Christliche Gewerkschafter
- Anton Pelinka
-
- Christliche
Arbeiterbewegung und Austrofaschismus
-
- Die Christliche Arbeiterbewegung in Österreich stützte
sich auf zwei Arten von Organisationen. Neben die in den
letzten Jahren des 19. Jahrhunderts gegründeten
Christlichen Arbeitervereine traten am Beginn des 20.
Jahrhunderts die Christlichen Gewerkschaften. Gemeinsame
Jugendverbände, gemeinsame Presseorgane,
-
- Die Christliche Arbeiterbewegung war Teil des
christlichsozial-konservativen Lagers. Sowohl
Arbeitervereine als auch Gewerkschaften waren damit der
Christlichsozialen Partei verbunden. Arbeitervereine und
Gewerkschaften akzeptierten von Anfang an diese
Zugehörigkeit und damit die Führungsrolle der
Parteiführung der Christlichsozialen. Kunschak,
Spalowsky und andere Repräsentanten der Christlichen
Arbeiterbewegung waren auch führende Vertreter der
Christlichsozialen Partei. Die Christlichsoziale
Arbeiterbewegung war eine Vorfeldorganisation der
Christlichsozialen Partei. (2)
-
- Die Christliche Arbeiterbewegung erfüllte für das
christlichsozial-konservative Lager vor allem die
Aufgabe, den Anspruch glaubhaft zu machen, dieses Lager
wäre eine Gemeinschaft, die Interessen und Klassen
übergreifend vereinigen könnte. Die Christliche
Arbeiterbewegung sollte für das Lager das vorwegnehmen,
was die Katholische Soziallehre als Lösung der
"sozialen Frage" propagierte: die
"Entproletarisierung des Proletariats", die
Aufhebung des Klassengegensatzes durch
Klassenintegration. (3)
-
- Als Arbeiterbewegung waren die Arbeitervereine und die
Gewerkschaften des christlichsozial-konservativen Lagers
freilich in einer eindeutigen Minderheitsposition
gegenüber der Sozialdemokratie und den dieser Partei eng
verbundenen Freien Gewerkschaften. Die
Sozialdemokratische Arbeiterpartei hatte von Anfang an
die Christliche Arbeiterbewegung zu einer
verhältnismäßig kleinen Minderheitsströmung innerhalb
der organisierten Arbeiterschaft gemacht.
-
- Am Beginn der 1. Republik war die Bedeutung der
Christlichen Arbeiterbewegung nur in einigen Sektoren und
Regionen mehr als das Gewicht einer unbedeutenden
Gruppierung: Generell war die Christliche
Arbeiterbewegung im Westen der Republik relativ stärker
als im Osten; und ganz allgemein war das Gewicht der
Arbeitervereine und der Christlichen Gewerkschaften in
den nicht industriellen Berufsgruppen stärker. Bei den
Landarbeitern und bei den Hausgehilfinnen, bei den
öffentlich Bediensteten und bei den Arbeitnehmern in
kleinen Gewerbebetrieben lag die relative Stärke der
Christlichen Arbeiterbewegung. (4) In industriellen
Großbetrieben dominierten ganz eindeutig hingegen die
Sozialdemokratie und die Freien Gewerkschaften.
-
- Die Entwicklung der 1. Republik ermöglichte jedoch eine
Stärkung der Christlichen Arbeiterbewegung. Die
Mitgliederzahl der Christlichen Gewerkschaften stieg
innerhalb von 15 Jahren um mehr als das Fünffache. Am
Ende der Republik besaßen die Christlichen
Gewerkschaften eine offenkundig immer stärker werdende
Position, während die Mitgliederzahlen der Freien
Gewerkschaften schon rückläufig waren. (5)
-
- (...)
- Diese relative und absolute Stärkung der Christlichen
Arbeiterbewegung am Ende der Republik war jedenfalls auch
Ausdruck der verschobenen Machtverhältnisse. Die
Christlichsoziale Partei als Regierungspartei konnte in
vielen Bereichen eine die Christlichen Gewerkschaften
begünstigende Personalpolitik betreiben - die
"Umpolitisierung" des Bundesheeres durch den
christlichsozialen Heeresminister Vaugoin ist dafür ein
wichtiger Beleg. (7) Oberdies wirkte sich die ab 1929
voll einsetzende Massenarbeitslosigkeit gegen die Freien
Gewerkschaften aus, da die Mitgliedschaft bei einer
sozialdemokratisch orientierten Gewerkschaft immer mehr
als Nachteil empfunden werden mußte - und die
Christlichen Gewerkschaften boten sich als eine
gewerkschaftliche Alternative an, die, ohne
"gelb" zu sein (wie etwa die von der Heimwehr
begünstigten "Unabhängigen" Gewerkschaften'
'), dennoch ein harmonisches Verhältnis mit Arbeitgebern
und Regierung zu garantieren schien.
