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- Bolschewismus
& Russische Revolution
- Fernab der teilweise unseriösen Historikerdebatte in
Frankreich ums Schwarzbuch veröffentlichen
wir hier (leicht überarbeitete)Auszüge einer Kritik am
Bolschewismus. Einserseits geht sie davon aus, daß eine
korrekte Einschätzung der Oktoberrevolution nur aus der
damaligen Situation in Rußland erfolgen kann. Die
Entartung der Revolution war in der Folge bloß eine
Zukunftsvariante unter anderen - wie z.B. die Ausweitung
der Revolution auf Deutschland, was eine
Bürokratisierung in Rußland stark gehemmt hätte. Auf
letzteres hatten die Bolschewiki gesetzt, aber der Autor
dieser Arbeit aus ergebnisse &
perspektiven Nr.11/1993 (die theoretische Zeitung
der alten Internationalen Kommunistischen
Liga)sieht auch in Lenin und Trotzki Mitverantwortliche
für die bürokratischen Wucherungen in Partei und Staat,
die schließlich den Beginn des sowjetischen Thermidors -
der stalinistischen Diktatur - eingeleitet hatten.
LabourNet-Austria würde interessante und kritische
Beiträge zu diesem Artikel sehr begrüßen!
- Redaktion LabourNet-Austria, März 2000
- Email:
labournet@labournetaustria.at
- http://www.labournetaustria.at
-
- Oktoberrevolution
- Putsch oder Aufstand?
-
- Für die meisten heute ist der Oktoberaufstand ein "Putsch"
- die Bolschewiki wären im Oktober weiter eine
Minderheit im Lande und insbesondere in der
Arbeiterklasse, kurz, die Bolschewiki seien "Putschisten"
gewesen. Die durchgehende Methode ist es, die
bolschewistische Politik völlig abseits der objektiven
Geschehenisse zu schildern.
-
- Einfältige Kerenski-Regierung,
hinterhältige Bolschewiki uäm. Indes, indem
im August/September die "Konterrevolution die
Revolution angepeitscht" hatte (Marx), offenbarte
sich vor den breitesten Massen endgültig die
'Unfähigkeit' der Versöhnler. Während Kerenski hinter
seinen Reden 'gegen' Kornilow mit den
konterrevolutionären Generälen um die Kapitulation
verhandelte, setzten die Sowjetmenschewiken und
Sozialrevolutionäre ihre - nun etwas linkere -
Petitionspolitik gegenüber ihrer
Kerenski-Regierung fort: für die "demokratische
Republik", für Agrarreformen. Kerensiki lehnt ab.
Lähmendes Hin und Her zwischen Regierung und
Exekutivbüro der Sowjets, während Kornilow marschiert ...
-
- Den wirklichen Widerstand gegen Kornilow organisieren
'unten' - unter den ArbeiterInnen und Soldaten - die
Bolschewiki. "Die Bolschewiki erhoben die Köpfe
und fühlten sich völlig als Herren in der Armee. Die
unteren Komitees begannen sich in bolschewistische Zellen
zu verwandeln."(Zarenoffizier Stankewitsch, in
L. Trotzki, Geschichte ....,2/1) In der Flotte
verschwinden ab da nicht mehr die bolschewistischen
Parolen für sofortigen Frieden, für Landaufteilung auf
die Bauern und für die Arbeiterkontrolle. "Die
Matrosenversammlungen bestanden zu neun Zehnteln aus
Bolschewiki."(ebd.)
-
- Klassenmäßige Verbindung der menschewistischen und
sozialrevolutionären Führungen mit der liberalen
Bourgeoise und der Entente - in den Regierungsspitzen bis
hin zur zaristischen Konterrevolution; in der
Sowjetführung strikte gebunden an diese
"demokratische" Regierung... Diese
Konstellation mußte den Menschewismus und das
sozialrevolutionäre Volkstümlertum in der sich
überwerfenden Wirtschafts- und Kriegskrise aufspalten
(in linke SR und "internationale" Menschewiki),
mußte sie schließlich hin zum Bolschewismus
entvölkern.
-
- Am Vorabend des Oktober haben wir so eine Situation, wo
schließlich am 9. September die Bolschewiki erstmals
eine stabile Mehrheit im Petrograder Sowjet erhielten -
dem wichtigsten Sowjet in Rußland! Vorher schon gab es
bolschewistische Mehrheiten in Moskau, in Finnland. Wen
zählen eigentlich jene Historiker/innen, die für den
Oktober eine bolschewistische "Minderheit" im
Proletariat feststellen? Hinter dieser falschen
Zählweise steckt ein demokratisches Verständnis, das
uns in seiner bürgerlichen Beschränktheit bei der
Einschätzung des Oktoberaufstands und dann der
Auflösung der Konstituante wiederholt negativ auffallen
wird (siehe weiter unten genauer).
-
- Was ist
lebendige Demokratie?
