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- Von: carlaurel@hotmail.com
- Datum: 2002-08-12
- An: labournetaustria@utanet.at
- Betreff: Gescannt aus ergebnisse
& perspektiven" 8/1979
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- aus ergebnisse &
perspektiven nr. 8
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- Russische
Revolution: Kronstadt und Machno-Bewegung
- Bolschewismus oder
"dritte Revolution"?
- (siehe auch I.Deutscher:
L.Trotzkis Position zu Kronstadt)
-
- Machno und Kronstadt sind für die politischen Gegner des
Bolschewismus zu Fanalen der Russischen Revolution bzw.
zum Beweis geworden, dass nur eine evolutionäre
Entwicklung der Menschheit Fortschritt bringe. "Die
Revolution frißt ihre Kinder." Anarchisten und
Bürgerliche haben sich längst festgelegt, der
Stalinismus betet, da für ihn unverfänglich, Lenin
nach, und bei der Sozialdemokratie sind neben ihrer
chronischen Aversion gegen Revolutionen und 'Exzesse'
bloß die alten Positionen der 2 1/2. Internationale
bemerkenswert, die zwar die bolschewistische Politik
ablehnten, in Sowjetrußland jedoch eine Errungenschaft
für die internationale Arbeiterbewegung sahen. (...)
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- BERÜHUNGSPUNKTE
ZWISCHEN DER ANARCHISTISCHEN UND BÜRGERLICHEN POSITION
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- 1m Sinne der anarchistischen "Dritten
Revolution" - die erste wäre die Februar-, die
zweite die Oktoberrevolution gewesen, die von den
Bolschewiki verraten worden sei und eben die
"dritte" erforderlich gemacht hätte -
verstehen diese Genoss(inn)en den späteren
stalinistischen Terror als Fortsetzung der
bolschewistischen Repression gegen Kadetten, Menschewiki,
Sozialrevolutionäre und Anarchisten vor 1923. Ihrer
Meinung nach ist die bürokratische Degeneration der
Sowjetunion letztlich ein Auswuchs des Bolschewismus.
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- Die Bürgerlichen verurteilen mit Lenins Partei zugleich
den Oktober. Die Anarchisten indessen konstruieren ihre
"Dritte Revolution" hinzu, die ihrer Meinung
nach schon vor dem Oktober notwendig gewesen wäre. Sie
sind dabei gezwungen, sich um einige Fakten des Jahres
1917 herumzudrücken. Für bürgerliche Autoren sind die
Bolschewiki richtigerweise die eindeutigen Träger der
Revolution und gesellschaftlichen Umwälzung gewesen,
während die anarchistischen Vertreter deren Rolle
leugnen müssen, um die Bedeutung ihrer 'Revolution'
hervorzuheben. Hier befinden sie sich nicht bloß in
Gesellschaft von Geschichtsfälschern, sondern geraten
auch bedenklich in die Nähe der Verurteilung der
Oktoberrevolution selbst.
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- DIE
'TROTZKISTEN
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- Im trotzkistischen Sprachgebrauch ist über die ersten
Jahre nach der Oktoberrevolution sehr viel von
proletarischer Demokratie und Internationalismus - im
Gegensatz zum Stalinismus - recht wenig jedoch von der
bolschewistischen Unterdrückung von
Arbeiterorganisationen und von fehlender Sowjet- und
Parteidemokratie die Rede. Kronstadt und Machno erzeugen
des öfteren Verlegenheit, gerade in einer Situation in
der das spontaneistische Gewicht in der Linken sehr
schwer ist. Zutreffend drückte diese Verlegenheit einmal
ein österreichischer trotzkisierender Sozialdemokrat
aus: "Ich will mich überhaupt nicht verantwortlich
fühlen für das, was der alte Leo in Kronstadt oder
sonstwo(?) aufgeführt(!) hat.. ." (H.O.)
-
- Sicher, wir verstehen uns nicht deswegen als
'trotzkistisch', weil Trotzki im Bürgerkrieg dies oder
das getan und zu verantworten hatte, und werden ebenso
nicht, selbst wenn wir der Meinung wären, er hätte in
Kronstadt oder "sonstwo" falsch gehandelt,
unseren politischen Ausgangspunkt woanders als bei der
trotzkistischen Linksopposition und der IV.
Internationale setzen. Die für uns entscheidenden Punkte
sind die programmatischen Errungenschaften, die diese
Bewegung in Anknüpfung an den Bolschewismus weiter
entwickelt hat.
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- Die politische Präpotenz obiger Aussage liegt woanders.
Der Genosse ignoriert in seiner Oberflächlichkeit
schlicht und einfach ein Grundproblem der Russischen
Revolution, das oftmals (und in dieser
Ausschließlichkeit falsch) mit der Frage formuliert
wird: Diktatur der Kommunistischen Partei"
oder Diktatur der Masse"?
-
- Diese Frage ist aus zweierlei Gründen wesentlich. Zum
einen wegen des schon erwähnten Vorwurfes, das Übel in
der Russischen Revolution liege in den Bolschewiki - sie
hätten ihre "Parteidiktatur" errichtet und
damit den Stalinismus vorbereitet. Andererseits ergaben
sich in Rußland Probleme, die in modifizierter Form auch
für die siegreichen Arbeiter- und Bauernmassen eines
heute kolonialen bzw. halbkolonialen Landes auftreten
könnten: Schwaches Proletariat, zahlenmäßig starke
ländliche Massen, Zerstörung, bzw. Schwäche der
Industrie, niedrige Produktivität in der Landwirtschaft,
Krieg, Isolierung. Radek weitete diese Problematik 1921
sogar auf das westeuropäische Proletariat aus.
Die proletarische Revolution bringt keine sofortige
Linderung der Not, unter Umständen kann sie
vorübergehend eine Verschlechterung der Lage des
Proletariats bringen." (K. Radek, Kronstadt)
Breite Arbeitermassen könnten in einer solchen
zugespitzten Situation zu schwanken beginnen, wo
"sie an Kapitulation vor der Bourgeoisie denken
werden." (ebenda) Ist in einer solchen Lage die
Arbeiterdemokratie (!) ein Selbstzweck und muß daher um
alles in der Welt aufrechterhalten werden, oder ist sie
als Mittel der proletarischen Diktatur momentan
untauglich geworden?
-
- Die Trotzkisten des 'Vereinigten Sekretariates' (VS)
haben nicht einmal das grundsätzliche Wesen der
proletarischen Diktatur begriffen - daß sie eben
Diktatur gegen den Klassenfeind ist und dazu repressive
Maßnahmen wird setzen müssen (siehe unsere Kritik am
Dokument des VS über die "Sozialistische Demokratie
und Diktatur des Proletariats"). Sie legen sich
schon heute fest, daß Kommunisten an der Macht keine
"administrative Repression" ausüben
dürften.('Inprekorr', Nr. 84-85/1977)
-
- Die Problematik, daß die Selbstbehauptung der Revolution
sogar so weit gehen kann, Arbeiter und
Arbeiterorganisationen unterdrücken zu müssen, stellt
sich dem VS noch weniger. Es kapriziert sich darauf, daß
seinem Sozialismus keine Verbote von Organisationen
voranzugehen haben, "bei denen die Mehrheit der
Mitglieder aus der Arbeiterklasse stammt."
(ebenda) Es ist kein Zufall, daß das Dokument des VS
völlig ungeschichtlich abgehandelt wird und daß es auf
den 'Sozialismus', der aus den hochentwickelten
kapitalistischen Ländern 'erstehen' soll, zugeschnitten
ist. Kein Wort fällt darin über die Probleme, die sich
für Kommunisten der 'Dritten Welt stellen könnten.
-
- Außerdem muß ihre Kritik an der Bürokratie
deformierter Arbeiterstaaten, die in 'unterentwickelten'
Ländern entstanden sind, flach bleiben. Sie werfen ihr
'nur' Bürokratisierung, fehlende Arbeiterdemokratie und
Parteidiktatur vor. Radek sagte 1921, daß solches in der
kommunistischen Politik notwendig sein kann. Hier gilt es
den qualitativen Unterschied zwischen der russischen
Bürokratie des Kriegskommunismus bis 1922 und jener
dieser deformierten Arbeiterstaaten, den Wesenszug der
Parteien in ihren Strukturen und Traditionen,
festzustellen.
-
- ANARCHISMUS UND
REVOLUTION
-
- Im Folgenden soll ein Überblick über die ökonomische
und politische Entwicklung der Russischen Revolution nach
1917 gegeben werden. Selbstverständlich kann hier nicht
allzusehr ins Detail gegangen werden. Nichts desto trotz
ist ein allgemeines Eingehen darauf notwendig, um die
Ereignisse in der Ukraine und in Kronstadt im
Zusammenhang zu begreifen.
-
- Dies ist auch die erste prinzipielle Differenz zur
anarchistischen Strömung, deren Stellungnahmen stets im
großen und ganzen den allgemeinen Zusammenhang der Lage
negieren. Die verschiedenen Positionen der Anarchisten zu
den Etappen der Russischen Revolution sind ein guter
Beweis dafür. Im Juli 1917 wollten sie die
Demonstrationen der Petrograder Arbeiter bis zum Sturz
der Regierung weiter treiben. Sie bezeichneten die
Julitage als "fehlgeschlagenen Aufstand" und
bezichtigten die Bolschewiki des Verrats. Die
bolschewistischen Führer hätten nur
"inoffiziell" an ihnen teilgenommen.
"Lenin beschränkte sich auf einige ermutigende
Worte vom Balkon aus und verschwand. Trotzki und anderer
Führer verzichteten auf jede Einmischung und stahlen
sich davon(!)." (Volin, Die unbekannte
Revolution / II) In Wirklichkeit besaßen die Bolschewiki
die Führung der Demonstration, sie verlief unter ihren
Losungen, was Volin auch zugibt. Lenins Partei 'bremste'
die Empörung der Arbeiter und leitete sie in eine
machtvolle Demonstration über und bewußt nicht zum
Aufstand, weil sie die Isoliertheit Petrograds von den
"schweren Reserven" der Bauern und der Masse
der Soldaten sah. Der Konterrevolution wäre es sonst ein
leichtes gewesen, genügend Truppen gegen die Hauptstadt
zu werfen. Die Bolschewiki vermieden so eine schwere
tiefe Niederlage der Petrogader Avantgarde, die
Anarchisten hätten sie hingegen geradezu hinein gehetzt,
wären sie nicht bloß einige Wenige in den Sowjets
gewesen (siehe Die Julitage", 'permanente
revolution' Nr.9/Juni 1977).
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- Der Sieg über Kornilow im August 1917 ging nach Meinung
der Anarchisten auf ihr Konto. Warum jedoch die Massen
der Arbeiter und Soldaten in dieser Zeit von den
Menschewiki und Sozialrevolutionären zu den Bolschewiki
überwechselten, können sie indes nicht erklären. Und
schließlich die Oktoberrevolution selbst. Nach
anarchistischer Auffassung hatte die bolschewistische
Regierung ... nur noch die vollendeten Tatsachen zu
sanktionieren (Volin, ebd.) Es stimmt,
die Sowjets, Fabrikkomitees und die Aufteilung des Landes
waren keine direkte Schöpfung' der Bolschewiki gewesen.
Sie waren größtenteils ohne Zutun der KPR entstanden.
Zum Machtorgan, das die Bourgeoisie stürzte und nicht
mit ihr kooperierte, wurden die Sowjets erst durch die
revolutionäre Politik der Bolschewiki, nur sie
sanktionierten die Aufteilung des Landes - und waren dazu
auch in der Lage. "Die Bolschewiki ... führten
einen rein politischen Akt durch, indem sie die Macht
übernahmen, die im Zuge dieser Volksrevolution ohnehin
stürzen mußte. Durch ihren politischen Handstreich
brachten die Bolschewiki die wirkliche Revolution zum
Stillstand und führten sie auf eine falsche Bahn"
(Volin, ebd.)
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- Diesen Euphorismus gegenüber den Massen werden wir
später noch öfters bei den Anarchisten vorfinden. Für
sie stellten sich gar nicht die Fragen, was geschehen
wäre, wenn die von den Bolschewiki geführten
Arbeitermilizen und Soldatenbataillone am 25. Oktober
1917 nicht die zentralen Stellen der kapitalistischen
Macht schlagartig besetzt hätten. Sie verstehen nicht,
daß die Spontaneität der Massen, die in einem
bestimmten Stadium der Revolution (z.B. in den
Februartagen) die Stärke der Bewegung sein kann, zu
einer zukünftigen Schwäche werden muß. Das Problem
heißt die Eroberung der Macht. Selbst die
stürmerischsten Streiks lösen dieses Problem nicht.
Wird der günstigste Zeitpunkt verpaßt, so steigt die
Gefahr der Auflösungserscheinungen in den Reihen der
Arbeiter, und mit ihrer Passivität würde das
Selbstbewußtsein und die Macht der noch nicht völlig
geschlagenen Gegenrevolution wieder anwachsen. Diese
Gefahr, in der zum Zerreißen angespannten Situation der
Oktobertage, war mit den Händen zu greifen. Indessen.
'eingefleischte' Anarchisten verfügen über keinen
Tastsinn.
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- DAS JAHR 1918
-
- Unmittelbar nach der Oktoberrevolution ging die
bolschewistische Partei davon aus, daß in Rußland eine
Reihe wichtiger Voraussetzungen für den Aufbau des
Sozialismus fehlten: Ein zu niedriger Grad der
industriellen Produktion, eine riesige, zutiefst
rückständige Landwirtschaft und die Isoliertheit vom
Weltmarkt. Sie formulierten die Ziele der
Arbeiterkontrolle über die gesellschaftliche Produktion
und die Verschmelzung der Banken zu einer Nationalbank
unter Kontrolle des Sowjets der Arbeiterdeputierten.
Damit wollte man der Krise der industriellen Produktion
und dem ungeheuren Niedergang der Landwirtschaft durch
den Krieg und die Aufteilung des Landes auf die Bauern
Herr werden.
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- Noch im Jahre 1917 hatten die Arbeiter in den meisten
Betrieben selbsttätig die Leitung der Produktion
übernommen, ohne sie jedoch im nationalen Maßstab zu
koordinieren. Die Fabrikkomitees walteten und schalteten
zumeist in ihrem Bereich isoliert und produzierten mit
den ohnehin geringen Mitteln nur für den regionalen
Bedarf. Die Produktionskräfte wurden keineswegs optimal
eingesetzt und das Elend der Städte führte oft genug
dazu, daß die Arbeiter durch die "Aneignung"
von Produkten und Werkzeugen versuchten, ihre
persönliche Not zu lindern.
-
- Viele kapitalistische Eigentümer, die 1917/18 noch nicht
ausgeschaltet waren, begannen gemeinsam mit dem
technischen Personal, ihre ihnen noch verbliebenen
Positionen auszunutzen und die Wirtschaft zu sabotieren.
Die russische Industrie befand sich im völligen
Zusammenbruch.
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- 1918 spitzte sich der Konflikt mit dem deutschen
Imperialismus dramatisch zu. Am 3. März unterzeichnete
Sokolnikow für die sowjetische Seite den Vertrag von
Brest-Litowsk. Kurze Zeit später besetzten die Deutschen
Kiew und große Teile der Ukraine. Auch nach der
Unterzeichnung des Friedensvertrages in Brest-Litowsk
stellten die Deutschen die Feindseligkeiten nicht ein.
Sie besetzten die Nordküste des Schwarzen Meeres, Odessa
und marschierten in Richtung des Donez-Kohlebeckens.
Weiter ostwärts vordringend erreichten sie den Don, den
Nordkaukasus und die unteren Wolgaprovinzen. Petrograd
wurde von den deutschen Luftschiffen bombardiert und
musste evakuiert werden.
-
- Die Lage verschärfte sich weiter durch das Losschlagen
der 'Tschechischen Legion'. Die Tschechen,
Kriegsgefangene, die von den Bolschewiki nicht entwaffnet
wurden, waren eine politisch unbeständige Gruppe.
Ursprünglich wollten sie gegen die Reste der
österreichisch-ungarischen Armee kämpfen, wandten sich
aber im Mai 1918 gegen die Sowjets und besetzten
gemeinsam mit der weißen Armee Koltschaks große Teile
des Wolgagebietes.
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- Die mehr schlecht als recht ausgerüsteten 'Anfänge' der
Roten Armee befanden sich auf einem ununterbrochenen
Rückzug. Moskau war schließlich bedroht, das
Zentralexekutivkomitee der Sowjets erklärte die Republik
"für in Gefahr". Die Offensive der 'Tschechischen
Legion' gab das Signal zur Eskalierung des
Bürgerkrieges, der bis 1920 andauern wird und in dem die
Sowjets mehr als einmal kurz vor ihrem Sturz stehen
sollten.
-
- Der Sommer 1918 war dabei einer der kritischsten
Zeitpunkte. Die meisten Grenzgebiete waren im
Besitz der Weißen oder unter deutscher oder türkischer
Besetzung. Die besten nahrungsmittelproduzierenden
Gebiete waren größtenteils verloren oder von
Zentralrußland, wo die Sowjets herrschten,
abgeschnitten. Die Intervention der Alliierten hatte
begonnen." (R.V. Daniels, Das Gewissen der
Revolution)
-
- Daraufhin verboten die Bolschewiki den Privathandel und
griffen zum Mittel der Requisition bei den reichen und
mittleren Bauern.
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- DER
KRIEGSKOMMUNISMUS
-
- Die Bolschewiki begannen "Komitees der
Dorfarmut" zu organisieren. Sie trieben die
Klassenspaltung im Dorfe voran und verbündeten sich mit
der halbproletarischen Dorfarmut. Erst recht die
Versorgung der Armee zwang sie dazu. "Wenn die
Requisitionen den Bürgerkrieg zwischen den Kulaki und
der Dorfarmut bedeuten, dann 'Hoch dem Bürgerkrieg!