-
- Am Ende der Republik war jedenfalls die Christliche
Arbeiterbewegung Teil des Regierungslagers. In einer
doppelten Minderheitsposition war sie einerseits in einer
strategischen Schlüsselrolle - mußte doch die von der
Regierung und der Christlichsozialen Partei angestrebte
Schwächung der Sozialdemokratie sich zugunsten vor allem
der Christlichen Arbeiterbewegung auswirken. Andererseits
war die Christliche Arbeiterbewegung als Minderheit im
christlichsozial-konservativen Lager, das mehrheitlich
von bäuerlichen und bürgerlichen Interessen bestimmt
war, und als Minderheit innerhalb der mehrheitlich
sozialdemokratisch ausgerichteten Arbeiterbewegung einem
ständigen Zerreißprozeß ausgesetzt.
-
- Minderheit im eigenen Lager, Minderheit in der eigenen
Bewegung: In diesem Spannungsfeld befand sich die
Christliche Arbeiterbewegung, als die Führung der
Regierung und der Partei, eben des Lagers, dem sich die
Christliche Arbeiterbewegung zugehörig fühlte, bewußt
daranging, Parlamentarismus und Demokratie schrittweise
zu beseitigen.
-
- Die Christliche
Arbeiterbewegung und das Ende der Republik
-
- Die Christliche Arbeiterbewegung war innerhalb des
christlichsozial-konservativen Lagers ganz bestimmt keine
Kraft, die den Weg zur Diktatur vorantreiben wollte.
Vielmehr befand sie sich in einem heiklen
Spannungsverhältnis zum Heimatschutz, dessen offen
faschistische und antidemokratische Ausrichtung auch von
den Organen der Christlichen Arbeiterbewegung kritisiert
wurde. (8) Von allen Teilorganisationen des Lagers war
die Christliche Arbeiterbewegung sicherlich die am
wenigsten vom Faschismus infizierte, fühlte sie sich
sicherlich am stärksten der Demokratie schlechthin
verpflichtet. (9)
-
- Dennoch erlag die Christliche Arbeiterbewegung den
Einflüssen und Tendenzen, die an die Stelle der
demokratischen Republik einen "autoritären
Ständestaat" setzen wollten. Die Christliche
Arbeiterbewegung folgte zögernd, aber eben doch der
Regierung Dolifuß auf dem Weg zu Diktatur.
-
- Für die Haltung der Christlichen Arbeiterbewegung
zwischen März 1933 und Februar 1934 war die Politik
gegenüber den Arbeiterkammern signifikant. Die Regierung
Dollfuß wollte die längst überfällige Wahl in die
Kammern für Arbeiter und Angestellte verhindern. Am 21.
Dezember 1933 setzte die Bundesregierung auf dem
Verordnungsweg für die Arbeiterkammer
Verwaltungskommissionen ein, die direkt dem
Bundesminister für Soziale Verwaltung unterstellt waren
und die die gewählten Einrichtungen in den Kammern
ersetzten sollten. An die Stelle demokratisch gewählter
Organe traten Regierungsvertreter. Auf diese Weise sollte
das demokratisch begründete Übergewicht der Freien
Gewerkschaften in den Arbeiterkammern ins Gegenteil
verkehrt werden. (10)
-
- Als die Freien Gewerkschaften es ablehnten, das Angebot
des Sozialministers Schmitz anzunehmen und eine
Minderheitsposition in den Verwaltungskommissionen zu
akzeptieren, wurden sie von den Christlichen
Gewerkschaften deshalb kräftig kritisiert. Die Freien
Gewerkschaften hatten mit ihrem Nein Anfang 1934 nur
klargestellt, daß sie einer solchen Vorgangsweise nicht
den Schein von demokratischer Legitimität verleihen
wollten. Die Christliche Arbeiterbewegung kritisierte
nicht nur diese Haltung der Freien Gewerkschaften, sie
akzeptierte auch die vom Bundesminister für Soziale
Verwaltung verliehene Mehrheitsposition. Staud, Sekretär
der Zentralkommission der Christlichen Gewerkschaften,
wurde Vorsitzender der mit Abstand wichtigsten
Arbeiterkammer - der Kammer für Wien und
Niederösterreich. Die 11 von der Regierung besetzten
Mandate in der Verwaltungskommission dieser Kammer
teilten sich 6 Vertreter der Christlichen Gewerkschaften
mit 3 Repräsentanten der "Unabhängigen" und 2
Repräsentanten der Deutschnationalen Gewerkschaften.
