ARCHIV
- Hundepolitik

-
- 3.In der Internationale
liegt der Schwerpunkt der Klassenorganisation des
Proletariats
- 4. Die Pflicht zur
Ausführung der Beschlüsse der Internationale geht allen
anderen Organisationspflichten voran.
- Das Unmögliche ist Tat geworden - Der Reichstag, die
bürgerlichen Parteien, die offizielle
sozialdemokratische Fraktion haben sich noch mehr mit
Schmach bedeckt, als das bis jetzt schon der Fall war.
Es schien, daß dieses unauffindbare Parlament, daß
diese edle Gesellschaft in politischer
Selbsterniedrigung, im Preisgeben des elementarsten
politischen Anstandes bereits das Menschenmöglichste
geleistet hatte, daß es in diesem Sumpfe einfach nicht
tiefer gehe. Doch weit gefehlt. Bei der
Behandlung des Falles Liebknecht haben Reichstag,
bürgerliche Mehrheit und sozialdemokratische
Fraktionsrnehrheit ihre eigene Infamie weit übertroffen.
-
- Liebknecht ist bei der Erfüllung seiner Pflicht als
internationaler Sozialist bei der Demonstration am 1. Mai
von den Polizeischergen ergriffen und der
Militärgerichtsbarkeit überantwortet worden. Liebknecht
ist Reichstagsabgeordneter, ist zur Ausübung seines
Mandats als Volksvertreter vom Militärdienst beurlaubt,
ist also während der Reichstagssession kein Soldat,
sondern Volksvertreter. Ihn vor den Krallen der
Militärjustiz wie vor jeglicher politischer Verfolgung
zu schützen war elementarste Pflicht des Reichstags,
jedes Parlament der Welt betrachtet es als ein Gebot der
Selbstachtung, seine Mitglieder vor den
Regierungsgewalten'zu schützen. Hier geschah das
Unerhörte, das Beispiellose in der Geschichte aller
Parlamente. Der Reichstag lieferte selbst eines
seiner Mitglieder der Militärjustiz aus.
-
-
Wenige Tage darauf folgte der zweite Akt der Farce:
Derselbe Reichstag lehnte es ab, seine Mitglieder vor
solchen Brutalitäten und Vergewaltigungen zu schützen,
wie sie Liebknecht gegenüber verübt worden sind, als er
am 8. April die Mache mit der letzten deutschen
Kriegsanleihe kritisch beleuchten wollte. Und die
rabiatesten Schreier dieser parlamentarischen
Selbstentleibung waren gerade die Freisinnigen. Der
Geist Eugen Richters, des Stiefelputzers der Reaktion aus
der Zeit des Hungerzolltarifs, lebt in seinen würdigen
Nachfahren. Unter dem Schrei
"Landesverrat" stürzen sich die Hubrich und
Müller-Meiningen mit Fäusten auf jeden, der die
Reichstagstribüne besteigt, um Kritik an der Regierung
zu üben. Mit dem Schrei "Landesverrat"
liefern die Payer und Liesching die Immunität der
Volksvertretung dem Militärsäbel aus. Den Oertel und
Heydebrand bleibt nach diesem liberalen Geheul nichts
mehr zu sagen übrig. Und die sozialdemokratische
Mehrheitsfraktion? Sie wies nicht mit einer Silbe
dieses Gekrächz zurück. Die
"Durchhaltepolitiker", die Scheidemann und
Genossen, halten ja selbst jeden, der sozialdemokratische
Grundsätze hochhält und den Völkermord bekämpft, für
einen Landesverräter.
-
- Landesverrat! Landesverrat!
- Maifeier ist Landesverrat!
- Kritik an der Kriegsanleihe - Landesverrat!
- Internationale Solidarität - Landesverrat!
- Klassenkampf - Landesverrat!
- Budgetablehnung - Landesverrat!
- Streiks zur Erhöhung der Hungerlöhne - Landesverrat!
- Öffentliche Erörterung des Lebensmittelwuchers -
Landesverrat!
- Klageschrei der hungernden Frauen vor den Läden -
Landesverrat!
-
- Was tausendmal in sozialdemokratischen Zeitungen, in
sozialdemokratischen Wählerversammlungen, in
sozialdemokratischen Reichstagsreden gesagt worden, ist
heute Landesverrat. Die gesamte 50jährige
Tätigkeit der Sozialdemokratie, die gegen Krieg,
Militarismus, Klassenherrschaft, Klassensolidarität (mit
der Bourgeoisiel), nationale Einigkeit, vaterländische
Phrase gerichtet war, ist Landesverrat!