"'(L. Trotzki)
-
- Es ist in diesem Zusammenhang interessant, auf die
soziale Geographie hinzuweisen. Feste Verbündete des
hungernden Proletariats der Städte des Nordens und
Zentralrußlands waren die halbproletarischen Schichten,
die damals im Moskauer Gebiet, in den oberen Wolga- und
den nördlichen Dwinaprovinzen mit ca. 40% der
Landbevölkerung vertreten waren - der reiche Kulak aber
bloß mit 10%. In den südlichen Provinzen machten
hingegen die Kulaken ungefähr 30% im Schnitt aus, die
mittlere Bauernschaft 30% und die Halbproletarier rund
20% (aus der "Landwirtschaftlichen Statistik",
Petrograd 1917). Preobrashenski gab ähnliche Angaben
für 1921 und zieht folgende Konsequenz: Vollkommen
ruhig sind der Norden und das Industriezentrum, d.h. die
getreidearmen Gouvernements. Die Bewegung (der
Bauernaufstände -e.p-.) gruppiert sich in den
getreidereichen Gouvernements, in denen die Bauernschaft
von ausbeuterischen Elementen stark durchsetzt ist."
(E. Preobrashenski, Ein neuer Zeitabschnitt)
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- Ab Anfang 1918 revidierte die bolschewistische
Parteiführung das alte Konzept der Arbeiterkontrolle.
Das wirtschaftliche Chaos in der Industrie verlangte nach
einer Zentralisierung der industriellen Produktion. Lenin
trat ab dem März 1918 ganz offen für die Stärkung der
Betriebsleiter und die Einführung einer straffen
Arbeitsdisziplin ein. Der im Dezember geschaffene Oberste
Volkswirtschaftsrat sollte autonom handeln und die
Wirtschaft organisieren können, ohne zu sehr von den
Organen der Arbeiterkontrolle abhängig zu sein. Im
Eisenbahnwesen, das so gut wie funktionsunfähig war,
erhielt das Volkskommissariat für das Verkehrswesen
"diktatorische Vollmachten", um eine
arbeitsfähige Verwaltung zu schaffen. Die
Revolution fordert eben im Interesse des Sozialismus die
unbedingte Unterordnung der Massen unter den
einheitlichen Willen der Leiter des
Arbeitsprozesses." (Lenin, Die nächsten
Aufgaben der Sowjetmacht)
-
- Mit der Politik des Kriegskommunismus geriet die KPR in
einen scharfen Konflikt mit der begüterten Bauernschaft
und über sie schließlich auch mit den Kleinbauern samt
jenen proletarischen Schichten, die noch in Verbindung
mit dem Dorf standen. Preobrashenski berichtet über
diese Zeit Mitte 1918, daß einzelne Teile der
Arbeiterschaft, "die in ihrer Lebenshaltung dem
Kleinbürgertum am nächsten standen, offen in das Lager
der Tschechoslowaken übergingen (ein Teil der Arbeiter
aus den Werken Wotkinsk, Ishesk, Polewsk, Slatoustowsk
u.a.m.).
-
- Weiter entwickelten sich Widersprüche zur Stimmung von
Teilen des städtischen Proletariats. Die
bolschewistische Politik stieß mit jenen Schichten der
Arbeiterklasse zusammen, die sich nicht der straffen
zentralisierten Wirtschaftsführung und den Forderungen
nach einer strengen Arbeitsdisziplin fügen wollten. Die
anhaltende Lebensmittelkrise der Städte weitete diesen
Unmut selbst auf Kernschichten des Proletariats aus.
Ebenso wie die Krise im Verhältnis zur Bauernschaft,
wird diese Problematik der Unzufriedenheit in
Arbeiterschichten die Bolschewiki den ganzen Bürgerkrieg
hindurch bis 1921 beschäftigen, wo sie sich erneut zum
Äußersten zuspitzte. Hunderttausende Bauern, Handwerker
usw. gingen während des 1. Weltkrieges in die Städte,
um sich dem Militärdienst zu entziehen, bzw., um mit
Fabriksarbeit höhere Verdienste zu erlangen. Der
Bürgerkrieg wiederum, mit seinem Elend und den Hunger
der Städte, drängte massenweise proletarische Schichten
auf das Land. Ebenfalls Hunderttausende von Arbeitern aus
der Avantgarde der Russischen Revolution 'verschwanden'
in der Roten Armee, im neuen Staatsapparat und der
Partei. Resultat all dessen war eine Schwächung des
proletarischen Elements und der bolschewistischen
Positionenin den Fabriken.
-
- Im Zusammenhang mit der militärischen Bedrohung durch
die Konterrevolution - die Rekrutierungen für die
aufzubauende Rote Armee litten unmittelbar unter der
regierungsfeindlichen Stimmung in Schichten der Arbeiter-
und Bauernschaft - entwickelte sich im Sommer 1918 eine
tiefe Krise für die Sowjetherrschaft. "Nie war
die Rätemacht ihrem Sturz so nahe, wie im Sommer
1918. (Preobraschensky)
-
- Die Klassen und Schichten der russischen
nachrevolutionären Gesellschaft formten sich ihre
Organisationen, setzten sie unter Druck, Parteien und
Gruppierungen machten sich zu Fürsprechern bestimmter
Klassen- und Schichteninteressen. In der Krise des
Sommers 1918 konnten diese Konturen überdeutlich
wahrgenommen werden.
-
- MENSCHEWIKI,
SOZlALREVOLUTIONÄRE UND ANARCHISTEN
-
- Menschewiki und rechte Sozialrevolutionäre lehnten schon
kurz nach der Oktoberrevolution den Sowjetkongreß als
einzige legale Macht ab. Am 3. November 1917 brachen sie
die Verhandlungen mit den Bolschewiki ab, um gegen die
Verhaftungen von Kadettenpolitikern zu protestieren. Man
hatte außerdem einige der bürgerlichen Zeitungen
verboten, die offen zum bewaffneten Aufstand aufgerufen
hatten. Nachdem Kadetten und rechte Sozialrevolutionäre
Ende November einen Putschversuch unternahmen, wurden
zuerst die Kadetten illegalisiert, nicht aber der rechte
Flügel der Sozialrevolutionäre. Den letzten Schritt ins
Lager der Weißen setzten die Reformisten schließlich im
September 1918, als sie in Samara unter dem 'Schutze' der
Tschechenund des weißen Generals Koltschak eine
'demokratische' Gegenregierung bildeten. Ihre soziale
Basis waren die Kulaken, von denen sie die Hauptparole
von der "Freiheit des Getreidehandels" unter
Ausschaltung der Sowjets übernahmen. Der Ruf nach
"Freiheit" verband sich engstens mit der
Forderung nach der Zerschlagung der Sowjetmacht. die sie
daran hinderte. Gewinne aus ihren Lebensmittelreserven zu
schlagen. So scharten sie sich vor allem im südlichen
Wolgagebiet um die Konstituierende Versammlung in Samara,
in der Hoffnung. von ihr die Handelsfreiheit zugestanden
zu bekommen. Die Folgen konnten nicht ausbleiben. Indem
sich die rechten Sozialrevolutionäre und Menschewiki in
die Arme der Weißen geworfen hatten, um sich gegen die
Sowjetmacht zu stärken, wurden sie schließlich selber
Opfer der Konterrevolution Koltschaks. Hinter ihm standen
die adeligen Emigranten, die sich nun in London und Paris
aufhielten und nicht gewillt waren, den Bauern der
rechten Sozialrevolutionäredie Privilegien des
Großgrundbesitzes abzutreten. Am 18. November putschte
Koltschak und errichtete seine Militärdiktatur, die
offen die alte feudale Ordnung wieder installierte. Eine
Reihe sozialrevolutionärer und menschewistischer Führer
wurde erschossen.
-
- Die Mittelbauern schwankten zwischen dem Kulaken und der
Sowjetmacht und orientierten sich zuerst an den Erfolgen
der weißen und roten Armeen. Das Kleinbauerntum
fürchtete sich vor einer konterrevolutionären
Entwicklung. Seine Masse unterstützte keineswegs die
Konstituierende Versammlung, da es dahinter die feudale
Ausbeutung erkannte. Auf der anderen Seite sahen die
Kleinbauern ihre Interessen durch die Sowjetmacht
bedroht, die unter dem Druckdes Krieges und der
allgemeinen Not mit ihren Arbeiterabteilungen und den
Halbproletariern des Dorfes oftmals die letzten
Lebensmittelvorräte mitnahmen. Im Chaos des
Bürgerkrieges schürten die Exzesse rotgardistischer
Abteilungen die kleinbäuerliche Feindschaft gegen die
Diktatur des Proletariats noch weiter. Zwischen Roten und
Weißen versuchten sie deswegen, einen eigenen Weg zu
gehen. Dem entsprach in der Hauptsache die Politik der
linken Sozialrevolutionäre , und mit ihnen in diesen
Fragen in enger politischer Verwandtschaft - der
Anarchisten. Sie nahmen gegen die Requisitionen des
Kriegskommunismus und gegen die Komitees der Dorfarmut
Stellung. Die Bolschewiki würden in den Dörfern einen
unsinnigen Bürgerkrieg provozieren, anstatt mit den
Bauern über eine vernünftige Lösung zu beraten. Der
Bauernschaft sollte es freistehen, ungehindert von
bolschewistischen Kommissaren, ihre Kommunen aufzubauen.
-
- Noch zu Anfang des Jahres liefen in den Landkommissionen
der Sowjets solche Diskussionen. Die Bolschewiki hatten
mit den linken Sozialrevolutionären eine
Regierungskoalition gebildet. Ihr Agrarprogramm wurde
übernommen. und die linken Sozialrevolutionäre
erhielten 50% der Delegiertensitze in der Landkommission.
-
- Indes, die sich gegen Mitte 1918 verschärfende Situation
ließ friedliche Kooperation nicht mehr zu. Die
Bolschewiki gaben ihre konziliante Haltung auf, ab da
verschlechterte sich das Verhältnis zwischen Kommunisten
und 'Linken' ständig mehr. Die Rote Armee mußte
unverzüglich versorgt werden, die Städte waren von
Hunger und Verzweiflung aufgestachelt, die Bauernschaft
spaltete sich offen auf auch ohne bolschewistisches
Zutun, ob es nun linke Sozialrevolutionäre und
Anarchisten wahrhaben wollten. Ein Teil der Kleinbauern
stellte sich in dieser Zeit sogar auf die Seite der
rebellierenden Kulaken und leistete bewaffneten
Widerstand. "In Twer, Tula und Ryasan wurden
regelrechte, Schlachten ausgefochten und die
Dörfer halb zerstört." (M.P. Price, Die
russische Revolution)
-
- Welche Positionen und Alternativen haben nun die
Anarchisten im Sommer 1918 und später anzubieten? Im
Kriegskommunismus erblickten sie die bolschewistische
Gewalt um der Gewalt willen. Diese "ging auf die
Bauern nieder, um ihnen alles abzunehmen, was der
Staat(!) brauchte." (Volin, Die unbekannte
Revolution 11) "Tausende von Bauern und andere
'Bürger' wurden erschossen ...Natürlich erwischte man
vor allem die armen Teufel, die einen belanglosen Sack
Mehl in die Stadt trugen, um mit ein paar Pfennigen ihr
tägliches Auskommen zu verbessern, oder man ergriff
Bauern, die nur ihren hungerleidenden Angehörigen in der
Stadt unter die Arme greifen wollten. Die wirklich
gefährlichen Spekulanten nahmen die Sperren mit
Leichtigkeit, ein paar Schmiergelder genügten. Wieder
einmal spottete die Realität im etatistischen System der
'Theorie" (ebenda). Ein ungeheurer Zynismus ist
hier mit Lügen vermischt. Oder besser: Hier kommt
haargenau die Stellung des bäuerlichen Elements zum
Ausdruck, das zwischen Revolution und Konterrevolution
zerrieben wird. Die Sowjetmacht erscheint ihm als
Fortsetzung des zaristischen bzw. Kerenskiregimes. Alle
forderten von ihm Kriegsdienst und hohe Abgaben. Der
Zynismus Volins besteht darin, daß die 'anderen Bürger'
oft genug jene Zwischenhändler waren, die vom Hunger der
Städte profitierten. Price beschreibt die Situation 1918
viel zutreffender. "Am folgenden Abend begegnete
ich einem 'Meschoschnik', d.h. einem Menschen, der mit
einem Sack auf dem Rücken zwischen der hungrigen Stadt
und dem Dorf hin und her wanderte und Getreide zu
Wucherpreisen(!) verkaufte. Das war ein anderer, zu
dieser Zeit der Revolution sehr verbreiteter Typus. Mein
'Meschoschnik' war ursprünglich Bauer gewesen und hatte
sich an dem allgemeinen Gebalge um den Beuteanteil, das
eine Begleiterscheinung der Liquidierung der großen
Landgüter war, in seinem Dorfe kräftig beteiligt. Er
hatte dabei ein paar Stücke erstklassiges Vieh erobert,
das er unverzüglich schlachtete, sowie ein paar Zentner
Getreide, die er mit einem bedeutenden Obergewinn
verkaufte, sich damit auf Kosten der Arbeit anderer
bereichernd ...Die neue Sowjetmacht schaffte ihm
Verdruß. Er schilderte mit Entrüstung, wie ein
Kommissar mit zwei Rotgardisten ihm bei einer früheren
Gelegenheit seinen Sack weggenommen und ihn einen
'Wucherer' genannt hatte. In der letzten Zeit hätte er
jedoch gelernt, auch mit dieser neuen Tyrannei fertig zu
werden. Er vermied einfach die Berührung mit der
rotgardistischen Postenkette, indem er unterwegs aus dem
Zug stieg und das letzte Ende zur Stadt mit einem Sack
auf dem Rücken zu Fuß zurücklegte. Genau wie die
zaristische Regierung und das Regime Kerenskis für ihn
die Unterdrückung selbst gewesen waren, weil damals die
Last des Gutsherrn auf ihm lastete und man ihn gegen den
äußeren Feind an die Front schickte, so sah er nun in
der Sowjetmacht ein bloßes Gegenstück zu jenen
vormaligen Regierungsformen, weil sie ihm, nachdem er
endlich das Land in seine Hand bekommen hatte, nicht
gestatten wollte, seine Erträgnisse nach freiem Belieben
zu verkaufen. Freiheit hieß in seinen Augen das Recht,
von den hungrigen Städten Tribut zu erheben."
-
- Zur obigen anarchistischen Ignoranz der proletarischen
Gesamtinteressen kommt nun noch die Realitätsferne
angesichts der Krisensituation von 1918, die
selbstverständlich ebenso eine soziale Zerrüttung
bedeutete. Die Anarchisten prangern die Korruption und
Gewalttätigkeit der Rotgardisten und ihrer Kommandanten
an, die ohne Zweifel massenweise vorhanden war.
Unzählige Fälle von persönlicher Bereicherung,
Unterschlagung usw. kamen vor. Doch statt die
Konsequenzen daraus zu ziehen, der Korruption und anderen
Übeln mit geeigneten Mitteln zu begegnen (Stärkung der
Kontrolle, Zusammenfassung der rotgardistischen Abteilungen
Zentralisierung der Befehlsgewalt u.a.), öffneten sie
dem Chaos noch weiter die Tür. Ein Teil von ihnen
propagierte offen den "freien Handel". Und was
anderes bedeutete ihre Feindseligkeit gegenüber dem
Kriegskommunismus und dem Verbot des Privathandels? Dies
war die 'Lösung' des Meschoschniks und Kleinbauern -
eine Lösung, die in erster Linie jedoch dem Kulaken
zugute gekommen wäre. Andere wieder, die 'echten'
Anarchisten. sagten gleich gar nichts, außer ihrem
Zetergeschrei gegen die Bolschewiki. Die
"Massen" sollten in den "freien
Kommunen" und den "parteilosen Sowjets"
selbst entscheiden, welchen Weg sie gehen wollten. Im
wesentlichen entsprach das dem Konzept der Narodniki des
19. Jahrhunderts, von der feudalkapitalistischen
Klassengesellschaft übergangslos eine freie
Bauerngesellschaft zu errichten. Die 'Linken' sprachen
1918 allerdings nur mehr für einen Teil des Dorfes,
dessen Gesamtheit in einer "Bauernkommune"
zusammenzufassen wollen, ein Unding war. In der
Südukraine sollte sich bald zeigen, daß solche Projekte
nur im kleinbäuerlichen Milieu über eine gewisse Zeit
lang möglich sind, sie aber auf sich alleine gestellt,
abgesehen von den gigantischen Belastungen durch den
Krieg, auf längere Sicht nicht bestehen können. Das ist
auch ein Grundproblem solcher bäuerlicher Bewegungen,
die eine Zeit lang imstande sind, selbständig zu
agieren. Die Arbeiterklasse ist bestrebt, die Probleme
der Wirtschaft im nationalen Maßstab zu lösen. Ihre
Stellung in der industriellen Produktion läßt gar keine
andere Erkenntnis zu. Der Bauer hingegen geht die Fragen
im lokalen Rahmen an und verhält sich in der Hauptsache
der Zentralisierung feindlich gegenüber. Ein Fortschritt
ist gerade für den Kleinbauern nur auf zwei Arten
möglich. Zum einen, wenn er sich auf die Seite der
Arbeiterklasse stellt. Das ist die progressive
Perspektive für das ländliche Kleinbürgertum. Indem
das siegreiche Proletariat den Bauern wirtschaftlich
unterstützt, vermag er die Rückständigkeit seiner
zersplitterten Produktionsweise und die Vorteile einer
planvollen, zentralisierten Landwirtschaft zu erkennen
und sich zum sozialistischen Standpunkt aufzuschwingen.
Aber das dauert Jahre, Jahrzehnte, benötigt Zeit und
Gelegenheit, die im nachrevolutionären Rußland meistens
nicht gegeben war.
-
- Zum anderen hat der kleine Bauer das elementare Interesse
aller Kleinbürger, in der Klassenhierarchie
emporzukommen. In Rußland hatten sie die Aufteilung des
Großgrundbesitzes weidlich dafür ausgenützt, und der
Zusammenschluss in Kommunen war oft Ausdruck ihres
Interesses eine Stufe höher zu steigen und selber Kulak
zu werden. Umgekehrt, wenn dies nicht gelingt, wächst
das Abhängigkeitsverhältnis zum reichen Bauern
wieder an, steigt die Schuldenlast usw., das kulakische
Element beginnt wieder zu dominieren.
-
- Auf die Klassenspaltung in der Bauernschaft und die
Unselbständigkeit wußten die 'Linken'
- nichts zu antworten. In der Frage der Organisierung der
Industrie traten sie für die Aufrechterhaltung der
Zersplitterung ein, in der Landkommission propagierten
sie eben die "Bauernkommunen" und sprachen sich
gegen die Errichtung von Musterfarmen aus. Preobrashenski
schreibt über den "blödsinnigen Aufstand" der
linken Sozialrevolutionäre im Juni 1918 ganz richtig, "daß
sie selbst nicht wußten, was sie fordern sollte(n)
." Dem Chaos des Landes hatten sie nichts
entgegenzusetzen. "Inmitten des Wirrwarrs stieß
man jedoch gelegentlich auf Leute, die sich bemühten,
eine gewisse Ordnung in das Ganze zu bringen.