(11)
-
- Am Vorabend des Bürgerkrieges und der offenen Diktatur
hatte die Christliche Arbeiterbewegung aus den Händen
der Regierung eine Funktion übernommen, die nach allen
nur denkbaren demokratischen Maßstäben nicht ihr,
sondern der Sozialdemokratie und den Freien
Gewerkschaften zugestanden wäre.
-
- Am 9. Februar 1934 hielt Kunschak, langjähriger Obmann
der Christlichen Arbeitervereine und führender Politiker
innerhalb der Christlichsozialen Partei, im Wiener
Gemeinderat seine historische Rede: "Gebe Gott, daß
sich die Zerrissenheit des Geistes und der Seele von
unserem Volk und seinen Führern bald hebe, ehe Volk und
Land an Gräbern steht und weint.'" (12)
-
- Diese Zwiespältigkeit kennzeichnete die gesamte
Einstellung der Christlichen Arbeiterbewegung. Einerseits
versuchte sie, wie Kunschak dies ausdrückte, den
Bürgerkrieg zu vermeiden, Kompromisse auch mit der
Sozialdemokratie herbeizuführen; den Heimwehrflügel des
eigenen Lagers zu bremsen. Andererseits war sie bereit,
Nutzen aus dem Weg in die Diktatur zu ziehen, Positionen
zu übernehmen, die mit den Mitteln des offenen
Verfassungsbruches der Sozialdemokratie weggenommen
worden waren.
-
- Als demokratisches Gewissender Christlichsozialen
Parteiund des christlich-konservativen Lagers war die
Christliche Arbeiterbewegung immer in Versuchung,
letztlich doch loyal zur Politik der Führung - auch der
Führung durch Bundeskanzler Dollfuß - zu stehen; und
sei es nur, um durch die Teilnahme an dieser Politik
Ärgeres zu verhindern und demokratische Ansprüche
aufrecht zu erhalten.
-
- Die Christliche
Arbeiterbewegung im "Autoritären Ständestaat"
-
- Die Christliche Arbeiterbewegung gehörte zu den Siegern
des Bürgerkrieges vom Februar 1934. Der Freiheitsbund
hatte auf der Seite der Regierungsgruppen gekämpft,
gemeinsam mit den Einheiten der Heimwehren. Die
Christliche Arbeiterbewegung konnte daher auch einen
Platz im nun offen und uneingeschränkt diktatorischen
System beanspruchen, das mit der Verfassung vom 1. Mai
1934 zum "autoritären Ständestaat" wurde.
-
- Die Christlichen Gewerkschaften lösten sich, nach dem
Verbot der Freien Gewerkschaften, selbst auf. (13) Sie
übernahmen jedoch gleichzeitig die führende Rolle im
durch Verordnung der Regierung am 2. März 1934
geschaffenen "Gewerkschaftsbund der
österreichischen Arbeiter und Angestellten". Diese
Einheitsgewerkschaft sollte mit dem Spannungsverhältnis
der Richtungsgewerkschaften Schluß machen - gleichzeitig
jedoch wurde dieses Spannungsverhältnis zu einem wohl
unüberbrückbaren Gegensatz verschärft, weil die
sozialdemokratisch orientierten Gewerkschaften ihre
gewaltsame Zurückdrängung nicht akzeptieren konnten und
wollten.
-
- Der Vorstand des Gewerkschaftsbundes wurde vom
Bundesminister für Soziale Verwaltung bestellt. Der
Präsident (Staud) und sechs weitere der insgesamt zwölf
Vorstandsmitglieder kamen aus den Reihen der Christlichen
Gewerkschaften. Drei Vorstandsmitglieder waren ehemalige
"Unabhängige", also Repräsentanten der
Gewerkschaften des Heimatschutzes. Ein Vertreter der
Deutschnationalen und ein ehemaliger Funktionär der
Freien Gewerkschaften komplettierten den Vorstand. (14)
-
- Der regierungsabhängige Gewerkschaftsbund war somit von
der Christlichen Arbeiterbewegung dominiert. Dennoch war
der Gewerkschaftsbund nicht einfach deckungsgleich mit
den Christlichen Gewerkschaften. Nicht nur die Mitwirkung
der kleinen, anderen Gruppierungen des Regierungslagers,
vor allem die Positionen der "Unabhängigen",
verhinderte eine vollständige Identität. Der starke
Anstieg des Mitgliederstandes des Gewerkschaftsbundes und
des "Berufsverbandes" Industrie und Bergbau
waren auch und vor allem das Ergebnis eines verstärkten
Beitrittswillens der Mitglieder der früheren Freien
Gewerkschaften. Industrie und Bergbau, traditionell eben
nicht von den Christlichen Gewerkschaften, sondern von
den Freien Gewerkschaften geprägt, wurden dennoch zum
wichtigsten "Berufsverband" des
Gewerkschaftsbundes.