-
- Ab September ruft Lenin zum Aufstand. Zu den
bolschewistischen Sowjetmehrheiten kamen noch
entscheidende Radikalisierungen in der Bauernschaft gegen
die Kadetten (im Vorparlament). Doch im September,
Oktober geht auch die Krise weiter - Hunger, heilloses
Chaos auf den Schlachtfeldern,
Massendesertationen,-erschießungen. Die Wende der
ArbeiterInnen- und Soldatenmassen zu den Bolschewiki war
ja gerade aus ihrer Enttäuschung über die
Tatenlosigkeit der Menschewisten und Sozialrevolutionäre
gekommen. Eine revolutionäre Situation ist nicht von
langer Dauer. Im Petrograder Proletariat zeigte sich
bereits Niedergeschlagenheit. Wie würden die
bäuerlichen Soldaten reagieren, wenn sich nicht
unmittelbar entscheidende Veränderungen ergäben? Jähe
Wechsel von Massenstimmungen könnten eintreten. Die
Versöhnler standen voll gegen einen Aufstand und
orientierten sich ausschließlich an der Konstituierenden
Versammlung irgendwann Ende 1917. Hinter ihnen standen
noch immer Teile des Proletariats und vor allem Millionen
von Bauern! Und die Kosaken, Georgsritter,
Offiziersschulen warteten auf ihre Chance ... "Den
Sowjetkongreß 'abwarten' ist vollendete Idiotie, denn
das heißt Wochen verlieren, Wochen und sogar Tage aber
entscheiden jetzt alles. Das heißt der Machtergreifung
feige entsagen, denn am 1.-2. November wird sie
unmöglich sein: man wird für den Tag des so einfältig
'angesetzten' Aufstands Kosaken bereithalten."
(Lenin, Die Krise ist herangereift, LW 26) Lenin befindet
sich nun auch im vollen Streit innerhalb der
bolschewistischen Führung. Der Sowjetkongreß wird
nochmals verschoben. 10 Tage ohne Entscheidung?
-
- Am 7.November organisiert das Revolutionäre
Militärkomitee den Aufstand. Entscheidend für unsere
Demokratie-Debatte ist die Einschätzung des 2.
Sowjetkongresses tags darauf. Von 670 DelegiertInnen
sind jetzt 390 Bolschewiki! Rechte Menschewiki und
Sozialrevolutionäre sprechen sich gegen den Umsturz aus.
Die 'Regierungssozialisten' verlassen im Tumult den Saal.
Bloß rund 20% des ganzen Kongresses!. "Blickte
man nun von der Tribüne auf die Delegierten im Saal, so
mußte der Umstand auffallen, daß dies ein Kongreß
junger Leute war." (M.P. Price, Die russische
Revolution, Oberbaum) Junge Männer aus der Ostseeflotte,
gelernte ArbeiterInnen aus Petrograd und Moskau. Ein
Kongreß, der vorwiegend von Delegierten der Nord- und
Mittelprovinzen beschickt war, d.h. aus den Regionen, wo
sich die größte Zahl armer, halb-proletarischer Bauern
befand, wo die gelernten ArbeiterInnen die Städte und
die landhungrigen und fahnenflüchtigen Soldaten das Dorf
beherrschten. Dem Zeitzeugen Price fiel demgegenüber
auf, daß der Intellektuelle mittleren Alters, der alte
Bauerntyp mit langem Bart und der typisch alte
sozialistische Parteiführer fehlten. "Dieser
Zweite Allrussische Rätekongreß verkörperte daher die
Auflehnung der Arbeiter und armen Bauern Nord- und
Mittelrußlands." (ebd.)
-
- Es ist also jener Teil der russischen Nation auf dem 2.
Sowjetkongreß vertreten, der, nun mehrheitlich
bolschewistisch, die Revolution getragen hatte - eine
eindeutige Mehrheit auch in der russischen
ArbeiterInnenklasse! Hinter den Regierungssozialisten
stehen indes proletarische Minderheiten und die breite
Masse der russischen Bauernschaft, die in der Weite des
Landes noch nicht von der städtischen Revolution erfaßt
worden waren. Sie repräsentieren genau jene soziale
Basis, aus der der konterrevolutionäre Feldzug ab 1918
rekrutieren wird. In der Auseinandersetzung um die
Konstituante stoßen diese verschiedenen Logiken wieder
aufeinander.
-
- Der Konflikt um
die Konstituante
-
- Das ganze Jahr 1917 hatten die Bolschewiki ja
demokratische Wahlen zu einer gesetzgebenden Versammlung
gefordert. Kadetten, Menschewiki, Sozialrevolutionäre
waren dagegen. Sie verschoben und verschoben die Wahlen,
weil diese Konstituante den Aufschwung der proletarischen
und bäuerlichen Kämpfe gegen das bürgerliche Regime
der Großgrundbesitzer und Kriegsentente widergespiegelt
hätte. Jetzt, im Oktober/November gab es den
Sowjetkongreß, der, gestützt auf die proletarische
Mehrheit und die radikalen Bauern- und Soldatenschichten,
an die Macht gekommen war. Im gesamten Land waren sie
ohne Zweifel eine Minderheit. "Alle Macht der
Konstituierenden Versammlung" wurde so zum
Schlachtruf der rechten sozialrevolutionären und der
kadettischen Presse, d.h. der Konterrevolution. Die
Begleitumstände, unter denen die Wahlen dann am
28.November stattfanden, trugen noch weiter dazu bei,
Rußland hinter die Sowjetmacht zurückzuzerren. Jetzt
stimmte auch der rückständige Bauer der weit von
Petrograd und Moskau entfernten Landstriche über die
ArbeiterInnenrevolution ab. Und nicht nur das, dort
kandidierten oft nur rechte Sozialrevolutionäre und
Kadetten. Linkssozialrevolutionäre wurden zu den Rechten
geschlagen, Bolschewiki gab es oft überhaupt keine.