Bemerkenswerterweise waren es fast stets
Bolschewisten." (Price, ebd.)
-
- Die offene Konfrontation mit den Bolschewiki brachen die
linken Sozialrevolutionäre und Anarchisten jedoch nicht
in wirtschaftlichen Fragen sondern in der Außenpolitik
vom Zaune.
-
- DIE UKRAINE NACH
DER OKTOBERREVOLUTION
-
- Im November 1917 hatte die bürgerliche Rada; gestützt
auf die nationalistische Intelligenz und die
Bauernschaft, in der Ukraine ihre Staatsgewalt errichtet.
Der gesellschaftliche Grund dafür, .daß es nicht dem
Sowjetsystem gelungen war, sich, wie im Norden, nach der
Oktoberrevolution auszubreiten, liegt in einem hohen
Maße an dem relativ großen Anteil der begüterten
Bauernschaft. Das Proletariat war zahlenmäßig sehr
schwach und auf die wenigen Industriezentren im Norden
der Ukraine konzentriert Die Rada Petljuras vermochte in
der ersten Zeit einen beträchtlichen Einfluß auf die
Bauernschaft auszuüben. Es ist bezeichnend dass Volin
diese Verzögerung der Revolution in der Ukraine auf die
"Tradition der Wolnitza" ("freies
Leben") zurückführt und über die sozialen Wurzeln
kein Wort verliert. Während sich die Revolution
in Großrußland ohne Schwierigkeiten verstaatlichen und
schnell in die Zwangsjacke des kommunistischen Staates
pressen ließ, stieß diese Verstaatlichung und diese
Diktatur in der Ukraine auf beträchtlichen
Widerstand." (Volin, Die unbekannnte Revolution
III) Von wem wohl? ! Die Rada kooperierte zuerst mit der
französischen Militärmission, die von ihr die
Weiterführung des Krieges gegen die Deutschen verlangte.
Dieses Ansinnen war absurd, denn die ukrainischen Massen
waren ebenso wie die russischen Arbeiter und Bauern
äußerst kriegsfeindlich eingestellt.
-
- In der Folge arbeitete die Rada mit den Weißen um
General Alexeieff am Don zusammen, um, schließlich im
Jänner 1918 die Separatverhandlungen mit den Deutschen
zu beginnen.Bis dahin hatten die Bolschewiki das
Selbstbestimmungsrecht der Ukraine respektiert und
Brest-Litowsk, bei den Friedensverhandlungen mit dem
deutschen Imperialismus, die eigenständige Delegation
der Rada anerkannt. Die Gefahr, die sich nun durch einen
Separatfrieden zwischen der Rada und dem
deutsch-österreichischen Imperialismus anbahnte,
relativierte jedoch das Recht auf Selbstbestimmung. Zudem
breitete sich vor allem in den Industriegebieten der
Ukraine das Sowjetsystem rasch aus, das dabei der
brutalen Unterdrückung durch die Rada ausgesetzt war. Das
Recht auf nationale Selbstbestimmung wird von der
Kleinbourgeoisie der Ukraine dazu mißbraucht, die
Fabrikarbeiter und ärmeren Bauern des Rechts auf soziale
Selbstbestimmung zu berauben. Der nationale Konflikt
zwischen uns und der Rada ist daher ein
Klassenkampf." ('Prawda', 24.12. 1917) Die
Bolschewiki wollten schließlich das
Selbstbestimmungsrecht, das in erster Linie die
bürgerliche Rada für sich ausnützte, nicht dem
Weiterbestehen der Sowjetmacht und dem Klassenkampf
überordnen.
-
- ERSTE
SOWJETHERRSCHAFT IN DER UKRAINE
-
- Anfang 1918 erzielten die Sowjets in den Süd- und
Ostprovinzen Fortschritte. Die roten Matrosen der
Ostseeflotte überrannten die Don-Front, der Militärrat
der Don-Kosaken floh in den nördlichen Kaukasus, und es
wurde die Räterepublik am Don ausgerufen. Im Südwesten
war die Revolution ebenfalls erfolgreich, doch machte
sich hier in der Ukraine die miese Disziplin der roten
Truppen äußerst schädlich bemerkbar. M.P. Price
berichtete über jene Rotarmisten, die im Februar 1918
Kiew erobert hatten und in die Westukraine eingedrungen
waren: Der Abhub der alten Armee drang hier
allmählich ein. Soldaten, deren Heimat weit im Osten
war, und die sich an das parasitische Leben auf Kosten
der Bevölkerung hinter der Front gewöhnt hatten,
ließen sich zu jedem Abenteuer bereit finden. Sie wurden
rasch zu Prätorianergarden und traten alsdann, fremd und
gleichgültig, wie sie der Ukraine gegenüberstanden, als
'Befreier des ukrainischen Volkes' auf den Plan.
Angesichts des Mangels an Lebensmitteln und deren
geordneter Verteilung lag es auf der Hand, daß sie bald
in den verschiedenen Örtlichkeiten auf ihrem Wege zu
plündern begannen." Price erzählt weiter, daß
das Benehmen der roten Garden "in Kiew jeder
Beschreibung spottete." Sie plünderten,
verhafteten und erschossen jeden, den sie auf der
Straße ukrainisch reden hörten." Neben der von
Price erwähnten Fremdheit der Rotgardisten in der
Ukraine und dem Hunger dürfte auch noch der Gegensatz
zwischen dem herabgekommenen Soldaten und dem begüterten
ukrainischen Kulaken ein Grund für die Exzesse gewesen
sein. Jedenfalls beeinflußte diese Episode das
Verhältnis der ukrainischen Bauern, aber auch von
Schichten der Arbeiterschaft zur sowjetischen
Zentralmacht noch lange und tiefgreifend auf eine sehr
negative Art und Weise.
-
- BREST-LITOWSK, DIE 'LINKE'
UND DIE UKRAINE
-
- Hier ist keine Gelegenheit, ausführlich auf die
Meinungsverschiedenheiten in der Frage des
Friedensschlusses mit der deutschen Kriegsallianz
einzugehen. Die Differenzen gingen ebenso mitten durch
die bolschewistische Partei. Einige Aspekte sollen doch
erwähnt werden, weil zum einen die Kriegsfraktion in der
KPR ähnlich argumentierte wie linke Sozialrevolutionäre
und Anarchisten, und zum anderen Brest-Litowsk
unmittelbaren Einfluß auf die Ereignisse in der Ukraine
ausgeübt hatte. Sicherlich besaß Lenins Drängen auf
einen sofortigen Friedensschluß, den er schon im
Dezember 1917 forderte, gegenüber der Kriegsfraktion um
Bucharin letztlich die realistischere Grundlage. Die
russischen Schützengräben waren leer. Der deutsche
Vormarsch seit dem Februar hatte die Unfähigkeit,
revolutionären Widerstand zu leisten, deutlich genug
bewiesen. Lenin strebte eine 'Atempause' an und rechnete
mit dem baldigen militärischen Zusammenbruch der
deutschen und österreichischen Monarchien. Denn der
deutsche Imperialismus würde selber an einem Frieden
interessiert sein und seine Truppen nicht in der Weite
Rußlands vergeuden wollen, die ihm dann im Westen fehlen
würden. Doch jetzt Anfang 1918 war er noch nicht
zusammen gebrochen und die Gefahr bestand weiter, daß
seine Kräfte ausreichten, Sowjetrußland zu
zertrümmern. Außerdem fürchtete vor allem Lenin eine
all imperialistische Allianz.
-
- Die Argumente der Gegner eines Friedensschlusses setzten
an der' Atempause' Lenins an, die sie für eine Illusion
hielten. Tatsächlich setzte der deutsche Imperialismus
seinen Vormarsch auch nach der Unterzeichnung im März
fort. Die 'Linke' in der Partei meinte, daß er sich
dadurch schließlich schwächen würde, Hunderttausende
seiner Truppen einsetzen müsse und allem voran, seine
kriegshetzerischen Absichten offen vor dem
internationalen Proletariat offenbaren würde. Die
Bedingungen für die deutsche und österreichische
Revolution könnten dadurch einen Aufschwung erhalten.
Ein Vertrag hingegen würde die Klassenfront zum
deutschen Imperialismus nur verwischen, die
internationale Arbeiterklasse enttäuschen und die
Kampfbedingungen des deutschen und österreichischen
Proletariats verschlechtern, ohne die militärische
Gefahr wesentlich zu mindern. Bucharin propagierte den
revolutionären Krieg und hing damit einem Hirngespinst
nach. Trotzki erkannte mit Lenin die wirkliche
militärische Verfassung der russischen Armee, aber
versuchte trotzdem noch Mitte Februar, also während der
zügigen Offensive der Deutschen, eine Unterzeichnung
hinauszuzögern. Er hoffte auf revolutionäre Erhebungen
in Österreich und Deutschland, bzw. später auch auf ein
militärisches Bündnis mit der Entente, was die
Bedingungen schlagartig geändert hätte. Nur als
Anmerkung gegen die heutige Praxis der Sowjetbürokraten
in der Außenpolitik sei an dieser Stelle Radeks
Auftreten bei den Friedensverhandlungen erwähnt, der
sich selbst in Brest-Litowsk die Gelegenheit nicht nehmen
ließ, an die deutschen Soldaten Flugblätter zu
verteilen, in denen zum Sturz der deutschen Regierung
aufgerufen wurde.
-
- Am 18. Februar jedoch verschlechterte sich die Lage akut.
Die Deutschen hatten Dwinsk erobert und standen vor der
Ukraine. Auf die jetzt den Deutschen angebotenen
Friedensverhandlungenerhielt die sowjetische Regierung
eine noch ungünstigere Antwort als früher: Die
Sowjetmacht sollte demobilisieren, Lettland, Estland, die
Ukraine und Finnland müßten aufgegeben werden. Diese
Bedingungen wurden vordererst einmal mit knapper Mehrheit
im ZK der KPR angenommen.
-
- In der Debatte zum Frieden ging es im großen und ganzen
um die Fragen, ob die deutschen und österreichischen
Truppen imstande sind, eine genügend starke Offensive
vorzutragen, die nicht bloß ausreichen würde, die
Sowjets aus Moskau und Petrograd zu vertreiben, sondern
sie überhaupt zu vernichten.
-
- Nachträglich angestellte Weisheiten, noch dazu wenn sie
in Österreich 1979 geschehen, haben immer den Nachteil
realitätsfern zu sein. Die einzig' relevante Frage, die
sich dennoch stellt ist, ob ein Vertragsabschluß bereits
im Dezember 1917, wie ihn Lenin verlangt hatte,
tatsächlich jene Vorteile gebracht hätte, von denen
heute die KP-stalinistische Geschichtsschreibung
berichtet. Von Bucharin bis Trotzki seien alle
Leningegner in Brest-Litowsk der Revolution in den
Rücken gefallen. Etwas anspruchsvoller ist die
Problematik hingegen, wenn man in Betracht zieht, daß
die Verbitterung und Enttäuschung der revolutionären
Massen bedeutend schwerer zu Ungunsten der Bolschewiki
gewogen hätten als ohnedies fragwürdige Landbehalte
für die Sowjets, wenn der Friede schon vor den März
1918 geschlossen worden wäre. Radek faßte dies auf den
Notstandssowjetkongress am 6. März in der Feststellung
zusammen, daß die bolschewistische Politik in
Brest-Litowsk kein Mißerfolg war, "sondern eine
Politik des revolutionären Realismus." Es sei
viel günstiger gewesen. daß die Sowjets erst nach der
deutschen Invasion Frieden geschlossen haben und so den
fortgeschrittenen Arbeitern der ganzen Welt demonstrieren
konnten. daß sie dazu gezwungen wurden,
-
- Damals wie heute ist jedenfalls jede Spekulation müßig.
ob sich die russischen Massen durch eine imperialistische
Invasion weit in das Land hinein noch einmal hätten
aufrütteln lassen, wie dies damals die Bucharinfraktion
einschätzte. Ohne Zweifel hat der Bürgerkrieg bewiesen,
welche immensen Kräfte in den ausgehungerten Menschen
gesteckt haben. Doch mehr als einmal hing der Sieg nur an
einem seidenen Faden. der reißen hätte können, wenn
etwa Petrograd oder Moskau gefallen wären, wodurch die
Mobilisierung der Weißen beschleunigt worden Eine
Mehrheit der bolschewistischen Kriegsfraktion hätte die
Spaltung der Partei bedeutet. Die endgültige Niederlage
der Sowjetmacht wäre unter diesen Umständen gewiss
gewesen.
-
- Wie so oft verstanden die Anarchisten nichts von der
allgemeinen Lage der Sowjetmacht. Ihre Argumentation zu
Brest-Litowsk verbleibt im ukrainischen kleinbäuerlichen
Milieu und ignoriert die tragische wirtschaftliche Lage
im gesamten Sowjetbereich und die gefährliche Situation
an der gesamten Bürgerkriegsfront. Auf der
Zentralsowjetexekutive am 24. Februar, nach den Ultimatum
der deutschen Stabsführung, revidierten die linken
Sozialrevolutionäre ihre frühere Position, mit den
Mittelmächten überhaupt nicht zu verhandeln, und
verlangten ähnlich den Vertretern der bolschewistischen
Kriegsfraktion, den Rückzug der Sowjets in das
Landesinnere. Nach ihrer Stimmniederlage zogen sie sich
aus den Rat der Volkskommissare zurück. Im März, nach
der Unterzeichnung des Friedensvertrages, hielten sie
sich an den Beschluß des Sowjetkongresses , der den
Vertrag ratifiziert hatte, ohne aber den Vorwurf vom
Verrat der Revolution aufzugeben.
-
- Die Anarchisten jedoch beschlossen, nicht stillzuhalten.
Die Schärfe erhielt die Kontroverse durch die
angespannte Situation in der Ukraine. Die deutsche
Kriegsmaschine wütete unerbittlich gegen die
aufständischen Arbeiter und Bauern, während die
Einheiten der Roten Garden jenseits der ukrainischen
Grenze nicht eingreifen konnten. Die Deutschen setzten
zuerst wieder die Rada ein, um sie kurz darauf zu
zerschlagen und endgültig den Weg für die feudale
Restauration und die Errichtung der
Marionettenmilitärdiktatur des Hetman Skoropadski zu
ebnen. Teile der bäuerlichen Massen resignierten, andere
schlossen sich dem verbissenen Abwehrkampf der
Partisanenabteilungen an, von denen nun jene Machnos die
bedeutendste wurde. Der gestürzte Petljura verfügte
ebenfalls noch über Truppen, die sich ebenfalls gegen
die Besatzer stellten.
-
- Der Bolschewismus war zu dieser Zeit bei den bäuerlichen
Massen ziemlich diskreditiert. Seine Requisitionspolitik
und das chauvinistische Verhalten der Rotgardisten
während der ersten Sowjetherrschaft Anfang des Jahres,
die notgedrungen eine sehr oberflächliche bleiben
musste, und jetzt der Brest-Litowsker Vertrag mit dem
deutschen Imperialismus stärkte den Nationalismus und
die Machnobewegung.
-
- 'Russische Partisanengruppen , die unter dem Einfluss der
Anarchisten und linken Sozialrevolutionäre standen,
drangen immer wieder in die Ukraine ein, griffen die
deutschen Militärs an und gefährdeten den Frieden.
Zuerst nahmen die Bolschewiki eine kompromißlose Haltung
ein und .versuchten, die anarchistischen Provokationen
gegen die Deutschen zu unterbinden. Ein grausamer
Kleinkrieg entwickelte sich, bolschewistische Vertreter
wurden ermordet, die Bolschewiki antworteten mit
Gegenmaßnahmen. (Später, im Laufe des Jahres, als sich
die militärische Situation des deutschen Imperialismus
ständig verschlechterte, begannen die Bolschewiki den
Guerillakampf in der Ukraine wieder zu unterstützen) .Im
April kam der deutsche Gesandte Graf Mitbach nach Moskau.
Daraufhin riefen die Anarchisten offen zum bewaffneten
Widerstand auf und unternahmen Anschläge auf
ausländische Delegierte. Es sollte an dieser Stelle
nicht vergessen werden, daß dies die Zeit des sich
zuspitzenden Bürgerkrieges war, sich die soziale Krise
auf dem Land verschärfte und auch in den Städten Unmut
geäußert wurde. Die Bolschewiki konnten in dieser
Situation den Treiben der Anarchisten nicht mehr länger
tatenlos zuschauen. Sie lösten die anarchistischen Klubs
mit militärischer Gewalt auf und verhafteten die Führer
für einige Zeit. Später traten viele der Anarchisten
entweder in die Partei der linken Sozialrevolutionäre
ein oder verließen Moskau, wo sie relativ stark gewesen
waren, I um sich in der Ukraine der Machnobewegung
anzuschließen.
-
- In den Augen der Anarchisten stellen sich die
Aprilereignisse als ein für die bolschewistische
Diktatur typischer Tobsuchtsanfall dar. Für Volin sind
es "fadenscheinige, absurde Vorwände",
die zur Unterdrückung der 'Föderation der
anarchistischen Gruppen von Moskau' u.a. führten.
- Die Unterdrückung der linken Sozialrevolutionäre im
Juli interpretiert Volin ähnlich, doch interessiert sie
ihn nur noch "am Rande", da es sich um einen
"Kampf zwischen zwei Parteien um die Macht"
handelte. (Volin, Die unbekannte Revolution II)
-
- Der Höhepunkt der Auseinandersetzungen der Bolschewiki
mit der ' Linken fiel mit der schweren Sommerkrise
von 19]8 zusammen. Im Juli fand der 5.Sowjetkongreß
statt, dem eine intensive Propagandakampagne der linken
Sozialrevolutionäre gegen die Bolschewiki vorangegangen
war. Sie verlangten nun die Aufhebung des
Friedensvertrages und den revolutionären Krieg. Sie
bezichtigten Lenin und Trotzki des Verrats und drohten
mit ihrem Terror. Am 6. Juli ermordeten die
Sozialrevolutionäre Blunkin und Andrejew den Grafen
Mirbach. Kurz darauf versuchten sie, die Regierung zu
stürzen. Sie verhafteten die bolschewistischen Führer
der Tscheka - sie selbst waren hohe Tscheka-Beamte
gewesen - und besetzten Post- und Telegrafenämter. Ihr
Putschversuch scheiterte nach zweitägigen Kämpfen, die
Moskauer Bevölkerung war gleichgültig geblieben. Noch
immer reagierten die Bolschewiki relativ tolerant. Die
Führer des Aufstandes wurden zwar verhaftet, jedoch
einige Monate später begnadigt. Blunkin etwa schloß
sich den Bolschewiki an und trat unter Stalin der
trotzkistischen Opposition bei. Ein einziger
sozialrevolutionärer Tscheka-Beamter, Alexandrowitsch,
der seine Position als stellvertretender Tscheka-Chef
mißbraucht hatte, wurde hingerichtet.
