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- Zur
Anti-Semitismus-Debatte
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- Vorbemerkung
LabourNet-Austria: Wir halten das unten
stehende Interview mit dem jüdischen Trotzkisten Rudi
Segall für ein wichtiges Dokument für eine Position
für ein nicht-zionistisches, sozialistisches
palästinensisch-jüdisches Palästina. Der grausame
Volkskrieg scheint heute den Weg dorthin völlig zu
blockieren. Trotzdem wird nur auf dem Weg des Anwachsens
einer nicht-zionistischen Massenbewegung in Israel das
Tor zu einem Frieden geöffnet werden können. Dabei
würde auch den reaktionären
islamisch-fundamentalistischen Führern, die mit Israels
brutaler Herrschaft und dem palästinensischen
Massenelend immer wieder ihre verzweifelten
"TerroristInnen" zu rekrutieren vermögen,
Einfluss entzogen werden können. Rudi Segall war in den
Dreissiger Jahren einer der nicht-zionistischen
jüdischen AktivistInnen. Wie gesagt, der Frieden in
Israel schreit heuter lauter denn je nach einer großen
mächtigen Bewegung solcher Menschen. Freilich, Rudi
Segal und GenossInnen waren damals zu wenige, um sich
gegen die Zionisten behaupten zu können....
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- Rudi Segall musste 1935 vor Hitlers Mörderbanden nach
Palästina flüchten, das damals eine der wenigen
Fluchtmöglichkeiten war. Im Kibbuz in Palästina geriet
er dann in einen dramatischen Konflikt mit den Zionisten,
der ihn mit dem arabischen Aufstand von 1936 zuerst zum
Verlassen des Kibbuz und ab Jänner 1945 schließlich
über Umwege zur Rückwanderung nach Deutschland geführt
hatte.
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- Karl, LabourNet-Austria-Redaktion
- Wien, 3.11.01, ergänzt am 1.11.02
- PALÄSTINA ALS
ZUFLUCHTSORT FÜR
- JÜDISCHE
FLÜCHTLINGE IN DER ZEIT DES FASCHISMUS
- aus INPREKORR 347, Abobestellung an inprekorr@rsb4.de
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- Inprekorr führte mit
unserem Genossen Rudi Segall das folgende Interview über
seine Zeit in Palästina. Der Genosse schloss sich dort
noch in den 30er Jahren einer trotzkistischen Gruppe an
und ist seit Ende 1947 Mitglied der Vierten
Internationale.
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- Frage.: Immer wieder beschäftigt Palästina, - das Du ja
auch kennst - die Nachrichten: Es gehört zu den
Ländern, in denen gewalttätige Auseinandersetzungen an
der Tagesordnung sind, von einem Frieden zwischen Juden
und Arabern kann nicht die Rede sein. Hast Du in
Palästina eine ruhige Zeit verlebt?
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- Rudi Segall: Meine Eindrucke von Palästina stammen aus
einer längst vergangenen Zeit - von 1935 bis 1945, also
von vor 65 Jahren: Zwei Jahre nach der Machtübernahme
Hitlers bin ich dort eingetroffen: Aber ich kann Dir
versichern: auch damals gab es dort, in dem
"heiligen Lande", keine Zeit, in der nicht
Gewalttaten, Überfälle und Morde an der Tagesordnung
gewesen wären.
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- Frage: Und warum hast Du Dir ein derartig unruhiges Land
ausgewählt?
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- R. S.: Du weißt wie ich, dass für die deutschen Juden
nach 1933 nicht die Frage eines geruhsamen Lebens im
Mittelpunkt stand - von der Wahl eines Exils konnte keine
Rede sein. Es handelte sich darum, zu überleben (obwohl
es anfangs nur von wenigen so gesehen wurde). Man konnte
nur in ein Land fliehen, das auch bereit war, Juden (wenn
auch nur in sehr beschränkter Zahl) aufzunehmen. Die
Wahl Palästinas war damals eine der wenigen
Möglichkeiten.