- (...)
-
- .Doch die bloße Existenz des Gewerkschaftsbundes
sicherte der ChristIichen Arbeiterbewegung eine
wesentliche Position innerhalb des Austrofaschismus.
Deshalb. mußten Staud, Kunschak und die anderen
Vertreter der Christlichen Arbeiterbewegung die Politik
des Heimatschutzes als direkte Bedrohung empfinden, die
im Gewerkschaftsbund nur ein Übergangsstadium auf dem
Weg zum perfekten Korporatismus italienischen Zuschnitts
sah. Der erste Sozialminister des Ständestaates,
Neustädter-Stürmer, führender Vertreter des
Heimatschutzes, gleichzeitig unmittelbarer Vorgesetzter
des regierungsabhängigen Gewerkschaftsbundes,
provozierte wegen eben dieser Politik einen offenen
Konflikt mit Kunschak und Staud. Die Ablösung
Neustädter-Stürmers bedeutete auch einen Erfolg der
Christlichen Arbeiterbewegung im Machtkampf innerhalb des
Systems. (16) Der neue Sozialminister, Dobretsberger,
stand der Christlichen Arbeiterbewegung äußerst
freundlich gegenüber.
-
- Die Christliche Arbeiterbewegung beherrschte, neben dem
Gewerkschaftsbund, auch die direkt politisch gedachte,
zweite Vertretung der Arbeitnehmer innerhalb des
Ständestaates - die Soziale Arbeitsgemeinschaft (SAG).
Am 31. März 1935 durch einen "Bundesbefehl"
des Bundesführers der Vaterländischen Front,
Starhemberg, errichtet, stand die SAG von Anfang bis kurz
vor dem Ende unter der Führung Großauers. Großauer;
zunächst auch noch Staatssekretär im Bundesministerium
für Soziale Verwaltung, kam aus den Reihen der
Christlichen Gewerkschaften. Als "Bundesleiter"
der SAG wurde er in den letzten Tagen des Ständestaates,
im Zuge der Regierungsumbildung vom 15. und 16. Februar
1938, von Hans Rott abgelöst, der ebenfalls aus der
Christlichen Arbeiterbewegung kam. (18)
-
- Auch die Leitung der Organisation der SAG in den
einzelnen Bundesländern lag in den Händen der Vertreter
der Christlichen Arbeiterbewegung. Freilich wurde die SAG
stärker noch als der Gewerkschaftsbund gegenüber der
illegalen Linksopposition geöffnet, beziehungsweise von
den (illegalen) Freien Gewerkschaften und auch von den
Kommunisten als Instrument möglicher Veränderungen
innerhalb des Systems genutzt. (19) Die SAG war
jedenfalls in den letzten Monaten des "autoritären
Ständestaates" der Boden, der am ehesten für
Kontakte zwischen der Christlichen Arbeiterbewegung,
beziehungsweise dem Regierungslager und der
Linksopposition geeignet schien.
-
- Die Aufgabe des Gewerkschaftsbundes im "autoritären
Ständestaat" war - offiziell - die Wahrnehmung
sozialer (nicht politischer) Interessen der Arbeitnehmer.
Die Aufgabe der SAG war die politische Vertretung von
Arbeitnehmerinteressen im Rahmen der Einrichtungen des
Ständestaates, vor allem im Rahmen der Vaterländischen
Front. Neben diesen beiden Instrumenten besaß die
Christliche Arbeiterbewegung jedoch auch noch andere
Möglichkeiten, im Ständestaat Politik zu machen, sich
mit dem Ständestaat zu identifizieren. Mit Großauer als
Staatssekretär im Sozialministerium (1934 -1935), mit
Rott in derselben Funktion (1936 -1938), der in den
letzten Wochen des Ständestaates auch Minister ohne
Portefeuille wurde, war die Christliche Arbeiterbewegung
auch in den Regierungen Dollfuß und Schuschnigg
vertreten (20) - allerdings verhältnismäßig
bescheiden, gleichsam als kleiner und schwacher
Koalitionspartner der stärkeren Gruppierungen. Vertreter
der Christlichen Arbeiterbewegung waren auch in andere
Institutionen des Ständestaates und der Vaterländischen
Front eingebaut. Der Christlichen Arbeiterbewegung als
voll integrierter Bestandteil des Systems kam dabei die
Aufgabe zu, das soziale Gewissen und die
sozialpolitischen Versprechungen des Ständestaates
glaubhaft zu machen. Gleichzeitig griff die Christliche
Arbeiterbewegung jene Tendenzen innerhalb des
Regierungslagers an, die - offen und uneingeschränkt
faschistisch - jeder Arbeiterbewegung, auch einer
regierungsabhängigen, die Existenzberechtigung im
korporativen Staat absprechen wollten. (21) Die
christliche Arbeiterbewegung wurde, in ihren teilweise
offenen, teilweise verstärkten Auseinandersetzungen vor
allem mit dem Heimatschutz, auch zu einer Art inneren
Opposition -sie stand innerhalb des Systems für mehr
soziale Gerechtigkeit, auch für "ständische
Demokratie" im Sinne einer Verbindung von
(nichtparlamentarischer) Demokratie mit dem Grundgedanken
eines ständischen Staa tswesens.
