen/klasse. Allein diese Entwicklung
bestimmte den späteren Aufstand als einen des Proletariats und seiner
Organisationen, wobei aus der Führung des Bundes einzig Abrasza Blum
freiwillig in Warschau blieb.
 
Im November 1939 wurden bereits die ersten Dekrete erlassen, um Hitlers
Ankündigung vom Januar 1939 einzuleiten: "Ich möchte noch einmal eine
Prophezeiung abgeben: Wenn das internationale Geldjudentum innerhalb und
außerhalb Europas wieder erfolgreich die Menschen in einen Weltkrieg treibt,
dann wird das Resultat nicht die Bolschewisierung der Welt und ein Sieg für
das Judentum sein, sondern die restlose Vernichtung der jüdischen Rasse in
Europa."
 
Auch vor der Abriegelung des Ghettos im November 1940 wurden unzählige
repressive Maßnahmen gegen die jüdische Bevölkerung durchgeführt. Jüdische
Vermögenswerte über 2.000 Zloty wurden beschlagnahmt, keinem Juden und
keiner Jüdin wurde erlaubt, mehr als 500 Zloty pro Monat zu verdienen, und
keinem Juden war das Backen von Brot gestattet. Das Ziel war, den Willen der
jüdischen Bevölkerung zu brechen. Oft wurden kollektive Strafen für die
Nichtbefolgung der Terror-Gesetze verhängt. In den ersten Tagen des
November1939 wurden z.B. 53 Männer aus einem Wohnblock erschossen, weil ein
Mieter des Hauses einen polnischen Polizisten verprügelt hatte.
 
Um diese Maßnahmen zu unterstützen, ordneten die Nazis zynisch die
Etablierung eines jüdischen Altenrates (bekannt als "Judenrat") und
einerjüdischen Polizei an, damit ihre Anordnungen und Wünsche ausgeführt
würden. Die Ablehnung gegen den Judenrat und andere Handlanger der Nazis
stiegständig.
 
Im März 1940 fanden brutale antisemitische Pogrome statt, die von etwa
tausend polnischen Jugendlichen verübt wurden, die vom deutschen
Luftwaffenkorps vier Zloty pro Tag für die Verprügelung von Juden bezahlt
bekamen. Drei Tage lang wüteten sie ungehindert, aber am vierten Tag führte
die Miliz des Bundes Gegenaktionen durch, die in vier offenen
Straßenschlachten mündeten. Diese Aktionen waren gut organisiert. Aber die
anderen größeren jüdischen Gruppen beteiligten sich nicht - mit dem
Argument, das würde nur einen Gegenschlag seitens der
Besatzungstruppenprovozieren. Das spiegelte die Ablehnung eines Kampfes
seitens vieler bürgerlicher und kleinbürgerlicher Gruppen wider.
 
Im November 1940 hatten die Nazis das Ghetto mit Mauern und
Stacheldrahtabgeriegelt. Die Bedingungen verschlechterten sich schnell. Die
Anzahl der Leute, die pro Raum konzentriert war, erreichte einen
Durchschnitt von9,2. Der Hunger forderte einen schrecklichen Tribut. Typhus
und Gelbfieberverbreiteten sich in der unterernährten Bevölkerung. Die
monatliche Sterberate erreichte 6.000. Die Spitäler waren überfordert - die
Nazis hielten Lebensmittelversorgung und Medikamente zurück. Bald waren die
Straßen von Leichen übersät.
 
Trotz dieser miserablen Bedingungen bewies die Gemeinde ihre
Geschicklichkeit und ihren Willen zum Überleben. Eine Armee von Schmugglern
riskierte jede Nacht ihr Leben, indem sie die Einzäunung überquerte, um
Nahrungsmittel hineinzuschaffen. Frauen spielten dabei, da sie im Gegensatz
zu den meist beschnittenen Männern nicht so leicht als Jüdinnen zu erkennen
waren, eine besonders wichtige Rolle. Schulen wurden gegründet,
Theatergruppen aufgebaut, Mieterräte reparierten und erhielten Gebäude. Um
Hungernde zu ernähren, wurden Suppenküchen eingerichtet. An Widerstand denkt
aber weiter nur eine Minderheit. Die Mehrheit konzentriert sich - auch unter
immerkatastrophaleren Bedingungen - auf das eigene Überleben.
 