-
- 1918 -1920: DER
BÜRGERKRIEG GEHT WEITER
-
- Der Vormarsch der Tschechen hielt weiter an. Anfang
September kam es dann zur Wende. Die militärischen
Erfolge für die Rote Armee fielen allerdings mit einer
Attentatserie auf führende Bolschewiki zusammen, die
sich schließlich zu einer ernsten Gefahr ausweiteten:
Anschlag auf Lenin (durch die Sozialrevolutionärin D.
Kaplan), auf Wolodarski durch einen Sozialrevolutionär
und Uritzki wurde durch einen rechten Studenten ermordet.
Gelegte Brände, die die Heizreserve Moskaus vernichten,
brechen aus. In bürgerlichen Kreisen denkt man an
bewaffneten Aufruhr. Eine Katastrophe zeichnet sich ab.
Die Bolschewiki greifen jetzt zum letzten Mittel: dem
roten Terror. Ehemalige Offiziere der zaristischen Armee,
Kadetten, Bourgeois werden als Geisel gefangen genommen.
Für jeden ermordeten Kommunisten sollen zehn von ihnen
erschossen werden.
-
- Vor diesen Septembertagen 1918 beschränkte sich die
Tscheka im allgemeinen auf Verhaftungen. In den 6 Monaten
nach dem Dezember 1917 verhängte sie bloß 22
Todesurteile, jetzt mitten im Bürgerkrieg und dem
gegenrevolutionären Terror ändert sie nicht nur ihre
Gangart, sondern ihr Apparat und ihre Macht werden von
nun an zügig ausgebaut. In Petrograd werden schließlich
500 bürgerliche Elemente verhaftet und ohne vorherige
Untersuchung erschossen. Zweifellos waren viele von ihnen
unschuldige Menschen, die mit den konterrevolutionären
Machenschaften nichts zu tun hatten. Im März 1920 teilte
die 'Iswestia' mit, daß in den letzten vier Monaten des
Jahres 1918 etwa 6000 hingerichtet worden waren. Diese
Abschreckung stellte sich schließlich als ein
machtvolles Mittel heraus.
-
- Von Kautsky bis heute (siehe den Artikel Trotzkis
"Terrorismus") waren Leute bereit, sich über
den roten Terror zu empören. Exzesse sind im russischen
Bürgerkrieg auf beiden Seiten in einem unvorstellbaren
Ausmaß vorgekommen. Doch ein grundlegender Gedanke dabei
müßte wohl auch sein, die verschiedenen politischen
Inhalte beider Seiten voneinander zu unterscheiden. Der
weiße Terror versuchte die feudalkapitalistische
Militärdiktatur wieder zu errichten, die Sowjetmacht
hatte die Kapitalistenklasse gestürzt. Wäre die
Russische Revolution der Beginn einer europäischen
Revolution gewesen, die jede ausländische Intervention
und damit die weiße Gegenrevolution verunmöglicht oder
zumindest gehemmt hätte, so wäre sie ohne Zweifel ein
relativ unblutiges Ereignis geblieben, das sie im Oktober
1917 noch gewesen war. Doch die Entwicklung verlief
anders. Nicht die Bolschewiki hatten den Bürgerkrieg
heraufbeschworen. Ihn jedoch zu überleben, benötigte es
des "Eisens und Blutes", von dem Trotzki
spricht. Wer der Tatsache des Sowjetsystems
revolutionäre historische Bedeutung beilegt, der muß
auch den roten Terror anerkennen." (L. Trotzki,
Terrorismus) Ja noch mehr, mit der Ablehnung des roten
Terrors wird logischerweise auch die Oktoberrevolution
abgelehnt, die ja die Weißen und Alliierten zunichte
machen wollten, abgelehnt werden da die Kämpfe der
russischen Arbeiter und Bauern schon vor dem Oktober
gegen Krieg, Hunger und feudale Unterdrückung. Deutlich
genug zeigt sich hier, wessen Geistes eigent1ich diese
'Menschenfreunde' waren und sind.
-
- Das Wolgagebiet war nun wieder im Bereich der
Sowjetmacht. Damit hatte auch die Gegenregierung in
Samara ausgespielt. Im November kämpft die Rote Armee
gegen Koltschak im Ural, gegen Denikin und Krassnow in
Südrußland und am Don. Inzwischen mußten sich die
deutschen Truppen aus der Ukraine zurückziehen. Der
deutsche Imperialismus war im 1. Weltkrieg endgültig
geschlagen worden, und in Deutschland nahm gerade die
Novemberrevolution ihren Anfang.
-
- DER BÜRGERKRIEG
IN DER UKRAINE
-
- In der Ukraine war die Widerstandsbewegung gegen die
deutschen Invasoren im November sehr kräftig
angeschwollen. Die Partisaneneinheiten Machnos fügten
den sich zurückziehenden deutschen Truppen und den
Weißen empfindliche Schläge zu. Die Kampfhandlungen der
Roten Armee im Nordkaukasus entlasteten Machno in der
Südukraine. Dennoch war er nicht in der Lage, in der
gesamten Ukraine Fuß zu fassen. Petljura, der
bedeutendste Führer der Rada, nützte die Gelegenheit
und ließ im Dezember 1918 seine Truppen als Befreier in
Kiew einziehen. In den nächsten Wochen vermochte er
seine Macht auszudehnen, wobei er im Süden auf den
Widerstand Machnos traf.
-
- Geschwächt durch seine bürgerliche Unfähigkeit und
verräterische Vergangenheit konnte sich das
Petljura-Regime allerdings nicht lange halten. Es verlor
in der ukrainischen Bauernschaft rasch an Einfluß und
wurde zudem mit den aus dem Norden anrückenden roten
Truppen konfrontiert. Ende Dezember mußte Petljura Kiew
räumen, Charkow wird von der Roten Armee erobert und die
2. Ukrainische Räterepublik ausgerufen. Die Sowjetmacht
kann sich über weite Teile der Ukraine ausbreiten.
-
- Die Kraft ihrer Herrschaft liegt in den Industriezentren,
aber auch in der Bauernschaft trifft sie zuerst nicht auf
jene schroffe Feindseligkeit, mit der sie noch im Sommer
fertig werden mußte. Große Teile ihrer Truppen
bestanden nun aus Einheimischen, und die Bauernmassen
hatten die Herrschaft Skoropadskys mitmachen müssen und
größtenteils ihre Illusionen in die
'Selbstbestimmungs'-Politik Petljuras abgelegt. Dennoch
bleibt die Sowjetherrschaft weiter oberflächlich. Der
Bürgerkrieg frißt die Sowjetgebiete arm, und die
Bolschewiki sind gerade in der fruchtbaren Ukraine
gezwungen, die Requisitionspolitik weiter zu führen. Die
Stimmung bäuerlicher Schichten schlägt bald wieder
gegen die Kommunisten um, was sich sehr negativ auf die
Verfassung der roten Truppen auswirkt. Die Ruhe an der
militärischen Front dauert ebenfalls nicht lange. Im
April beginnen die weißgardistischen Truppen Denikins
eine großangelegte Offensive, die sie bis in den Sommer
1919 über Charkow, Oryol und Tula bis knapp vor Moskau
bringen wird. Das wirtschaftliche und militärische Chaos
der Sowjetukraine wurde zudem noch durch schwere
Differenzen in der Partei begünstigt.
-
- Die Ukraine war auch nach der innerparteilichen
Niederlage in der Frage des Brest-Litowsker Friedens eine
Bastion der 'Linken' geblieben. Sie hatten es außerdem
verstanden, sich eine gewisse Eigenständigkeit zu
bewahren und formal mit der KPR gleichberechtigt zu sein.
Im März wurde dies von der Zentrale in Moskau
erfolgreich in Frage gestellt. Eine weitere Differenz
bestand in der Bauernfrage, in der die 'Linken' der KPU
(Kommunistische Partei der Ukraine) unzweifelhaft Recht
behalten sollten. Sie warnten seit 1918 eindringlich vor
einer zu harten Politik gegenüber den ukrainischen
Bauern. J. Jakowlew, der Führer der 'Rechten', machte
sich darüber lustig, und Moskau hörte nicht auf die
Kritik. Die Folgen der Zwangspolitik, die 1919
gegen die ukrainischen Bauern betrieben wurde, waren, wie
alle Seiten später zugaben, verheerend. Die große Masse
der ukrainischen Landbevölkerung wurde dem Regime
entfremdet." (R.V. Daniels, Das Gewissen der
Revolution)
-
- Der Milde der 'Linken' gegenüber der Bauernschaft
entsprach ein loyalerer Kurs gegenüber den ungebundenen
roten Garden und Partisanenabteilungen. Dies widersprach
total den Interessen der gesamten Roten Armee. Zum
Höhepunkt des Bürgerkrieges Mitte 1919 erreichte die
Front, an der die Rote Armee zu kämpfen hatte die
kolossale Länge von über 9 000 Kilometern. Schon vorher
tritt Trotzki ,der Kriegsvolkskommissar, für eine
stärkere Zentralisierung der Roten Armee ein. Koltschak
im Ural, Denikin im Süden, die Franzosen in
Odessa, Judenitsch droht aus dem Estland: Die Rote Armee
mußte in den verschiedenen Frontabschnitten koordiniert
agieren. Isolierte Aktionent ohne Berücksichtigung der
Bedürfnisse und Pläne an der Gesamtfront drohten
großen Schaden anzurichten. Gefahren, die in der
Bürgerkriegszeit sehr schnell zur Gefahr für die
Existenz der Sowjetmacht anwachsen konnten. Trotzki
beginnt, die Rote Armee in einheitlich gebildeten
Divisionen und Regimentern zu organisieren und einem
Oberbefehl zu unterstellen. Er strebt die Eingliederung
der losen Partisanenabteilungen an. Als sich viele von
ihnen nicht fügen wollen verlangt er ihre Auflösung.
Dieser grundlegende Konflikt kommt auch in der Ukraineund
hier am bekanntesten in der Problematik der Machnowiade
immer wieder hoch. An ihm entzünden sich die
wesentlichen Auseinandersetzungen zwischen beiden Seiten,
wobei die Anarchisten selbstverständlich auf der Seite
Machnos stehen. Ebenfalls in dieser Frage vertreten sie
das Konzept der Zersplitterung. Die strategischen
Schwierigkeiten im russischen Bürgerkrieg interessieren
sie nicht, der gesamten weißen Bedrohung haben sie
wieder einmal keinen erfolgversprechenden Gesamtplan
entgegenzusetzen. Ihr Metier sind die "freien
Partisanen", wie sie sie in der Machno-Bewegung
erblickten.
-
- Unter den extrem ungünstigen Bedingungen im März/April
1919 schwindet dem Bolschewismus in der Ukraine mehr und
mehr der Boden unter den Füßen. "Keine
Agitation und kein Druck kann eine barfüßige, hungrige,
verlauste Armee kampffähig machen",
telegraphierte damals Trotzki über den Zustand der
Truppen nach Moskau. Der Großangriff Denikins im April
fegte schließlich die Rote Armee und die kommunistischen
Organisationen vollends hinweg. "Nach zerfahrenen
Versuchen, hinter den weißen Linien eine
Partisanenbewegung zu organisieren wurde das
Zentralkomitee der KPU, jetzt bar jeder Autorität, von
der russischen Parteiführung aufgelöst." (R.V.
Daniels, Das Gewissen der Revolution)
-
- In diesen Monaten gelang es der Machno-Bewegung sich
bedeutend zu stärken. Noch im März hatte es zwischen
ihr und den Bolschewiki freundschaftliche Beziehungen
gegegeben. In einem gemeinsamen Vertrag wurde diese
Annäherung formuliert, sodaß die Machnowiade
innerorganisatorisch unangetastet bleiben solle, jedoch
politische Kommissare der Sowjetmacht aufnehmen müsse.
Die Aktionen werden koordiniert und die Versorgungsfragen
geregelt. In dieser Zeit, so schreibt Victor Serge,
hätte es sogar zwischen Lenin und Trotzki Unterredungen
gegeben, "den ukrainischen Anarchisten eine Art
territoriale Autonomie zu geben." (V. Serge, Leo
Trotzki, Leben und Tod)
-
- Die Phase der gegenseitigen Loyalität hält jedoch nicht
lange an. Denikins Angriff kommt eben dazwischen. Und
jetzt prallen die verschiedenen Interessen der
Sowjetrepublik und des ukrainischen
Partisanenprovinzialismus Machnos voll gegeneinander.
Zudem ist diese erste Hälfte des Jahres 1919 die Zeit,
in der eine politische Neuausrichtung der Machnowiade
erfolgt. Eine große Zahl der aus dem Zentrum und Norden
Rußlands vertriebenen' Linken' und Anarchisten gelangen
in die Ukraine (Baron, Arschinoff, Volin u.a.) und
vermögen ganz wesentlichen Einfluß auf die Bewegung zu
nehmen. Das anarchistische Gedankengut verschwindet ab da
nicht mehr aus den Publikationen der Machnoleute. Am
stärksten setzt sich die Gruppierung 'Nabat' durch, die
auf ihrem Kongreß im April 1919 in Elisabetgrad die
gesammelte anarchistische Ideologie zusammenfaßt. Sie
entwickelt den ihnen eigenen Haß auf die Sowjetmacht und
philosophiert davon, daß die Machnowiade jene Macht sei,
die die Bolschewiki stürzen müsse.
-
- Die Rote Armee kämpft inzwischen um ihr Überleben.
Trotzki warnte wiederholt, daß die Rotarmisten
in der Ukraine... am Verhungern (seien). Die Hälfte habe
weder Schuhe noch Wäsche und sehr wenige besäßen
Mäntel. Jeder sei bewaffnet, nur nicht die Soldaten. Die
Kulaken hätten sich bei den Deserteuren mit großen
Waffenmengen eingedeckt. Wenn der hungrige und
unbewaffnete Rotarmist dem wohlgenährten Dorfwucherer
entgegentrete, müsse seine Zuversicht schwinden... Die
ukrainischen Bolschewiki befänden sich in einer
defaitistischen Stimmung. Sie meinten, daß es kein
schlechter Plan sei, die Ukraine einmal kurze
Zeitlang die Herrschaft der Weißen verspüren zu lassen
- das würde die Leute von Illusionen heilen und sie den
Bolschewiki wieder in die Arme treiben. Er versicherte
dem Politbüro, daß er entschlossen gegen diese Stimmung
antrete. Aber die ukrainischen Divisionen benötigten
eine Atempause, eine Möglichkeit, sich zu waschen,
anzuziehen und auf die Offensive vorzubereiten.
(aus einem Brief Trotzkis an das Politbüro der KPR, I.
Deutscher, Trotzki I) Am 4. Juni 1919 gibt das rote
Armeekommando den von Trotzki unterzeichneten
"Befehl Nr. 1842" heraus, in dem die
Organisierung der Anarchisten unterbunden und ihr 4.
Kongreß für illegal erklärt wird: sein Ergebnis könne
nur eine neue "Öffnung der Front vor den
Weißgardisten" sein, "vor denen die
Brigaden Machnos stets zurückweichen, dank der
Unfähigkeit, der verbrecherischen Einstellung und dem
Verrat ihrer- Kommandeure." (ebd.)
-
- Die Konflikte mit den Machno-Truppen mehren sich im Juni
1919. Denikin greift immer wieder von seinen Basen im
Nordkaukasus an und bedrängt sowohl Machno als auch die
Rote Armee. Ersterer führt seitdem April eine
Propagandakampagne gegen die Bolschewiki. Auf dem
Territorium Machnos "wird ein scharfer Kampf
gegen die bolschewistische Vergewaltigung geführt
." ('Nabat' im Juni 1919) Die rotgardistischen
Einheiten der Sowjetrepublik müssen sich oft und oft vor
den Weißen zurückziehen und werden dabei zersprengt.
Noch dazu von den Machno-Truppen angegriffen, stehen sie
in erster Linie im Süden und Südwesten einer feindlich
eingestellten Bevölkerung gegenüber, und in großen
Teilen der Reste der Roten Armee wächst der Hass auf
dieses 'undankbare' Land. Jetzt passiert vieles, was der
Führung der Roten Armee nicht recht ist. Die
militärische Zusammenarbeit gegen die Weißen
funktioniert schon längst nicht mehr. Die Bolschewiki
werfen im Juni der Machnokommandatur vor, Denikin die
Front geöffnet zu haben, der Vorwurf der anarchistischen
Führer lautet genau gegenteilig: Die
Bolschewiki öffnen Denikin die Front, um ihm den Zugang
zum freien Gebiet zu ermöglichen."
(Nabat) Die militärische Situation der
Sowjetrepublik war inzwischen erneut prekär geworden.
Denikin zog gegen Moskau und Judenitsch kam bis vor
Petrograd. Eine fehlerhafte Kriegführung durch den
Oberbefehlshaber der Roten Armee Kamenjew verschlechterte
die Lage noch mehr. Im Oktober wurde sogar erwogen,
Petrograd aufzugeben, um sich nicht vielleicht auch noch
aus Moskau in den Ural zurückziehen zu müssen. Die
Rätemacht war wieder einmal bedroht.
-
- Im Juli 1919 wendet sich die schwache Rote Armee von
ihren Stützpunkten in Kursk - Woronez gegen die
Don-Kosaken, um Denikin zu umgehen und von seinen Basen
abzuschneiden. Daraufhin wird ihr Gros selbst von
Denikin zurückgedrängt, und die Don-Kosaken fallen in
der Südukraine ein. Wieder erheben die Anarchisten gegen
die Bolschewiki den Vorwurf, mit den Weißen zu
kooperieren. Ein Blick auf die Schlachtkarte des Juli
1919 genügt, um diesen Unsinn zu entlarven.