-
- Im Jänner trat die Konstituante zusammen. "Auf
der Rechten und in der Mitte saßen die rechten S.R., die
zusammen mit der kleinen Kadettenpartei die Mehrheit
bildeten. Ihre Vertreter waren zum größten Teil alte
Parteifunktionäre, die zu ihrer Zeit gestritten und
gelitten hatten im Kampf gegen den Zarismus. Nun saßen
sie dort, um zu versuchen, eben dieselben Kräfte
zurückzuhalten, die sie in den Tagen ihrer
revolutionären Inbrunst ins Dasein gerufen hatten. (...)
- Auf der Linken befanden sich die Reihen der
Bolschewisten und linken S.R., eine beträchtlich starke
Minderheit, die ungefähr 40 Prozent aller Deputierten
ausmachte. Es waren größtenteils junge Leute, entweder
Arbeiter aus den Fabriken oder Soldaten von der Roten
Garde. Unter den linken S.R. sah man die Gesichter der
jüngeren Bauerngeneration und eine Anzahl langhaariger
Intellektueller. Es konnte kein Zweifel darüber
herrschen, daß sich Jugend und Energie auf dieser Seite
befanden."(Price, a.a.O)
-
- Swerdloff verlas schließlich im Namen der
Sowjetexekutive die drei Plattformpunkte des
Sowjetkongresses als 'Erklärung der Rechte der
Arbeitenden und Ausgebeuteten Massen'. Die
Konstituierende Versammlung sollte einen Konvent mit dem
kommenden 3.Sowjetkongreß auf der Grundlage der
Arbeiter- und Bauernmacht bilden. Rechte
Sozialrevolutionäre, Menschewisten und Kadetten
beharrten jedoch auf der alleinigen Macht der
Versammlung, worauf die bolschewistischen und
linkssozialrevolutionären Delegierten den Saal
verließen. Kurz darauf wurde die Versammlung von der
Taurischen Garde im Namen der Zentralsowjetexekutive
aufgelöst.
-
- Linke belieben heute in diesem Zusammenhang seitenlang
mit Rosa Luxemburg zu argumentieren, die sich
ebenfalls gegen die bolschewistische Politik zur
Konstituante ausgesprochen hatte. Das "Heilmittel",
das Trotzki und Lenin gefunden hätten - die Beseitigung
der Demokratie überhaupt - wäre noch schlimmer als der
schwerfällige Mechanismus der demokratischen
Institutionen: "Es verschüttet nämlich den
lebendigen Quell selbst, aus dem heraus alle angeborenen
Unzulänglichkeiten der sozialen Institutionen allein
korrigiert werden können: das aktive, ungehemmte,
energische, politische Leben der breitesten
Volksmassen." (Rosa Luxemburg, Zur Russischen
Revolution, GW. Bd.4)
-
- Wir wollen nun nicht unbedingt alles daran festmachen,
daß sowohl Adolf Warszawski als auch Clara
Zetkin behauptet hatten, Rosa hätte vor allem den
Kritikpunkt zur Konstituante zurückgezogen. Vor dem
Hintergrund von Rosas Hinentwicklung zur Position "Alle
Macht den Arbeiter- und Soldatenräten" in der
deutschen Revolution, ist dies nicht unwahrscheinlich.
Entscheidend für uns ist aber auch hier unsere heutige
Wissenslage (und nicht jene von Rosa im Gefängnis!), die
uns historisch-grundsätzlich hundertmal mehr dem
linksbürgerlichen Journalisten Price als den chronischen
Anti-Bolschewiki zustimmen läßt: "Den Konvent
als eine Vertretung des gesamten Rußland zu betrachten,
wäre ein Fehler, denn keine Vertretung kann es in diesen
Tagen geben, deren Rahmen zwei miteinander im Krieg
liegende soziale Elemente umfaßte." (Price,a.a.O.)
-
- Der Bürgerkrieg
-
- Schlag auf Schlag hätten es jetzt die Bolschewiki
getrieben: Zuerst die "Ausrottung" der
linken Sozialrevolutionäre", dann der
Anarchisten... Was war wirklich geschehen?
- Die Bolschewiki hatten nach dem 2. Sowjetkongreß mit den
linken Sozialrevolutionären eine Koalitionsregierung
gebildet (nachdem die Koalitionsverhandlungen mit den
Menschewiki und SR gescheitert waren, weil diese
ultimativ die neue Sowjetordnung abgelehnt und eine
Regierung ohne Lenin und Trotzki gefordert hatten).
November bis Juli 1918 waren in der Folge jene Zeiten, wo
in den Sowjetkommissionen Bolschewiki, linke SR gemeinsam
mit den Anarchisten um 'freie Bauernkommunen' und
'staatliche Musterfarmen' gerungen und teilweise
Kompromisse gefunden hatten.
-
- Das war auch die Zeit der Berliner Streiks Jänner 1918,
Anfang Februar Revolution in Finnland, Streiks in
Österreich usw. Zugleich marschierte jedoch die deutsche
Armee in der Ukraine - die russische Armee hatte sich
fast aufgelöst. Die Bolschewiki sind ebenfalls zerrissen
zwischen der international-revolutionären Hoffnung und
der militärischen Gefahr durch den deutschen Vormarsch.
Die Deutschen in Kiew! Ende Februar richtet sich die
deutsche Armee gegen Petrograd! Lenin setzt sich
schließlich durch, der Brest Litowsker 'Frieden' wird
Anfang März bedingungslos unterschrieben.
