Wende
- aus
- "Der wilde
Osten"

- Hannes Hofbauer,
Promedia-Verlag 1991
- Einleitung
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- Berlin, Prag, Temesvar, Bukarest, Sofia - Hunderttausende
waren ein paar Wochen lang, Tag und Nacht auf den
Straßen. Der Herbst 1989 sah eine allseits geliebte
Volkserhebung im Osten Europas. Die Ereignisse
überstürzten sich. Die Berichterstattung darüber
belegte alle Vorkommnisse, die jahrzehntelang voll
Distanz und Abscheu kommentiert wurden, mit positiven
Attributen. 'Generalstreik', 'Aufstand', 'Revolution'
wurden enthusiastisch gefeiert, über jede Demonstration
wohlwollend berichtet. Dieselben Medien, die Anti-AKW
-Demos in der BRD und Arbeitskämpfe in Großbritannien
mit der lapidaren Feststellung diffamierten, daß es -
wie gehabt - zu Ausschreitungen gekommen sei, jubilierten
nun zu Jahresende 1989. Aus' Ausschreitungen' wurde im
Sprachgebrauch für Osteuropa' gerechter Volkszorn'.
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- Bloß beschreibende Berichterstattung machte einer
Mystifizierung des Geschehens Platz, die bis heute
nachwirkt. "Das Volk ist an der Macht" sollte
suggeriert werden. Das Volk - so der Tenor der
Kommentatoren - hat sich geholt, was ihm zusteht:
Freiheit, Demokratie, Menschenrechte. Genau 200 Jahre vor
dem Sturm auf die Stasizentrale stürmte das Volk die
Bastille. Der Mythos von der Volksmacht hielt sich trotz
der Charakterisierung der Französischen Revolution als
bürgerlich. Damals wie heute blieben auf dem
Schlachtfeld der Wende Sieger und Verlierer zurück. Der
dynamische Bürgerstand opferte 1789 eine Generation
Adelige, die eigentlichen Verlierer waren jene, die aus
der Handwerksstube in die Fabrikshalle gezwungen wurden.
Ihre Freiheit beschränkte sich fortan darauf, daß sie
nichts anderes zu verkaufen hatten als sich selbst.
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- Auch die im Herbst 1989 gewonnene Freiheit wird fein
portioniert verteilt. Wer sich DM erschwindelt oder
Direktorenposten ersessen hat, zählt ebenso zu den
Gewinnern der Wende wie jene Flexiblen aus West und Ost,
die die Gunst der Stunde und die geänderten
ökonomischen Bedingungen zu nutzen wußten;
Kriegsgewinnler ohne Krieg. Allen anderen jedoch, die
ihre soziale Sicherheit auf 40 Jahre Vergangenheit
aufgebaut haben, droht Armut, Elend und ...Vergessen.
Über Millionen von wirtschaftlich unbrauchbar Gewordenen
in Rumänien, Bulgarien, Polen, der Slowakei, Ostungarn
und der Sowjetunion werden bald nur mehr Geschichten in
Form von Einzelschicksalen berichten. Allenfalls
Inflationsprozente und Preissteigerungsraten könnten
sensiblere Beobachter über den Zustand der Opfer der
neuen Freiheit erschaudern lassen.
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- Wo und wann genau die Wende, die nur in manchen
osteuropäischen Ländern von Volkserhebungen
unterstützt worden war, begonnen hat, wird
orschungsgegenstand zahlreicher historischer Studien
sein. Von hinten nach vorne: Zuallerletzt kam es im
Sommer 1989 durch Scherenschnitt zu jener Grenzöffnung
zwischen Ungarn und Österreich, die in der Folge fast
eine Viertelmillion Ostdeutsche in eine neue Heimat
trieb. Die Massenflucht der DDR-Bürger/innen war ein
entscheidender Schritt von Ost nach West, der die
politische Wende bzw. den späteren Sturz der Regierungen
in Berlin, Prag, Sofia und Bukarest vorwegnahm.