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- Frage: Aber Palästina war ja sicherlich ein
natürlicher, ein gegebener Zufluchtsort. Die Juden haben
doch auch früher in Palästina gelebt - war es da nicht
natürlich, dass sie dorthin zurückkehrten?
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- R. S.: Bis zur Machtergreifung Hitlers hat nur ein sehr
geringer Teil der in Deutschland lebenden Juden jemals
daran gedacht, nach Palästina auszuwandern - in ein
Land, aus dem sie vor 2.000 Jahren vertrieben wurden: sie
betrachteten sich nicht als Juden, nicht einmal als
deutsche Juden, sondern einfach als Deutsche mit
jüdischer Religionszugehörigkeit. Und die Religion hat
schon damals - wie bei den Evangelischen und den
Katholiken - eine stets abnehmende Bedeutung gehabt. Ich
bin einmal in arge Verlegenheit gekommen, als ein
befreundeter evangelischer Mitschüler mich gebeten hat,
ihn doch in eine Synagoge mitzunehmen - eine Einrichtung,
die ich selber kaum je betreten habe... Die Juden waren
damals überwiegend liberal, zum Teil in den linken
Parteien aktiv. Es gab nur eine kleine orthodox-gläubige
Minderheit - gegenwärtig ist es übrigens genau
umgekehrt.
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- Frage: So bist Du also als Nicht-Zionist nach Palästina
ausgewandert?
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- R. S.: Das ist etwas komplizierter: Bis 1933 hatte ich
keine Beziehung zum Zionismus, aber danach hatte ich das
Gefühl, dem Faschismus hilflos ausgeliefert zu sein -
ich musste in einem anderen Lande leben, und Palästina
schien mir ein gegebener Zufluchtsort. Auch haben auf
mich die besonderen Lebensbedingungen, auf die ich mich
von 1933 bis 1935 vorbereitet habe, eine starke
Anziehungskraft ausgeübt.
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- Frage: Auf welches Leben in Palästina hast du dich denn
vorbereitet?
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- R. S.: Die Zionisten gingen davon aus, dass die Juden in
ihrem zukünftigen Staate alle notwendigen Berufe
ergreifen müssten dass sie nicht mehr, wie in Europa aus
historischen Gründen auf einige Berufsgruppen
konzentriert sein dürften (in Deutschland waren die
Juden überwiegend im Handel, Rechtsanwälte, Ärzte),
sondern dass sie auch in Landwirtschaft und Handwerk
zuhause sein müssten. Deshalb bestand die zentrale
Vorbereitung der zionistischen Jugendbewegungen in der
Ausbildung zu diesen Berufen, in der Gewöhnung an
körperliche Arbeit.
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- Die Zionisten wurden von den Nazis nicht verfolgt - sie
waren ihnen bei ihrem Streben, die Zahl der Juden in
Deutschland zu verringern, sie nach Palästina zu
bringen, behilflich. Aber die Möglichkeit einer
landwirtschaftlichen Ausbildung, die Erziehung zu
körperlicher Arbeit, war für Juden innerhalb des
Dritten Reiches äußerst beschränkt. Meine Schwester
hat noch das Tischlerhandwerk in Berlin erlernt, ich aber
ging mit einer Gruppe 1934 nach Dänemark, wo wir - einer
Vereinbarung nach - für ein Jahr bei dänischen
Einzelbauern gearbeitet haben.
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- Frage: Du sagtest, dass Dich die besonderen
Lebensbedingungen, die Dich in Palästina erwarteten,
stark motiviert haben?
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- R. S.: Unsere Jugendgruppe, wie fast alle zionistischen
Jugendbewegungen, bezeichnete sich als sozialistisch,
beschäftigte sich intensiv mit Geschichte und Theorie
der Arbeiterbewegung. Noch am 1. Mai 1933, drei Monate
nach der Machtergreifung Hitlers, haben wir unserem Heim
des Haschomer Hazair eine, natürlich illegale, Maifeier
veranstaltet. Unsere Gruppe betrachtete Rassismus und
Faschismus nicht als eine zufällige Entgleisung, sondern
als eine stets drohende Gefahr im Kapitalismus. Sie ging
nicht nur von der Perspektive eines jüdischen Staates in
Palästina aus, sondern sie bestand darauf, dass dieser
Staat anders als die uns bekannten Gebilde aussehen
müsste. Ihr Ziel verband sie mit der Schaffung neuer
zwischenmenschlicher Beziehungen, die in Palästina (und
nicht nur in Palästina) verwirklicht werden müssten.