- Eine wackelige Sache: Deutsche Divisionen rücken dennoch
weiter vor, während Anarchisten und linke
Sozialrevolutionäre gegen 'Brest Litowsk' und die
Bolschewiki revoltieren. Den ersten Schlag gegen links
führen die Bolschewiki Mitte April gegen die
Anarchisten, weil diese mit Attentaten gegen
imperialistische Diplomaten drohten. "Ausrottung"
ist jedoch eine maßlose Übertreibung: Das 'Haus der
Anarchie' in Moskau wurde geschlossen, die Anarchos
wurden entwaffnet, ihre Führer kurze Zeit eingesperrt,
die jungen freigelassen. Die meisten von ihnen gehen in
die Ukraine, viele treten in die linken
Sozialrevolutionäre ein. Im Juli unternehmen sie
schließlich gemeinsam mit den Linken SR einen
Aufstandsversuch gegen die Sowjetregierung. In Moskau
gibt es Barrikadenkämpfe. Der deutsche Gesandte Mirbach
wurde von linken Sozialrevolutionären erschossen...
-
- Wiederum geht es uns darum, die Situation historisch
einzuschätzen: Im Juli verteidigten die
Bolschewiki die Oktoberrevolution auch gegen die
Ultralinken, die unbeirrt einen Krieg mit Deutschland zu
provozieren suchten. Der Fall Petrograds wäre so in
Reichweite gekommen - höchstwahrscheinlich wäre das die
Episode vor dem Fall des Oktober überhaupt gewesen! Bis
zum Sommer 1918 spitzt sich die Lage zu. Bäuerliche
Blockade und Ernährungskrise hungern die Städte aus.
Arbeitergarden requirieren bei den Bauern:
'Kriegskommunismus'! Der Bürgerkrieg hatte begonnen. "Die
meisten Grenzgebiete waren in Besitz der Weißen oder
unter deutscher oder türkischer Besetzung. Die besten
nahrungsmittelproduzierenden Gebiete waren größtenteils
verloren oder von Zentralrußland, wo die Sowjets
herrschten, abgeschnitten. Die Intervention der
Alliierten hatte begonnen." (R.V. Daniels, Das
Gewissen der Revolution, Olle&Wolter) Kulaken bis zu
den kleinen Bauern und Proletariern gehen offen in das
Lager der Tschechoslowaken über (= tschech. Divison aus
dem 1. Weltkrieg, die 1918 gegen die Sowjets
losschlugen). "Nie war die Rätemacht ihrem Sturz
so nahe wie im Sommer 1918." (E. Preobrashensky,
Ein neuer Zeitabschnitt, Russische Korrespondenz, Jg.
II/1/6)
- Und im September geht es weiter: Attentate auf Lenin u.a.
Bolschewiki, Feuerbrünste brechen in Moskau und
Petrograd koordiniert aus. Jetzt setzt der Rote Terror
ein, der bis heute verdammt wird, ohne auch nur mit einem
Wort etwa diese Septembertage zu erwähnen. Die
Bolschewiki nehmen Geiseln aus den Reihen ehemaliger
zaristischer Offiziere und Bürgerlicher. In Petrograd
werden 500 willkürlich erschossen... Die Feuerleger
schreckten sofort zurück. "Zieht man diese
Umstände in Betracht, so ist schwer zu sehen, zu welcher
anderen Waffe die Kommunisten hätten greifen können, um
ihrem Willen Geltung zu verschaffen." (Price,
a.a.O.)
-
- Exzesse werden in den Bürgerkriegsjahren in einem
unvorstellbaren Ausmaß auf beiden Seiten geschehen. Wir
feiern sie nicht, sagen aber im vollen Gegensatz zu den
Antikommunisten, daß sie dem 'Oktober' von der
bürgerlichen-zaristischen Konterrevolution mit
Unterstützung des Imperialismus aufgezwungen wurden.
-
- Bolschewistische
Widersprüchlichkeit in und fernab der Klasse
-
- Der 5. Sowjetkongreß, der am 8. Juli 1918 (einen Tag
nach der Niederschlagung des linkssozialrevolutionären
Staatsstreichs)
fortgesetzt wurde, war nur mehr ein bolschewistischer
Rumpfsowjet. Es war ohne Zweifel jener Kongreß, in
dessen fast debattenlosen DelegiertInnenreihen das erste
Mal der Geist einer Staatsbürokratie aufgetaucht war:
'Schluß mit dem Reden - stattdessen Beschlüsse,
Unterordnung!'
-
- Eingesetzt hatte dieser Zentralisierungsprozeß nach oben
hin zu Staats- und Parteibürokratie eigentlich schon im
März, am Höhepunkt der Brest-Litowsker Krise. Der
Lenin'sche Parteiflügel (mit Trotzkis Unterstützung)
forcierte ab da das Konzept der zentralen (eben
bürokratisch-diktatorischen) Leitung der Betriebe.