-
- Denikin und die Don-Kosaken bringen die
Großgrundbesitzer und ihre Privilegienherrschaft
zurück. Der weiße Terror bricht über die Ukraine
herein, währenddessen die Rote Armee vor Moskau kämpft.
In der Ukraine wächst der Widerstand der bäuerlichen
Guerillabewegung und bedroht in einem zunehmenden Maße
die Versorgungslager der Weißen, die sich hier befanden.
Zurückgebliebene versprengte Rotgardisten stoßen zu
Machno und schließen sich ihm an.
- Entlang der gesamten von den weißen Truppen besetzten
Gebiete rührt sich nun die Gegenwehr.
- Denikins Truppen weichen unter den Schlägen Machnos und
der Roten Armee, die im Norden kämpft, zurück. Die
Machnowiade dringt Anfang Oktober gegen den Norden der
Südukraine vor. Ende des Monats tritt die Rote Armee zur
Offensive gegen die Hauptstreitmacht der Weißen vor
Moskau an. Sie treibt sie südwärts zurück und befindet
sich schließlich wieder in der Ukraine.
-
- DIE MACHNO-
BEWEGUNG
-
- J. Jakowlew, ein Führer der KPU, spricht in seiner
Broschüre Machnowiade und Anarchismus" von
einer beginnenden Spaltung im sozialen Anhang der
Machnowiade in der Südukraine zu Beginn 1919, "..
.daß das ärmere und mittlere Bauerntum, das von der
Sowjetmacht vereinigt wird, sich allmählich von ihm
(Machno -e.p.) lossagt. Dafür treten immer mehr die
Dorfreichen zu ihm über, und so wird Machno langsam und
fortschreitend aus dem Bauernführer zu einem Führer des
eingesessenen Grundbesitzes." (aus Russische
Korrespondenz Nr. 12/ S 1039)
-
- Diese Direktheit und Kontinuität im Abfall der
kleinbäuerlichen Basis von der Machnowiade, wie sie
Jakowlew schildert, scheint es vermutlich nicht gegeben
zu haben. Außerdem kann der von Jakowlew angegebene
Zeitpunkt, mit dem die Degeneration der Machno-Bewegung
beginnen soll, nicht stimmen. Soziale Verschiebungen in
der russischen, wie auch ukrainischen Klassengesellschaft
waren in einem hohen Maße von den Wechselfällen des
Bürgerkrieges mit abhängig. Das Bauernland Ukraine
wurde nach dem November 1918 in der Hauptsache
abwechselnd von der Roten Armee und den Weißen besetzt.
Die bürgerliche Rada hatte sich durch ihre Kooperation
mit den Weißen bei der ukrainischen Bauernschaft
weitestgehend diskreditiert. Die Sowjets brachten
Requisitionen ohne Gegenleistung und Exzesse und zeigten
sich außerdem vom April bis September 1919 als unfähig,
in der Ukraine machtvoll gegen die Weißen präsent zu
sein. Die Weißen wiederum boten Feudalherrschaft,
Pogrome, Ausplünderung und Korruption. Aus diesen
Widersprüchen erklärt sich die zeitweise Stärke der
Machno-Bewegung, deren Basis vorwiegend aus armen und
mittleren Bauern bestand. Es gibt Berichte, aus denen
eindeutig hervorgeht, wie sich die Machno-Truppen in der
ersten Zeit unerbittlich gegen die Kulaken gestellt
haben. Den Niedergang erlebte die Machnowiade viel mehr
im Kampf gegen Rot und Weiß, mit dem unvermeidlichen Hin
und Her des Krieges, indem sich schließlich ihre
Unfähigkeit zeigte, den Weißen und den Kulaken zu
widerstehen.
-
- Der 'eigene' Weg, den auch der ukrainische Klein- und
Mittelbauer einschlagen wollte,. nahm notwendigerweise
militärische Formen an. Mit der Machno- Bewegung, die
sich sowohl gegen Weiße als auch gegen Rote wandte,
wuchs eine Militärkaste heran, die gerade durch die
Abwesenheit der Sowjetmacht phasenweise große Gebiete
der Ukraine beherrschte. In den "freien
Kommunen", die sie kurzfristig Anfang bis Mitte 1919
in der Südukraine zu schaffen vermochten (was ein
positiver Aspekt ihrer Tätigkeit war) organisierten sich
in erster Linie verarmte Bauern. Des weiteren
propagierten sie ihre "parteilosen Sowjets",
die als wichtigste Konsequenz Sowjets ohne Bolschewiki
waren. Letztere wurden spätestens ab dem April 1919 von
den Machnoleuten brutal verfolgt.
-
- In all dem ist das kleinbäuerliche Element enthalten,
das die russischen Anarchisten von der Oktoberrevolution
bis Kronstadt vertraten. Von den Städten unabhängig zu
sein und über die Produkte selbst zu bestimmen. In den
"Allgemeinen Thesen der revolutionären
(Machnowistischen) Aufständischen" sind demnach
auch alle dahingehenden Forderungen enthalten.
-
- Die Machno- Truppen waren auch zur Zeit der Abwesenheit
einer anderen Macht in der Ukraine nicht in der Lage, das
gesamte Gebiet zu kontrollieren. Einer ihrer liebsten
ideologischen Punkte machte zwar aus dieser Not keine
Tugend, deckte sich aber mit einem Wesenszug des
Anarchismus: Sich in die Angelegenheiten der Bevölkerung
nicht einzumischen, sie nur zu beraten und lediglich die
"freien Sowjets" zu propagieren. Mit diesem
'liberalen' Anspruch kamen sie dann später selber in
einen starken Widerspruch - doch dazu weiter unten noch
ausführlicher. Eine Folge davon war, daß sich in der
Ukraine sozusagen um Machno herum das kulakische Element
breit machen konnte, das ungeheuer selbstsicher - und
bewaffnet - auftrat. Es drang in die parteilosen Sowjets
ein und begann, sie zu dominieren. Anarchistische Ideen
alleine vermögen eben nicht die Klassengegensätze
auszuschalten, die durch wirtschaftliche Ungleichheit
Abhängigkeitsverhältnisse und politische Unterdrückung
schaffen.
-
- Mit dem militärischen Niedergang der Machnowiade gegen
1920 mußte der Kulak noch mehr an Bedeutung gewinnen. Er
war ein mächtiger Opponent gegen die Sowjetmacht, und
hier trafen sich die Ideologien. Erst recht in einer
Lage, in der Not und Hunger regieren, schlägt die
Bestechung und Korruption, wird sie nicht auf das
schärfste unterbunden, besonders stark durch. Und wer
sollte eine Militärkaste kontrollieren. die sich immer
selbständiger machte und sich von der Basis abhob.
Krassester Ausdruck dieser 'Entartung' war, daß von dem
ursprünglichen Ideal eines gewaltlosen Gemeinwesens, wie
es die Anarchisten in der Südukraine errichten wollten.
schließlich nicht viel übrig geblieben ist. Selbst
Volin muß in seiner "Unbekannten Revolution"
eingestehen. daß die "freie Arbeitskommune"
und der "freie Sowjet" im Bürgerkrieg mehr und
mehr durch autoritäre Machtstrukturen ersetzt wurden. "Im
Sommer 1920 unter den besonders unsicheren und
mühseligen Bedingungen, in denen sich die Armee zu
diesem Zeitpunkt befand, wurde so eine Institution (der
"freien Sowjets" -e.p.) zu hinderlich(!) und
unfähig(!) , nutzbringend zu funktionieren. Sie
wurde durch einen reduzierten(!) Rat ersetzt."(Volin,
Die Unbekannte Revolution III) Was in diesem Chaos des
Bürgerkrieges ihre 'Freiheit' ohne zentralisierte
Kontrolle und Anleitung einer konsequenten,
revolutionären Führung bedeutet, konnte man bald
erfahren. Hinter die Oberflächlichkeit solcher
"reduzierter Räte" blickend, erfuhren die
Arbeiter und Bauern das abscheuliche Antlitz des
Bürgerkrieges in der spezifischen Form der Machnowiade.
Sie baute schließlich starre, hierarchische
Unterdrückungsstrukturen auf, ernannte in den von ihr
besetzten Gebieten selbstherrliche Kommandanten, deren
Clique sich immer mehr verselbständigte. Der
Bevollmächtigte des bolschewistischen Revolutionsrates
an der Südfront, W. Iwanow. erzählte über die
Machnowiade, anläßlich seines Besuches im Hauptquartier
Machnos im September 1920, daß keine Wählbarkeit der
Kommmandateure besteht, "...alle Kommandeure, bis
zu den Rittmeistern werden von Machno und dem
anarchistischen Kriegsrat ernannt. Der
Revolutionskriegsrat ist zu einer unablösbaren, durch
niemand zu kontrollierenden und von niemandem zu
wählenden Konstitution geworden. Bei diesem
Revolutionskriegsrat besteht eine 'besondere Abteilung',
die mit den, den Gehorsam Verweigernden geheim und
schonungslos ins Gericht geht." Volin selber
zitiert einen Bauern, der auf einem anarchistischen
Kongreß davon berichtet, "daß es in der Armee
einen Spionageabwehrdienst gibt, der sich willkürliche
und unkontrollierbare(!) Handlungen erlaubt - einige
davon sehr schwerwiegend - ein bißchen in der Art der
bolschewistischen Tscheka(!): Untersuchungen,
Verhaftungen, sogar Folterungen und Hinrichtungen."
(Volin, Die unbekannte Revolution III)
-
- Die lose Organisiertheit der Machnotruppen zeitigte unter
den elenden Bedingungen und in dem spezifischen
bäuerlichen Milieu alle Begleiterscheinungen des
Bandenunwesens und Machnos Frau, Fedora Gaenkot schrieb
in ihrem Tagebuch nicht 'bloß' über die Greuel. die
"unsere Jungen" gegen Bolschewiki und
"Requisitionsagenten" begingen, sondern auch
über das Verhalten der Truppen überhaupt: "Als
er (Machno -e.p.) nach Gulai-Pole (eine Ortschaft in der
Südukraine e.p.) kam, gab er in seiner völligen
Betrunkenheit den Kavalleristen den Befehl, mit Peitschen
und Karabinerkolben alle von ihnen auf der Straße
angetroffenen früheren Partisanen zu prügeln. Wie eine
wild gewordene Horde stürzten sie sich mit den Pferden
auf die unschuldigen Leute und schlugen sie... Zweien
wurde der Kopf zertrümmert, einen trieb man in den Fluß
...Die Leute wurden von Entsetzen gepackt und liefen
auseinander."
-
- Volin füllt ohnehin ganze Seiten seines Buches mit den "tatsächlichen
Schwächen Machnos" und der Bewegung. Das
unvermeidliche Ergebnis dieser Abweichungen und
Verirrungen (!) bestand in der Herausbildung eines
'Soldatenbewußtseins', das zu einer Entstehung einer Art
'militärischen Clique' - oder auch eines
Kameradschaftskreises (?) um Machno herum führte. Diese
Clique gestattete sich, manchmal(?) Entscheidungen zu
fällen oder Handlungen zu begehen, ohne sich vorher um
die Auffassung des Sowjets oder einer anderen Institution
zu kümmern ." Volin, Die unbekannte Revolution III)
-
- In dieser Zeit schwindet die Verankerung der
Machno-Bewegung in der Bevölkerung. Im Bürgerkrieg
spielte die Machno-Armee sehr oft eine unzuverlässige
Rolle. Selbst nach ihren großen militärischen Erfolgen
gegen Denikin im September 1919 vermochte sie nicht,
über die Grenzen der Südukraine weit hinauszukommen. Im
Partisanenkrieg gegen den weißen General fügte sie
dessen Truppen immer wieder empfindliche Schläge zu,
greift an und weicht geschickt wieder zurück. Diese
Phase dauert bis zur Verstärkung der Weißgardisten in
der Ukraine durch die rückflutenden Soldaten Denikins
von der Kriegsfront gegen die Sowjettruppen. Als Machno
gegen eine reguläre Armee zu kämpfen hat (Denikin
setzte Ende September in der Ukraine Panzerwagen ein),
muß er sich zurückziehen (siehe Volin, Die unbekannte
Revolution III/ S87). Jakowlew analysiert richtig
den Machnoverband, "der den Feind wohl
verwundet, ihn jedoch nicht vernichtet, der Städte und
Dörfer zu besetzen versteht, sie jedoch nicht halten
kann.. ." (J.Jakowlew, Machnowiade und
Anarchismus) Keine Frage, daß die Erfolge Machnos zu
einem großen Teil durch die Entlastungen durch die Rote
Armee im Norden zustande gekommen waren. Die
seinerzeitige Kräfteverteilung und die Landkarte des
Kampfgebietes lassen gar keinen anderen Schluß zu.
-
- KRIEG MIT POLEN
-
- Die Unzuverlässigkeit demonstriert Machno am
eklatantesten vor und während des Sowjetisch-Polnischen
Krieges. Kurz nach einem weiteren militärischen Abkommen
zwischen der Roten Armee und Machno gegen den weißen
General Wrangel (der nordöstlich von der Krim aus
vorstieß), drohte Anfang 1920 ein polnischer Angriff.
Das rotarmistische Oberkommando der 14. Armee wollte sich
systematisch dagegen wappnen und die Truppenteile
geordnet aufbauen. An die Machno-Führung ergeht
daraufhin der Befehl, in Richtung Tschernigow (in
Richtung der polnischen Grenze) zu marschieren. Wieder
weigert sie sich und besteht auf dem Recht auf Bewahrung
der Selbständigkeit" ihrer Armee. Ihre
Abteilungen ziehen sich in die Südukraine und das
Don-Gebiet zurück und beginnen ihre "anarchistische
Republik auf Rädern" (Arschinoff) durchzuführen.
Die Truppe marschiert von einem Dorf zum anderen, um ihre
Ideen zu verwirklichen, wie Volin schrieb. Zur gleichen
Zeit bedroht Wrangel das Donezbecken. Der Krieg gegen
Polen tobt. Die Lage wird für die Sowjetmacht äußerst
bedrohlich. Wieder einmal stellt sich im Bürgerkrieg die
Alternative zwischen Revolution und Konterrevolution: Wer
nicht für die Sowjetmacht ist, ist gegen sie!. Dennoch
entbehrt der damalige Vorwurf der Bolschewiki, Machno
würde Hand in Hand mit Wrangel agieren ("Wrangel
sorgt in großzügiger Weise für die Popularisierung
Machnos und macht ihn zu seinem Mitarbeiter und
Gehilfen." -Jakowlew) einer realistischen
Grundlage. Diese direkte Zusammenarbeit hat es
wahrscheinlich nie gegeben. Trotzki bestätigt dies im
Oktober 1920 ("Machno und Wrangel"), "daß
die Beschuldigung, Machno hätte mit den Weißen Garden
zusammengearbeitet, falsch wäre...'! (I.Deutscher,
Trotzki I)
-
- Nach der Niederlage Wrangels rieb die rote Kavallerie
Budjonnys die Machno-Abteilungen völlig auf.
-
- DAS ENDE DES
BÜRGERKRIEGES UND DAS JAHR 1921
-
- Die wirtschaftliche Lage hatte sich 1920 keineswegs
verbessert. Im Gegenteil: 1920 wurden Zentralrußland und
das Wolgagebiet von einer schweren Mißernte heimgesucht.
Die Futtermittel gingen aus, und es kam zu einem
Massensterben des bäuerlichen Viehbestandes. Die
Belastungen der Bauernschaft wuchsen noch stärker an.
Dennoch kam es nicht zum offenen Durchbruchder sozialen
Krise zwischen der Sowjetmacht und der Bauernschaft. Die
bäuerliche Feindlichkeit wurde insofern eingedämmt, als
sie die bitteren Erfahrungen mit der Konterrevolution der
Großgrundbesitzer gemacht hatten. Denikins, Koltschaks
und Judenitsch's Vormärsche waren durchwegs von einer
Restaurierung der alten Strukturen begleitet, wo trotz
aller Aversion des Kleinbürgertums gegen die
Bolschewiki, die Rote Armee oft der einzige fähige
Widerpart gegen die Weißen war. Große Teile der
Bauernschaft wurden so notgedrungen auf die Seite der
Sowjets gedrängt. Diese soziale Verschiebung
beschleunigte die Niederlagen der Weißgardisten. Ende
Oktober 1920 begann ihr Rückzug, sowohl im Norden
(Judenitsch) als auch an der Südfront (Denikin). Ende
1920 waren die großen Schlachten des Bürgerkrieges
geschlagen.
-
- Damit fiel allerdings das eindämmende Moment für die
Bauernschaft weg, und die soziale Krise trat voll hervor.
Neben dem Kriegsbeginn gegen Polen entwickelte sich dies
als das wichtigste Hemmnis für die 'Liberalisierung' im
Inneren, auf die ich später noch zu sprechen kommen
werde. Die widrigen Umstände erlaubten auch jetzt keine
längere 'Atempause'. Bäuerliche Rebellionen
erschütterten ganze Gouvernements (z.B. in Tambow,
südlich von Moskau, wo unter Führung der
Sozialrevolutionäre die 'Roten' hingemordet wurden; in
Woronesh und Saratow usw.). In Sibirien ging die Macht
zeitweise völlig verloren. "Im Frühjahr 1921
verstärkte sich die Aufruhrbewegung, und in Sibirien
organisierten die Aufständischen beispielsweise
bedeutende Kräfte und unterbanden für die Dauer zweier
Wochen den Verkehr dieses Randgebietes mit dem
Zentrum." (E. Preobrashenski, Ein neuer
Zeitabschnitt)
-
- In Moskau und Petrograd kam es im Februar zu
Arbeiterunruhen, die von Truppen unterdrückt werden
mußten. "Die Menschewiki und
Sozialrevolutionäre verteilten Flugblätter, in denen
die freie Wahl der Sowjetfunktionäre statt Ernennung
durch die Partei gefordert wurden. Über Petrograd wurde
am 24. Februar der Belagerungszustand verhängt."(Oberländer,
Arbeiterdemokratie oder Parteidiktatur)
-
- An diese Krise des Frühjahres 1921 schloß sich mit
lokalen Besonderheiten der Kronstädter Aufstand an.