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- Schon über vier Jahre zuvor, auf dem April-Plenum des
Zentralkomitees der KPdSU 1985, war eine 'Revolution von
oben' eingeleitet worden. Damals lernte der Westen
russisch: Perestroika und Glasnost sind in den
Washingtoner und Bonner Wortschatz eingegangen. Michail
Gorbatschow , der frischgekürte Generalsekretär der
mächtigsten Partei der Welt, entschloß sich, die
höllische Krise, in die die sowjetische Wirtschaft
geraten war, durch grundsätzliche Änderungen lösen zu
wollen. Die projektierte Einführung der Marktwirtschaft
sollte - so der Plan - sozialistische Wohlfahrt bringen.
Jahrzehntelang hatte der kommunistische 'Teufel' das
kapitalistische 'Weihwasser' gescheut, jetzt segnete er
seine Schäfchen damit. Im Westen wurde Gorbatschow
dafür zum Hohepriester gekürt, im Osten begann die
Bevölkerung in den einzelnen Republiken des
Riesenreiches selbst schwarze Messen zu lesen. Die
Litanei von der 'Sozialen Marktwirtschaft' wurde zum
Stoßgebet.
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- Noch ein Dutzend Jahre zuvor, Anfang 1970, war billiges
Geld weltweit auf der Suche nach Kreditnehmern. Die
intensive Phase des Wiederaufbaus seit Kriegsende war
abgeschlossen, produktive Investitionen dementsprechend
seltener, Finanzgeschäfte ertragreicher. Der Osten
Europas, seit Stalin durch die Konzentration auf
Schwerindustrie auf dem Konsumgütersektor
zurückgeblieben, griff zu. Mittels günstiger Kredite,
so hofften Kadar, Gierek und Co., könnte man moderne
Industriezweige aufbauen. Dieser "Sprung nach
vorne" sollte ihnen auch helfen, das politisch
sprachlose Volk materiell zu befrieden. Östlicher
Sozialpakt mit westlichen Krediten, das hatten sich die
Ostblock-Führer der 70er Jahre ausgedacht. Es kam alles
ganz anders.
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- Die Zinssätze kletterten in die Höhe, die
technologische Revolution des Silicon Valley hielt trotz
Westgeld im Osten nicht Einzug. Das Projekt nachholender
Entwicklung, wie es in den einzelnen Ländern des RGW
(Rat für gegenseitige Wirtschaftshilfe) geplant war,
scheiterte kläglich. Zurück blieben ein wachsender
Schuldenberg und Parteiführer, die jede Glaubwürdigkeit
in der Bevölkerung verloren hatten.
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- Gleichzeitig verlor die Sowjetunion im Rüstungswettlauf
mit den USA nicht nur militärtechnologisch an Terrain,
sondern auch ökonomisch an Substanz. Totgerüstet war
das riesige Reich zwischen Brest und Wladiwostok, als
Ronald Reagan seine Mittelstreckenraketen in Europa
erneuerte und das Star-War-Programm lancierte. Moskau
hatte diesem Kraftaufwand der USA, der mitverantwortlich
für das Steigen der Zinssätze war, nichts
entgegenzusetzen. Militärisch von der US-Army
überflügelt, ökonomisch erschöpft und politisch im
eigenen Land diskreditiert, wechselte der Kreml die
Parolen. Marktwirtschaft hieß nun das neue Credo. Das
osteuropäische Glacis, im 'Großen Vaterländischen
Krieg' erworben, ließ man unbeaufsichtigt seiner Wege
gehen. Zu viele Sorgen im eigenen Land machten gemeinsame
Anstrengungen des RGW unmöglich - so notwendig sie
gewesen wären.