Arbeitsdisziplin, Leistungslohn, Taylorismus. Dazu
wurden die Fabrikskomitees der ArbeiterInnen zuerst unter
'Gewerkschaftskontrolle' gestellt, d.h. es wurde damit
begonnen, sie auszuschalten; im Juni 18 erfolgte bereits
die volle Einbindung der Gewerkschaften in eine
komplizierte Verwaltungshierarchie bis hinauf zum
Obersten Volkswirtschaftsrat. Diese Hierarchie
wird in den folgenden Monaten die umfassende
Nationalisierung der Industrie durchführen: Es ist also
mehr eine bürokratische Enteignung der Bourgeoisie als
ein Umsturz aus einer proletarischen Bewegung heraus, was
jetzt im Sommer 1918 stattfindet und die sowjetischen
Republiken im vollen (ökonomischen) Umfang zum
ArbeiterInnenstaat gemacht hatte!
- Der entscheidende Antrieb für Lenins und Trotzkis
Parteiflügel, den Weg der bürokratischen
Zentralisierung zu gehen, kam sicherlich aus den Zwängen
der tiefen ökonomischen Krise und gleich darauf des
Bürgerkriegs. Wir unterschätzen jedoch auch nicht eine
gewisse theoretische Schwäche des Bolschewismus und
Lenins, die den Weg zur 'staatskapitalistischen' Politik
schon in der ganz jungen Sowjetföderation geebnet hatte.
-
- Ab Jänner/Februar 1918 - vor dem Hintergrund von
dezentralisiertem Chaos in den Fabriken und ökonomischem
Niedergang - gehen Lenin, Trotzki ua. in die politische
Offensive zur Ausschaltung der Fabrikskomitees. Die 'fabsawkomy'
hatten sich im März 1917 én masse in den Fabriken als
Arbeitergegenmacht zu den Bourgeois gegründet. Im Juni
waren die Bolschewiki in der übergroßen Mehrheit auf
ihrer allrussischen Konferenz präsent. Bald übernahmen
die Komitees die Betriebe selber - allerdings weitgehend
unkoordiniert, 'chaotisch'.
-
- Die bolschewistische Linke wollte auf die Komitees
gründend einen koordinierenden Volkswirtschaftsrat
bilden. Im Dezember 1917 geschah dies auch - mit
Unterstützung der Fabrikkomiteeführungen! Lenins
Parteiflügel vertrat hingegen die Position, daß in den
Betrieben die kapitalistische Verwaltungsstruktur so
lange wie möglich aufrechterhalten werden sollte. Der
ökonomische Niedergang hielt an. Anfang Juni hatte Lenin
schließlich sein staatskapitalistisches Konzept in der
Partei durchgesetzt: "... die unbedingte
Unterordnung der Massen unter den einheitlichen Willen
der Leiter des Arbeitsprozesses." (Kongreß der
regionalen Wirtschaftsräte). Ossinski, der Führer der
'Linken' erklärte warnend, "daß 'die
Sowjetmacht (...) sich selbst als Diktatur des
Proletariats zerstören' werde. Mit den
anderen linken Kommunisten teilte er die Befürchtung,
die Revolution könne ihrem eigenen Wesen untreu werden
und die Zukunft der russischen Gesellschaft in ein ganz
anderes Fahrwasser geraten, wenn die Partei nicht
kraftvoll eine idealistische und proletarische Politik
verfolge." (R.V. Daniels, a.a.O)
-
- Unser historisches Engagement in diesen
Auseinandersetzungen unter den Bolschewiki 1918 geht
davon aus, daß ja gerade die Koalition der
Fabrikskomitees mit der bolschewistischen Linken gezeigt
hatte, welche 'instinktiv'-revolutionären Reserven im
Frühjahr und Sommer 1918 noch immer in Teilen des
Proletariats vorhanden waren. Über diese Reserven ist
die Lenin'sche-Trotzki'sche Führung allzu bürokratisch
hinweggegangen und hat die proletarische Initiativkraft
geschwächt!
-
- Parteidiktatur
im Bürgerkrieg: zum einen ein progressiver Faktor...
-
- Ohne Zweifel hatte der zu dieser Zeit bereits voll
entflammte Bürgerkrieg die Konzepte der Ossinski-Linken
völlig hinfällig gemacht. Die größten Teile der
russischen Arbeiterklasse von 1917 waren in die
Partei/Bürokratie und schließlich im Krieg aufgesogen
worden. In den Fabriken montierten die ArbeiterInnen aus
tiefstem sozialen Elend die Maschinen ab, um sie für
Lebensmittel einzutauschen; in Städten und Gouvernments
können durch massenweisen Auszug der
Arbeiterbevölkerung Sowjets überhaupt nicht gebildet
werden; in alle physischen Kräfte und Nerven
aufzehrenden Bürgerkriegssituationen, wenn die Weißen
vor Petrograd oder Moskau standen: Dort konnte oftmals
nicht mehr arbeiterInnendemokratisch abgestimmt werden,
sollte die 'neue Macht', die im Oktober bis Sommer 1918
den Kapitalismus gestürzt hatte, keine Niederlage
erleiden.