Wir erwarteten in Palästina einen Kampf fiir den
Sozialismus.
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- Frage: Wie sollte denn in Palästina dieser Kampf
geführt werden?
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- R. S.: Darüber gab es sicher zwischen den einzelnen
zionistischen Organisationen Meinungsverschiedenheiten.
Aber da wir uns erst in der Vorbereitung auf unsere
Einwanderung befanden, haben wir diese Frage nur ganz am
Rande, rein theoretisch, ohne Berücksichtigung der
Wirklichkeit, behandelt.
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- Frage: Also ohne jeden praktischen Bezug?
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- R. S.: Das würde ich nicht sagen: Wir meinten, dass man
die Vorstellung von einer neuen GeseIlschaft sofort durch
die Lebensform, die wir wählen würden, realisieren
könnte: Durch unser Leben in einem Kollektiv, dem Kibbuz
(hebr.: Sammlung), würden sich die zwischenmenschlichen
Beziehungen grundlegend ändern. Wenn jeder nach seinen
Fähigkeiten arbeiten, und wenn für jeden von der
Gemeinschaft nach seinen Bedürfnissen gesorgt würde,
dann müsste sich unser Leben bereits entscheidend von
dem der uns umgebenden Gesellschaft unterscheiden. Man
wollte also - nicht mit dem Sozialismus in einem Lande,
aber in einem Dorfe beginnen.
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- Frage: Das kollektive Zusammenleben auf dem Lande, der
Kibbuz, war also eng mit der sozialistischen Zielsetzung
verbunden?
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- R. S.: So erschien es uns jedenfalls zu Beginn. Man muss
aber hinzufügen, dass sich die kollektive Lebensform im
Grunde genommen aus einer anderen Quelle ergab: Die Juden
sollten nach den Vorstellungen der Zionisten in der
Landwirtschaft Wurzeln schlagen; als Einzelne aber gab es
für die einwandernden Juden überhaupt keine
Möglichkeit, die zumeist den arabischen
Großgrundbesitzern abgekauften Böden zu bearbeiten und
sich dort niederzulassen; in einer ungewohnten,
feindlichen Umgebung waren sie absolut auf das Kollektiv
angewiesen.
- Die Beziehung zur politischen Idee des Sozialismus war
schwach, ähnlich wie bei allen sozialdemokratischen
Parteien nach 1919.
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- Frage: Du sagtest am Anfang, dass Du bei Deinem damaligen
Aufenthalt in Palästina ein Land angetroffen hast, in
dem, ähnlich wie heute, dauernd Unruhe und Gewalt
herrschte?
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- R. S.: Knapp nach meiner Ankunft - im April 1936 - riefen
die Araber zu einem Generalstreik auf, der mit
unterschiedlicher Intensität ein halbes Jahr anhielt.
Aber erst durch den palästinensischen Aufstand gegen die
Briten und den Zionismus (1936/1939), durch die spontane
Radikalisierung der arabischen Massen gegenüber der
jüdischen Einwanderung, wurden die Kibbuzim direkt
berührt: Unsicherheit auf allen Wegen, Überfälle auf
Briten und Juden führten zu einer steigenden
Militarisierung der Kibbuzim. Entfernte man sich zur
Arbeit vom Kibbuzlager, war man selber bewaffnet oder
erhielt Begleitschutz. In den Nächten musste - nach der
Tagesarbeit - in Stellungen rings um den Kibbuz
Wachdienst geleistet werden. Im Nachbarkibbuz En Schemer,
keine 500 m von uns entfernt, wurden zwei Mitglieder
ermordet. Diese ständige Präsenz der Unruhen führte zu
heftigen Auseinandersetzungen im Kibbuz, weniger in den
allgemeinen Versammlungen (in denen die offizielle
Haltung für die traditionelle Beantwortung der Probleme
sorgte) als in kleinen Kreisen. Hier wurde uns bald klar,
dass die zionistische Arbeiterbewegung mit ihren
idealistischen Pionieren, ihren sogenannten
fortschrittlichen Institutionen wie den Kibbuzim dazu
diente, in die vordersten Linien des Kampfes gegen die
Interessen der arabischen Arbeiter und Bauern und der
arabischen nationalen Bewegung gestellt zu werden, und
dies in stetem Bündnis mit der britischen Mandatarmacht.