"Dieses 'Leben' wird von jedem auf seine Art, je nach seinen Umständen und
seinen Möglichkeiten aufgefasst. Es bedeutet Wohlstand für diejenigen, die
schon vor dem Krieg reich waren, Ausschweifung und Überfluss für
verschiedene degenerierte Gestapo-Agenten und demoralisierte Schmuggler; für
die große Masse der Arbeiter und Arbeitslosen ist es hungerndes
Dahinvegetieren mit der Suppe aus der Volksküche und dem rationierten
Brot."(Edelman, ebd., S.31)
 
Im Jahre 1941 kam die Neuigkeit, dass 40.000 Juden aus Lodz (dem damaligen
Litzmannstadt), 40.000 aus Pommern und mehrere hundert "Zigeuner" aus
Bessarabien vergast worden seien. Im folgenden Jahr ging das Gerücht um, das
ganze jüdische Ghetto in Lublin sei liquidiert worden. Gerade als diese
Nachrichten ankamen, begingen die Nazis im April 1942 ein Massaker an
polnischen Aktivistinnen und Aktivisten. Die Aufrufe des Bundes und anderer
linken Gruppen zum Widerstand blieben unter der Masse aber weiter ungehört.
 
Im Juli 1942 wurde dem Judenrat mitgeteilt, dass alle "unproduktiven" Juden,
also all jene, die nicht fähig waren, extrem langes und schweres Arbeiten
durchzustehen, anzuweisen seien, sich auf den Umschlagplatz zu begeben - zu
der Zugstation, die das Tor zum Vernichtungslager Treblinka war. Wir können
nur eine dunkle Ahnung vom Horror der Ereignisse der nächsten zwei Tage
haben. Marek Edelman beschreibt, wie ukrainische Hilfs-Truppen der SS mit
ihren Gewehrkolben die Menschen in Eisenbahnwaggons prügelten und ungezielt
in die Menge schossen, um sie dazu zu bringen, sich in die Wagen zu begeben.
 
Innerhalb von zwei Tagen wurden 60.000 Leute nach Treblinka deportiert. Bis
September 1942 verblieben nach zahlreichen weiteren Deportationen lediglich
60.000 Juden und Jüdinnen - junge, arbeits- aber auch kampffähige Menschen -
im Warschauer Ghetto. Die Bedingungen waren nun quälend unterdrückerisch. Im
Oktober 1942 wurde nun endlich die Zydowska Organizacja Bojawa
(ZOB -Jüdische Kampforganisation) gebildet. Ihr Kommandant war Mordechaj
Anielewicz von der linkszionistischen Jugendorganisation Haschomer Hazair,
sein Stellvertreter Marek Edelman vom Bund. Sie umfasste Kampfeinheiten von
allen Jugendbewegungen: des Bundes, der Stalinist/inn/en, der Links- und
Zentrums-Zionist/inn/en. Auch eine trotzkistische Organisation, die bis zu
den letzten Tagen des Aufstandes ihre Untergrundzeitung Czworwony Sztandar
veröffentlichte, war aktiv am Widerstand beteiligt. Nur die rechten
Zionisten lehnten die Teilnahme am Kampf der ZOB ab. Aber immerhin bildeten
in Warschau - anders als meistens in den anderen Ghettos Polens, wo der
jüdische Widerstand nur von der Arbeiter/innen/bewegung getragen wurden -
später auch die bürgerlichen jüdischen Organisationen eine Kampfgruppe, den
ZZW, den "Jüdischen Militärbund".
 
Das Ghetto wurde von der ZOB jedenfalls in drei Schlüsselbereiche des
Kommandos geteilt. Zuerst hatten sie unglaublicherweise nur ein einziges
Gewehr. Die ZOB führte nun neben politischer Arbeit auch Hinrichtungen von
jüdischen Kollaborateuren durch. Diese Aktionen wurden oft durch die
Infiltration der jüdischen Polizei ausgeführt. Sie lüfteten das Klima im
Ghetto enorm.
 