-
- Wir negieren auch keinesfalls die anhaltende strategische
'Schwäche' Rußlands nach dem Bürgerkrieg mit
immens geschwächter Industrie und zerrüttetem
Proletariat, 'umgeben' von bäuerlicher
Kleinstproduktion, aus der sich heraus die
kleinbürgerliche bis bourgeoise Macht gegen die Städte
erhob. Der Hauptnutznießer der Revolution war die
Bauernschaft gewesen, die nun den Städten immer wieder
die Lebensmittel vorenthielt, um die Preise
hochzutreiben. "Am folgenden Abend begegnete ich
einem 'meschoschnik', das heißt einem Menschen, der mit
einem Sack auf dem Rücken zwischen der hungrigen Stadt
und dem Dorf hin- und herwandert und Getreide zu
Wucherpreisen verkauft (...) Die neue Sowjetmacht
schuf ihm Verdruß. Er schilderte mit Entrüstung, wie
ein Kommissar mit zwei Rotgardisten ihm bei einer
früheren Gelegenheit seinen Sack weggenommen und ihn
einen 'Wucherer'genannt hatte (...) Genau wie die
zaristische Regierung und das Regime Kerensky, so sah er
nun in der Sowjetmacht ein bloßes Gegenstück zu jenen
vormaligen Regierungsformen." (Price, a.a.O.) Und:
"Inmitten dieses Wirrwarrs stieß man doch
gelegentlich auf Leute, die sich bemühten, eine gewisse
Ordnung in das Ganze zu bringen. Bemerkenswerterweise
waren es fast stets Bolschewisten, die auf die eine oder
andere Art und Weise mit dem Provinzealsowjet der
Arbeiterdelegierten in Verbindung waren."(ebd.)
-
- Unter den Sachzwängen des Bürgerkriegs und der tiefen
ökonomischen und sozialen Krise setzten sich die
Zentralisierungstendenzen in der Industrie über die
Sowjets bis in die Partei unvermeidlich durch. Der
Sowjetkongreß und sein gewähltes und abwählbares
Zentralexekutivbüro übergaben die Macht dem Rat der
Volkskommissare. Dessen Zusammensetzung ging schnell
über in jene des Zentralkomitees der Bolschewiki. Und
dort wiederum zentralisierte sich die Macht nach dem 8.
Parteitag immer rasanter von den Parteitagen über das ZK
ins Politbüro (das vom 8. Parteitag geschaffen wurde). "Man
sagt, das Zentralkomitee hätte selbstherrlich die Partei
geleitet, Genossen, vielfach wurden die weittragensten
Beschlüsse im ZK von 5 Genossen telefonisch gefaßt, da
die Mehrzahl der Mitglieder des ZK auf einem Kampfposten
im Lande sich befand." (Radek auf dem 8.
Parteitag). "Ich wiederhole, die Erfahrungen der
siegreichen Diktatur des Proletariats in Rußland habe
denen, die nicht zu denken verstehen (...) deutlich
gezeigt, daß unbedingte Zentralisation und strengste
Disziplin des Proletariats eine der Hauptbedingungen für
den Sieg über die Bourgeoisie sind." (Lenin,
Der 'linke' Radikalismus, LW Bd.31)
-
- Lenins "Disziplin des Proletariats" bedeutete
spätestens ab 1919 eben Parteidiktatur über die
Bourgeoisie, Kleinbourgeoisie und mehr und mehr auch
über Teile des Proletariats. Wir stimmen trotzdem Lenins
Einschätzung grundlegend zu, daß es nur mit unbedingter
Zentralisation und strengster Disziplin, d.h. mit der
Parteidiktatur möglich war, daß das Oktoberregime den
Bürgerkrieg überlebte. Das ist die progressive Seite
der Parteidiktatur gewesen, die somit als eine legitime
Variante (aber nicht unbedingt als notwendige
Etappe!) im revolutionären Prozeß zu benennen ist.
-
- Die
Bürokratisierung bis 1921
-
- Heute, 1993, völlig abgehoben von der objektiven Krisen-
und Notsituation auch der Jahre unmittelbar nach dem
Bürgerkrieg, können wir nur in diesem historischen
Sinn, d.h. relativierend, unsere Positionen zum Streit in
der bolschewistischen Bewegung anbringen. Eine solche
Herangehensweise spiegelt nicht nur unsere grundlegende -
klassenmäßige - Stellungnahme für die
Bolschewiki wider, sondern ist im Gegensatz zur
antikommunistischen Denkweise wohl auch die einzige
marxistisch-wissenschaftliche Art, diese historischen
Jahre einzschätzen.
-
- Zu Lenins und Trotzkis Mehrheitspolitik in der
bolschewistischen Partei erscheint es uns nun als
wesentlich, daß ganz deutlich in den Jahren ab 1919 die
bürokratische Zentralisierungspolitik immer stärkere strategische
Argumentationen beinhaltet. Hauptsächlicher
Ausgangspunkt für die Mehrheit mit dem Zuendegehen des
Bürgerkriegs 1920 ist, daß "... die
Kleinproduktion aber unaufhörlich, täglich, stündlich,
elementar und im Massenumfang Kapitalismus und
Bourgeoisie (erzeugt). Aus allen diesen Gründen
ist die Diktatur des Proletariats notwendig ..."