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- Die Signale aus Moskau fanden ihr Echo in Warschau und
Budapest. Dort war der gesellschaftliche Konsens in
Richtung Wende am weitesten fortgeschritten. Unter der
Schirmherrschaft der kommunistischen Partei waren
liberale Kader ausgebildet worden. Längst lagen
ökonomische Reformprogramme in den Schubladen. Hastig
wurden die ärgsten Hindernisse auf dem Weg Richtung
Westen beseitigt: Außenhandelsmonopol, Restriktionen im
Kapitalverkehr und Investitionsbeschränkungen wurden
aufgegeben, persönliche Bewegungsfreiheit folgte bald.
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- Der Eiserne Vorhang, Symbol der Herrschaft
osteuropäischer Diktaturen und gleichzeitig Schutz vor
ökonomischen Übergriffen aus dem Westen, brach an
seiner schwächsten Stelle. In Ungarn, dem Land mit der
höchsten Pro-Kopf-Verschuldung Europas, durchschnitt die
offiziell noch nicht reformierte Staats- und
Parteiführung jenen Stacheldraht, der 40 Jahre lang den
Osten vom Westen getrennt hatte. Am 11. September 1989
genehmigten Ministerpräsident Pozsgay und Außenminister
Horn die Ausreise von DDR-Bürgerlnnen ohne gültige
Paßdokumente. Der Damm war gebrochen. Und während
tausende Ostdeutsche über die von Hitler erbaute
Autobahn von Wien Richtung München fuhren, ergoß sich
ein Milliarden-DM-Kredit von Frankfurt Richtung Budapest.
Der exakte Kaufpreis ist ebensowenig bekannt wie die
Kosten der Freiheit.
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- In Berlin (Ost), Leipzig, Dresden ...funktionierte indes
nichts mehr. Die Besten waren geflohen. Im Spital fehlten
Krankenschwestern und Ärzte, in der Fabrik die
Facharbeiter, jeder fünfte Geschäftsladen stand ohne
Verkäuferlnnen da. Und die "Deutsche Welle"
gab den Bedarf der bundesdeutschen Wirtschaft an
ostdeutschen Arbeitskräften über den Äther bekannt:
"Im Raum Hamburg mangelt es an medizinischem
Hilfspersonal. Braunschweig benötigt Fachkräfte für
...". Als österreichische Hoteliers in bayrischen
Auffanglagern nach sächsischen und brandenburgischen
Serviererinnen und Köchen Ausschau hielten, stellten sie
verdutzt fest, daß die meisten bereits in der Budapester
Zeltstadt von westdeutschen Unternehmern angeworben
worden waren.
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- Der Aderlaß an spezialisierten und gut ausgebildeten
Fachkräften gab der DDR den Todesstoß. Die Leipziger
Montagsdemonstrationen trugen dann noch zur
Beschleunigung des SED-Selbstrnordes bei.
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- Fall der Mauer, Währungsunion, kalter Anschluß - die
politischen Spuren wurden verwischt. Die ehemalige DDR
kennt keine Verantwortlichen für die Ereignisse des
'heißen Herbstes'. Mehrmalige Führungswechsel in
SED/PDS (Sozialistische Einheitspartei Deutschlands,
später: Partei des demokratischen Sozialismus), CDU
(Christlich-demokratische Union, Blockpartei) und SDP/SPD
(Sozialdemokratische Partei) haben schon vergessen
gemacht, wer denn nun eigentlich worüber die
Entscheidungen getroffen hat. Honecker, Krenz, Modrow;
Schnur, Eppelmann, de Maiziere; Böhme, Meckel ...alle
waren sie im entscheidenden Moment als Parteigänger oder
- vermeintliche - Stasispitzel enttarnt und von ihren
Posten enthoben worden. Die DDR wurde ausradiert, mit
Stumpf und Stiel, geblieben ist nicht einmal die
Erinnerung an die hauseigenen Totengräber.
