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Die Auflösung der Koalition
(der Alliierten des 2.Weltkrieges)
- Am 9. August, dem Tag, als die zweite Atombombe auf
japanisches Gebiet abgeworfen wurde, erklärte Präsident
Truman, daß diese Bomben eingesetzt worden seien, »um
den Krieg abzukürzen, um das Leben Tausender und aber
Tausender von jungen Amerikanern zu retten«. Die
Rechtfertigung für seine Behauptung schien in der
Tatsache zu liegen, daß Japan nicht kapitulieren wollte.
70000 Amerikaner hatten fallen müssen, um im Frühjahr
zuvor Iwo Jima und Okinawa einnehmen zu können. Jeder
Versuch einer Invasion der japanischen Inseln würde
Hunderttausenden von Amerikanern das Leben kosten.
-
- Doch sollte laut Plan keine Landinvasion dieser Inseln
vor dem 1. November 1945 stattfinden! Die USA hatten
darüber hinaus Kenntnis davon erhalten, daß die
japanische Regierung bereits einen Monat vor Abwurf der
Bombe über ihren Botschafter in Moskau um Frieden
ersucht hatte. Man vergleiche dazu in den Forrestal
Diaries die Eintragung vom 13. Juli 1945: »Der erste
wirkliche Beweis für den Wunsch der Japaner nach einer
Beendigung des Krieges wurde heute durch eine abgefangene
Nachricht Togos an Sato, den japanischen Botschafter in
Moskau, erbracht. In der Mitteilung wurde Sato
angewiesen, Molotow aufzusuchen, und zwar möglichst noch
vor seiner Abreise zu der Konferenz der >Großen
Drei< ...um ihm den lebhaften Wunsch des Kaisers nach
einer Beendigung des Krieges zu unterbreiten ...Togo
sagte weiter, dass die vorbehaltlosen
Kapitualationsbedingungen der Alliierten wohl der einzige
Weg zur Beendigung darstellen ...« Nach dem Lagebericht
Nr. 4 der strategischen Bomberflotte »hätte Japan
bestimmt noch vor dem 31. 12. 1945 kapituliert, auch wenn
die beiden Atombomben nicht abgeworfen worden wären,
Rußland nicht in den Krieg eingetreten und die Invasion
nicht geplant worden wäre«. Schon vorher, am
28.",Mai, hatte Harry Hopkins an Truman
telegrafiert:
-
- »Bis zum 8. August wird die sowjetische Armee ihre
Stellungen in der Mandschurei ordnungsgemäß bezogen
haben [d. h. um in das Kriegsgeschehen einzugreifen]
...Japan ist verloren und die Japaner wissen es. Von
bestimmten Kreisen in Japan werden Friedensfühler
ausgestreckt, und wir sollten uns daher unsere
gemeinsame Haltung [d. h. die der Sowjets und Amerikaner]
gut überlegen und im Hinblick auf die Kapitulation der
Japaner ebenfalls gemeinsam handeln. Stalin drückte
seine Befürchtung aus, die Japaner würden versuchen,
einen Keil zwischen die Alliierten zu treiben«.
[Hervorhebung vom Autor.] Hopkins Rat, in der Frage der
japanischen Kapitulation das Vorgehen der einzelnen
Regierungen aufeinander abzustimmen, wie es unter
Verbündeten üblich gewesen wäre, blieb unbeachtet.
Stalins Befürchtung, die Alliierten würden sich
entzweien, erwies sich als richtig, doch war der Grund
dafür nicht in einer japanischen Initiative zu suchen.
-
- Hopkins' Telegramm zufolge hatte Stalin einen Vorschlag
für die Behandlung der Japaner parat. Seiner Meinung
nach war es notwendig, die Einwirkungsmöglichkeiten
infolge der bedingungslosen Kapitulation konsequent
wahrzunehmen, d. h. den Kaiser und die Kriegsherren
auszuschalten, damit sie keinen Revanchekrieg beginnen
konnten. Er glaubte jedoch nicht, daß die Japaner sich
einer bedingungslosen Kapitulation unterwerfen würden.
Wenn daher die Japaner eine Kapitulation mit
Einschränkungen anboten, sollten die Alliierten seiner
Meinung nach auf diese Bedingungen eingehen und dann
ihren Willen auf dem Weg über die
Besatzungsstreitkräfte durchsetzen. Doch Truman war an
Stalins Vorschlag nicht interessiert.
-
- Am 26. Juli, genau dreizehn Tage vor dem festgesetzten
Kriegseintritt der Russen und drei Monate bevor
überhaupt eine Invasion geplant war, die das Leben
amerikanischer Soldaten hätte aufs Spiel setzen können,
stellten Großbritannien, China und die USA den Japanern
ein Ultimatum, in dem sie sie aufforderten, bedingungslos
zu kapitulieren; andernfalls hätten sie die »sofortige
und totale Vernichtung« zu gewärtigen. Das Ultimatum
enthielt nicht die geringste Andeutung, daß gegen die
Japaner eine neue Waffe von bisher unvorstellbarer
Wirkung eingesetzt werden sollte.