Bis zum Ende des Dezember 1942 erhielt die ZOB den ersten Waffentransport
vom polnischen Widerstand - laut Edelman ganze zehn Pistolen, nach der
"Enzyklopädie des Holocaust" fünf Pistolen und acht Handgranaten. Angesichts
des Streites zwischen polnischen und jüdischen Nationalisten anlässlich der
50-Jahre-Gedenkfeiern zur Befreiung des KZs Auschwitz betonte der damals
72-jährige Edelman bei einer Veranstaltung im jüdischen Museum in Wien die
Bedeutung der Verbundenheit von jüdischem und polnischem Widerstand. Die
Kämpfer/innen im Warschauer Ghetto hätten die ersten Waffen vom polnischen
Widerstand erhalten, dieser wiederum sei vom Kampf des Ghettos angefacht
worden. Dabei muss aber auch gesagt werden, dass die Versuche, Waffen vom
polnischen Untergrund zu erhalten, nicht wirklich erfolgreich gewesen
waren -nicht nur wegen der schweren Erreichbarkeit von Waffen auch außerhalb
des Ghettos, sondern auch weil sich der polnisch-nationalistische Widerstand
der Armia Kraiowa (deren politische Träger teilweise aus antisemitischen
Traditionen kamen) als nicht sehr hilfswillig erwies. Und auch die Waffen,
die dem Ghetto dann doch übergeben wurden, waren oft in miserablem Zustand
oder trafen in geringerer Zahl ein als vereinbart gewesen war. Oft wurden
sie nur gegen Geld an die Kämpfer/innen des Ghettos übergeben. Am ehesten
Unterstützung kam noch von der - nicht sehr starken - polnischen
Kommunistischen Partei, die auch diese erste Lieferung organisiert hatte.
 
Diese ersten Pistolen ermöglichten es der ZOB aber bereits, ihre erste große
Aktion für den 22. Januar 1943 vorzubereiten. Aber bevor sie handeln konnte,
wurde das Ghetto am 12. Januar wieder umstellt. Die zweite
Liquidierungswelle hatte begonnen. Aber dieses Mal konnten die Nazis nicht
so handeln, wie sie wollten. Vier Kommandos der ZOB gruben sich in Bunkern
an der Kreuzung Mila-Straße/Zamenhof-Straße ein und schossen auf die
einrückenden Truppen. Nach einem harten Kampf war der beste Teil der
ZOB-Einheiten verloren, obwohl ihr Kommandeur, Mordechai Anielewicz,
überlebte. Sie begriffen nach dieser Niederlage, dass sie verstärkt
Partisanentechniken anwenden mussten.
 
Eine der Kampftruppen wurde gefangen und zur Station gebracht, um deportiert
zu werden. Ein Mann namens Pelc wandte sich an die Gruppe, und seine Worte
waren so wirksam, dass sich nicht eine der 60 Personen zum Wagen bewegte.
Van Oeppen, der Chef des Konzentrationslagers Treblinka, ließ alle auf der
Stelle erschießen.
 
Im Laufe der Ereignisse des Januar 1943 gingen 80 Prozent des ZOB-Kommandos
verloren. Aber das Ghetto war elektrisiert durch diesen Widerstand. Die
Menschen rissen sich um die Teilnahme an der ZOB. Die ZOB kommandierte bald
das Ghetto. Sie übernahm die Finanzen des Judenrates und besteuerte die
reicheren Bewohner/innen, um Geld für den Ankauf von Waffen aufzubringen.
 