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- Den anderen entkommunifizierten Ländern, die im
Unterschied zur DDR eigene nationale Identität besaßen,
war der Mythos wichtiger als das Vergessen. Das neue
staatliche Selbstverständnis brauchte ihn. Der Mythos
hieß Revolution. Und er schreckte nicht vor dem
Instrument des Todes zurück. So produzierte die Prager
Gerüchteküche des Bürgerforums am 17. November 1989
einen Toten am Wenzelsplatz - von Sicherheitskräften
erschlagen -, um den Gang der Ereignisse zu
beschleunigen. Am selben Tag war im bundesdeutschen
Heidelberg eine antifaschistische Demonstrantin von
prügelnden Polizeieinheiten auf eine stark befahrene
Straße unter die Räder eines PKW getrieben worden: Die
tote Antifaschistin kam in den Medien nicht vor, der -
wie sich später herausstellte - inexistente tote Prager
Student machte zwei Tage lang Headlines.
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- Auch Havels kometenhafter Aufstieg vom Dramaturgen zum
Republiksgründer ist Teil einer Inszenierung, die aus
drei Massenkundgebungen und zwei Stunden Generalstreik
eine Revolution gemacht hat.
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- Noch krasser ist der Widerspruch zwischen Mythos und
Wirklichkeit in Rumänien. Der Hinrichtung des Ehepaars
Ceausescu am Christtag des Jahres 1989 folgte die
christliche Welt unter dem Weihnachtsbaum mit Genugtuung.
Dem blutrünstigen Dracula war Gerechtigkeit widerfahren.
In den Tagen zuvor hatten seine Chargen, so sah man's
beim Abendbrot vor dem TV-Bildschirm, 10.000 großteils
ungarisch stämmige Rumän/nn/en bestialisch ermordet.
Schnell ausgegrabene Leichen wurden hautnah ins
Wohnzimmer gesandt.
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- Später, als sich die revolutionäre Aufregung in
Rumänien und das Interesse der Voyeure gelegt hatte,
taten rumänische und französische Berichte kund, daß
die einprägsamen Friedhofsleichen nicht
Revolutionsopfer, sondern Spitalstote gewesen waren. Ein
westliches Fernsehteam hatte den Wärter gebeten, für
ein paar Dollar Leichen auszugraben und revolutionär zu
drapieren. Der Stacheldraht im Fleisch des Kindes stammte
vom Friedhofszaun.
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- Untersuchungen von Ärzten aus Temesvar/Timisoara
straften die Behauptung Lügen, daß am 17. Dezember 1989
10.000 Demonstrant/inn/en von der Securitate getötet
wurden. Das Leichenschauhaus registrierte 96 Opfer des
Blutbades. Beim Überfall der US-Streitkräfte auf
Panama, der zeitgleich stattfand, tickerten die
internationalen Nachrichtenagenturen eine Opferbilanz von
200 bis 300 über den Fernschreiber. 7000 tote
Panamar/nnen wies eine US-amerikanische Studie
aus, die Monate später von ExJustizminister Ramsey Clark
vor Ort erstellt wurde.
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- Einverstanden, Tote gegenseitig aufzurechnen, ist
unschön, unmoralisch. Wenige Tote sind nicht besser als
viele Tote. Aber viele Tote, denke ich, sind schlechter
als wenige. Das weiß die neue rumänische Führung
genauso wie George Bush. Der Mythos Revolution, der die
Mannen um Ion Iliescu an die Macht getragen hat, konnte
viele Opfer gebrauchen. Opfer, die den Beweis für die
Grausamkeit Ceausescus lieferten. Bis heute gilt der
rumänische Diktator als 10.OOOfacher Mörder von
Temesvar, während US-Präsident Bush seine Invasion in
Panama als bloße Gefangennahme General
- Noriegas darstellen konnte - tausende ermordete
Zivilisten bleiben vergessen.