-
- »Die Erklärung wurde sofort zur Veröffentlichung
freigegeben, schreibt Byrnes, »und eine Kopie wurde
durch Spezialkurier Mr. Molotow zugeleitet.« Molotow
rief später am Abend an und bat darum, die Erklärung
»für zwei oder drei Tage zurückzuhalten«. Als ihm
mitgeteilt wurde, sie sei bereits veröffentlicht worden,
schien er beunruhigt. Am nächsten Tag erklärte Byrnes
Molotow, daß die Sowjetunion von dem Ultimatum an die
Japaner deshalb nicht unterrichtet worden sei, »weil wir
die Lage der Sowjetunion nicht komplizieren wollten,
indem wir ihr eine Erklärung zuleiteten, die ein Land
betraf, mit dem sie sich noch nicht im Kriegszustand
befand. (Die Tatsache, daß die USA mit den Russen in
Jalta ein Abkommen geschlossen hatten, das den
Kriegseintritt der Sowjetunion vorsah, und ferner die
Tatsache, daß die Russen sich binnen dreizehn Tagen dazu
bereit erklärt hatten, spielte dabei offenbar keine
Rolle.) Molotow antwortete »schlicht, daß die
»Alliierten ihn hätten konsultieren sollen«. Stalin
hatte übrigens Truman von den japanischen Bemühungen
unterrichtet, die Russen in ihrem Auftrag zu einer
diplomatischen Intervention zu veranlassen und sie für
die Rolle des Friedensvermittlers zu gewinnen.
-
- Am 29. Juli rief Molotow wieder an und sagte, daß Stalin
ihn beauftragt habe (mit Truman und Byrnes) »die
unmittelbare Ursache des Kriegseintritts der
Sowjetunion« zu erörtern. »Dies Ersuchen«, schrieb
Byrnes später, »stellte für uns ein Problem dar«.
»Die Sowjetunion«, erklärte Byrnes, »hatte mit den
Japanern einen Nichtangriffspakt. ..Wir waren nicht der
Meinung, daß die Regierung der USA in die Lage gebracht
werden sollte, von einer anderen Regierung ohne gute und
ausreichende Gründe den Bruch ihres Abkommens zu
verlangen ... Der Präsident war beunruhigt."
- Diese pedantische Besorgnis um Feinheiten
der Auslegung im internationalen Recht scheint kaum
glaubhaft angesichts der Tatsache, daß die US-Regierung
gewillt war 400.000 Angehörige der Zivilbevölkerung von
Hiroshima und Nagasaki durch Abwurf von Atombomben zu
einem Zeitpunkt auszurotten, als die japanische Regierung
Friedenfühler ausstreckte. Eine deutlichere Erklärung
für die Bestürzung Trumans und und Byrnes' lieferte
Byrnes selber, als er freimütig schrieb: »Was mich
betrifft, so muß ich offen zugeben, daß ich im Hinblick
auf das, was wir über sowjetische Maßnahmen in
Ostdeutschland und die Verletzung des Jalta-Abkommens in
Polen, Rumänien und Bulgarien erfuhren, zufrieden
gewesen wäre, wenn die Russen sich entschlossen hätten,
nicht in den Krieg einzutreten.«
-
- Dieses Eingeständnis wird durch ein historisches
Dokument bestätigt. Am 28. Juli, dem Tag vor Molotows
Telefonanruf, notierte Forrestal in seinem Tagebuch eine
Unterredung mit Byrnes: »Byrnes sagte, ihm liege sehr
viel daran, die japanische Angelegenheit erledigt zu
wissen, ehe die Russen sich einmischen, besonders im
Hinblick auf Dairen und Port Arthur. Säßen sie erst
einmal dort, würde es seiner Meinung nach nicht leicht
sein, sie wieder hinauszudrängen.. .« [Hervorhebung vom
Autor.] In der Retrospektive erscheint diese Äußerung
durchaus wie die realistische und vorausschauende
Auffassung eines nüchtern denkenden Staatsmannes, der
die finsteren Absichten des russischen Imperialismus zu
durchkreuzen sucht. Von nicht geringer Bedeutung ist bei
der Abgabe eines solchen Urteils jedoch die Tatsache,
daß Rußland das Recht garantiert worden war, in Dairen
und Port Arthur präsent zu sein, und zwar auf Grund
eines gegenseitigen Abkommens in Jalta. Dairen sollte als
Handelshafen unter internationale Kontrolle gestellt
werden (wobei den Russen freier Zugang garantiert wurde),
während Port Arthur den Russen als Marinestützpunkt
verpachtet werden sollte. In Wirklichkeit entsprach dies
nicht einmal einer bescheidenen Wiederherstellung der
Rechtsanspruche, die Rußland auf diese Häfen bereits
besessen und im Russisch-Japanischen Krieg von 1905
verloren hatte.
-
- Byrnes wollte Rußland aus dem japanischen
Kriegsschauplatz also heraushalten, nicht weil die Russen
die Verträge von Jalta verletzt hatten, sondern
vielmehr, um den Vereinigten Staaten die Möglichkeit zu
geben, das Abkommen zu ignorieren oder zumindest zu
umgehen.
-
- Zurückschauend dürfte der Wunsch, die Russen aus dem
Krieg herauszuhalten, der primäre Grund für den Einsatz
von Atombomben gewesen sein. Nur so lässt sich die Eile
erklären, mit der sie abgeworfen wurden (ohne die
Wirkung des russischen Kriegseintritts abzuwarten) sowie
das Fehlen eines angemessenen zeitlichen Abstandes oder
eines zweiten Ultimatums zwischen beiden Abwürfen.
Tatsächlich fiel die zweite Bombe am 9. August, dem Tag,
an dem russische Truppen in die Mandschurei
einmarschierten. Am 10. August boten die Japaner eine
modifizierte, keineswegs bedingungslose Kapitulation an.
Nach der Antwort der Alliierten erfolgte die Kapitulation
der Japaner am 14. August.
(aus David Horowitz,
Hintergründe der US-Außenpolitik von Jalta bis Vietnam, Band 1,
Wagenbach 1973)
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