-
- Die Grenze dieser inneren Opposition war die Grenze des
Systems selbst. Die Christliche Arbeiterbewegung
opponierte im System gegen bestimmte Tendenzen des
Systems. Sie verweigerte sich jedoch allen Richtungen,
die eine Opposition zum System vertraten.
-
- Die Christliche
Arbeiterbewegung und die Opposition zum System
-
- Die Christliche Arbeiterbewegung hatte am Beginn der Ära
des Austrofaschismus neue Organisationsformen angenommen.
Die Arbeitervereine wandelten sich schon bald nach den
Kämpfen des Februar 1934 in nun offiziell
"unpolitische" Vereine, die im "Bund
katholischer Arbeiter Österreichs" zusammengefaßt
waren. (22) Die Christlichen Gewerkschaften waren im
Gewerkschaftsbund aufgegangen. Mit diesem Wandel der
Organisationsformen war auch ein Wandel der Beziehungen
zur früher übermächtigen Konkurrenz innerhalb der
Arbeiterbewegung eingetreten: Die Sozialdemokratie und
die Freien Gewerkschaften waren nun im Untergrund, sie
bekämpften aus der Illegalität heraus das System, in
dem die Christliche Arbeiterbewegung Juniorpartner war.
-
- Die Christliche Arbeiterbewegung versuchte zumeist, die
teilweise exilierte Führung der Sozialdemokratie von
deren Gefolgschaft zu trennen und die
sozialdemokratischen Massen für sich und damit für den
Ständestaat zu gewinnen. Die Sozialdemokraten wurden zur
Mitarbeit eingeladen - freilich unter der Voraussetzung,
daß sie ihre früheren Positionen als "Irrtum"
einbekannten und sich der Führung der Christlichen
Arbeiterbewegung im
- Gewerkschaftsbund und in der SAG unterstellten.
-
- Die Christliche Arbeiterbewegung betrieb eine Politik der
Öffnung und der Integration gegenüber der
Linksopposition - freilich als Einladung zur
Eingliederung in den Austrofaschismus. Für diese Politik
waren die Vertrauensmännerwahlen Ende 1936 typisch.
Dieser erste und einzige Schritt in Richtung
Demokratisierung der betrieblichen Vertretungen - die
Vertrauensmänner hatten ähnliche Kompetenzen wie die
Betriebsräte, freilich in geringerem Umfang - war von
der Christlichen Arbeiterbewegung und vom
Gewerkschaftsbund gewünscht und betrieben worden.
Gleichzeitig hatten die zumeist aus der Christlichen
Arbeiterbewegung kommenden Gewerkschaftsfunktionäre die
Regimetreue der Kandidaten zu überprüfen jeder
Wahlvorschlag mußte von der Gewerkschaft und der
Vaterländischen Front überprüft werden. Damit sollte
sichergestellt werden, daß die durch die Wahlen
angestrebte Beteiligung sozialdemokratischer Arbeiter und
Angestellte nichts an der Ausrichtung der
regierungsoffiziellen Arbeitervertretung zu ändern
vermochte. (23)
-
- Die Christliche Arbeiterbewegung hatte gegenüber der
illegalen Linksopposition ihr Monopol zu verteidigen.
Jede Aussöhnung mit der Linken, etwa zur Rettung der
Unabhängigkeit Österreichs, mußte das Monopol der
Christlichen Arbeiterbewegung brechen; mußte der
Sozialdemokratie den demokratisch begründeten
Führungsanspruch auf die Gewerkschaftsbewegung
zurückgeben. Deshalb war es nicht die Christliche
Arbeiterbewegung, sondern die von ihr teils versteckt,
teils offen bekämpfte "Aktion Winter", von der
die wichtigsten Impulse zur Versöhnung mit der
Sozialdemokratie ausgingen. Impulse, die freilich erst zu
spät zu Kontakten führten, die der österreichischen
Unabhängigkeit hätten nützlich sein können. (24)
-
- Die "Politik der Bekehrung" gegenüber der
Sozialdemokratie hatte eine Aussöhnung mit der nach wie
vor existenten illegalen freien Gewerkschaftsorganisation
und mit den Revolutionären Sozialisten unmöglich
gemacht. Dennoch betonte die Christliche Arbeiterbewegung
immer wieder, daß der eigentliche Feind des
"autoritären Ständestaates" nicht links,
sondern rechts stünde. (25) Die Kontaktschwierigkeiten
gegenüber der Linken hinderten Kunschak, Staud und die
anderen Repräsentanten der Christlichen Arbeiterbewegung
nicht, den eigentlichen Gegner und die eigentliche Gefahr
des Ständestaates und Österreichs rechts zu sehen. Der
Nationalsozialismus war trotz allem das größere Übel -
auch für die Christliche Arbeiterbewegung, die sich vom
Ständestaat in den Dienst hatte nehmen lassen.