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- Mythos und Wirklichkeit. Die unzufriedenen Massen auf den
Straßen von Berlin, Prag, Temesvar, Bukarest und - erst
nach erfolgter Wende - Sofia prangerten ein verhaßtes
Regime an, das sich nicht mehr zur Wehr setzte, weil es
schon längst am Ende war. Honecker, Husak und Schivkoff
sahen für ihre Länder keine wirtschaftliche Perspektive
mehr, deretwegen es sich gelohnt hätte, mit letzter
Konsequenz an der politischen Macht zu kleben. Nur
Ceausescu wollte das Feld nicht kampflos räumen. Er
hatte gerade einen großen wirtschaftlichen Triumph
gefeiert. Zehn Jahre lang bürdete er seinem Volk die
härtesten sozialen Bedingungen des Internationalen
Währungsfonds auf, um sämtliche Auslandsschulden
zurückzahlen zu können. Exportoffensive und
Importstopp, Lohnstopp, staatlich verordneter
Konsumverzicht und verdeckte Massenarbeitslosigkeit. Im
April 1989 war es soweit: Rumänien war schuldenfrei. Zu
spät, denn ringsum begann sich der osteuropäische
Wirtschaftsraum aufzulösen. Allein konnte Ceausescu der
Brandung der Wende, die bereits alle Nachbarn ergriffen
hatte, nicht standhalten.
- Ein halber Kontinent wechselte - mit Ausnahme Rumäniens
- friedlich das politische System. In Polen und Ungarn
benötigte diese sogenannte Revolution nicht einmal
Straßenproteste. Eine ganze Riege als Stalinisten
beschimpfte Parteiführer ließ sich abwählen; was der
Namensgeber dieser allesamt unehrenwerten Herren so
freilich nicht zugelassen hätte. Weil sie wußten, wie
es wirtschaftlich um ihre Länder bestellt war, wie
düster die Zukunft aussehen würde, warfen sie das
Handtuch.
-
- Die düstere Zukunft hat schon begonnen. Die
Verschuldungsspirale dreht sich weiter (auch Rumänien
hat mittlerweile wieder Auslandskredite aufgenommen),
konkurrenzunfähige Industriekombinate schließen ihre
Pforten, die einheimischen Landwirtschaften stehen vor
dem Ruin, Arbeitslosigkeit wird zum Massenphänomen,
Preise steigen und Reallöhne sinken, westliche
Investoren - als Rettung in der Not umworben - bleiben
aus. Die wirtschaftliche Sanierung, die man sich mit der
Übernahme der Marktwirtschaft erhoffte, klappt nicht.
Besser gesagt, sie wird so selektiv durchgeführt, daß
sie regionale und soziale Gräben aufreißt und vertieft,
die damit den Keim für künftige Konflikte in sich
tragen.
-
- Nur besonders lukrative Betriebsteile finden Westpartner.
Eine mögliche Konsolidierung beschränkt sich auf wenige
Regionen. Die ehemalige DDR, die böhmischen Länder und
Westungarn könnten mittelfristig von der Wende
profitieren. Der Rest wird europäisches Randgebiet, wie
bereits vor und zwischen den beiden Weltkriegen. Dort
wird eine Phase der politischen Instabilität Einzug
halten, wie wir sie seit Jahrzehnten aus Lateinamerika
kennen. Populisten, Generäle und Nationalisten werden
sich die Klinken der Regierungspaläste in die Hand
geben. Die parlamentarische Demokratie bleibt als den
kapitalistischen Zentralräumen adäquate Herrschaftsform
dem angeschlossenen Osten Deutschlands sowie Ungarn und
der CSFR vorbehalten. Wobei nicht auszuschließen ist,
dass politische Glücksritter a la Tyminski auch an
Moldau und Donau Fuß fassen.
-
- Den bevorstehenden sozialen Unruhen in Osteuropa kann
eigentlich nur mit autoritären Mitteln begegnet werden.