(Lenin, Der 'linke' Radikalismus ...) Der 'Linke
Radikalismus', April/Mai 1920: Gegen die 'Gefahr der
Kleinproduktion' perfektionierte nun die
Lenin'sche-Trotzki'sche Parteiführung die
Parteidiktatur: 'Politische Abteilungen' werden
geschaffen, wo es zur Regel wird, in der Wirtschaft,
Gewerkschaft und Armee gewählte Führungsgremien einfach
abzusetzen. Ebenso wird in der Partei verfahren. "Alle
Beschlüsse der höheren Organe sind absolut bindend für
die unteren" (8. Parteitag)
-
- Lenin und Trotzki schalten jetzt auch die Gewerkschaften
von der 'kollegialen Leitung' der Betriebe aus. 1920
zieht sich jedoch ein Riß durch die Mehrheitsfraktion:
Die Gewerkschaftsdebatte bricht los, in der Trotzki die
Gewerkschaften in den 'Sowjetstaat`, d.h. die
Parteidiktatur integrieren und sie als Instrument einer
militarisierten Arbeit einsetzen wollte: Abgerüstete
Soldaten unter militärischer Kontrolle in die Bergwerke
... Die extremste Form der 'kriegskommunistischen'
Parteidiktatur. Lenins Tendenz setzt sich schließlich
mit einer 'gemäßigteren' Position durch, daß die
Gewerkschaften als "Schule des Kommunismus"
einerseits die ArbeiterInnen vor den "Deformationen
des Arbeiter- und Bauernstaats" schützen und
andererseits die Produktivität und die Arbeitsdisziplin
in den Betrieben vorantreiben sollten. Dazu benötigten
die Gewerkschaften eine gewisse Autonomie ... eben die
gemäßigtere Variante der Parteidiktatur!
-
- Kronstadt und
die NEP - Land und Räte ohne Bolschewiki?
-
- Der Kronstädter Aufstand schloß gewissermaßen diesen
krisenhaften Zyklus ab. Zu dieser Zeit breiter
Bauernaufstände und proletarischer Demonstrationen in
Petrograd besaß das bolschewistische Regime offenbar
keine Mehrheit mehr im Proletariat (zumindest in und um
Petrograd). Der Aufstand wurde bekanntlich
niedergeschlagen, obwohl das Kronstädter Programm eher
ein linkes-anarchistisches für neue Sowjetwahlen und
gegen die bolschewistische Politik der gewaltsamen
Eingriffe in das Eigentum der Bauern war (siehe
Arbeiterdemokratie oder Parteidiktatur, Walter-Verlag).
- Die bolschewistische Gegenpropaganda über "weiße
Generäle" in Kronstadt war lügenhaft. Unsere
Gesamteinschätzung geht allerdings vorerst einmal davon
aus, daß der Wegfall Kronstadts (in unmittelbarer Nähe
des reaktionären Finnland) das Oktoberregime in jener
tiefen Krise 1921 stürzen hätte können.
-
- Das Land, die Räte - ohne Bolschewiki (späte Forderung
der Kronstädter)? Wer hätte verhindert, daß dann eine
'NEP' nicht gänzlich auf Kosten der städtischen
ArbeiterInnenklasse gelaufen wäre und die
'meschoschniks' nicht völlig die 'Lebensmittelmacht' an
sich gerissen hätten? Nein, dazu brauchte man "Leute,
die sich bemühten, eine gewisse Ordnung in das ganze zu
bringen" - eben die Bolschewiki!
- Auf dem 2. Teil des 10. Parteitages (nach der
Niederschlagung Kronstadts) wurde die Einführung der
Naturalsteuer beschlossen (NEP). Das bedeutete
Einstellung der Requisitionen bei den Bauern,
marktwirtschaftliche Zugeständnisse an sie und eben die
Besteuerung der Überschüsse. Die NEP brachte zwar eine
wirtschaftliche Belebung, aber stärkte zugleich die
Kleinproduktion auf deren Weg zum Kapitalismus! Für eine
'Rückkehr' zur Sowjetdemokratie gab es damit im Konzept
der Lenin'schen-Trotzki'schen die Führung keinen Platz.
In den nächsten 2 Jahren wird so, von der Führung ein
innerparteiliches Regime errichtet, wo die Bürokratie
mehr und mehr über der Partei zusammenwuchs. "Die
Organisationen der Partei werden systematisch mit einem
großen Apparat überzogen, der den Parteiorganisationen
dient, der Apparat, der sich langsam ausdehnt, hat
seinerseits begonnen, bürokratische Übergriffe zu
machen und übermäßig viele Kräfte der Partei an sich
zu ziehen." (11. Parteitag)
-
- Unsere
historische Kritik an der Lenin'schen-Trotzki'schen
Führung
-
- Nach 1921 setzt die Phase ein, in der sich die bevorzugt
materielle Stellung der Bürokratie dazu auswuchs, daß
sie sich immer mehr der Kontrolle der Partei entzog. Sie
beherrschte schließlich ebenso die Kontrollkommissionen
(auf dem 9. Parteitag zur Kontrolle der Bürokratie
eingerichtet). "Das ZK legt die Parteilinie fest,
während die zentrale Kontrollkommission (ZKK)
darauf achtet, daß niemand von ihr abweicht (...) Autorität
erlangt man nicht durch Arbeit, sondern durch Furcht. Und
der ZKK und der 'Arbeiter- und Bauerninspektion' (Regierungsorgan,
das die Sowjetinstitutionen kontrollieren und
rationalisieren sollte, Anmerk. K.P.) ist es jetzt
schon gelungen, diese Furcht zu erzeugen." (Gussew,
Vorsitzender der ZKK!!)