Ihre Handlungen inspirierten jetzt auch den polnischen Untergrund, der die
ZOB nun relativ rasch mit 50 großen Pistolen und 55 Handgranaten versorgte.
Die ZOB führte Sabotageaktionen durch und verjagte jüdische Vorarbeiter, die
angestellt waren, um Juden und Jüdinnen die Annahme von "guten"
Arbeitsbedingungen in Arbeitslagern schmackhaft zu machen. Die Nazis
erkannten schnell, dass der einzige Weg, mit den verbliebenen Juden fertig
zu werden, der der Gewalt sein würde. Die letzte Aktion gegen das Ghetto
begann am 18. April 1943. Das Vorhaben war, Warschau für den 20.April
(Hitlers Geburtstag) "judenfrei" zu präsentieren .In der Nacht vom 18. auf
den 19. April umstellten die Faschisten das Ghetto mit Maschinengewehren und
einer Kette polnischer Polizei. Gegen ein paarhundert mit Pistolen,
Handgranaten und Molotowcocktails, ein paar Gewehren und einem einzigen
Maschinengewehr bewaffnete jüdische Widerstandskämpfer/innen und eine mit
Äxten, Messern und ihren bloßen Fäusten ausgerüstete Bevölkerung traten ein
Bataillon der Panzergrenadiere und eine Kavallerieabteilung der Waffen-SS,
zwei Artillerieabteilungen und eine Pionierabteilung der Wehrmacht, eine
Gruppe der Sicherheitspolizei, ein Bataillon der SS-Schule in Trawniki und
ukrainische und lettische Hilfstruppen an.
 
Aber obwohl die "glorreiche" SS Panzer schickte, hatte sieden Widerstand der
ZOB unterschätzt. Im folgenden Kampf wurden in einem gewaltigen Sieg 200
SS-Soldaten getötet. Um zwei Uhr nachmittags an diesem Tag gab die SS
vorerst auf. Die jüdischen Kämpfer/innen jubelten. Ihre schlecht bewaffneten
Kräfte hatten den "Stoßtruppen" der deutschen Armee eine Niederlage
beigebracht. Als die Nazis erkannten, dass sie das Ghetto nicht durch Kugeln
und Panzereinnehmen konnten, entschied sich die SS dafür, das Ghetto
anzuzünden. Tausende gingen in den Flammen zugrunde, aber die ZOB führte den
Kampfweiter - mit dem Ziel, in Würde zu sterben.
 
Emanuel Ringelblum, der Archivar des Ghetto, beschrieb die Stimmung der
verbliebenen jüdischen Bevölkerung: "Wir werden untergehen, aber die
grausamen Eindringlinge werden mit ihrem Blut für unseren Tod bezahlen. Wir
brauchen uns keine Gedanken um unser Überleben zu machen, denn jeder von uns
trägt sein Todesurteil bereits in der Tasche. Wir sollten besser daran
denken, mit Würde zu sterben, im Kampf zu sterben." Und Marek Edelman fügte
im April 1993 in einem Interview (Titel: "Dass ich lebe, ist Zufall") mit
dem österreichischen Nachrichtenmagazin "profil" hinzu: "Wir wollten der
Welt zeigen, dass sich Juden verhalten wie alle Menschen: Wenn sie
überfallen werden, verteidigen sie sich. Damals war es eine Ehre zutöten.
Wer nicht tötete, war ehrlos."
 
Und tatsächlich fachte der Kampf des Ghettos den Widerstand über Polen
hinaus an. Die französische und belgische jüdisch-kommunistische
Untergrundpresse reagierte auf die Nachrichten aus Warschau (die das
imperialistische Radio London erst mit mehrwöchiger Verspätung bekannt gab)
mit Aufrufen zur Verstärkung des eigenen Kampfes. Sie forderte die jüdische
Jugend, die jüdischen Arbeiter/innen auf, dem Beispiel von Warschau
zufolgen: "Die Lektion von Warschau darf nicht ignoriert werden! Eure Brüder
und Schwestern, die heldenhaft gefallen sind, würden Euch niemals verzeihen,
wenn ihr Euch wie Sklaven verhaltet vor ihren Mördern, die auch die Euren
sind. (...) Wo immer Ihr auch seid, bildet Kampfgruppen!" (so ein Aufruf
der"Jüdischen Abteilung" innerhalb der französischen Gewerkschaft CGT im
Untergrund).
 
Und Adam Rayski, Leiter der "Jüdischen Sektion" der MOI, der
Einwandererorganisation der Kommunistischen Partei Frankreichs, berichtete:
"Das Beispiel der Juden von Warschau führte zu einer intensiven Rekrutierung
neuer Kombattanten. Im Juni und Juli 1943 hat sich die Anzahl der Aktiven in
den bewaffneten Gruppen (der MOI) fast verdoppelt, aber die ganze veränderte
Geisteshaltung lässt sich nicht nur quantitativ messen."
 