- Diese eindeutige Frontstellung äußerte sich in einer
Polemik gegen den Nationalsozialismus, auch in einer
Polemik gegen jedes Gleichgewichtsdenken innerhalb des
Ständestaates: Die Christliche Arbeiterbewegung wollte
keinesfalls die Sozialdemokratie mit dem
Nationalsozialismus gleichgesetzt sehen. Bei aller
Gegnerschaft zur sozialistischen Arbeiterbewegung waren
deren Anhänger doch mögliche Verbündete. Die
Sozialdemokraten galt es für den berufsständischen
Gedanken zu gewinnen; die Nationalsozialisten sollten
uneingeschränkt bekämpft werden.
-
- Die eindeutige Grundstellung gegenüber dem
Nationalsozialismus wurde freilich durch die geheimen
Kontakte zwischen dem deutschen Gesandten, von Papen, und
Staud überschattet. Die deutsche Gesandtschaft ließ
zumindest bis zum Juli-Abkommen von 1936 dem
Freiheitsbund wesentliche finanzielle Zuwendungen
zukommen; Staud bot sich von Papen als möglicher
Bündnispartner gegen den proösterreichischen (und
proitalienischen) Flügel des Heimatschutzes um
Starhemberg an. (26)
-
- Die Hintergründe dieser geheimen Kontakte sind nicht
voll ausgeleuchtet. Auffallend ist, daß die der
Christlichen Arbeiterbewegung nahestehende
Geschichtsschreibung diese durch offizielle Dokumente
belegten Kontakte entweder negiert oder einfach leugnet.
(27) Auffallend ist, daß Stauds Verbindung zur deutschen
Gesandtschaft dem Bundeskanzler ebenso bekannt war wie
die Subventionierung des Freiheitsbundes aus deutschen
Geldmitteln. (28) Viele Anzeichen sprechen dafür, daß
die delikate Beziehung zwischen dem Präsidenten des
Gewerkschaftsbundes und dem deutschen Gesandten mit dem
Abschluß des Juliabkommens an Bedeutung verloren hat. Im
Jahr 1937 und in den ersten, entscheidenden Wochen des
Jahres 1938 waren die Repräsentanten der Christlichen
Arbeiterbewegung jedenfalls innerhalb des
Regierungslagers eindeutig gegen ein weitergehendes
Nachgeben gegenüber dem deutschen und
nationalsozialistischen Druck. Die Vertreter der
Christlichen Arbeiterbewegung hatten dies auch nach dem
11. März 1938 zu büßen: Sie gehörten zu den ersten
Opfern des nationalsozialistischen Terrors. (29)
-
- Die Christliche
Arbeiterbewegung als loyale Opposition
-
- Das Verhalten der Christlichen Arbeiterbewegung zwischen
1934 und 1938 kann nur im Zusammenhang mit der Geschichte
und dem Selbstverständnis dieser Bewegung erklärt
werden. Die Christliche Arbeiterbewegung war immer ein
Bestandteil des christlichsozial-konservativen Lagers.
Sie definierte sich immer auch als Teil der Kirche, sie
vertrat eine aus der kirchlichen Sozial lehre abgeleitete
gesellschaftspolitische Auffassung. Eingebettet in diese
Tradition konnte sie sich gegenüber dem
"autoritären Ständestaat" nicht anders als
grundsätzlich loyal verhalten - auch die Katholische
Kirche, und zwar sowohl der Vatikan als auch die
österreichischen Bischöfe, stützten das Regime.
-
- Dennoch gab es Katholiken, die auf größere, kritischere
Distanz zum Austrofaschismus gingen, als dies die
Repräsentanten der Christlichen Arbeiterbewegung taten.