-
- DER KRONSTADTER
AUFSTAND
-
- Die Kronstädter Rebellion nahm ihren Ausgang bei den
Sympathiekundgebungen der Matrosen der Kriegsschiffe
'Petropawlowskund 'Sewastopol mit der
Petersburger Streikbewegung. Der Unmut breitete sich
über die gesamte Baltische Flotte aus und erreichte
schließlich Kronstadt.
-
- Hier nahm die allgemeine Krise des Landes die Formen der
lokalen Besonderheiten an, die dem Aufstand das Gepräge
gaben. Die Matrosen hatten in der Oktoberrevolution, und
schon vorher, zur Avantgarde gezählt und waren durch
einen sehr hohen Prozentsatz an hochqualifizierten
Industriearbeitern gekennzeichnet gewesen. Im
Bürgerkrieg verlor die Kronstädter Besatzung ihre alte
Zusammensetzung an die Rote Armee und die
Sowjetinstitutionen. Ida Mett und vor allem die
Anarchisten verneinen diesen Wandel, der als erstes von
Trotzki erwähnt wurde (siehe seinen Artikel über
Kronstadt). Ida Mett meint jedoch im Gegensatz zu ihren
früheren Ausführungen, daß es solche Abwanderungen
nicht nur in Kronstadt gegeben hatte und Volin beschreibt
auf seine Art, daß sich die Bewohnerschaft Kronstadts
1921 gegenüber früher verändert hatte. Die
bolschewistische Regierung hätte Kronstadt "heimtückisch"
geschwächt. Mit einer Reihe getarnter Maßnahmen
beraubte sie Kronstadt seiner besten(!) Kräfte, zog
seine kämpferischsten(!) Elemente ab, um es zu
zerbröckeln und schließlich auszulöschen."
(Volin, Die unbekannte Revolution II) Es wäre
unverständlich, wenn sich Volin bloß auf militante
Eigenschaften der Matrosen der Baltischen Flotte beziehen
würde, ohne den sozialen Wandel zu registrieren. Die
"besten" und "kämpferischsten" waren
1921 weg, wer blieb da nach Volin wohl übrig?
-
- Rekrutiert wurde die neue Mannschaft nach 1920 vorwiegend
aus dem bäuerlichen ukrainischen Milieu. In der Ukraine
brodelte es in dieser Zeit, und die Matrosen, die vom
Heimaturlaub zurückkehrten, brachten die Unruhe nach
Kronstadt. Andererseits wurden die abgezogenen
qualifizierten Arbeiter Kronstadts zu einem guten Teil
von bürgerlichen Elementen ersetzt. Es waren
studentische Schichten, die wegen des Krieges und der
Revolution ihr Studium abbrechen mußten. Der
zurückgebliebene Teil der alten Besatzung war ebenfalls
unzufrieden. Die bolschewistische Opposition in der
Baltischen Flotte stellte schon 1920 fest, daß die
"politischen Abteilungen (ernannte Einrichtungen der
KPR, die die gewählten Parteikomitees ersetzt hatten
-e.p.) ...nicht nur den Kontakt zu den Massen verloren
(haben), sondern auch (...) ein bürokratisches Organ
ohne weitreichende Autorität geworden (sind)". (Oberländer,
Arbeiterdemokratie oder Parteidiktatur)
-
- Die Erregung der kommunistischen Arbeiter und Matrosen
nahm im Verlaufe der Ereignisse noch um ein
Beträchtliches zu. Berkman berichtete: "Selbst
einige Kommunisten sind empört über den Ton, den die
Regierung anschlägt ." (Berkman, Die
Kronstadt-Rebellion) Später traten hunderte Bolschewiki
zu den Aufständischen über, "deren Gewissen es
ihnen unmöglich machte, in der Partei des
Henkers Trotzki zu bleiben" .(ebenda)
-
- In dieser Situation schwächte sich der bolschewistische
Einfluss wie sich jener der Anarchisten und linken
Sozialrevolutionäre auf die Bewegung stärkte. Ihre
politische Ausrichtung entsprach am ehesten den
subjektiven Interessen der verschiedenen sozialen
Schichten in Kronstadt. Petrischenko etwa, der
Vorsitzende des Kronstädter Komitees, war ein
ukrainischer Bauernsohn und Anarchist. Drei weitere
Mitglieder kamen ebenfalls aus der Ukraine. Im
Kronstädter Komitee saßen sonst noch Intellektuelle und
Arbeiter.
-
- Auf der 'Petropawlewsk wurde dann am 28. Februar
ein Dokument von der Mehrheit der Matrosen angenommen, in
dem neben einer Reihe demokratischer Forderungen (Rede-
und Pressefreiheit usw.) hauptsächlich Neuwahlen zu den
Sowjets, "volle Aktionsfreiheit in bezug auf ihr (der
Bauern -e.p.) Land" und gleiche
Lebensmittelrationen verlangt wurden. Die freie Wahl zu
den Sowjets verwandelte sich bald im Zuge der
Verschlechterung des Verhältnisses zu den Bolschewiki
zur Forderung nach Sowjets ohne Kommunisten. Eine freie
Wahl zu dieser Zeit hätte auch unzweifelhaft eine
Abstimmungsniederlage der Bolschewiki bedeutet. Am 1.
März legten die Petropawlewsker ihr Dokument einer
Vollversammlung auf dem Jakornyplatz in Kronstadt vor, an
der auch der Vorsitzende des Kronstädter Sowjets, der
Kommunist Wassiljew und der Präsident der
Sowjetrepublik, Kalinin, teilnahmen. Kalinins Auftreten
wird von Victor Serge als "ungeschickt",
von Issac Deutscher als "robust"
beschrieben, beim Anarchisten Berkman protestierte
Kalinin gegen das Dokument, und Robert V. Daniels bezieht
sich auf die 'Prawda' vom 6. März 1921, nach der Kalinin
gesagt haben soll, daß die Resolution der
Petropawlewsker mit gewissen Korrekturen mehr
oder weniger akzeptabel" gewesen sei. Wie auch
immer, die Situation spitzte sich zu, als Gerüchte
ausgestreut wurden, daß die Bolschewiki aus Petrograd
anrückten, daraufhin die bolschewistischen Funktionäre
(Kalinin war inzwischen nach Petrograd zurückgekehrt)
Kusmin und Wassiljew in Kronstadt und eine Kronstädter
Delegation in Petrograd von den Bolschewiki verhaftet
wurden.
-
- In den nun folgenden Tagen fällt unter anderem die
Politik der Bolschewiki auf, die eine ungemein
demagogische Propagandakampagne gegen die Kronstädter
Bewegung entfalteten. Die Kronstädter Rebellion wird als
Akt der weißen Konterrevolution verstanden. Am 2. März
steht in der Erklärung der Bolschewiki, daß die
Matrosen "Werkzeuge früherer zaristischer
Generale" seien, "die zugleich mit den
Verrätern aus den Reihen der Sozialrevolutionäre eine
gegenrevolutionäre Verschwörung gegen die Proletarische
Republik inszenierten." Die Entente und
französische Spione hätten die Hände im Spiel. "Am
28. Februar nahmen die Männer vom der
Petropawlewsk Resolutionen an, die den Geist
der Schwarzen Hundert(!) atmeten. Dann erschien die
Gruppe des früheren Generals Koslowski auf der Szene.
Dieser und drei seiner Offiziere, deren Namen noch nicht
festgestellt wurden, übernahmen offen (!) die Rolle
einer Rebellion. So ist die Bedeutung kürzlicher
Ereignisse klar geworden. Hinter den
Sozialrevolutionären steht wieder ein zaristischer
General." (Oberländer, Arbeiterdemokratie oder
Parteidiktatur)
-
- Die Argumentation Radeks ist subtiler. Die Kronstädter
Matrosen fühlten sich als Revolutionäre" und
dachten gar nicht daran, "dem weißen General,
den Großgrundbesitzern und Kapitalisten zur Herrschaft
zu verhelfen" (Radek, Kronstadt, Russische
Korrespondenz 3). Dennoch, so Radek, hätten sich die
Konterrevolutionäre eingeschlichen, "geheime(!)
Organisationen der rechten und linken
Sozialrevolutionäre, der Anarchisten, vereinzelter
Menschewiki und ganz im Hintergrunde - von den Matrosen
nicht gesehen(?) - die offene konterrevolutionäre,
monarchistische Verschwörung des Kommandanten der
Artillerie Koslowski." (ebd.). Wohlgemerkt,
Radek schreibt hier nicht von einer potentiellen weißen
Gefahr "im Hintergrund", sondern von Koslowski,
einem Offizier der Artillerie, der als Spezialist von den
Bolschewiki nach Kronstadt geschickt worden war und aller
Wahrscheinlichkeit keine politische Rolle in den
Ereignissen gespielt hat. Auffällig bei Radeks
Argumentation auch der Widerspruch zwischen den
revolutionär gesinnten Matrosen und ihrer Naivität, den
weißen General unmittelbar vor sich nicht zu erkennen.
-
- Bei Lenin ist die Trennung der subjektiven Rolle der
Anarchisten und linken Sozialrevolutionäre als Führer
der Kronstädter Bewegung und der weißen Gefahr
deutlicher herausgearbeitet, obwohl auch er von der
direkten "großen Rolle" ausgeht, die
die "weißen Generale" in Kronstadt
gespielt hätten (Lenins Rede auf dem X. Parteitag der
KPR). Wichtigster Beweis für ihn, daß zwei Wochen vor
dem Aufstand bürgerliche Zeitungen in Paris bereits von
einer Rebellion berichteten. Zu bedenken dabei ist
allerdings, daß die bürgerliche Presse damals immer
wieder bewusst falsche und übertriebene 'Informationen'
über die russische Situation brachte. So etwa auch die
'Neue Zürcher Zeitung' am 16. Februar 1921, die die
tatsächlichen Spannungen in Kronstadt Mitte Februar zum
Anlaß nahm, von "ernsten Unruhen" zu
berichten.
-
- Lenin benennt neben dem General "irgendein
unbestimmtes Konglomerat oder einen Bund buntscheckiger
Elemente, scheinbar nur ein klein wenig 'rechter' als die
Bolschewiki, ja sogar auch 'linker' als die Bolschewiki
..." als jene, die in Kronstadt zur Macht
griffen. "So klein oder geringfügig zunächst -
wie soll ich mich ausdrücken - die Machtverschiebung,
die die Kronstädter Matrosen und Arbeiter vorschlugen,
gewesen wäre - sie wollten die Bolschewiki in bezug auf
die Freiheit des Handels korrigieren, also scheinbar
keine große Verschiebung, scheinbar dieselben Losungen:
'Sowjemacht', mit einer kleinen Änderung oder nur einer
Korrektur, in Wirklichkeit aber dienten hier die
parteilosen Elemente nur als Trittbrett, als Stufe, als
Brücke, über die die Weißgardisten kamen."
(W.I.Lenin, Parteitag der KPR(B))
-
- Die Bolschewiki wirken in ihrem Vorwurf der direkten
Kooperation der Anarchisten mit den Weißen - mit den
oben angeführten Schattierungen - ziemlich
unglaubwürdig. Das anarchistische, kleinbäuerliche,
syndikalistische Element, das in Kronstadt dominierend
war, war nach dem Bürgerkrieg ungeheuer sensibel gegen
die offene Konterrevolution eingestellt. Aus ihren Reihen
kamen die verbissensten Gegner der bürgerlichen
Spezialisten in Armee und Industrie. Ihr Verhalten zu den
rechten Sozialrevolutionären war ambivalent, im
wesentlichen jedoch ablehnend. V. Tschernows Angebot,
Kronstadt Hilfe zu gewähren, wurde von ihnen unmittelbar
abgelehnt, das Komitee hielt sich "für jetzt
zurück, das heißt, bis die weitere Entwicklung sich
klarer abzeichnet." Distanziert standen sie vor
allem der sozialrevolutionären Forderung nach der
Konstituierenden Versammlung gegenüber - eine
Ausrichtung, die unter den Aufständischen keinerlei
Begeisterung hervorzurufen imstande war.
-
- Dennoch zeichnete sich in der einigermaßen zweideutigen
Absage an die rechten Sozialrevolutionäre für die
Bolschewiki eine potentielle Gefahr ab, der sie schon in
Samara 1918 gegenübergestanden waren, als die
Sozialrevolutionäre Koltschak den Weg geebnet hatten.
Die Bolschewiki werden in erster Linie dem subjektiven
Charakter der Aufständischen nicht gerecht. Solange die
kleinbürgerliche Bewegung in ihrem Bereich stark genug
ist, dem konterrevolutionären Einfluß zu widerstehen,
dem Druck der 'linken' Basis ausgesetzt ist, und solange
eben die Konterrevolution durch die Präsenz der
Sowjetmacht im übrigen Land eingedämmt wird, ist sie
niemals direkt gemeinsam mit den Weißen gegangen. Hinter
der Rebellion in Kronstadt stand keinerlei Angriffsplan,
und schon gar nicht einer der Weißen. Die
Aufständischen hätten in den ersten Tagen ohne weiteres
die Möglichkeit gehabt, von Kronstadt aus, andere Forts
an der Küste, z.B. Oranienburg, zu besetzen. Das haben
sie nicht getan. Wenn die bolschewistische Presse von
einem geplanten Luftangriff der Kronstädter auf
Petrograd warnte, so entsprach dies einfach nicht der
realen Lage der Dinge. Eine solche Unmittelbarkeit
zwischen Anarchismus und Konterrevolution gab es von
vornherein nicht.
-
- Eine strikte Unterscheidung zwischen der subjektiven
Rolle des "kleinbürgerlich anarchistischen
Elements" und der offenen Konterrevolution, bzw.
offen bürgerlichen Kräften, scheint angesichts der
späteren stalinistischen Politik mehr als angebracht zu
sein. In Rußland nach 1917 ergab sich die oftmalige
Nähe zwischen beiden Lagern aus der angespannten Lage
des Bürgerkrieges und der sozialen Krise, d.h. mehr aus
der objektiven Situation als aus einer offenen
Kooperation mit den Weißen. Grundsätzlich bestehen auch
in der Russischen Revolution zwischen beiden Seiten
Unterschiede, die für die Bolschewiki in bestimmten
Phasen der Ereignisse Konsequenzen getragen haben. Mit
Machno arbeiteten sie phasenweise zusammen und eine
längere 'Atempause' hätte ihnen die Gelegenheit
gegeben, die Anarchisten in der Ukraine gewähren zu
lassen. Dies entsprach auch der taktischen
Herangehensweise der Kommunisten an die arme und mittlere
Bauernschaft. Ansätze dazu hatte es ja gegeben. Der
Bürgerkrieg machte sie wieder zunichte. Zuerst wollten
die Bolschewiki mit Kronstadt verhandeln. Die objektive
Situation ließ ein tolerantes Verhalten letztlich aber
nicht zu.
-
- Der wesentliche Unterschied zur stalinistischen Politik
besteht aber auf einer qualitativ anderen politischen
Ebene. Wenn der Stalinismus andere Organisationen der
Arbeiterklasse als konterrevolutionär
verdammt, so unterscheidet er sich zum ersten in seiner
politischen Grundlage von der bolschewistischen
Repression Anfang der Zwanzigerjahre. Siehe als
eindrucksvollstes Beispiel die Politik der KP-Spaniens im
Bürgerkrieg, als sie das erste Mal derart offen im Mai
1937 dazu überging, die Anarchisten und die POUM als
"bezahlte Agenten Francos" zu liquidieren.
Folgenden Unterschied haben die Anarchisten ebenfalls
nicht begriffen.
-
- Dem Stalinismus war es vorenthalten, die Repression gegen
die Arbeiterklasse und damit zusammenhängend gegen
Anarchisten, Trotzkisten usw., im Namen der bürgerlichen
Klasse und des Imperialismus zu theoretisieren und zu
betreiben. Revolutionäre Arbeiter wurden und werden
unterdrückt, da sie das Bündnis der Stalinisten mit der
Bourgeoisie (in- und außerhalb der Regierung,
Volksfront) gefährden. Theoretischer Ausdruck davon ist
die stalinistische Etappentheorie, nach der sich die
Arbeiter in der "demokratischen Etappe"
gefälligst an die demokratischen Aufgaben (und an noch
weniger) zu halten hätten und das kapitalistische
Eigentum und die kapitalistische Macht unangetastet
lassen müßten. Eine solche Theorie und Herangehensweise
an den Klassengegner hat es zu Lebzeiten Lenins nicht
gegeben! Der zweite Unterschied ist die
Grundsätzlichkeit, mit der der Stalinismus am
Einparteiensystem und der Unterdrückung oppositioneller
Organisationen der Arbeiterklasse festhält. Die
Russische Revolution besaß keinen großen 'Spielraum',
dennoch standen die Bolschewiki unmittelbar nach 1917 und
in der kurzen Phase nach dem Bürgerkrieg den sich der
Oktoberrevolution gegenüber loyal verhaltenden Gruppen
und Parteien - und anfangs sogar den
revolutionsfeindlichen Kräften - tolerant gegenüber.
Die Repression gegen Organisationen der Arbeiterklasse
wurde von der KPR stets als vorübergehende Maßnahme
begriffen, so notwendig und brutal sie auch im Augenblick
gehandhabt worden war. Mit steigender Stabilisierung des
Sowjetsystems wollten sie diesen 'Ausnahmezustand' wieder
aufheben. Dieses Bewußtsein ging der Partei erst mit dem
Sieg der stalinistischen Fraktion verloren!
-
- Die Kronstädter Forderung nach der
"Aktionsfreiheit" der Bauern bedeutete im Kern
das Verlangen nach Freigabe des Kleinhandels. Das war
auch die bedeutendste wirtschaftliche Neuorientierung auf
dem X. Parteitag der KPR, der zur Zeit der Kronstädter
Revolte tagte. Er hob wichtige Beschränkungen des
Privathandels auf und stoppte die Requisitionen bei den
Bauern. Das hat Bürgerliche und Anarchisten des öfteren
zur Ansicht geführt, Lenin habe Kronstadt im Namen des
Kriegskommunismus unterdrücken lassen, um kurz darauf
mit der NEP die Politik der Aufständischen einzuführen.