Zu sehr diskreditiert hat der 'reale Sozialismus' jedes
solidarische gesellschaftliche Engagement. Nicht nur der
Sozialismus, die soziale Frage als solche ist durch ihre
40jährige propagandistische Überreizung in Mißkredit
geraten. Niemand in Polen, Ungarn oder der CSFR will im
Moment etwas von Sozialprogrammen hören. Die Formel des
'Jeder-ist-seines-Glückes-Schmied' läßt in diesen
Ländern eine schmale Mittelschicht entstehen, die die
allseits akzeptierte neoliberale Ideologie für sich
selbst zu barer Devisenmünze macht. Den zunehmend
verarmenden Proletariern, Bauern und Rentnern bleiben,
wenn sie schon keine DM und Dollar haben, zumindest
nationale Parolen. Und Nationalismus bringt allemal
autoritäre Regime an die Macht.
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- Die Propagierung eines antikommunistischen Nationalismus,
wie er von Vilnius bis Zagreb, von Bratislava bis Kiew
die Massen in Atem hält, hat für die reformierten
politischen Verantwortlichen einen entscheidenden
Vorteil: Die Schuld an der sozialen Misere kann - je nach
Bedarf - der alten KP-Nomenklatura, den Juden oder den
Zigeunern, den Nachbarn oder den ethnischen Minderheiten
zugeschoben werden.
-
- Und diesen Vorteil weiß auch der eigentliche Profiteur
des Umbruchs zu nützen. Der radikale Nationalismus
widerspricht den Plänen zur Neuordnung Europas, wie sie
zur Zeit in Brüssel beraten werden, keineswegs solange
er sich auf die Peripherie beschränkt. Denn die (west-
)europäische Integration bedeutet gleichzeitig
Desintegration für Osteuropa. Zwischen dem reichen
Wohlstandseuropa und dem armen, verelendeten Ostrand muß
zwar der Waren- und Kapitalverkehr frei fließen können,
der Verkehr von Menschen soll jedoch möglichst
kontrolliert bleiben. Dafür wurden im Jahre 1990
Visabestimmungen für Bulgar/inn/en, Rumän/inn/en und
teilweise auch für Pol/inn/en eingeführt, dafür
patrouillieren 4000 österreichische Soldaten an der
Grenze zu Ungarn, um sogenannte illegale Einwanderer zu
stoppen. In Polen wird gerade ein mehr als 1000 Kilometer
langer Maschendraht verlegt, zur Abhaltung der ehemaligen
Genossen aus Weißrußland. Am schmalen Grenzstreifep zur
Ukraine heben ungarische Zöllner einen tiefen Graben
aus, um parallel dazu einen hohen Zaun zu setzen. Das
Einfangen illegal genannter Grenzgänger gehört auch in
der neuen CSFR zur Routine - schon demokratisch, noch
Kalaschnikow.
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- Der Feind steht im Osten. Wie seit jeher. Waren es vor
Jahrhunderten die Osmanen und vor einer Generation die
Russen, die uns bedrohten, so sind sie es heute wieder:
Türken, Russen, Rumänen, Bulgaren. Unbewaffnete
Zivilisten auf der Suche nach Arbeit und Wohnung, die -
so heißt es unseren Wohlstand gefährden.
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- Was sich niemand wirklich zu sagen getraut: Der Eiserne
Vorhang war - auch - ein Schutzwall für den Westen.
Solange neben dem kapitalistischen im Osten ein zweiter,
relativ abgeschotteter Wirtschaftskreislauf hinter Mauer
und Stacheldraht funktioniert hat, war es möglich, dort
ein Lohn- und Preissystem aufrechtzuerhalten, das den
Menschen einen bescheidenen Lebensunterhalt garantierte.
Mit sozialistischen Idealen hatte diese Form von
Protektionismus nur wenig zu tun. Nun, nach der Öffnung
und dem Zusammenbruch des gesamten gesellschaftlichen
Gefüges in Osteuropa, prallen die Gegensätze zwischen
westlichem Zentrum und östlicher Peripherie ungebremst
aufeinander. Durchschnittliche Monatslöhne von 30 Dollar
in Rumänien und 60 Dollar in Polen reichen in
Gesellschaften, die sich an EG und Weltmarkt orientieren,
nicht zum Überleben.