-
- Die Payer, Liesching, Hubrich, die David, Landsberg,
Scheidernann haben alle Staatsanwälte übertroffen, alle
Polizeipräsidenten beschämt, den seligen Tessendorf
nachträglich zum Waisenknaben gemacht. Wehe, wenn diese
Kerle das Bismarcksche Sozialistengesetz handzuhaben
gehabt hätten! Sie hätten sämtliche
sozialdemokratische Abgeordneten und Redaktuere ins
Zuchthaus gesteckt, sie hätten unseren August Bebel,
unseren alten Liebknecht an den Galgen gebracht. Die
Scheidemann-Leute leisteten sich die Komödie, formell
einen Antrag betr. die Immunität Liebknechts zu stellen,
aber sie begründeten ihn damit, daß Liebknechts Kampf
nicht gefährlich, daß das deutsche Volk in seinem
Kadavergehorsam doch nicht zu erschüttern sei! Ja in der
Kommission des Reichstages sagte der
"Sozialdemokrat" David mit Bezug auf Karl
Liebknecht: Ein Hund, der laut belle, beiße nicht!
-
- Auf all diese Infamie im Reichstag die richtige Antwort
zu geben, nicht advokatorisch, nicht formalistisch,
sondern sozialistisch, nicht debattieren, nicht
argumentieren, sondern die verächtliche Gesellschaft als
eine Rotte von Volksverrätern zu brandmarken, dazu
fehlte eben - Liebknecht!
-
- Die Antwort soll ihnen aber von den Massen des
Proletariats gegeben werden, von den Massen des
hungernden, geknechteten, als Kanonenfutter mißbrauchten
Volkes. Und die "Hunde"- Worte des
sozialdemokratischen Mehrheitsredners sollen dabei nicht
vergessen werden.
-
- Ein Hund ist, wer den Stiefel der Herrschenden leckt, der
ihn jahrzehntelang mit Tritten bedachte.
-
- Ein Hund ist, wer im Maulkorb des Belagerungszustandes
fröhlich schweifwedelt und den Herren der
Militärdiktatur, leise um Gnade winselnd, in die Augen
blickt.
- Ein Hund ist, wer einen Abwesenden, einen Gefesselten
heiser anbellt und dabei den augenblicklichen Machthabern
Apportdienste leistet.
-
- Ein Hund ist, wer die ganze Vergangenheit seiner Partei,
wer alles, was ihr ein Menschenalter heilig war,
auf Kommando der Regierung abschwört, begeifert, in den
Kot tritt.
-
- Hunde sind uns bleiben demnach die David, Landsberg und
Genossen. Und sie werden sicher von der
deutschen Arbeiterschaft, wenn der Tag der Abrechnung
kommt, den wohlverdienten Fußtritt bekommen.
-
- Daß dieser Tag so bald wie möglich anbricht und
so gründliche Arbeit wie möglich verrichtet, dazu hat
die Affäre Liebknecht - sowohl sein Beispiel wie die
Infamien des Reichstages und der Fraktionsmehrheit -
tüchtig beigetragen. Nun muß es auch jedem Manne
und jeder Frau des Volkes klar sein: Dieses Parlament,
diese verächtliche Mameluckenhorde von Payer bis David
ist vor dem Gericht der Weltgeschichte abgetan und
erledigt. Nur die Selbsttätigkeit der Massen, nur
kühne Initiative der Massen, nur nachdrückliche Aktion
des Klassenkampfs auf der ganzen Linie kann uns auf den
Weg hinaus führen, dem Völkermord, der
Militärdiktatur, dem langsamen Verhungern des Volkes ein
Ende zu machen.
-
- Und das werden die Massen nur fertigbringen, wenn sie
gelernt haben, im Kampfe für die Ideale des
internationalen Sozialismus wie Liebknecht das ganze Ich
in die Schanze zu schlagen, wenn sie nicht bloß singen,
sondern auch durch Taten und Handlungen zeigen:
-
- Nicht zählen wir den Feind,
- Nicht die Gefahren all.
-
- Wenn sie hunderttausendstimmig, millionenstimmig im
ganzen Reich den Ruf Liebknechts immer und immer wieder
erheben:
- Nieder mit dem Kriege! Proletarier aller Länder,
vereinigt euch!
-
- Illegales Flugblatt der Spartakusgruppe vom Mai 1916,
verfasst von Rosa Luxemburg
-
- *) Anmerkungen:
- Am 11.Mai 1916 war im Reichtag mit 230
gegen 110 Stimmen der Antrag, das Verfahren gegen Karl
Liebknecht auszusetzen und die Haft aufzuheben, abgelehnt
worden. Am 8. April 1916 wurde Karl Liebknecht von
Abgeordneten der Fortschrittlichen Volkspartei tätlich
an dessen Rede gegen die Kriegsanleihe gehindert.
Kontakt-
& Diskussionsmöglichkeit