Eines vergessen die Kritiker: Kronstadt forderte zudem
die Absetzung der Bolschewiki. Handelsfreiheit in den
Händen der zu kleinen Gruppierungen geschrumpften
Anarchisten und linken Sozialrevolutionäre mußte
letztlich in der extremen Krisensituation von 1921
Handelsfreiheit vor allem für die Kulaken und die
erneute Ausplünderung der Städte bedeuten. Noch
wichtiger: Anarchisten und linke Sozialrevolutionäre
hatten auch 1921 kein Programm für die gewaltigen
Probleme im ganzen Land. Das Wenige, das sie sagten,
drehte' sich noch immer um die selbstgenügsamen
Fabrikkomitees und die "Freiheit" der Bauern. "Kein
klares Programm wurde formuliert. Freiheit und
Völkerverbrüderung waren die Parolen." (Berkman,
Die Rebellion in Kronstadt) Damit vermochte man keine
Großindustrie auf die Beine zu stellen, was sollte dann
mit den Arbeitern geschehen, wenn die Bauern kein
Getreide mehr geben mußten, wie den Hunger bekämpfen?
Und in der Hauptsache: Nach dem Sturz der Bolschewiki
hätten keinesfalls die 'Linken' die Macht gehalten. An
ihre Stelle wären die Kulaken und Weißen getreten, die
über bedeutend klarere Ziele und .konsequentere
Organisationen verfügten als die Anarchisten. Die
Sowjets ohne Kommunisten werden die wankelmütigen,
zerstreuten und ermüdeten Arbeitermassen darstellen und
sie werden genötigt sein, alle bürgerlichen Kräfte,
die von der Kommunistischen Sowjetregierung verwendet,
sich unter ihrer strengen Kontrolle befanden,
unkontrolliert arbeiten zu lassen. Die
konterrevolutionäre Emigration wird zurückkehren
können, sie wird alle Institutionen dieser parteilosen
Sowjets mit ihren Leuten ausfüllen und faktisch die
Macht ergreifen. "
- (K. Radek, Kronstadt)
-
- Die Bolschewiki hatten diese Erfahrung in den
Bürgerkriegsjahren bereits öfters gemacht. Das war auch
sicher ein Grund für ihre feste Überzeugung von der
Existenz der Weißen in Kronstadt. Der 'liberale' Flügel
der Konterrevolution um Miljukow hatte gelernt, und sich
die Losung der Sowjets - aber ohne Bolschewiki - zu eigen
gemacht. Die weißen Zeitungen unterstützten die
Kronstädter. Der Berliner 'Ruf', das Organ der rechten
Kadetten, schrieb: Der Kronstädter Aufstand ist
heilig, weil er der Aufstand gegen die Ideen der
Oktoberrevolution ist." Die
Imperialistenvertreter Rokowzew und Gutschkow u.a.
organisierten Getreide für Kronstadt. Weiße Emigranten,
Menschewiki und rechte Sozialrevolutionäre trafen in
Finnland ein. In Kronstadt selbst boten Offiziere und
rechte Sozialrevolutionäre ihre Hilfe an. Das Risiko
wurde für die Bolschewiki schließlich zu groß. In der
Krisensituation von 1921 konnte sich der Aufstand sehr
schnell ausbreiten. Wenn Kronstadt nicht vor der
Eisschmelze fiel, war die Insel militärisch so gut wie
uneinnehmbar. Die Zeit drängte. Am 5. März erging der
Befehl an Kronstadt, von Trotzki unterzeichnet: Die
Arbeiter- und Bauernregierung hat verfügt, daß
Kronstadt und die Rebellenschiffe sich sofort der
Autorität der Sowjetrepublik unterwerfen müssen. Ich
erlasse gleichzeitig Befehle, die Bezwingung der Meuterei
und die Überwältigung der Meuterer durch Waffengewalt
vorzubereiten ...Diese Warnung ist endgültig."
Am 7. März feuerten die kommunistischen Angreifer die
ersten Schüsse gegen Kronstadt ab. Die Gefechte dauerten
bis zum 17. März an. Die Bolschewiki brachen in die
Stadt ein, und nach den Informationen Berkmans folgte nun
eine Racheorgie, "bei welcher die Tscheka
zahlreiche Opfer verlangte für ihre nächtliche
Massenerschießung."(Berkman, Die
Kronstadt-Rebellion)
-
- Zur Repression, die die Bolschewiki in Kronstadt
ausgeübt hatten - und sicher kann dies auch für den
ganzen Bürgerkrieg herangezogen werden - meinte Trotzki
später, daß er nicht wisse, ob unnötige Opfer gebracht
wurden. Er vertraue mehr Dshershinski (der die
Befehlsgewalt beim Sturm auf Kronstadt innegehabt hatte)
als "seinen verspäteten Kritikern." (L.
Trotzki, Writings, 1938/39) "Aber ich bin bereit
anzuerkennen, daß der Bürgerkrieg keine Schule des
Humanismus ist. Idealisten und Pazifisten klagen die
Revolution immer wegen ihrer 'Exzesse' an. Aber der
Hauptpunkt dabei ist, daß 'Exzesse' der innersten Natur
der Revolution entspringen, die ihrerseits nur ein
'Exzeß' der Geschichte ist. Wer auf dieser Grundlage
urteilt lehnt auch die Revolution im Gesamten ab. Ich
lehne sie nicht ab. In diesem Sinne trage ich völlig die
Verantwortung für die Niederwerfung des Kronstädter
Aufstandes." (ebd.)
-
- SOWJET- ODER
PARTEIDIKTATUR?
-
- Hier ist nicht der Platz, in aller Ausführlichkeit die
Degeneration der Sowjet- bzw. Parteidemokratie in der
Russischen Revolution während und nach dem Bürgerkrieg
zu behandeln. Trotzdem soll eine grobe Skizze dieser
Entwicklung gegeben werden, um die Fragen, die am Beginn
der Arbeit gestellt wurden, wenigstens im Ansatz
beantworten zu können. Die Problematik, die sich hier
unmittelbar stellt, gipfelt in der Frage der
Parteidiktatur und dem Zusammenhang mit dem
Sowjetthermidor , d.h. dem Sieg der Bürokratie über die
bolschewistische Partei.
-
- Die Sowjets entsprachen mit dem Beginn des Bürgerkrieges
kaum mehr jenem Zustand, den sie noch 1917 besessen
hatten, als sie direkter Ausdruck des revolutionären
Proletariats gewesen waren. Ihre Autonomie als
Machtorgane des Proletariats ging im Chaos ab 1918
verloren. Der grundsätzliche Funktionswandel bestand
darin, jetzt nicht mehr unterhöhlendes, zerstörendes
Organ gegen die bürgerliche Macht zu sein, als sie vor
der Oktoberrevolution die kapitalistische Produktions-
und Kriegsmaschine sabotierten, sondern zentrale
Institution, die proletarische Diktatur aufzubauen und zu
festigen. Dies mußte im Bürgerkrieg, angesichts des
totalen Zerfalls der Wirtschaft geschehen. Die Sowjets
hatten die Organisierung der Industrie und des Krieges
über, wo sie auf Widerstände trafen, die nicht bloß
aus den bourgeoisen Reihen kamen, wie versucht wurde, in
den vorherigen Kapiteln aufzuzeigen. Schnelle
Entscheidungen waren in Situationen vonnöten, die
keinerlei demokratische Debatte und noch weniger eine
organisierte, dem Oktober im wesentlichen feindlich
gegenüberstehende, Opposition erlaubten. Das russische
Proletariat war ausgehungert, ausgeblutet und
demoralisiert. Seine Avantgarde von 1917 existierte in
der Klasse kaum mehr, die Städte waren entvölkert, in
Moskau lebte nur mehr die Hälfte und in Petrograd nur
mehr ein Drittel der früheren Einwohnerschaft. Rußland
war ein Land mit einer übergroßen Bauernschaft, was die
Bedeutung des Proletariats noch mehr schwächte.
Kamenjews Bericht im Dezember 1919 spricht für sich: Wir
wissen, daß durch den Krieg die besten Arbeiter
massenweise aus den Städten abgezogen wurden, und
manchmal entsteht daher ein Zustand, daß es in dieser
oder jener Gouvernementsstadt oder Kreisstadt
schwerfällt, einen Sowjet überhaupt zu bilden und die
Grund1agen für seine regelmäßige Arbeit zu schaffen
... die Sowjet-Plenarversammlungen als politische
Organisationen siechen oft dahin, die Leute beschäftigen
sich oft mit rein technischen Arbeiten ...Die allgemeinen
Sowjetversammlungen finden selten statt, und wenn sich
die Deputierten zusammenfinden, dann nur, um einen
Bericht entgegenzunehmen, eine Rede anzuhören usw."
(Oberländer, Arbeiterdemokratie oder Parteidiktatur)
-
- Die Frage, inwieweit in dieser Lage die Demokratie - die
Arbeiterdemokratie(!) - ein Mittel der proletarischen
Diktatur sein konnte, beantwortete Radek so: "Als
Judenitsch, als Wrangel, als Denikin anrückten, war es
klar, daß die Arbeiter erkannt hatten, daß sie ihre
gesamte Kraft zusammenballen müssen, um den Sieg davon
zu tragen, denn ein Sieg der Weißen hätte bedeutet,
daß die Arbeitermasse in Ketten geschmiedet, daß
Hunderttausende von Arbeitern erschossen worden wären.
Und ich frage Euch (Radek richtete diese Fragen an
die 'Arbeiteropposition', der stärksten
innerparteilichen 'linken' Opposition -e.p.): Konnte
man, als Denikin vor Orel (Oryol -e.p.) stand, darüber
abstimmen lassen, ob man den Kampf gegen ihn fortsetzen
sollte? Seid ihr überzeugt, daß in dem Augenblick sich
keine Mehrheit eingeschüchterter Leute gefunden hätte,
die für die Kapitulation gestimmt haben würden?"
Und: "Oftmals jedoch, wenn Hunger, Kälte und
Gefahr die rückständigen Teile der Klasse zur
Verzweiflung bringen, müssen die vorgeschrittenen
Schichten wie eine eiserne Wand dastehen. Der Vortrupp
darf nicht erzittern und in Augenblicken der Gefahr
werden die Fragen nicht durch Abstimmung, nicht durch
Demokratie, sondern durch die eiserne Energie der
vorgeschrittensten Elemente entschieden." (K.
Radek, Die innere und äußere Lage Sowjetrußlands)
-
- Mit dem Ausschluß der Menschewiki und
Sozialrevolutionäre und schließlich der 'Linken'
blieben einzig die Bolschewiki in den Sowjets zurück.
Der Sowjetkongreß und das Zentralexekutivkomitee
verloren den größten Teil ihrer Machtbefugnisse an den
Rat der Volkskommissare, der sich schließlich personell
mit der Parteispitze der KPR deckte.
-
- Parallel zu dieser Konzentration der politischen Macht in
den Händen der Partei, setzte sich ab der Mitte 1918 die
Zentralisierung in der Sowjetwirtschaft durch. Hier
begannen die Debatten in der Partei, die sich 1920/21 in
der Gewerkschaftskontroverse noch einmal zusammenballten.
Eines sei hier angemerkt (ohne den Anspruch zu haben, das
Thema erschöpfend zu behandeln): Die 'Linken' in der
Partei (die 'Arbeiteropposition' und die 'Demokratischen
Zentralisten') bauten auf die "Schöpferkraft"
der Arbeiter, ohne die sie die Revolution für verloren
ansahen. Im Bürgerkrieg und der Zeit der
wirtschaftlichen Schwierigkeiten mußte allerdings eine
solche Einschätzung, so richtig sie auf weite Sicht auch
war, fatale Konsequenzen haben, wenn es das Proletariat "in
der Masse nicht verstehen wird, sich selbst zu
befreien... wird auch kein Kommissar etwas
ausrichten." (Ossinskij von den 'Demokratischen
Zentralisten - 'DZ') Ganz im Gegensatz dazu versuchte die
Mehrheit der Partei, alle Methoden und Kräfte mit all
den dabei entstehenden Risiken einzusetzen, um die
Diktatur überleben zu lassen. 1918 bis 1921 stand dieses
Aushalten im engsten Zusammenhang mit der Hoffnung der
Bolschewiki, daß die siegreiche europäische Revolution
der Sowjetmacht zu Hilfe eilen werde und so die
Bedingungen für den sozialistischen Aufbau
grundsätzlich verbessern würde. Die Macht in
der UdSSR befindet sich bereits in den Händen der
Arbeiterklasse. Im Verlauf eines dreijährigen heroischen
Kampfes gegen das internationale Kapital hat sie die
Angriffe abgewehrt und die Sowjetmacht gefestigt. Obwohl
Rußland über ungeheure natürliche Reichtümer
verfügt, bleibt es trotzdem in bezug auf die Industrie
ein rückständiges Land, in welchem die
kleinbürgerliche Bevölkerung überwiegt. Es kann nur
mit Hilfe einer internationalen proletarischen
Revolution, in deren Entwicklungsperiode wir jetzt
eingetreten sind, zum Sozialismus gelangen."
(aus dem Programm der Kommunistischen Jugend, 1921)
-
- Trotz der stark zugenommenen Hierarchisierung im
Sowjetstaate gab es 1920 einige Versuche, dem
Ausnahmezustand im Lande entgegenzuarbeiten. Der Rat der
Volkskommissare beschloss die Abschaffung der Todesstrafe
und die Machtbefugnisse der im Bürgerkrieg aufgeblähten
Tscheka wurden stark beschnitten. Schon auf dem VII.
Sowjetkongreß im Dezember 1919, als sich die Niederlage
der Weißen abzeichnete, war die Rede vom Abbau des
stehenden Heeres und seine Umwandlungen in eine
demokratische Miliz. Außerdem gab es in der Partei
Erwägungen, die sozialistische Opposition wieder zu
legalisieren (siehe Trotzkis Rede auf dem
VII.Sowjetkongreß, in I.Deutscher, Trotzki I) Eine
Sowjetdemokratie war im Begriff zu entstehen. Dies
verhinderte Marschall Pilsudski durch seine Aggression
(gemeint ist der Angriff Polens im April 1920 -e.p.)
(V.Sege, Leo Trotzki - Leben und Tod)
-
- In den Bürgerkriegsjahren wurde die bolschewistische
Partei immer stärker zentralisiert, worunter die
Parteidemokratie mehr und mehr litt. Die wichtigsten
Gründe lagen wiederum im Kriege und bei dem scharfen
Druck, dem die Partei durch das Kleinbürgertum
ausgesetzt war. Dessen Einfluß mußte sich besonders
unter den Bedingungen bemerkbar machen, als alle anderen
Parteien verboten waren. Daneben existierte eine starke
'linke' Opposition in der Partei, die die Mängel der
Diktatur, die Gefahr der Bürokratisierung und das Fehlen
der Partei- und Sowjetdemokratie an sich richtig
aufzeigte, in ihren wesentlichen Aussagen aber keinerlei
Alternative aufzuzeigen wußte. Der VIII. Parteitag im
März 1919, zur Zeit der Offensive Koltschaks,
bekräftigte die "bedingungslose Zentralisierung und
strengste Disziplin. Jeder Beschluß muß zunächst
einmal ausgeführt werden ... alle Beschlüsse sind
bindend für die unteren. Dieser Ausrichtung
entgegnete die Opposition mit der Notwendigkeit der
kollektiven Meinungsbildung in der Partei, für die aber
in dieser harten Zeit keine Gelegenheit bestand. Der
Erweiterung des ZK auf 19 Mitglieder (ein Vorschlag
Ossinskij) stand die Schaffung des Politit- und Orgbüros
gegenüber. Auf dem VIII. Parteitag entstand auch das
Sekretariat, das zuerst der Vorsitzende des Orgbüros
Krestinski übernahm.
-
- Auf dem IX. Parteitag, im September 1920, gegen Ende des
Bürgerkrieges, dem eine kurze 'Atempause' folgte, erhob
sich erneut die oppositionelle Kritik an der
Parteihierarchie. Juranew beschuldigte das ZK, dass es
auf dem VIII. Parteitag Konzessionen auf dem
Papier gemacht habe und dass seine eigene
Politik betrieben hätte, "im völligen
Gegensatz zu dem, was der Parteitag beschlossen
hatte. Die Parteiführung antwortete wieder mit
den ungeheuren Ereignissen des
Bürgerkriegs (Kamenjew. Man sagt, das
Zentralkomitee hätte selbstherrlich die Partei geleitet,
Genossen, vielfach wurden die weittragendsten Beschlüsse
im ZK von 5 Genossen telefonisch gefasst, da die Mehrzahl
der Mitlieder des ZK auf einem Kampfposten im Lande sich
befand. (Radek)
-
- Eine weitere Form der Zentralisierung waren die
politischen Abteilungen der Partei. Die
Führung hatte oftmals in der Armee, Gewerkschaft und
Wirtschaft eine starke Opposition gegen sich, deren sich
die Parteiführung derart entledigte, indem sie die
gewählten Parteikomitees durch politische Abteilungen
ersetzte. Sapronov (DZ) geißelte dieses
Vorgehen auf dem IX. Parteitag am Beispiel der
Kohlenindustrie im Donez-Becken. "Ihr verwandelt
die Parteimitglieder in ein gehorsames Grammophon."
Das Gegenkonzept der 'linken' Opposition war jedoch nicht
dazu angetan, die tiefe Krise der Produktion zu lösen.