Dazu zählte nicht nur die kleine Gruppe religiöser
Sozialisten, sondern auch - zunächst 1933 und 1934, dann
wieder ab 1936 Ernst Karl Winter. (30) Daß die
Christliche Arbeiterbewegung zu einer solchen Distanz
nicht fähig war, lag auch an ihrem Konkurrenzverhältnis
zur sozialistischen Arbeiterbewegung. Der
Antisozialismus, der Antimarxismus war immer auch eine
zentrale Motivation für das Handeln der Christlichen
Arbeiterbewegung. Da die Christlichen Gewerkschaften die
entscheidenden Funktionen der offiziellen, für die
Vertretung der Arbeiterinteressen geschaffenen
Einrichtungen des Ständestaates übernahmen, mußte jede
Aussöhnung mit der Sozialdemokratie eben diese Position
gefährden. Die Christliche Arbeiterbewegung konnte gar
nicht, ohne ihre eigene Stellung prinzipiell zu
gefährden, für die volle Aussöhnung zwischen
Regierungslager und Sozialdemokratie sein.
-
- Der Antisozialismus in Form des Antimarxismus war bei der
Christlichen Arbeiterbewegung immer auch mit
antisemitischen Motiven durchmischt. In allen ihren
programmatischen Äußerungen - insbesondere auch im
Linzer Programm der christlichen Arbeiter Österreichs
1923 - waren Antimarxismus und Antikapitalismus durch den
Antisemitismus verknüpft. Die marxistische Form des
Sozialismus und die liberale Form des Kapitalismus waren
für die Theoretiker der Christlichen Arbeiterbewegung
gleichermaßen Produkt des internationalen Judentums,
dessen Einfluß zu bekämpfen war.
-
- Der Antisemitismus war keineswegs bloß religiös
motiviert - offen rassistische Argumente wurden ebenfalls
verwendet. So hieß es im Linzer Programm (31):
- "Für gesunden Fortschritt auf kulturellem,
politischem und wirtschaftlichem Gebiete ist es von
wesentlicher Bedeutung, daß die Führer der
Arbeiterschaft in Abstammung und Denkart dem
bodenständigen christlichen Volke angehören und daß
der zersetzende Einfluß des Judentums aus dem Geistes-
und Wirtschaftsleben des deutschen Volkes verdrängt
werde."
-
- Der Antisemitismus lieferte auch die offizielle
Begründung für die Zuwendungen, die die deutsche
Gesandtschaft zumindest bis 1936 der Christlichen
Arbeiterbewegung zukommen ließ. In einem vertraulichen
Bericht von Papens an Hitler vom 12. Mai 1936 wurde von
Stauds Ablehnung einer näheren Bindung des
Freiheitsbundes an tschechische Interessen berichtet.
Weiters hieß es in diesem Bericht (32): "Daraus
ergibt sich für uns ferner die Notwendigkeit, diese
Bewegung wie bisher finanziell zu unterstützen, und zwar
im wesentlichen mit Bezug auf die Weiterführung ihres
Kampfes gegen das Judentum. Ich halte für erforderlich
einen Betrag von etwa 100.000,- RM, der fallweise in
Schillingen zur Verfügung zu stellen wäre, und bitte um
dahingehende Bewilligung. Unser Verhältnis zum
Freiheitsbunde, insbesondere zu seinem Führer Staud, ist
bereits so intim, daß ich gefragt worden bin, welche
Persönlichkeiten bei einer Einführung von Ministern aus
der nationalen Opposition in das Kabinett seitens der
deutschen Regierung gewünscht würden."
-
- Der Antisemitismus diente sogar als Brückenschlag zu der
expansiven Politik des sonst radikal abgelehnten
Nationalsozialismus. Der Antisemitismus half mit, eine
klare Bündnispolitik mit der linken gegen den
Nationalsozialismus zu verhindern.
-
- Dennoch blieb die Christliche Arbeiterbewegung eine
Arbeiterbewegung - sie setzte sich innerhalb der
Systemgrenzen für die sozialen Interessen der
Arbeitnehmer ein; sie wandte sich insbesondere gegen den
vor allem unmittelbar nach den Februarkämpfen
einsetzenden Abbau der sozialen Sicherheit; sie
bekämpfte alle Strömungen des Regierungslagers, die der
Arbeiterschaft noch mehr Rechte nehmen wollte. (33) Die
Systemgrenzen waren freilich eng gezogen; die Wirksamkeit
der defensiven Sozialpolitik der Christlichen
Arbeiterbewegung war dementsprechend gering.
-
- Daß es die Christliche Arbeiterbewegung als
Arbeiterbewegung auch im "autoritären
Ständestaat" gab, ist ein Indikator für die
Qualität dieses Systems. In den anderen faschistischen
Systemen ist die politische Autonomie einer christlichen
Arbeiterbewegung nicht bekannt; die relative Autonomie
der Christlichen Arbeiterbewegung in Österreich belegt
den bloß eingeschränkt, den unvollendet faschistischen
Charakter des "autoritären Ständestaates".