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- Frage: Wie reagierte dieser kleine Kreis der
Kibbuzmitglieder auf die Widersprüche, die sich vor
ihren Augen abspielten?
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- R. S.: Durchaus nicht einheitlich: Einige beschlossen,
dass sie außerhalb des Kibbuz (und gegen die
zionistischen Vorstellungen) eine politische Arbeit
führen müssten. Andere meinten, sie könnten im Kibbuz
bleiben, auch wenn sie nicht Zionisten seien, denn sie
hingen an der Lebensweise des Kibbuz. Man hat sie
gezwungen, den Kibbuz zu verlassen - sie wurden
ausgeschlossen. Ein dritter Teil ist aus familiären
Gründen oder ähnlichem trotz Ablehnung des Zionismus -
im Kibbuz geblieben. Ich glaube, dass dieser Widerspruch
sie Kraft und Gesundheit gekostet hat.
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- Frage: Was hast du außerhalb des Kibbuz gemacht?
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- R. S.: Ich habe als Landarbeiter, zeitweise auch beim
Strassenbau gearbeitet. Eine Zeitlang war ich in einem
Krankenhaus beschäftigt (wir haben den ersten Streik im
Lande in einem Krankenhaus, für bessere Bezahlung,
geführt). Im Vordergrund stand für mich die politische
Arbeit. Im Juni 1939 hatte ich den Kibbuz verlassen -
ohne politische Erklärung, aus "persönlichen
Gründen", was nicht selten vorkam. Ich hatte mir
über die Situation eines Antizionisten in Palästina
keine Illusionen gemacht: Unsere politische Arbeit
müsste sowohl gegenüber den Engländern wie den
Zionisten illegal geführt werden - wer mit der
zionistischen Ideologie gebrochen hatte, wurde von den
Engländern zu Recht als antiimperialistisch eingeordnet:
Eine Reihe von Genossen, die den Kibbuz nach einer
längeren Diskussion verlassen haben, ist ohne
Gerichtsurteil für 2 Jahre und länger interniert
worden.
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- Frage: Hattest Du eine Vorstellung von Euren politischen
Perspektiven in Palästina?
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- R. S.: Wir haben diese Frage, so glaube ich, sehr
gründlich diskutiert. Wir haben alle Möglichkeiten
politischer Arbeit erwogen, denn im Vordergrund stand die
Pflicht jedes politisch Arbeitenden, in dem Lande, in dem
er sich befindet, aktiv zu werden. Ohne eine
Zusammenarbeit mit arabischen Organisationen konnte
jedoch kein ernsthafter Kampf gegen die englische
Kolonialmacht geführt werden. Diese Zusammenarbeit aber
war den Juden in Palästina so gut wie unmöglich: Sie
stellten im Nahen Osten ein objektiv reaktionäres
Element dar, da sie sich ohne Unterstützung
interessierter Großmächte nicht halten konnten (damals
England, später die USA - vor dem I. Weltkrieg hatte man
auch schon beim Zaren angeklopft). Wir kamen zu der
- Schlussfolgerung, unseren Aufenthalt in Palästina als
ein Exil aus unseren Herkunftsländern (wir
- kamen zumeist aus Deutschland und Österreich) anzusehen.
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- Frage: Ja, gab es denn nicht die Möglichkeit eines
Friedens zwischen Juden und Arabern?