Der im Dezember 1917 geschaffene Oberste
Volkswirtschaftsrat sollte keine autonome Befehlsgewalt
besitzen, sondern Vollzieher seiner örtlichen Organe
sein. Die 'Kollegien' in den verschiedenen
Produktionsabteilungen müßten vom "Gebietskongreß
der Gewerkschaften und den Werkomitees gewählt" werden
(Ossinskij , Über den Aufbau des Sozialismus). Die
Meinungsverschiedenheiten entzündeten sich in den Fragen
des Leitungsprinzips und der Verwendung bürgerlicher
Fachkräfte. Dem demokratischen Modell der linken
Opposition, die in den Gewerkschaften sehr stark war,
entsprach das Kollegialitätsprinzip, während Lenin und
Trotzki ab dem IX.Parteitag immer vehementer die
Einmannleitung favorisierten. Der Zentralrat der
Gewerkschaften wies zweimal diese Position entschieden
zurück. Die Arbeiteropposition lehnte das
Individualsystem ab, während die Demokratischen
Zentralisten darin eine praktische Frage sahen, die
von Fall zu Fall, je nach den Umständen
entschieden werden müsste. Arbeiter könnten sich
in der kollegialen Leitung schulen und die bürgerlichen
Spezialisten ersetzen: Beides verneinte das ZK: Man
sagt uns zum Beispiel: 'Das Kollegialitätsprinzip ist
eine Form der Teilnahme breiter Massen an der
Verwaltung'. Nun, wir haben im ZK über diese Frage
gesprochen, haben darüber beraten und müssen Ihnen
Bericht erstatten: Genossen, mit einem solchen
theoretischen Wirrwarr kann man sich nicht abfinden. Wenn
wir in der Grundfrage unserer militärischen Tätigkeit,
unseres Bürgerkrieges auch nur den zehnten Teil einer
solchen theoretischen Verwirrung geduldet hätten, so
wären wir geschlagen worden und hätten das auch
verdient'.' (Lenin auf dem IX. Parteitag)
-
- Dennoch entwickelte die Partei über die sensibilisierte
'Arbeiteropposition' hinaus ein Bewußtsein der Gefahren,
die dem Bürokratisierungsprozeß zu Grunde lagen. In den
Thesen Preobrashenskis wurde dies aufgegriffen, der
Bürokratismus ersticke den revolutionären
Idealismus. In der Parteikommission für das
Organisationsproblem saßen Ignatow von der
Arbeiteropposition und Sapronow von den
DZ. In den Entschließungen kritisierte der
IX.Parteitag die Ernennungen von oben und die Repression
gegen Mitglieder der Partei. Jurenew hatte von "Verschickungen
mannigfacher Art" berichtet: "...der
eine fährt nach Christiana (Oslo -e.p.), den anderen
schicken sie in den Ural. " Der Parteitag
forderte schließlich die Mitglieder auf, umfassende
Kritik an der Bürokratisierung zu leisten und den Kampf
gegen sie aufzunehmen. Zwei Kontrollkommissionen wurden
geschaffen: eine für das Zentrum - die Zentrale
Kontrollkommission, die andere für die örtlichen
Parteiorganisationen.
-
- Wie schon erwähnt ließen die kommenden Ereignisse die
tastenden Schritte in Richtung Reorganisierung nicht zu.
Die "Krankheit", mit der Sapronow die
Bürokratisierung bezeichnete, "verschlimmerte
sich weiter". 1920 erreichte die
Gewerkschaftskontroverse, die auch das ZK spaltete, ihren
Höhepunkt. In ihr schlugen sich noch einmal die
prinzipiellen Meinungsverschiedenheiten nieder, geprägt
durch die katastrophale Wirtschaftslage, aus der der
Kriegskommunismus nicht herausgeführt hatte. Trotzki
wollte die Gewerkschaften in den Sowjetstaat integrieren
und sie an der Militarisierung der Arbeit teilhaben zu
lassen. Dies war der konsequenteste Ausdruck des
Kriegskommunismus. Die abgerüsteten Einheiten der Roten
Armee im Ural, im Kaukasus und in der Ukraine wurden 1920
als Arbeitsarmeen in Bergwerken und in der Landwirtschaft
unter einer scharfen Arbeitsdisziplin eingesetzt. Dies
und Trotzkis rücksichtsloses Vorgehen gegen
oppositionelle Gewerkschafter, die er in der
Transportgewerkschaft von ihren führenden Positionen
absetzte, löste schließlich die Gewerkschaftsdebatte
aus. Lenin und Sinowjew traten für eine gewisse
Autonomie der Gewerkschaften ein, die sie als
"Schulen des Kommunismus" ansahen und die,
entgegen den Ansichten Trotzkis, auch die Aufgabe
hätten, die materiellen Interessen der Arbeiter
gegenüber dem Staat zu vertreten. Wir haben
keinen Arbeiterstaat, sondern einen Arbeiter- und
Bauernstaat, der durch bürokratische Deformationen (!)
belastet ist." (Lenin) Die dritte Fraktion war
die 'Arbeiteropposition', die im wesentlichen ihre
frühere Kritik wiederholte, den demokratisch
organisierten Gewerkschaften die Führung der Produktion
überantworten zu wollen.
-
- Die Gewerkschaftsdebatte beschäftigte die Partei das
ganze Jahr 1920. An seinem Ende stand eine tiefe Krise
und Kronstadt. Auf dem X. Parteitag änderte die Mehrheit
der Bolschewiki radikal den Wirtschaftskurs, was unter
der Bezeichnung der NEP in die Geschichte der Russischen
Revolution eingegangen ist. Mit dieser neuen Politik
lösten sich auch die wichtigsten wirtschaftlichen
Differenzen auf. Das zweite Hauptergebnis des Parteitages
bestand in der Einführung des Fraktionsverbotes und der
Disziplinargewalt des ZK, den Parteitagsbeschlüssen
Zuwiderhandelnde ausschließen zu können. Die
Parteiführung befürchtete durch die
Weiterexistenz der Opposition eine Lähmung der Partei
und die Zersplitterung der revolutionären Kräfte.
Erneut bekräftigte jedoch die Partei die Notwendigkeit
des antibürokratischen Kampfes. Der Bürokratismus hatte
bereits gefährliche Ausmaße angenommen. Trotz der
Verurteilung der 'Arbeiteropposition' auf dem X.
Parteitag als "kleinbürgerliche, syndikalistische
Gruppierung" entsandte sie zwei ihrer Vertreter in
das Zentralkomitee.
- Der Zerfall des wirtschaftlichen und sozialen Gefüges
des Landes ging weiter. Das Proletariat war völlig
aufgerieben, während sich die Bauernschaft mit ihrer
primitiven Produktionsweise bedeutend widerstandsfähiger
zeigte. Kleinbürgerliche Elemente strömten massenweise
in die siegreiche proletarische Partei. Der X. Parteitag
beschloß eine Säuberung, bei der rund 200.000
Mitglieder ausgeschlossen wurden. Im Wolgagebiet brach
nach einer Mißernte eine Hungersnot aus, von der im
Dezember 1921 36 Millionen Bauern betroffen waren.
Dürren und Sandstürme suchten das Moskauer Gebiet heim,
riesige Heuschreckenschwärme verwüsteten den Süden und
Südosten, und eine Typhusepidemie raffte die Menschen
dahin.
-
- Zur Zeit des XI. Parteitages im März/April 1922 war die
Bürokratie zu einem bleiernen Gewicht am Körper der
bolschewistischen Partei geworden. Die
Organisationen der Partei werden systematisch mit einem
großen Apparat überzogen, der den Parteiorganisationen
dient, der Apparat, der sich langsam ausdehnt, hat
seinerseits begonnen, bürokratische Übergriffe zu
machen und übermäßig viele Kräfte der Partei an sich
zuziehen. (Entschließung des XI.Parteitages).
-
- Im tiefen wirtschaftlichen und kulturellen Niveau
Rußlands lag die Grundlage des wuchernden
Bürokratismus. Die wirtschaftliche Situation verbesserte
sich Anfang 1922. Als Folge der NEP zeigten sich erste
positive Auswirkungen in der landwirtschaftlichen
Produktion. Der Bauer war jetzt motiviert, einen
Überschuß zu erzeugen. Die Industrie erholte sich
langsam und erreichte 1922 einen Stand, der rund drei
Viertel des Vorkriegsstandes entsprach. Allerdings
entwickelten sich aus der Neuen ökonomischen Politik
Gefahren, die die Sowjetunion Ende der Zwanzigerjahre -
verstärkt durch die stalinistische Politik - in die
Nähe des Abgrunds führen sollten. Auf dem Lande drohte
die kapitalistische Entwicklung überhandzunehmen, und
der Zwischenhändler und Kulak gewannen beträchtlich an
Macht. "Inzwischen schwoll dem NEP-Mann der Kamm;
er praßte in den hungernden Städten und machte sich
über die Revolution lustig. Im Dorf versuchte der Kulak,
den Landarbeiter wieder unter seine Gewalt zu bringen,
und da und dort begannen er und seine Leute, den
ländlichen Sowjet zu beherrschen, während sein Sohn in
der Ortsgruppe der Kommunistischen Jugend Rädelsführer
wurde." (I.Deutscher, Trotzki II)
-
- An eine konsequente, unverzügliche Wiedererrichtung der
Sowjet- und Parteidemokratie wollte die Mehrheit unter
diesen Umständen noch immer nicht denken. Und vor allem
die Perspektiven der internationalen Revolution
verdunkelten 1922 für die Sowjetunion den Weg zum
Sozialismus. Der revolutionäre Aufschwung der
unmittelbaren Nachkriegszeit ging vorüber, ohne
daß es dem europäischen Proletariat gelungen war, die
Macht zu nehmen. Rußland blieb auf sich alleine gestellt
- vor der riesigen und letztlich unlösbaren Aufgabe, in
einem Bauernlande das tiefe wirtschaftliche und
kulturelle Niveau qualitativ zu heben, die Widersprüche
zwischen Industrie und Landwirtschaft aufzulösen, die
Klassengegensätze zu überwinden und den
Repressionsapparat, den Staat abzubauen, d.h. eben, den
Sozialismus aufzubauen.
-
- In der zaghaften Konjunktur von 1922 verringerten sich
indes nicht einmal die krassesten Auswüchse des
Bürokratismus. Im Gegenteil. Die Bürokratie, die aus
dem Kriegskommunismus herausgegangen war, durchlebte
jetzt einen Prozeß der Stabilisierung und Ausweitung.
1923 werfen Pjatakow, Preobrashenski u.a. in ihrer
Erklärung der 46 dieser Bürokratenclique
vor, sich eine bevorzugte Stellung verschafft zu haben.
Die Gefahr bestand, dass sie sich immer stärker der
Kontrolle der Partei entzog. Die
Kontrollkommissionen entarten zu immer selbstherrlicher
agierenden Einrichtungen "Das ZK legt die
Parteilinie fest, während die zentrale
Kontrollkommission darauf achtet, daß niemand von ihr
abweicht, und Maßnahmen ergreift, um Abweichungen zu
korrigieren... Autorität erlangt man nicht nur durch
Arbeit, sondern durch Furcht. Und der ZKK und der
'Arbeiter- und Bauerninspektion ' (Regierungsorgan, das
die Sowjetinstitutionen kontrollieren und rationalisieren
sollte -e.p.) ist es jetzt schon gelungen, diese Furcht
zu erzeugen. In dieser Hinsicht ist ihre Autorität(!) im
Wachsen." (Gussew, Vorsitzender der ZKK)
-
- Die örtlichen Parteiorganisationen wurden durch das
Sekretariat kontrolliert. 1922 war es allgemein üblich,
bei Abweichungen örtliche
Parteifunktionäre, ja ganze Parteikomitees, abzusetzen
und genehmere Parteifunktionäre von oben her
zu ernennen. Im Bürgerkrieg blieb dies oft die
letzte Möglichkeit, die Disziplin in der Partei aufrecht
zu erhalten. Jetzt, 1922 im relativen Frieden und
wirtschaftlichen Aufschwung nahmen die Ernennungen der
Parteisekretäre durch die nächst höheren
Parteifunktionäre bzw. die Absetzungen rapide zu!
Oppositionelle wurden vorsätzlich diskriminiert,
"nicht, weil sie unfähige Organisatoren sind, nicht
weil sie schlechte Kommunisten sind, sondern allein
deshalb, weil sie zu verschiedenen Zeiten und auf
verschiedene Arten der einen oder anderen Gruppierung
angehört und an Kontroversen gegen die vom
Zentralkomitee vertretene offizielle Linie teilgenommen
haben." (W. Koissior", zitiert einen
Oppositionellen). Der konservative Zusammenhalt der
Bürokratie führte zur Unterdrückung der freien
Diskussion und schied systematisch die Opposition aus,
während bürokratische Elemente gestärkt wurden. Es ist
sicherlich nicht an den Haaren herbeigezogen, daß dieses
politische Repressionsklima, das sich vor allem nach dem
X.Parteitag breit machte, die Mitglieder und selbst die
Kader der Partei. zutiefst beeinflußte. 1922 entstand
der Geist, die Partei habe immer recht, der sich bei der
Entfaltung der Linken Opposition in der
ersten Zeit nach 1923 als sehr schädlich herausstellen
sollte. Dies macht auch nicht vor bolschewistischen
Kadern wie Leo Trotzki halt, der viel zu zögernd den
Kampf gegen die Stalinisierung begann.
-
- 1922 zeichnete sich bereits die Entwicklung ab, daß das
Sekretariat und das ihm angeschlossene Orgbüro die
Zusammensetzung der Parteikomitees und darüber hinaus
auf weite Sicht die Zusammensetzung des Parteitages
mitbestimmte.
-
- Am XI.Parteitag wird schließlich das Generalsekretariat
gebildet. Lenin hatte wesentlichen Anteil daran und
schlug Stalin für den Posten des Generalsekretärs vor.
Die Vollmachten der neuen Funktion weiteten sich
gegenüber jenen der früheren Sekretäre um ein
Beträchtliches aus. Stalin saß noch der 'Arbeiter- und
Bauerninspektion ' vor und dominierte im Orgbüro. Einzig
Preobrashenski warnte im Mai 1922 davor, "daß
einem einzelnen gestattet werde, so viele verantwortliche
Posten zu bekleiden."
- .
- Die Parteiführung schreckte erst 1923 auf. Lenin
schreibt in seinem Testament: Wie
tief sind wir gesunken. Und: Unsere
Bürokratie ist etwas Ungeheuerliches. Ich war darüber
entsetzt, als ich die Arbeit wieder (nach seinem
ersten Schlaganfall - e.p.) aufgenommen habe.
-
- Schon im März 1922 meinte Lenin zum proletarischen
Charakter der Partei, dass er in erster Linie von der
alten Garde bestimmt werde. Mit der
alten Garde bezeichnete Lenin jene Kader, die
durch die jahrzehntelange Illegalität im Zarismus, durch
den politischen Kampf gegen Sektierertum und
Opportunismus, aber hauptsächlich durch das
Revolutionsjahr 1917 geprägt wurden. Aufbau der Partei,
Kampf um die Massen, Eroberung der Massen,
Oktoberrevolution - ein einzigartiges Maß an
revolutionären Erfahrungen konzentrierte sich in den
bolschewistischen Kadern und in der "alten
Garde". Das ist auch der grundsätzliche Unterschied
zu allen Parteien, die in der Tradition des Stalinismus,
d.h. im Niedergang der internationalen Arbeiterbewegung
groß geworden sind. Selbst im Krieg gegen den
Imperialismus, etwa die vietnamesische Bürokratie,
vermochten sie nicht diese revolutionären Fähigkeiten
zu entwickeln. Sie wuchsen zu bürokratischen Cliquen, zu
Militärkasten (!) heran, schroff abgehoben von der
Arbeiterklasse, vollgestopft mit der stalinistischen
Ideologie.
-
- Ähnlich wie Trotzki und die anderen der "alten
Garde" erkennt auch Lenin erst später als notwendig
und es möglich gewesen wäre, welche unmittelbaren
Konsequenzen der Bürokratisierungsprozeß bereits 1922
brachte. Die Siebung des Funktionärskaders und die
Stärkung des bürokratischen Konservatismus mußten zur
Schwächung der Partei und der gesunden Elemente in ihr
bis in die höchsten Partei ränge hinein führen. Das
wird den Kampf gegen die Bürokratisierung ab 1923
unendlich erschweren.
-
- Die 'Arbeiteropposition' und die 'Demokratischen
Zentralisten' waren zwar die unermüdlichen Warner - ein
Großteil von ihnen schließt sich 1923 der 'Linken
Opposition' an -, sie fordern bereits 1922 die Auflösung
der Kontrollkommissionen und die Beschneidung der Rechte
des Orgbüros. Die Hauptverantwortung lag jedoch aufgrund
der weitsichtigeren Politik vielmehr bei der Führung der
Partei, bei der "alten Garde". Sie war
letztlich der Garant für die Gesundung der Partei. Ihre
Existenz gewährleistete das Bewußtsein der Bolschewiki,
Teil der internationalen Revolution zu sein, mit deren
Hilfe alleine in Rußland wieder die Partei- und
Sowjetdemokratie errichtet werden hätte können.
-
- Radek beschrieb 1921 zutreffend die Ausnahmesituation
Rußlands, die Begrenztheit seiner Innenpolitik und die
dramatische Perspektive, wenn es isoliert bleiben sollte.
Eine starke, zentralisierte, die Machtmittel des
Proletariats beherrschende Kommunistische Partei müsse
existieren, "entschlossen, eine gewisse Zeitlang
(!), wenn sich die Bedingungen des Kampfes nicht bessern
und sich der Mut der Masse nicht hebt, sogar als Partei
der revolutionären Minderheit die Macht (zu) behaupten.
Natürlich, falls die Mehrheit der Arbeiterklasse in der
trügerischen Hoffnung, daß sie selbst in den Ketten der
kapitalistischen Sklaverei besser leben kann als
kämpfend für ihre Befreiung, gegen die proletarische
Diktatur in einer schwierigen Lage aktiv vorgeht und ihr
andauernd in den Arm fällt, so wird die Kommunistische
Partei ihre Position nicht halten können. Aber solange
die Hoffnung auf Besserung der Lage vorhanden ist, muss
sie ausharren und versuchen die Position zu halten. Dann
bessern sich die Bedingungen, dann steht hinter ihr
wieder die Klasse und sie kann den Kampf führen bis zum
endgültigen Siege. Die Befreiung der Arbeiterklasse kann
nur ihr eigenes Werk sein, der kämpfenden Mehrheit des
Proletariats. Aber in einem Befreiungskampfe können
Situationen eintreten, wo die revolutionäre Minderheit
der Arbeiterklasse die ganze Last des Kampfes auf sich
nehmen muss, wo sich die Arbeiterdiktatur nur als
Parteidiktatur (!) der Kommunisten vorübergehend (!)
halten kann. So war manchmal die Lage in Russland.
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- Die "Besserung der Lage", d.h. vor allem die
internationale Revolution, ist nicht eingetreten. Aus
dieser Niederlage heraus überwucherte schließlich die
Bürokratie die Partei. Sie begann die Isolation
Rußlands ("Sozialismus in einem Lande"),
dessen Rückständigkeit und all die bürokratischen
Übel, die sich jetzt um ein Vielfaches vermehrten, zu
theoretisieren. Sie wurden zu Prinzipien für die
Bürokratie, nicht mehr zu einer vorübergehenden
Erscheinung, und dadurch zu einem grundlegenden Hemmnis,
die Sowjetunion zum Ausgangspunkt für die internationale
Revolution werden zu lassen. Am Ende dieser Degeneration
stand die Liquidierung der bolschewistischen Partei.
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- e.p. , März 1979
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