- Anmerkungen
-
- (1) Anton Pelinka, Stand oder Klasse? Die Christliche
Arbeiterbewegung Österreichs 1933 -
1938,Wien1972,S.21-34.
- (2) Zur Frühgeschichte der Christlichsozialen Partei
siehe Reinhold Knoll, Zur Tradition der
christlichsozialen Partei. Ihre Früh- und
Entwicklungsgeschichte bis zu den Reichsratwahlen 1907,
Wien 1973"
- John W. Boyer, Political Radicalism in Late Imperial
Vienna. Origins of the Christian Social Movement 1848
-1897, Chicago 1981.
- (3) Vgl. dazu etwa Oswald v. Nell-Breuning, Soziallehre
der Kirche. Erläuterungen der lehramtlichen Dokumente,
Wien 1977.
- (4) Fritz Klenner, Die österreichischen Gewerkschaften.
Vergangenheit und Gegenwartsprobleme, Band 2, Wien 1953,
S. 1019 -1073.
- (5) Klenner,a.a.O.,S.1097f.
- (6) Pelinka,a.a.O.,S.35.
- (7) Ludwig Jedlicka, Ein Heer im Schatten der Parteien,
Graz 1955.
- (8) Gustav Blenk, 1918 -1934, in: Die Christlichen
Gewerkschaften in Österreich, Wien 1975, S.155f.
- (9) Pelinka, a.a.O., S. 183 -202.
- (10) Pelinka, a.a.O., S. 52 -54.
- (11) Klenner,a.a.O.,S.1009.
- (12) Zit. nach Gustav Blenk, Leopold Kunschak und seine
Zeit, Wien 1966, S. 181.
- (13) Franz Hemala, Die Gewerkschaften im Wandel der Zeit,
Wien 1937, S. 27.
- (14) Pelinka, a.a.O., S. 96 f.
- (15) Pelinka,a.a.O.,S.105.
- (16) Pelinka, a.a_O., S. 81 -85.
- (17) Christi Kluwick, 1934 -1945, in: Die Christlichen
Gewerkschaften, a.a.O., S. 245.
- (18) Pelinka,a.a.0.,S.119-127.
- (19) josef Dobretsbe rger , Tonbandinterview,
Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstands
Wien, aufgenommen 1970. Dazu auch Otto Leichter,
tjsterreichs Freie Gewerkschaften im Untergrund, Wien
1963. josef Hindels, tjsterreichs Gewerkschaften im
Widerstand 1934 -1945, Wien 1976.
- (20) Pelinka, a.a.O., S. 73 -94.
- (21) Vgl. dazu auch Ludwig Reichhold, Opposition gegen
den autoritären Staat. Christlicher Antifaschismus 1934
-1938, Wien 1964.
- (22) Leopold Kunschak, Die Arbeiterschaft im autoritären
Kurs, in: jahrbuch der christlichen Arbeiterschaft
tjsterreichs, Wien 1937.
- (23) Hindels, a.a.O., S. 121 -138. (24)
Pelinka,a.a.0.,S.129-141. (25) Rede Kunschaks vom 9.
Februar 1934, zit. nach:
Christlichsoziale"Arbeiterzeitt:,.,;;, 1.7. Februar
1934, S. 2.
- (26) Otto Leichter, Zwischen zwei Diktaturen, Wien 1968,
S. 250 -257.
- (27) Vgl. dazu Kluwick, a.a.O., sowie die Diskussionen
während der 18. Internationalen Tagung der Historiker
der Arbeiterbewegung in Linz. Willibald I. Holzer, Die
18. Internationale Tagung der Historiker der
Arbeiterbewegung in Linz vom 14. bis 18. September 1982,
in: I nternationale wissenschaftliche Korrespondenz zur
Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung, 2{1983,
insbes. S. 237 -240.
- (28) Privatbrief Schuschniggs an den Autor vom 2. juli
1970. (29) Vgl. dazu Kluwick, a.a.O., S. 251 -254.
- (30) Hindels, a.a.O., S. 89 f.
- (31) Das Linzer Programm der christlichen Arbeiter
tjsterreichs, erörtert von Dr. Kar! Lugmayer, Wien 1924,
S. 10.
- (32) Geheimbericht und vertrauliche Briefe Papens an
Hitler, zit. nach: Der Hochverratsprozeß gegen Dr. Guido
Schmidt vor dem Wiener Volksgericht. Die gericht
- lichen Protokolle, Wien 1947, S. 404 f.
- (33) Vgl. dazu allgemein Reichhold, a.a.O., sowie
Pelinka, a.a.O., S. 245 -248.
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