Selbst zu dieser Zeit sicherte der Geist des Bundes und der ZOB, dass die
Kämpfer/innen ihre politischen Ziele nicht aus den Augen verloren, obwohl
sie selbst eine sozialistische Gesellschaft nicht mehr erleben würden. Die
ZOB gab ein "Manifest an die Polen" heraus, das Solidarität und
Internationalismus ausdrückte. In einem Teil hieß es: "Durch den Rauch des
Ghettos, das in Brand gesteckt wurde, und das Blut seiner gnadenlos
getöteten Verteidiger, entbieten wir, die Sklaven des Ghettos, Euch unsere
herzlichsten Grüße" Die Proklamation endet mit den Worten: "Lang lebe die
Freiheit! Tod den Henkern und Mördern! Wir müssen unseren gemeinsamen Kampf
gegen den Besatzer bis zum Ende fortsetzen!"
 
Für den 1. Mai wurde eine "Feiertags"-Aktion beschlossen: Einige
Kampfgruppen gingen hinaus, um so viele Faschisten wie möglich zu töten. "Am
Abend findet der 1. Mai-Appell statt. Eine kurze Rede und die
'Internationale'. In aller Welt wird heute gefeiert. In aller Welt fallen im
gleichen Augenblick die kurzen bedeutenden Worte. Aber noch niemals wurde
die 'Internationale' unter solch veränderten, solch tragischen Umständen
gesungen, an einem Ort, an dem ein Volk untergeht. Diese Worte und dieser
Gesang hallen von den ausgebrannten Ruinen wider und bezeugen dieses Mal,
dass im Ghetto die sozialistische Jugend kämpft, die dies nicht vergisst,
nicht einmal angesichts des Todes." (Edelman, ebd., S. 74)
 
Im Mai kam das Ende für den Widerstand im Warschauer Ghetto - aber es war
ein heroisches Ende. Das Hauptquartier der ZOB in der Mila-Straße 18 wurde
am 8. Mai 1943, zwei Jahre vor der Kapitulation Nazi-Deutschlands, von
deutschen und ukrainischen Einheiten umzingelt. Von der ZOB waren kaum mehr
als die 120 Kämpfer im Bunker übriggeblieben. Nach zweistündigem Beschuss
waren die Faschisten noch immer unfähig, die Stellung einzunehmen. Dann
warfen sie eine Gasbombe in den Bunker. Diejenigen, die nicht durch die
Kugeln oder das Gas starben, begingen Selbstmord. Niemand wollte sich lebend
ergeben. Eine Handvoll, darunter Marek Edelman, schaffte es durch die
Abwasserkanäle aus dem Ghetto zu entkommen.
 
Die heroischen Kämpfer/innen der ZOB zeigten, dass es selbst unter den
schlimmsten Bedingungen, selbst im Angesicht des Todes besser ist, sich zu
vereinigen und zu kämpfen, in Würde zu sterben, als sich widerstandslos
abschlachten zu lassen. Dieser Kampf entlarvt die antisemitische Legende,
dass die Juden wie "Schafe zur Schlachtbank" in die Gaskammern gegangen
wären. Aber die Geschichte des Warschauer Ghettos zeigt auch, warum der
Faschismus von Anfang an rücksichtslos zerschlagen werden muss, soll die
grenzenlose Barbarei, die seinem Sieg folgt, verhindert werden.
 
Das letzte Wort gehört Edelman: "Am 10. Mai 1943 ist das erste Kapitel der
blutigen Geschichte der Warschauer Juden, das erste Kapitel unserer
Geschichte abgeschlossen. Das Gebiet, auf dem sich früher das Ghetto befand,
wird zu einem Trümmerberg, der zwei Stockwerke hoch ist. Diejenigen, die
gefallen sind, haben ihre Aufgabe bis zum Ende, bis zum letzten Tropfen
Bluterfüllt, das im Pflaster des Warschauer Ghettos versickert ist. Wir, die
überlebt haben, überlassen es Euch, dass die Erinnerung an sie nichtverloren
geht."
 
 
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