-
- Der Leiter der Europaratsabteilung für sozioökonomische
Fragen, Jean Claude Chesnais, hat Ende Jänner 1991 auf
der Wiener Ost-West-Wanderungskonferenz
Schreckensszenarien an die Wand gemalt. Demnach haben 50
Prozent der Ost-Jugendlichen zwischen 15 und 25 Jahren
keine Chance auf einen Arbeitsplatz in ihrer Heimat. Für
das zukünftige Polen hat Chesnais fünf Millionen
Arbeitslose errechnet, für die Sowjetunion gar 40
Millionen.
-
- Angesichts dieser Entwicklung herrscht Panik im Westen.
Die EG hat noch keine gemeinsame Linie gegenüber
Ost-Immigranten. Abschottung oder Grenzöffnung - für
beide Strategien gibt es Fürsprecher. Die
Abschottungsstrategie zielt wohl eher auf den
störungsfreien Aufbau des Gemeinsamen Marktes, der sich
soziale Unruhe - wie sie durch die Einwanderung
hunderttausender Osteuropäer/innen entstehen würde -
nicht leisten kann. Umgekehrt steckt hinter der liberalen
Grenzöffnungsforderung oft der Wunsch der Industrie nach
billigster, östlicher Arbeitskraft, die für die weitere
Deregulierung des westeuropäischen Arbeitsmarktes
instrumentalisierbar wäre.
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- Daß es eine neue Grenze zwischen West- und Osteuropa
geben wird, steht außer Frage. Wo diese verlaufen wird,
darüber herrscht noch keine Einigkeit. Am
wahrscheinlichsten wohl östlich der Oder/Neiße und
nordwestlich des Balkans. Hie 'Europa', da
'geschichtslose Völker'; die Zugehörigkeit richtet sich
nach der Nützlichkeit fürs Kapital, und sogar Marx und
Engels hätten mit ihrer Charakterisierung der Völker im
Osten Europas - nachträglich - recht gehabt.
-
- Die Neuordnung Europas gäbe folgendes Sozialporträt:
Bürgerkriege im Osten und Wohlstandsfriede im Westen.
Die Lissaboner Slums, die Farbiken in Brixton/London, die
arabischen Jugendlichen in Paris, Lyon und Marseille
lassen sich darin noch allemal mit selektiver Gewalt
integrieren. Der unvermeidliche Aufstand der unter
kapitalistischen Verwertungsbedingungen unbrauchbaren
Massen zwischen Warschau, Sofia und Moskau scheint sich
in gegenseitigem nationalistischen Haß zu entladen.
Osseten, Russen, Gagausen, Ungarn, Zigeuner,
Kosovo-Albaner, Serben ...schon geht die Opferbilanz im
Kampf zwischen den Nationalitäten in die Hunderte. Ein
den ganzen europäischen Kontinent umspannender Krieg
wäre an jenem Tag nicht mehr fern, an dem sich ein von
seinen Nachbarn diktatorisch unterdrücktes Volk an
Westeuropa um Hilfe wendet. Litauer, Slowenen,
Rumänenungarn ...ihre existentielle Bedrohung könnte
allen voran das erstarkte Deutschland, das eben 16
Millionen Ostdeutsche aus den Klauen der Barbarei befreit
hat, auf den Plan rufen. Wenn sich dann dieses große
Deutschland verpflichtet fühlte, den Lauf der Geschichte
zu beschleunigen, den von russischen Militärs,
serbischen Nationalisten oder rumänischen Diktatoren
Bedrängten zu Hilfe zu kommen, dann könnte es wieder
losgehen. Und wieder würde Krieg sein, kein aggressiver,
versteht sich, sondern ein Befreiungskrieg. Anders als
1914 und 1939, aber Krieg.
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