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- R. S.: Wir konnten zu jener Zeit - d. h. vor 60 Jahren -
nur aus dem Verlauf der jüdisch-arabischen Beziehungen
bis zu diesem Zeitpunkt lernen. Wenn der Boden
Palästinas von Juden bearbeitet werden sollte, dann lief
das auf eine Vertreibung der arabischen Fellachen
("Erlösung des Bodens") hinaus. Das Recht auf
Arbeit sollten grundsätzlich nur Juden haben
("Prinzip der jüdischen Arbeit"), der
angestrebte jüdische Staat (erst 1948 realisiert) sollte
außer den derzeit von Juden bewohnten Gebieten noch
weite ausschließlich von Arabern besiedelte Teile
Palästinas umfassen: Unter diesen Umständen konnte es
keinen dauerhaften Frieden geben, nur einen solchen der
ständigen wirtschaftlichen und militärischen jüdischen
Übermacht...
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- Frage: Hattest Du denn nach den Erfahrungen der Juden im
Dritten Reich keine Bedenken, in ein Land
zurückzukehren, in dem die Juden ausgerottet worden
waren?
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- R. S.: Wir hatten den Beschluss unserer Rückkehr sehr
frühzeitig - kurz nach Kriegsbeginn -gefasst und sofort
mit den damit zusammenhängenden Vorbereitungen begonnen.
Über den Holocaust wurden wir erst sehr spät
informiert, und er hat auf meinen Entschluss, nach
Deutschland zurückzukehren, keinen Einfluss gehabt. Ich
persönlich hatte überdies das unverdiente Glück, dass
meine Eltern und meine Schwester, und alle anderen mir
bekannten Verwandten, aus Deutschland fliehen konnten.
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- Wir betrachteten uns alle als Internationalisten, die in
jedem Lande für eine neue Gesellschaft kämpfen wollten,
am besten in ihrer Heimat. Wir waren stets dadurch
motiviert, dass nach dem Sturz des Hitler-Regimes der
nach Stalingrad sehr wahrscheinlich war, in Deutschland
ein anderer Staat, ein sozialistischer Staat erkämpft
werden müsse. Unsere Beteiligung daran sahen wir als die
wichtigste Aufgabe an.
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- Frage: Wie hast du deine Rückkehr vorbereitet?
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- R. S.: Es gab praktisch drei Möglichkeiten: Man konnte
auf einem Schiff anheuern -Haifa war auch im Krieg ein
Hafen mit starkem internationalen Verkehr -und versuchen,
an einem europäischen, günstig gelegenen Hafen die
Platte zu putzen, zu verschwinden. Die zweite war der
Eintritt in eine Militäreinheit, die in Europa
eingesetzt wurde und der Versuch, nach Ende der Kämpfe
abzuhauen und sich nach Deutschland durchzuschlagen
(Freunde von mir haben das geschafft). Ich habe die
dritte, harmloseste Variante benutzt: Ich begann mit dem
Training in einer Gruppe, die dazu ausersehen war, in
irgendeinem Lande Europas nach dem Kriege den
überlebenden Juden zu helfen und von dort illegale
Einwanderung nach Palästina zu organisieren. Januar 1945
-fünf Monate vor Kriegsschluss wurde unsere Gruppe
zuerst nach Ägypten, zur weiteren Ausbildung gebracht
(ich lernte dort unter anderem Lastkraftwagen fahren) und
von dort aus zur Erfüllung unserer Aufgaben nach
Griechenland.
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- Frage: Wann bist du denn nun in Deutschland angelangt?
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- R. S.: Alles hat länger gedauert als erhofft. Mein
Aufenthalt in Ägypten und dann in Griechenland hat sich
zusammen auf über zwei Jahre ausgedehnt. In Griechenland
wechselte ich von der zionistischen Gruppe zu einer
amerikanischen Hilfsorganisation, bis es mir gelang, nach
Deutschland zurückzukehren, wo ich die letzten 53 Jahre
verbracht habe ...Aber das ist eine andere Geschichte,
die mit Palästina nichts zu tun hat.
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- Denke ich heute an Palästina zurück, kann ich nur
feststellen, dass sich meine Einstellung zu den dortigen
Vorgängen nicht geändert hat - ich würde im Gegenteil
sagen: Alle Prognosen, die wir damals gestellt hatten,
sind mehr oder weniger eingetroffen.
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