-
- Bis 1922/23 waren Lenin und Trotzki führend für
diese Zentralisierungspolitik verantwortlich, die
unvermeidlich die Bürokratie wuchern ließ. Im
Wirtschaftsaufschwungjahr 1922 lehnte etwa Trotzki die
Sowjetdemokratie (zumindest für die Menschewiki) mit dem
Hinweis auf die internationale Isolierung Rußlands ab -
also für eine ganze Etappe! (Prawda, 10.5.1922, in
I.Deutscher, Trotzki, Bd.2) Lenin beharrt zur gleichen
Zeit darauf, die Geschlossenheit der Partei mit
rücksichtslosen Mitteln zu sichern: "Wenn jemand
(...) Panik verbreitet (...), muß
die geringste Verletzung der Disziplin streng, hart,
erbarmungslos bestraft werden." (11. Parteitag)
Die erbarmungslose Bestrafung bedeutete spätestens mit
1922 systematische Ab- und Versetzung, Verschickung von
Oppositionellen. Solches war bereits der Anfang, daß die
Bürokratie in den entsprechenden 'Kontrollkommissionen'
die Zusammensetzung der Parteitage zu bestimmen begann -
der unmittelbare Prolog zur Erdrosselung der Partei!
-
- Lenin 'wacht' bekanntlich erst nach seinem ersten
Schlaganfall im Herbst 1922 so richtig auf: ... die
Bürokratie sei etwas Ungeheuerliches. Vorher schon, im
März hatte er - wie widersprüchlich zum 11. Parteitag!
- einzelne Gedanken zu einem konsequenteren Kampf gegen
die Bürokratie entwickelt. Der Sowjetstaat sei zum
größten Teil ein Überbleibsel des alten... In gewisser
Weise neu waren dann in seinen Ausführungen, daß sich
die Partei auf die Suche nach den besten Arbeitern machen
sollte. Das ist auch der Kern seiner praktischen
Vorschläge
-
- Die
Linksopposition
-
- Wir haben bereits weiter oben das Versagen Trotzkis im
Kampf gegen die Bürokratie anskizziert. Er boykottiert
Lenins Bitte an ihn vom Krankenbett aus, auf dem 12.
Parteitag gegen Stalin vorzugehen, ja er erklärt sich
noch dazu mit der neuen Führung um Stalin (dem
Kandidaten der Bürokratie), Kamenjew und Sinowjew
unerschütterlich solidarisch und fordert von den
Parteimitgliedern strikteste Zurückhaltung (I.Deutscher,
a.a.O.) Trotzki unterstützt die Unterdrückung der
oppositionellen Arbeitergruppen ('Arbeiterwahrheit' und
'Arbeitergruppe').
-
- Wir sehen für diese Phase bis 1923 allem voran das
Versagen der Lenin'schen-Trotzki'schen Führung, nicht
konsequent gegen die Bürokratisierung (im Rahmen der
isolierten Sowjetunion) vorgegangen zu sein. Die
Demokratischen Zentralisten machten gute Vorschläge.
Ossinski fordert z.B. auf dem 8. Parteitag, in das ZK "in
großem Umfang Arbeiter aufzunehmen", das ZK zu
proletarisieren - ein Vorschlag, den Lenin 3 Jahre
später aufgriff. Hätte 1919 Ossinskis Vorschlag die
bolschewistische Macht erschüttert?
-
- Die linke Opposition - und hier allen voran die
'Arbeiteropposition' - saß allerdings einem
Syndikalismus auf, der weit abgehoben von der russischen
(Bürgerkriegs-) Realität abstrakt auf die
Arbeiterklasse setzte. Die Linken waren zudem sehr
uneinheitlich (etwa in der nationalen Frage). Kurz, sie
waren niemals eine Tendenz, die allein die Führung der
Partei übernehmen hätte können.
-
- Entscheidend für uns ist es nun, daß mit dem ersten
Sieg der Bürokratie 1923 ein neues Kapitel im Kampf um
die Sowjetunion aufzuschlagen war. Wiewohl Trotzki nicht
unwesentlich zum bürokratischen Triumph beigetragen
hatte, beginnt dieses Kapitel mit der Formierung der
'trotzkistischen' Linksopposition. Ihren Beginn setzen
wir mit der 'Erklärung der 46', die mit Trotzki
(der das Manifest allerdings nicht unterschrieben hatte)
das Parteiregime Ende 1923 zur Lösung der anstehenden
Aufgaben für gänzlich ungeeignet erklärte. Die
Einschränkungen der Parteidemokratie im Bürgerkrieg
müßten umgehend zurückgenommen werden (Die Linke
Opposition in der Sowjetunion, Bd.1, edition prinkipo).
-
- 1923/24 hatte die Bürokratie jedoch die Partei fest in
den Griff genommen - der sowjetische Thermidor hatte
begonnen. Die bolschewistische Kontinuität gruppierte
sich ab da um die Linksopposition. Sie allein war der
Garant, daß die nächste Welle der internationalen
Revolution, von der schon Lenin in 'Lieber weniger aber
besser' über den anti-imperialistischen Kampf im Osten
gesprochen hatte, für die Wiedergesundung der
Sowjetunion genützt werden konnte.
-
- Indes, die revolutionären Entwicklungen in Deutschland
waren spätestens 1923 endgültiger vorbei; die
chinesische Revolution war erst im Entstehen und wurde ab
Mitte der 20er Jahre bereits in den Sog des
bolschewistisch-bürokratischen Konservativismus gezogen.
Ein widersprüchliches Knäuel von erstarktem
internationalen Imperialismus (und Sozialdemokratismus),
wachsendem bürokratischen Schwergewicht in der
Sowjetunion und gewichtige Fehler der
Revolutionäre/innen und Linksopposition ermöglichten
spätestens ab 1927/28 den endgültigeren Triumph (und
die blinde Repression) durch Stalins Diktatur.
-
- Wien, 7.3.1993
- K. Pawelka.
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